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Full text of "Psychoanalyse der Gesamtpersönlichkeit. Neun Vorlesungen über die Anwendung Freuds Ichtheorie auf die Neurosenlehre"

\1 



• -I 



INTERNATIONALE PSYCHOANALYTISCHE BIBLIOTHEK 

Nr. XXII 



Psychoanalyse der 
Gesamtpersönlichkeit 

Neun Vorlesungen über die Anwendung von 

Freuds Ichtheorie 

auf die Neurosenlehre 



von 



Dr. Franz Alexander 



1927 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag 
Leipzig / Wien / Züridi 



, ■:^..r- 



fev 



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t 



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Alle Kechte, 
insbesondere die der Üborsel^zung, varbehaken 

Copyright 1^7 

by „hiternationaler Psychoanalytischer Verlag, 

Ges. m. b. H.", M'ien, VII. 



Druck: Eibemühl, Wien, III., Rüdengasse 11 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




Inhaltsverzeichnis 

Seite 

Einleitung 5 

ERSTER TEIL 

Die dyiyamisdien und die ökonomistheii Grundlagen derNeurosen 

i^le Vorlesung 

Entwicklungsrichtung der Psychoanalyse. Die Entdeckung des Ichs . 17 

Zweite Vorlesung 

DieRolle des Ichs in der Neurose. Der hysterische und der paranoische 
Mechanismus 5^ 

D. lllc Wiricsuiis 

Rechtfertigung der dramatischen Darstellung der Neurosen. Die 
dynamische Struktur der Zwangsneurosen und der Phobien ... 78 

Vierte VorleauiiR 
Der zwangsneurotische Zweifel 106 

FQDfte Vorlesung 
Zusammenfassung 128 

Sechsle Voi'Ictiung 
Das ätiologische Problem der Neurosen, Die Sublimierungen .... 158 



ZWEITER TEIL 

Die Triebgrundlagen der Neurosen und der Perversionen 

Siebente Vorlesung 

Triebmischungen. Ein Fall von raasochistischem Transvestitismus , . 181 






' Achte VorJeeung 

Triebmischungen und Triebrichtungen. Eine allgemeine Krankheits- 
theorie auf der Grundlage der Trieblehre von Freud 195 

Neunte Vorlesung 
Die Triebgrundlagen der Neurosen 220 

Register 236 



Einleitung - 

Drum willst da dich vor Leid bewahren. 

So flehe su den Unsichtbaren, 

Daß sie siim Glück den Schmers verleihn. 

Die Grundlage dieses Buches bilden zwei Vortragsserien, 
die ich im Jalire 1924 und im Jahre 1925 im Psychoanalytischen 
Institut in Berlin gehalten habe. Diese Vorträge erfuhren seit- 
dem manche Korrekturen und Ergänzungen, ohne daß aber 
wesentliche Änderungen vorgenommen wurden. Die wichtigste 
Ergänzung war eine eingehendere Berücksichtigung des Angst- 
problems, was auf Grund des seitdem erschienenen Werkes 
von Freud, „Hemmung, Symptom und Angst", möglich 
wurde. Ein näheres Eingehen auf die Beziehungen zwischen 
Angst und Triebabwehr konnte versucht werden. Aber selbst 
bei diesem Punkte brauchte keine wesentliche Revision zu 
erfolgen, weil Freud die in seinem letzten Werke präzisierte 
Angstauffassung in den letzten metapsychologischen Arbeiten 
— vor allem in „Das Ich und das Es" — wenn auch noch 
nicht zusammenfassend ausgesprochen, so doch zweifellos schon 
ganz in dem heutigen Sinne vertreten hat. So konnte ich unter 
dem Eindruck dieser Arbeiten bereits in meiner „Metapsycho- 
logischen Darstellung des Heilungsvorganges" (Internat. Ztsch. 
f. PsA. 1925, XI. Bd., H. 2) die Bedeutung der Realangst für 
die neurotische Introversion imd Regression in dem nämlichen 
Sinne beschreiben, 



Leiden imd Befriedigung in der Neurose 






Der erste Teil stellt einen Versuch dar, Freuds Ichtheorie 
auf einzelne Neurosenformen anzuwenden, ja sogar diese 
Anwendung auf klinische Einzeltatsachen auszudehnen. Dazu 
war es notwendig-, unsere dynamischen und ökonomischen 
Kenntnisse über die Seelenvorgänge mit der strukturellen 
Auffassung des Ichs systematisch zu verbinden, um so zu 
einem Gesamtbild der geistigen Persönlichkeit zu gelangen. 
Dieser Versuch bedeutet aber nicht viel mehr als eine konse- 
quente Zusammenfassung der metapsychologischen Vorstellungen 
von Freud. Nur an einem Punkte glaube ich eine prinzipielle 
Ergänzung zum Neurosenproblem beigetragen zu haben. Ich 
meine die generelle Bedeutung der neurotischen Selbst- 
bestrafungsmechanismen — des neurotischen Leidens — für 
die Symptombildung. Diese Ergänzung geht von einer der 
ersten und allgemeinsten Einsichten, die Freud in der 
Neurosenpsychologie gewonnen hat, aus, und zwar von der 
Feststellung, daß, ähnlich wie das konversionshysterische 
Symptom gleichzeitig eine wunscherfüllende und eine selbst- 
bestrafende Bedeutung hat, auch in allen anderen neurotischen 
Vorgängen diese beiden antagonistischen Tendenzen irgendwie 
zum Ausdruck kommen. Besonders interessant und am klai'sten 
zu erkennen ist die Äußerung dieser beiden Tendenzen in den 
manisch-depressiven Zuständen; die beiden Tendenzen treten 
hier ganz ungemischt und einander ablösend in die Erscheinung. 
Die manische Periode steht ganz im Zeichen des hemmungs- 
losen Auslebens, in der melancholischen Periode kommt die 
selbstbestrafende Tendenz, die Wendung der Aggression gegen 
das eigene Selbst in Reinkultur zur Geltung. Doch erst die ( 

Annahme von Freud über den psychologisch-kausalen -ij 

Zusammenhang dieser beiden Perioden, — dafi die eine die , 

psychologische Reaktion auf die andere ist: das hemmungslose 



i 



Bestedilichkeit des neuroiisdicn Gewissens 7 

Ausleben einer Reaktion auf die übermäßige Hemmung oder 
umgekehrt, — gab mir die Grundlage, von diesem Zusammen- 
hange ausgehend die intimsten Beziehungen zwischen den 
verdrängenden und verdrängten Kräften zu erforschen. So 
wurde mir bald klar, daß der manisch-melanchoüsche Mecha- 
nismus den Einzelfall eines allgemeinen Prinzips der neurotischen 
Psyche bedeutet. Die erste empirische Bestätigung gaben mir 
die neurotischen Charaktere. Den Zusammenhang 
zwischen triebhafter Selbstzerstörung und neurotischem Aus- 
leben konnte ich bei diesen Fällen besonders deutlich 
beobachten.' Aber erst gewisse Traumpaare, bei denen, ähnlich 
wie bei den manisch-depressiven Zuständen, der eine Traum 
ganz der Wunscherfüllung, der andere ganz der Selbstbestrafung 
gewidmet ist, erlaubten mir eine exakte Untersuchung dieses 
Zusammenhanges.^ Hier wurde mir in seiner vollen Bedeutung 
klar, daß erst der Straftraum das Zustandekommen von beson- 
ders deutlichen Wunscherfüllungsträumen ermöglicht, indem 
durch ihn die hemmenden Gewissensansprüche befriedigt 
werden. Nach der Befriedigung der Straftendenzen stehen den 
Wunschbefriedigungen keine hemmenden Kräfte mehr entgegen. 
So wurde mir eine Grundeigenschaft des neurotischen Gewissens 
bekannt, die ich als seine Bestechhchkeit bezeichnete, weil es 
dadurch, daß es seine sadistischen Straftendenzen ausleben 
darf, seine hemmende Funktion einstellt. Die Rolle des Ichs 
in diesem Bestechungsmanöver wurde mir erst später bekannt. 
Auch diese Kenntnis verdanke ich Freud. Er mahnte mich 
in einem Brief, die Rolle des Über-Ichs in der Neurose nicht 
voreilig auszusprechen. Bald lernte ich die Gründe dieser 
Ermahnung kennen. Die klinische Erfahrung zeigte mir, wie 

i) Kastrationskomplex und Charakter, Int. Ztsch. f. PsA,, VUI (1922). 
2} Über Traumpaare und Traumreihen. Int. Ztsch. f. PsA., XI {1925). 



^ 



Die Rolle des Idis in der Neurose 



y 

das Ich die Befriedigung des Strafbedürfnisses dazu benützt, 
um seine Abhängigkeit von dem Über-Ich zu lösen und den 
verdrängten Kräften nachzugeben. Das neurotische Ich nimmt 
die Strafe des Über-lchs — das Leiden — auf sich, und dadurch <* 

schwindet seine Angst vor dem Über-Ich. Weil aber gerade 
diese Angst die Veranlassung zur Verdrängung ist, — das Ich 
verdrängt, weil es vor dem Über-Ich Angst hat, — fördert das 
Erdulden der Strafe die verpönte Wunschbefriedigung. So 
wurde mir alimählich der Grundmechanismus der neurotischen 
Symptombildung klar: die Selbstbestrafungsmechanismen führen 
zur Aufhebung oder zur Milderung der Gewissensangst, und 
so kann erst die Befriedigung von Wünschen, die aus Gewissens- 
ursachen verdrängt werden, in der Form von Symptomen 
erfolgen. Die frühere Auffassung der Psychoanalyse, daß die 
Verhüllung des Sinnes allein die Symptombildung erklären %. 

kann, mußte also ergänzt werden. Die Tatsache des unbewußten 
Strafbedürfnisses zeigte uns, daß das „schlechte Gewissen" ' 

auch bei Verhüllung der verpönten Wunschbefriedigungen ^ 

auftritt. Wir mußten dem Über-Ich eine intime Beziehung zum 
Unbewußten zuschreiben, eine innere Wahrnehmungsfunktion, 
die trotz der Verhüllung den latenten Sinn der Sjmiptome 
erkennt. Ich durfte also den Satz aussprechen, daß die neu- 
rotische Befriedigung von verdrängten Wünschen nur dann 
möglich wird, wenn das Über-Ich durch Leiden bestochen 
wird, womit das Motiv der Verdrängung — die Angst des 
Ichs vor dem Über-Ich — schwindet. Die Darstellung dieses 
Grundmechanismus der Neurosenbildung, seine konsequente 
Durchführung und Erläuterung ist der Hauptinhalt der ersten 
Vorlesungsreihe. 

Von einem anderen Beobachtungsmaterial ausgehend, aber 
offenbar auch unter dem Eindruck der Tatsache des unbe- 



I 

1 



Verallgemeinemng des manisdi-depressiven Medianismus 9 

wußten Straf bedürfnisses kam R e i k zu in vielen Punkten 
ähnlichen Schlußfolgerungen." Er sieht in allen Äußerungen 
des Unbewußten neben Wunscherfüllung immer auch eine 
Art Geständnis — also eine Befriedigung des Gewissens — 
und nimmt an, daß diese gleichzeitige Befriedigung der 
Ansprüche des Über-lchs die Wunschbefriedigungen fördert. 
Da er die Befriedigung der Gewissensansprüche als eine 
generelle Bedingung der neurotischen Befriedigungen erkannte, 
ist seine Auffassung mit meinen Erkenntnissen im Prinzip 
gleichbedeutend. Ich glaube aber, daß die etwas gewaltsame 
Ausdehnung des Begriffes vom Geständnis als der allge- 
meinsten Befriedigungsform der Gewissensansprüche über- 
flussig wird, wenn man an seine Stelle das tatsächlich 
immer vorhandene Leiden setzt. 

Diese Verallgemeinerung des Prinzips, das dem manisch- 
depressiven Mechanismus zugrunde liegt, seine Anwendung 
auf alle Neurosenformen, bedeutet keinesfalls eine Umwälzung 
in der Auffassung der einzelnen Krankheitsbilder. Die gleich- 
zeitige Befriedigung verdrängter Wünsche und des Straf- 
bedürfnisses in dem konversionshysterischen Symptom gehört, 
wie gesagt, zu den allerersten Einsichten von Freud. Der 
Fortschritt besteht nur in dem Erkennen des dynamischen 
und psychologischen Zusammenhanges zwischen den 
beiden antagonistischen Tendenzen. In ihrer vollen Bedeutung 
erscheint uns die Kenntnis dieses Zusammenhanges erst bei 
der Anwendung auf die Zwangsneurose. Diese Kenntnis 
ermöglicht es erst, uns in dem verwickelten Labyrinth der 
Zwangssymptome und der zwangsneurotischen Charakterzüge 
auszukennen. Aber auch hier ist sie nicht ganz neu. Die von 



i) R e i k, Geständniszwang und Strafbedürfnis. Internat. Psychoanaly- 
tische Bibliothek XVIIl, 1925. 



10 Gegenseitige Beding^iei^ von Leiden ii. Kefriedigimg 

Freud sehr frühzeitig erkannte Tatsache, daß das „Abzu- 
wehrende sich regelmäßig Eingang in das verschafft, wodurch 
es abgewehrt wird", beruht auf diesem Prinzip.' 

Doch vielleicht am schönsten bewährt sich die An- 
wendbarkeit dieser Neurosenauffassung bei der Aufklärung 
des Unterschiedes zwischen den phobischen und den zwangs- 
neurotischen Mechanismen, ein Problem, dessen Lösung- 
Freud noch in seinem letzten Werk zum Teil offen gelassen hat. 

So erwies sich der funktionelle Zusammenhang zwischen 
neurotischem Leiden und neurotischer Befriedigung, 
die sich gegenseitig bedingen, als eine für das ganze Gebiet 
der neurotischen Vorgänge charakteristische Grunderscheinung. 
Sie führt uns zu einer einfachen dynamischen Formel der 
Neurose, die, von den einzelnen Krankheitsbildern unabhängig, 
allgemein gültig zu sein verspricht. 

Ich kann das Mißtrauen mancher Wissenschaftler nicht 
teilen, das sie gegen einfache Formulierungen im vorhinein 
zeigen. Ich habe ein anderes Vorurteil, und zwar gegen 
komphzierte, undurchsichtige Erklärungsversuche. Ich habe 
die Überzeugung, daß die Naturzusammenhänge überaus 
einfach sind. Ich kann in der Beteuerung des Forschers, „die 
Verhältnisse seien außerordendich verwickelt und dunkel", 
nichts anders als das versteckte Eingeständnis des eigenen 
Nichtver Stehens sehen. Was man verstanden hat, ist e.o ipso 
einfach. Gewiß ist die Einfachheit einer Formulierung noch 
keine Garantie für ihre Richtigkeit. Sie muß, außer einfach 
zu sein, auch stimmen. Das Prinzip der neurotischen Psyche, 
die Befriedigung ohne Leiden nicht kennt, scheint mir eine 
jener Gnindtatsachen zu sein, die bei jeder Sitzung einer 
psychoanalytischen Kur immer von neuem bestätigt werden, 
i) Freud, Über einen Fall von Zwangsneurose. Ges. Schriften, Bd. Vlll. 



Bedürfnis nadi einer iillgeiiieinen Krankheit^theorie t1 

In der fünften Vorlesung versuche ich die Herkunft dieses 
engen Zusammenhanges zwischen neurotischem Leiden und 
Befriedigung darzustellen. 

Mehr spekulative Elemente enthält der zweite Teil des 
Buches. Nachdem in dem ersten Teil die dynamische und 
ökonomische Grundlage der Neurosen — also besonders ihr 
formaler Aufbau — beschrieben wird, versuche ich, in dem 
zweiten Teil die Qualität der in der dynamischen Formel 
enthaltenen Kräfte zu berücksichtigen. Mit anderen Worten; 
ich versuche, die metapsychologische Darstellung mit der 
Trieblehre von Freud zu verbinden. Dieser Versuch bedeutet 
den weiteren Ausbau des vierten Kapitels des „Das Ich und 
das Es" (Die beiden Triebarten). Eine weitere Grundlage zu 
diesem Ausbau bildet der überhaupt klassischeste Aufsatz von 
Freud, „Das ökonomische Problem des Masochismus".^ Der 
Ertrag aus diesen Untersuchungen ist eine allgemeine Auf- 
fassung der „Krankheit", die die gemeinsamen Triebgrundlagen 
sowohl der „organischen" wie der psychischen Er- 
krankungen vereinigt. Das Bedürfnis nach einer solchen all- 
gemeinen Krankheitstheorie wächst von Tag zu Tag in dem 
Maße, als es uns seit dem mutigen Beginnen von Gr od deck 
durch seine Schriften und durch die Arbeiten von F. D e u t s c h, 
Simmel u. a. immer geläufiger wird, daß organische Er- 
krankungen auch psychogen entstehen können. Die so früh- 
zeitig von Ferenczi erkannte „Erotisierung*' der 
biologischen Vorgänge im erkrankten Organ wird als eine 
Teilerscheinung des gesamten Krankheitsprozesses erkannt. 
Die Erotisierung ist nicht der eigenüiche Krankheitsprozess, 
sondern der Heilungsversuch des Organismus, die Reaktion 
des Eros auf die primären, destrukdven Tendenzen des 

i) 1924, Ges. Schriften. Bd. V. 



p 



12 Die Rolle des Todestriebes in der Krankheit 



I 



Todestriebes. In einem ganz ähnlichen Sinne fassen F e r e n c z i 
und Hollös die megalomanen Erscheinungen bei der 
progressiven Paralyse als eine „Rekompense" für die Zer- 
störungsprozesse auf." Ja Ferenczi hat sogar schon in seinen i 
„Pathoneurosen" die Erotisierung biologischer Vorgänge als 
einen Heilungsversuch, als eine Reaktion auf destruktive Prozesse 
aufgefaßt.^ Nur konnte er damals lediglich an von außen 
stammende Schädigungen denken und noch nicht an die 
endogenen Selbstzerstörungen des Todestriebes. Der Kern j 
dieser Erscheinung fand bei Freud die einfache Formulierung, 
daß „auch die Selbstzerstörung der Person nicht ohne libidinöse 
Befriedigung erfolgen kann."» ■ 

Nach meinem Gefühl ist das wichtigste Ergebnis dieser 
Untersuchungen die Einsicht, daß ebenso wie bei den 
organischen so auch bei den seelischen Erkrankungen /{ 

das Primäre, der eigentliche Krankheitsprozeß — der auch 
jede Krankheit einleitet — die Zurückwendung des nach 1 

außen gewendeten Todestriebes gegen die eigene Person ist. ) 

Die lärmenden Erscheinungen der Symptonibildung gehören 
schon zu dem Heilungsversuch und sind Äußerungen des j 

Eros. Es ist nur zu bezeichnend, daß auch auf diesem 
Punkte wie auf der ganzen Linie des pS3'choanalytischen 
Wissens die lärmenden Manifestationen des Eros früher 
erkannt worden sind als das stille Werk des Todestriebes. 

Das Bedürfnis, aus dem dieses Buch entstand, war, 
Beweise für meine Überzeugung zu bringen, wie tief die Ich- 
theorie von Freud in der klinischen Erfahrung wurzelt. Er 

i) Ferenczi und Hol lös, Zur Psychoanalyse der paralytischen 
Geistesstörungen. Beihefte V. 

2) Ferenczi, Hysterie und Pathoneurosen. Int. PsA. Bibl., Nr. 2 (1919). 

3) Freud, Das Ökonomische Problem des Masochismus. Ges. Schriften, 
Bd. V. 



i 



Li . 



Neuere Literatur über die Iditheorie 13 



selbst hat in seinen letzten konzentriert gefaßten Werken den 
mühsamen empirischen Weg, den er von den Einzeltatsachen 
bis zu der Theoriebildung zurückgelegt hat, nur fragmentarisch 
mitgeteilt. Die Rekonstruktion dieses Weges, die Theorie und 
Erfahrung zu einer Einheit vereinigen soll, war die Absicht 
dieser Vorlesungen. 

Als ich die erste Reihe dieser Vorlesungen hielt, waren 
ahnliche Versuche in der psychoanalytischen Literatur noch 
nicht vorhanden. Seitdem ist eine große Anzahl von wertvollen 
Studien entstanden. Neben dem bereits erwähnten Werk von 
Reik hat Aichhorn die Lehre vom Ich auf die Fragen 
der Erziehung angewandt,^ während Schilder, teilweise 
auf eigenen Wegen gehend, teilweise nur mit einer neuen 
Nomenklatur, eine Psychiatrie auf der Grundlage der Struktur- 
lehre von Freud zu entwerfen versuchte.* Die Verwertung 
der Ichtheorie für die Klärung von Einzelfragen der Neurosen- 
lehre nimmt immer mehr zu (Fenichel,3 Nunberg,* 
Müller -Braunschweigs), Reich versucht, den trieb- 
haften Charakter von dieser Seite aus zu erfassen.* R a d ö' 
und J o n e s^ gcHngt es, mit Hilfe der Begriffe der Ichlehre 
den hypnotischen Zustand genauer zu beschreiben. Dem 



i) A i c h h r n, 'Verwahrloste Jugend, Int. PsA. Bibl. XIX (1925). 

2) Schilder, Entwurf zu einer Psychiatrie auf psychoanalyt. 
Grundl. 1925. Int. PsA. Bibl. XVII (1925). 

3) Fenichel, Identifizierung. Int. Ztschr. f. PsA. XII (1926), Heft 3. 

4) N u n b e r g, Schuldgefühl und Strafbedürfnis. Int. Ztschr. f, 
Psa. XII (1926), Heft 3. 

5)Müi]er-Braunschweig, Genese des weibHchen Über-Ichs. 
Int. Ztschr. f. PsA, XII (1926), Heft 3. 

6) Reich, Der triebhafte Charakter. Neue Arb. z. ärztl. PsA. V (1925). 

7) R a d 6, Das ökonomische Prinzip der Technik. Int. Ztschr. f, PsA. 
Bd. XII (1926), Heft I. 

8) Jones, The nature of autosuggestion. Int. Joura. of PsA. IV (.1923). 



14 Neue l'ei-inde der Psydioanalyse 

letzteren verdanken wir auch eine sorgfältige Zusammenstellung 
unserer empirischen Kenntnisse über den Ursprung und die 
Eigenart des Über-Ichs.^ 

Mit der Entdeckung des Ichs fängt eine neue Periode der 
psychoanalytischen Wissenschaft an. Während die erste Periode 
im Zeichen der Deutungskunst stand, die uns die Äußerungen 
der Triebe zu verstehen lehrte, fangen wir jetzt an, diese 
Äußerungen im Rahmen der gesamten Persönlichkeit zu ver- 
stehen. Zuerst wurde die menschliche Psyche in ihre Bestand- 
teile zerlegt, jetzt beginnen wir, die Struktur ihres Aufbaues 
erkennend, sie wieder zusammen zu stellen. 



l) Jones, Ursprung des Über-Ichs. Int. Ztschr. f. PsA. Band XII. 
(1926), Heft 3. 



ERSTER TEIL 



Die dynamisdien und die ökonomisdien 
Grundlagen der Neurosen 



1-- 



ERSTE VORLESUNG 

Entwicklungsridituiig der Psychoanalyse 

Die Entdedvung des Ichs 

Meine Damen und Herren! Ich habe mir in dieser Vortrags- 
reihe die Aufgabe gestellt, Ihnen ein Gesamtbild darüber 
zu entwerfen, wie wir heute im Lichte der psychoanalytischen 
Theorie den Aufbau der geistigen Persönlichkeit und in erster 
Linie ihre Erkrankungen uns vorstellen können. Die große 
Linie der Entwicklung unserer Wissenschaft zeigt eine deut- 
lich erkennbare Richtung: wir betrachten die neurotische 
Krankheit immer mehr als die Äußerung des gesamten Menschen. 
Wenn auch diese Bestrebung von Anfang an da war, so haben 
uns gerade die letzten theoretischen Arbeiten von Freud 
in die Lage versetzt, sowohl die seelischen Krankheitserschei- 
nungen wie auch die normalen Seelenvorgänge in allen ihren 
Beziehungen zur gesamten Persönlichkeit zu verstehen. Erwarten 
Sie also von mir heute keine ganz neuen Gesichtspunkte, ich 
möchte Ihre Aufmerksamkeit nur auf gewisse Konsequenzen der 
Theorie des Ichs sowohl für die Auffassung wie auch für die 
Behandlung der Neurosen lenken. Ich habe den Eindruck ge- 
wonnen, daß die letzten theoretischen Werke von Freud weder 
für die Auffassung der einzelnen Neurosenformen, viel weniger 
aber noch für ihre Behandlung genügend verwertet worden sind. 
Vielmehr führte diese Reihe von Veröffentlichungen zu einer 



18 Spaltung zwisdien Theorie und Erfahrune 

zwar nicht ausgesprochenen, keinesfalls aber berechtigten 
Spaltung in der psychoanalytischen Lehre. Diese letzten Werke, 
die Freud „metapsychologische" nennt, werden gefühlsmäßig 
von den gutbewährten alten psychoanalytischen Erfahrungs- 
sätzen als theoretische, ja sogar als spekulative abge- 
sondert und als für die tägliche Praxis vorläufig unverwendbar 
empfunden. Ich bezweifle nicht, daß sie in ihrer theoretischen 
Bedeutung richtig eingeschätzt werden. Der Einfluß auf die 
Klinik dieser für die künftige Entwiddung unserer Wissen- 
schaft so grundlegenden Arbeiten ist aber heute noch keines- 
falls durchgreifend, als ob sie nur einen interessanten theore- 
tischen Überbau der empirischen Erfahrung bilden würden. 
Fassen Sie diese Bemerkungen cum grano salis auf, so, wie 
sie gemeint sind. Ich würde gegen diese Einstellung nichts 
einzuwenden haben, wenn die Kluft zwischen Theorie und 
Praxis wirklich so groß wäre. Ich stehe mit der Mehrzahl von 
Ihnen auf dem Standpunkt, daß wir in erster Linie Therapeuten 
sind und uns in erster Linie die Therapie der Neurosen 
interessiert. Ich habe mir die Aufgabe gestellt, zu versuchen, 
Ihnen zu zeigen, und zwar nicht nur im allgemeinen, sondern 
auch an einzelnen Beispielen, wieviel wir für die Behandlung 
der Neurosen aus F r e u d s — ^iS^S^nSpelmlam^enannten^ 
— Arbeiten gewinnen können. ■ 

Eine ähnliche Spaltung ist uns auf einem anderen Gebiete 
der Wissenschaft, in der Physik, wohl bekannt, und zwar die 
Spaltung zwischen den experimentellen und theoretischen 
Physikern. Auch diese ist keineswegs eine offizielle, nur ein 
intimes Kulissengeheimnis der wissenschaftlichen Welt, und 
äußert sich darin, daß der Experimentator den Theoretiker 
mit etwas mißtrauischen Augen ansieht, ihn für nicht genügend 
exakt hält und damit verdächtigt, daß er mit den unheimlichen 






KedOrfiiis nadi SysteinbUdimg 19 



Philosophen im Geheimbund steht. Der gute Theoretiker ver- 
dient diesen Verdacht sicherhch nicht Ohne ihn, ja, sogar 
ohne seine oft voreiligen Theorien würde die Wissenschaft an 
Tempo ihrer Entwicklung ungeheuer viel einbüßen. In unserer 
Wissenschaft befinden wir uns in einer außerordentlich 
günstigen Lage. Der Entdecker der ersten unerschütterlichen 
Erfahrungssätze ist gleichzeitig der kühnste Denker in der 
Theorie. Wir haben das lebendige Beispiel für die Kompati- 
bilität von Theorie und Erfahrung. 

Doch niemals führte die theoretische Überlegung in der 
Psychoanalyse zur starren Systembildung. Wir wissen nicht, 
ob die sichere Intuition des empirischen Forschers oder weise 
und bewußte Absicht Freud davon zurückhielt, durch früh- 
zeitige Systembildung die junge Erfahrungswissenschaft in ihrer 
Entwicklung zu hemmen. Jedes System ist starr und kann 
sich als hemmender Wall zwischen die Dinge und den Beob- 
achter stellen. Dieser wissenschaftlichen Haltung Freuds ver- 
dankt die Psychoanalyse ihren reichen Erfahrungsschatz, der 
standig zunimmt, und ihre stets plastischen Begriffe und Vor- 
stellungen, die den lebendigen Kontakt mit der WirkUclikeit 
nie verheren. Und doch wächst die Sehnsucht nach systema- 
tischer Zusammenfassung von Tag zu Tag. Was vor kurzem 
noch von Vorteil war, kann allmählich zur Hemmung werden. 
Der Mangel an Orientierung, die fehlende Übersicht, erschweren 
die Arbeit des Therapeuten, und auch der Forscher verliert 
den Blick für neue Möglichkeiten der Erkenntnis. Auch der 
Unterricht der Psychoanalyse wird immer schwieriger. Die 
Durchschlagskraft, mit der die Psychoanalyse in die Medizin 
und in die anderen benachbarten Wissenschaftsgebiete ein- 
dringen könnte, wird durch die fehlende Vereinheitlichung 
des wissenschaftlichen Materials gehemmt. Eifrige Gegner ver- 



'4 



a" 



20 



Freuds ßestiebong nadi Zusammenfassung 



künden offene Ablehnung, schöpfen aber heimlich durch Ver- 
flachung und Verfälschung der Begriffsinhalte aus unserer 
Wissenschaft, die ohne den schützenden Wall scharfer 
Begriffe und Definitionen jedem Mißverständnis und jeder 
Verzerrung preisgegeben ist. Sonderschulen ernten durch 
unberechtigte Verallgemeinerung und flache Systembildungen 
Sympathie, indem sie den Menschen die schwierige Aufgabe, 
sich mit den Erfahrungsgrundlagen vertraut zu machen, 
ersparen und einige allgemeine, nur teilweise richtige Grund- 
sätze in der gefälligen Form eines umschriebenen wissenschaft- 
lichen Systems darbieten. 
. Doch aUe diese äußeren Rücksichten würden nicht dazu 
ausreichen, an der bisherigen Forschungstaktik etwas zu 
ändern, wenn nicht die immanenten Gesetze der Entwicklung 
unsere Wissenschaft zur Festigung ihres inneren Gefüges 
zwingen würden. Das reiche Erfahrungsmaterial verlangt nach 
Zusammenfassung und nach scharfer Begriffsbildung. Die 
Psychoanalyse ist heute bereits imstande, ihre vornehmste 
Aufgabe zu erfüllen, über ihr Gebiet ein möglichst einfaches 
und übersichtiiches Gesamtbild zu geben. Und in der Tat 
bedeuten Freuds Arbeiten über den Aufbau des Ichs einen 
zusammenfassenden Rückbhck auf den rapid zurückgelegten 
Weg. Der Charakter eines starren Systems fehlt auch diesen 
zusammenfassenden Arbeiten vollständig. Sie steUen aber 
einen Versuch dar, die erworbenen Einsichten zu einem ein- 
heitlichen Bild des gesamten seelischen Apparates zu ver- 
dichten. 

Neben der zweifellos vorhandenen allgemeinen Spannung 
zwischen Theorie und Erfahrung hat die Ichtheorie noch mit 
einer speziellen Schwierigkeit zu kämpfen, hn psychoanalytischen 
Kreise werden Sie mir erlauben, diese Schwierigkeit als 



Die Widorstiinde gegen die Psjdioanalysc 21 



einen Widerstand zu bezeichnen, und Sie werden es mir auch 
nicht übel nehmen, wenn ich diesen Widerstand unserer 
Methode gemäß aufzuklären versuche. 

Freud erklärte die Ablehnung seiner Lehre aus demselben 
Widerstand, den der Patient gegen die Erkenntnis seines 
Selbst in der Kur zeigt. Er verglich die psychoanalytische 
Erkenntnis treffend und berechtigt mit zwei früheren großen 
wissenschaftUchen Entdeckungen : mit der kosmologischen 
Theorie von Köper nikus und mit Darwins Abstammungs- 
lehre. Beide bedeuteten gewaltige narzißtische Kränkungen 
des Menschen. Zuerst wird seine Umgebung, die Erde, dem 
Bereich seiner selbstherrlichen Auffassung entzogen und dann 
sein Körper. Am schwersten empfindet er es aber, wenn selbst 
seine geistige Person dem Wirkungskreis seiner bewußten 
Persönlichkeit entzogen und erklärt wird, daß er nicht einmal 
über sein Tun und Lassen unbeschränkter Herr ist. Auf 
die narzißtische Wunde, die Kopernikus seinem Selbst- 
gefühl geschlagen hat, antwortet der Kulturmensch durch 
eine Reaktionsbildung: durch die erhöhte Erkenntnis und 
Beherrschung der physischen Natur. Er heilt diese Wunde 
durch die Entwicklung seines technischen Könnens. Koper- 
nikus entzog ihm die Erde als ein in seinen Narzißmus ein- 
bezogenes Objekt, und er antwortete darauf mit einer erhöhten 
technischen Beherrschung der Natur. Er verlor sein phantastisches 
Allmachtsgefühl, aber erwarb dafür die reale Macht der 
Technik. Auf Darwins Entdeckung sehen wir eine ähnliche 
Reaktion, den Aufschwung der auf der Biologie beruhenden 
Medizin. Darwin griff den Menschen in der Einschätzung seines 
Körpers an, den er auf das Niveau der Tierwelt erniedrigte. Er 
antwortet darauf mit der technischen, das heißt medizinischen 
Beherrschung seines Körpers. Und ganz ähnhch führt die 



22 



Widerstand gegen die Iditheorie 



Entdeckung des unbewußten Seelenlebens zu der Bestrebung, 
dieses Unbewußte unter die Herrschaft des Bewußtseins zu 
bringen, zu einer Seelentechnik, zu der Technik der Psychoanalyse, 
Ich glaube, meine Damen und Herren, daß Sie mir jetzt 
sagen werden, damit sind wir ja am Ende des Märchens 
angelangt, weiter geht's nicht mehr. Was für ein Eroberungs- 
feld könnte noch hinter dem unbewußten Teile der Seele liegen? 
Nachdem der Mensch seine physikalische Umgebung, seinen 
Körper und seine Psyche erobert hat, kann er zufrieden seine 
Anstrengungen einstellen und braucht keinen neuen Angriff 
gegen seinen Narzißmus zu befürchten, um diese dann wieder 
mit neuen mühseligen Reaktionsbildungen überkompensieren 
zu müssen. Sie werden mich fragen: In der Tat, wenn jemand 
den Widerstand gegen das Erkennen seines Unbewußten 
überwunden hat, was für einen Erkenntniswiderstand kann er 
noch haben? Was für einen Widerstand will ich da noch 
konstruieren gegen gewisse theoretische Erkenntnisse? Meine 
Antwort lautet einfach : Die Erkenntnis des unbewußten Tneb- 
lebens, der Äußerungen der Libido, ist leichter als die Er- 
kenntnis des unbewußten Anteils des Ichs. Der Trieb ist — 
wie Freud es ausdrückt — ein Zwischending zwischen Körper 
und Seele. Und so ist auch die geschichtliche Reihenfolge: 
auf die Entdeckung des Körpers folgte die Entdeckung des 
Trieblebens, und erst zuletzt erfolgte die Entdeckung des Ichs, 
des Kerns der Persönlichkeit. Zuerst mußte also die Psycho- 
analyse der Libido entstehen und erst dann konnte die Analyse 
des Ichs folgen. Die Linie der europäischen Kulturgeschichte 
ist: die Entdeckung der Erde, des Körpers, des Trieblebens 
und endlich des Ichs. Der Widerstand gegen die neue Ich- 
theorie entspricht dem letzten Widerstand in der Kur. Wi^ 
sagten früher: die letzte und größte Schwierigkeit bietet die 



t>er Weg von der Kosmologie zur Psydiologie 23 

Analyse des Narzißmus. Heute sagen wir es korrekter: die 
Analyse des unbewußten Anteils des Ichs. "" 

Bevor ich noch auf die Natur dieses Widerstandes des 
näheren eingehe, möchte ich mir über diese merkwürdige 
Linie in der Kulturgeschichte einige Bemerkungen erlauben. 
Diese Entwicklungslinie finden wir sehr ausgesprochen und 
deutlich in der griechischen Philosophie wieder. Das Interesse 
der ersten Denker, der Eleaten, richtet sich ausschließlich auf 
kosmologische Probleme. Windelband nennt diese Periode 
die kosmologische Periode der griechischen Philosophie. 
Erst allmählich rückt der Mensch in den Mittelpunkt des 
Interesses, der Kreis der Spekulation wird um den Menschen 
immer enger gezogen, nach den Fragen der Sittlichkeit wird 
zuletzt der Erkenntnisvorgang selbst geprüft. Bei Sokrates 
ist schon das Hauptziel jeder Erkenntnis die Erkenntnis des 
eigenen Selbst. Es scheint, als ob jede Kultur diese Entwicklung 
von der Kosmologie zur Psychologie durchmachen 
müßte. Doch auch die Ontogenese der Individualseele durchläuft 
denselben Weg. Wir haben mit gutem Grund angenommen, 
dajidas Kind zunächst die Außenwelt und die eigene Person 
nicht trennen kann; die ganze Welt ist es selbst. Jede Erfahrung, 
welche diesem Gefühl widerspricht, ist eine Kränkung. Das 
Kind verliert so allmählich die Außenwelt als Eigentum, aber 
entdeckt sich selbst auf der Stufe des Narzißmus als Ent- 
schädigung dafür. Damit ist die erste große Periode seiner 
Entwicklung beendet, und nun fängt derselbe Vorgang wieder 
auf einer höheren Stufe an. Die Lösung dieses rätselhaften, 
allgemeinen Entwicklungsgesetzes ist eigentlich auf der Hand 
liegend. Das Fernhegende objekriv zu erkennen und ein- 
zuschätzen, ist offenbar viel leichter als das, was dem subjek- 
tiven Interessenkreis näher liegt. 



14^ y 



24 



Die Verdrängung ein unbewußter Vorgang 



Kehren wir nun zu unserer Grundbehauptung zurück. Die 
Aufgabe, das Verdrängte dem Bewußtsein näher zu bringen, 
ist leichter, als die verdrängenden Kräfte des Ichs selbst zu 
erkennen. Oder anders ausgedrückt: Der größte Widerstand 
richtet sich gegen die Erkenntnis der verdrängenden Kräfte. 
Wie soll man das verstehen? Im ersten Moment klingt diese 
Behauptung schon deshalb befremdend, weil wir ja gewöhnt 
waren, die Tendenzen des bewußten Ichs mit den Verdrängungs- 
tendenzen im großen und ganzen gleichzusetzen, indem wir 
sagten: das Ichfremde wird verdrängt. Nun, in diesem Punkte 
hat unsere Seelenkenntnis eine bedeutende Korrektur erfahren. 
Hier setzt die neue Ichtheorie ein. Bewußte Ichtendenzen und 
Verdrängungstendenzen sind nicht immer identisch. Es ist still- 
schweigend immer so aufgefaßt worden, daß die Verdrängung 
eine djmamische Leistung ist, die nicht vom bewußten Ich ausgeht. 
Die hemmende Tätigkeit des bewußten Ichs nennen wir ja 
Verwerfen oder Verurteilen, jedoch nicht Verdrängen. Nicht 
alles, was verdrängt wird, würde das bewußte Ich verurteilen 
und verwerfen, wenn es überhaupt davon Kenntnis hätte. Es 
ist also in dem Begriff der Verdrängung impHzite enthalten, 
daß die Verdrängung von einer unbewußten Instanz ausgeht. 
Und doch wurde diese Topographie der Verdrängung in ihrer 
vollen Bedeutung von Freud erst auf dem Berliner Psycho- 
analytischen Kongreß ausgesprochen und klar formuliert. Er 
führte den Begriff des unbewußten Schuld gefühls ein j_ den er^ 
heute lieber unbewußtes Straf be du rfnis nennt. 
"~bas unbewußte Strafbedürfnis ist eine Tatsache von weit- 
tragenden Konsequenzen, die ich wegen ihrer eminenten 
Bedeutung für unsere Vorstellung über den Aufbau des 
seelischen Apparates etwas eingehender besprechen möchte. 
Sie zwingt uns zunächst zur Annahme einer seelichen Instanz, 



Die licziohung des Cbar-Idis zur Verdrängung 25 



die auf gewisse Regungen, die unbewußt sind, mit Schuld- 
gefühlen reagiert und sie ebenso verurteilt, wie das bewußte 
Gewissen manche unserer Handlungen. Diese Instanz bewertet 
also Wünsche, Gedanken, kurz psychische Tatsachen so, als 
ob sie Handlungen wären. Sie arbeitet ähnlich wie das bewußte 
Urteil, nur geschieht ihre ganze auswählende und zensurierende 
Tätigkeit im Unbewußten. Die psychoanalytische Erfahrung 
zeigt nun, daß die moralischen Richtlinien dieser Instanz 
identisch sind mit jenen Verboten und Geboten, die das Kind 
in seinen ersten Lebensjahren von seinen Erziehern erhält. 
Andererseits erweckt in uns die Untersuchung dieser Instanz 
gewisse phylogenetische Reminiszenzen aus der Urgeschichte 
der Menschheit. Dieses in das Unbewußte versenkte Gesetzbuch 
ist in seinem Wesen identisch mit dem totemistischen Gesetz- 
buch der primitiven Völker. Seine Hauptverbote richten sich 
beim Manne gegen den Inzestwunsch und gegen feindselige 
Regungen gegenüber dem Vater. Wir müssen also in dieser 
Instanz das Ergebnis einer durch die Artgeschichte vorbereiteten 
und durch die Erziehung befestigten Anpassung an jene sozialen 
Anforderungen und Gesetze erblicken, die die Grundlagen 
unserer heutigen Gesellschaftsform bilden. Sie ist ein Anpassungs- 
produkt, ein domestizierter sozial gewordener Teil des Ichs, 
von Freud als Über-Ich bezeichnet. Seine Beziehung zur 
Verdrängung ist besondei's innig. Freud nimmt an, daß ein 
großer Teil der Verdrängungen vom Ich unter dem Einfluß 
dieser sozialen Instanz vorgenommen wird. Die psychoanalytische 
Untersuchung neurotisch Erkrankter zeigt uns mit einer höchst 
monotonen Einförmigkeit, daß die Wünsche und Tendenzen, 
die in erster Linie der Verdrängung verfallen und dann zur 
Symptombildung führen, gerade jene sind, die dem Gesetzbuch 
des Über-Ichs widersprechen. Wir dürfen also behaupten, daß 



26 



Starrheit der unbewußten Urtcilsfunktion 



ein großer Teil der Verdrängungen und gerade jener Teil, der 
in der Neurosenbildung eine ätiologische Rolle spielt, von 
diesem Teil des Ichs ausgeht, den Freud als ÜberJch vom 
Ich abgrenzte. 

Der wichtigste Umstand für die Theorie des Ichs ist, daß die 
verurteilende Tätigkeit dieser Instanz unbewußt ist. Das heißt 
soviel, daß nicht nur die verdrängten seelischen Motive 
unbewußt sind, sondern auch das Verdrängende selbst mit 
allen seinen Motiven, aus denen es gewisse Tendenzen 
verneint und von dem Bewußtwerden ausschließt. Diese Fest- 
stellung ist zwar eine Selbstverständlichkeit und doch verdient 
sie hervorgehoben zu werden. Selbstverständlich ist sie deshalb, 
weil, wenn das Urteil, das eine Tendenz am Bewußtwerden 
verhindert, ein bewußtes wäre, die verdrängte Regung ja selbst 
nicht mehr unbewußt bleiben könnte. Ein bewußtes Urteil ist 
nur so denkbar, daß die zu beurteilende Regung ebenfalls 
bewußt ist. So setzt die Tatsache der Verdrängung ein 
unbewußtes Urteilen voraus. Und doch ist die Arbeitsweise 
der bewußten Urteilsfunktion von der Verdrängung in einem 
wesentlichen Punkte verschieden. Die Arbeitsweise der Ver- 
drängungsinstanz ist eine schematische, ja sogar eine auto- 
matische. Von einer prüfenden und erwägenden Funktion kann 
bei der Verdrängung nicht die Rede sein. Gewisse Regungen 
sind verboten und werden verdrängt, und zwar in jedem Falle, 
und andere sind wieder frei. Diese unbewußte Urteilsfunktion 
ist viel gröber und schematischer als die bewußte. Ihre Arbeits- 
weise ist mit der eines Grenzpolizisten vergleichbar, der von 
einem Verbrecher die Personenbeschreibung erhielt, er sei 
rothaarig, und nun geneigt ist, alle rothaarigen Reisenden voller 
Verdacht anzuschauen, ja sogar zu verhaften. Schon das bewußte 
Gewissen hat etwas Starres an sich. Daher die Bezeichnung 



Der ökonomisdie Vorteil der Verdrängung 27 

Kants: kategorischer Imperativ. Doch in einem 
noch viel höheren Maße zeigt das Über-Ich diese Starrheit. Es 
verteidigt ja ein Gesetzbuch, welches die Grundlage unserer 
Gesellschaft bildet, das also unter allen Umständen eingehalten 
werden muß. 

Die automatische unbewußte Funktionsweise der Verdrängung 
hat eine hohe ökonomische Bedeutung für die gesamte Tätig- 
keit des Seelenapparates. Dadurch, daß die Regelung des 
Trieblebens in den sozialen Bahnen wenigstens zum Teil 
ohne Mitwirkung des bewußten Ichs automatisch und 
unbewußt erfolgt, wird dieses von einer großen Menge 
inneren seelischen Aufwandes befreit, kann sich ganz nach 
außen wenden und wird so zur Prüfung der Realität ge- 
eigneter. 

In diesem Lichte erscheint uns das Ich des Kulturmenschen 
als ein in zwei Teile differenziertes Gebilde mit geteilter 
Arbeitsleistung. Ursprünglich war es ein zusammenhängendes 
einheidiches Wahrnehmungsorgan für äußere und innere 
Reize (Triebe). Seine djmamische Aufgabe bestand darin, 
die Resultate der inneren Wahrnehmungen, das heißt die 
Triebansprüche, mit der Realitätsprüfung (— äußere Wahr- 
nehmungen —■) in Einklang zu bringen, kurz: für die mögliche 
Befriedigung der Triebe zu sorgen. Während es seine Wahr- 
nehmungsfunktion nach außen nicht nur behalten, sondern 
mächtig weiter entwickelt hatte, hat es einen großen Teil 
der Wahrnehmungsfunktion nach innen eingebüßt, oder 
richtiger gesagt, an seine unbewußten Teile abgetreten. Das 
Bewußtsein erreichen ja nicht alle inneren Triebkräfte, sondern 
nur jene, die die Zensurstelle des inneren Wahrnehmungs- 
organs passiert haben. So wurde die Wahrnehmungsfunktion 
der bewußten Persönlichkeit nach innen eine beschränkte. 



28 Vcrdrängunji als amomatisdic Hemmung 



Ihre Arbeit besteht nunmehr nur darin, für die Befriedigung 
jener Triebansprüche zu sorgen, die die Verdrängungsgrenze 
passiert haben. Der andere Teil der Triebansprüche kommt 
überhaupt nicht in ihr Bereich, weil er schon früher als 
indiskutabel, als reaUtätswidrig zurückgewiesen, das heißt 
verdrängt wird. So geschieht es, daß ein großer Teil der 
inneren Heraraungsvorgänge unbewußt bleibt, ja sogar ein 
großer Teil der moraUschen Hemmungen des Gewissens. Die 
innere Zensurstelle hat die Rolle der bewußten Urteil sfunktiori 
übernommen, indem sie die Ergebnisse früher einmal bewußt 
gewesener Realitätsprüfungen in einer starren Form verewigt 
hat. Ein solcher unbewußter Heramungsvorgang ist mit jenen 
automatischen organischen Vorgängen vergleichbar, die durch 
ihre Zweckmäßigkeit, durch ihre sinnvollen Einrichtungen 
verraten, daß sie einmal psychisch besetzt waren und erst im 
Laufe der phylogenetischen Entwicklung durch unzähHge 
Wiederholungen automatisch wurden. Wir wollen diesen 
Vorgang, bei dem aus der auf dem bewußten Urteil beruhenden 
Hemmung eine unbewußte automatische (weil ohne Mit- 
wirkung des bewußten Willens erfolgende) Hemmung wird 
(die wir Verdrängung nennen), an einem einfachen Beispiel 
in der gröbsten Annäherung zu veranschauHchen versuchen. 
Der primitive Bemächtigungstrieb des Kindes äußert sich 
unter anderem auch darin, daß es nach den wahrgenommenen 
Objekten der Außenwelt greift. Durch ein schmerzhaftes Er- 
lebnis, durch das Verbrennen des Fingers an einer Kerze, 
nach der es gegriffen hat, wird nun diese Form des Be- 
mächtigungstriebes, wenn er wieder auftritt, gehemmt, und 
zwar durch die Erinnerung an das schmerzhafte Ei-lebnis. 
Das ErbUcken der Kerze reaktiviert das schmerzhafte Erlebnis, 
und diese Erinnerung, die von einem unlust vollen Er^ 



f 



Bewußte und automatisdie Hemmung 29 



Wartungsgefühl begleitet ist, ist jener psychische Vor- 
gang, den wir Realangst nennen. Unter dem Einfluß der 
Realangst hemmt also das Ich die zur Befriedigung des Be- 
mächtigungstriebes dienende Greifbewegung. Wird ein 
ähnHches unlustvolles Erlebnis vom Kinde wiederholt gemacht, 
so wird allmählich die Hemmung der Greifbewegung auto- 
matisch, ja, reflektorisch erfolgen, ohne daß das schmerzhafte 
Erinnerungsbild reaktiviert wird und folglich auch, ohne daß 
es zur Angstentwicklung kommt. Der Erfahrungssatz, das 
schmerzhafte Ergebnis vorangehender Realitätsprüfungen : 
Wenn ich eine schöne leuchtende Kerze sehe und danach 
greife, so führt das zu Schmerzempfinden" wird durch eine 
automatische Hemmung der Greifbewegung ersetzt. Diese 
automatische Hemmung leistet also dasselbe, wie die Erinnerung 
mit dem sie begleitenden Angstgefühl. Sie enthält die gesamte 
Weisheit, die in dem psychischen Vorgang, den sie ersetzt, 
vorhanden ist. Der Vorteil, den der seelische Apparat aus 
dieser Mechanisierung der Hemmungsfunktion gewinnt, ist 
ein ökonomischer und ein gefühlsmäßiger: das Bewußtsein 
wird von der Arbeit der psychischen Verarbeitung des Triebes 
entlastet, wird von der Angstentwicklung, mit der das unlustvolle 
Erinnerungsbild verbunden ist, verschont und wird so von 
dem Konflikt zwischen Angst und Versuchung befreit. Und 
trotzdem kommt das Resultat der Realitätsprüfung (Du sollst 
nicht nach der Kerze greifen!) voll zur Geltung. 

Diese Mechanisierung oder Automatisierung psychischer 
Vorgänge scheint eine der ursprünglichsten Eigenschaften des 
Seelenapparates zu sein. In einer etwas anderen Form 
wurde sie von Freud noch in einer Zeit erkannt, als er mit 
Breuer zusammen gearbeitet hat. Sie nannten diesen 
Vorgang die Überführung der frei beweglichen psychischen 



30 Verinnerlidiung der Hemmungen 

Energie in tonische. Wir werden noch Gelegenheit haben, 
uns mit dieser grundlegenden Gesetzmäßigkeit auseinander 
zu setzen. Wir wollen aber jetzt weiter bei unserem Beispiel 
verweilen. Wir sehen daraus, daß die Befriedigung eines 
Triebes, einer inneren Reizspannung, die das Kind zu Greif- 
bewegungen veranlaßt, auf zweierlei Weise gehemmt werden 
kann: erstens durch Realangst, die durch das Auftauchen 
von Erinnerungsbildern unlustvoller Erlebnisse ausgelöst 
wird, und zweitens durch eine automatische Hemmungs- 
funktion mit Umgehung des Bewußtseinsapparates, wobei die 
Angstentwicklung erspart bleibt. 

Die psychoanalytische Erfahrung lehrte uns, daß nicht nur 
die Innervation einer Bewegung auf diese Weise, d. h. mit 
Umgehung des Bewußtseins gehemmt werden kann, sondern 
selbst der Trieb oder der Wunsch, welcher die Bewegung 
veranlaßt. Bei dem Erwachsenen ist der größte Teil der 
Innervationen von dem Bewußtsein abhängig. Darum kann 
eine Triebbefriedigung schon dadurch gehemmt werden, daß der 
Trieb, oder präziser, die den Trieb vertretende Vorstellung 
{Triebrepräsentanz) aus dem Bewußtsein ausgeschlossen wird. 
Die Hemmung erfolgt dann nicht am motorischen Ende des 
ganzen triebbefriedigenden Vorganges, wie bei dem kleinen 
Kinde, sondern viel früher — man könnte sagen : prophylak- 
tisch — an der Grenze des Systems, das die Innervationen 
beherrscht. Die Hemmung wurde verinnerlicht. Daß ein 
solches Ausschließen des Wunsches aus dem Bewußtseins- 
system, das die Innervationen beherrscht, eine viel voll- 
ständigere Sichei-ung bedeutet, als wenn der Wunsch zuerst 
bewußt wird, und dann nach einem hin und her wogenden 
Kampf zwischen Versuchung und angstvoller Verneinung 
endlich zurückgewiesen wird, ist klar. Die Vorteile einer 



Verdrängung und Verurteilung 31 

derartigen Ausschließung vom Bewußtwerden gegenüber der 
bewußten Hemmung einer Innervation sind dieselben, wie die der 
automatischen Hemmung der Innervationen in dem besprochenen 
Beispiel: i) die Vermeidung von Angstentwicklung, 2) die 
Ersparnis an psychischer Besetzung. Demgegenüber steht 
der Nachteil, daß das Bewußtwerden des Wunsches seine 
neue Prüfung, seine neue Konfrontierung mit der ReaUtät 
ermöglicht, die bei der automatischen Henmiung, bei der Ver- 
drängung wegfällt. Solange aber die reale Situation, welche 
zu einer Verdrängung geführt hat, unverändert ist, solange also 
keine neue Realitätsprüfung nötig ist, hat die Verdrängung für 
den seelischen Apparat nur Vorteile. Ändert sich jedoch diese 
Situation, so kann es vorkommen, daß durch die automatisch 
ablaufende Verdrängung auch solche Wünsche vom Bewußt- 
werden, also von der Befriedigung ausgeschlossen werden, 
die bei den veränderten Verhältnissen nicht mehr zur Unlust, 
also zu keiner Verneinung geführt hätten. Da die meisten Verdrän- 
gungen bereits in der Kindheit geschehen, ist eine solche Ver- 
änderung der Situation fast immer vorhanden. Nicht alles, 
was das Kind verdrängt hat, würde der Erwachsene auch 
später verurteilen. Wir werden sehen, daß diese Starrheit 
der Verdrängungsfunktion, ihre Unbeeinflußbarkeit durch spätere 
Realitatsprüfung eine der wichtigsten Bedingungen der 
Neurosenbildung ist. 

Der folgenschwere Anachronismus in der menschlichen 
Entwicklung, daß nämlich die Bildung des Ichs hinter der 
Entwicklung der Triebe zurückbleibt, bringt es mit sich, daß 
die früher entwickelten Triebansprüche auf ein unfertiges 
schwaches Ich treffen, das nicht imstande ist, für adäquate 
Befriedigung der Triebe zu sorgen, die Triebspannungen 
durch adäquate Handlungen aufzuheben. So spielen die Triebe 



32 



Die Sdiwädic dos Idis in der Kindheit 



für das Ich eine ähnliche Rolle wie solche äußere Reize, zu 
deren Abwehr das Individuum noch nicht fähig ist: sie 
bedeuten eine Gefahrquelle. Weil zu der Befriedigung der 
Triebansprüche das Ich noch unfähig ist, bleibt ihm nur die; 
Triebabwehr übrig. Die generelle Reaktion des kindlichen Ichs 
auf einen großen Teil der Triebansprüche — besonders auf 
gewisse aggressive und genital-sexuelle Tendenzen — ist die 
Triebabwehr. Wir sahen, daß diese Triebabwehr dann am 
vollkommensten ist, wenn die Triebrepräsentanten nicht 
bewußt werden, d. h. wenn nicht nur die motorische Inner- 
vation, zu der der Trieb drängt, gehemmt wird, sondern wenn 
der Hemmungsvorgang noch früher einsetzt und der Trieb- 
anspruch von dem Bewußtseinssystem ausgeschlossen, also 
verdrängt wird. So schützt sich das Ich nicht nur vor 
den unlustvollen Folgen einer eventuellen Triebbefriedigung, 
oder genauer; vor Enttäuschungen und Unlust-Erlebnissen, 
mit denen seine unvollkommenen Befriedigungsversuche ver- 
bunden wären, sondern sogar vor der Angstentwicklung, 
welche bei Bewußtwerden der Triebrepräsentanten und der 
Erinnerungsbilder an früher mißlungene Versuche auftreten 
würde. Die Schwäche des Ichs, das einem fast vollständig, 
aber frühzeitig entwickelten Triebleben gegenüber steht, macht 
die Zeit der frühen Kindheit (die infantile Sexualität und die 
Latenzzeit) zur gewaltigsten Verdrängungsperiode. Neben der all- 
gemeinen Tendenz des Ichs, sich von Reizspannungen zu befreien, 
bildet also seine Schwäche in der Kindheit noch eine besondere 
Begünstigung der Verdrängungen. Man könnte sogar sagen, daß in 
der Kindheit die Verdrängung die a d ä q u a t e Reaktion des Ichs 
ist, weil es zu der psychisclien Verarbeitung gewisser Trieb- 
ansprüche noch unfertig ist. Es kann mit einem großen Teil der 
Triebansprüche nichts anderes anfangen, als sie verdrängen. 



Der Wiederholungszwanj; als Äußerung des Trägheitsprinzips 33 

Dieser genetischen Beschreibung des Automatischwerdens 
der Triebabwehrfunlctionen hegt ein allgemeines Prinzip 
zugrunde, auf das ich bereits früher hinwies und das ich an 
einer anderen Stelle das B reu er-Fr eud sehe Trägheits- 
prinzip genannt habe. In seiner Bestrebung, sich von Reiz- 
spannungen zu befreien, trachtet der seelische Apparat danach, 
freie seelische Energievorgänge in tonische 
zu verwandeln. Alle jene Triebbewältigungsvorgänge 
in dem Bewußtseinssystem, die auf dem Vergleichen von 
Erinnerungsbildern mit rezenten Wahrnehmungen der Außen- 
welt beruhen, also kurz ausgedrückt, die auf bewußten 
Urteilsfunktionen beruhen, sind Vorgänge mit frei- 
beweglichen Energien. Sie bedeuten eine ständige feine 
Anpassung an die jeweilige äußere Situation. Gelingt es, das 
Resultat solcher Urteilsfunktionen durch einen automatischen 
Vorgang zu ersetzen, welcher ohne Bewußtseinsvorgänge 
abläuft, aber das Ergebnis früherer Urteilsfunktionen, also 
früherer Energieleistungen, in einer tonischen Form enthält, 
so wird damit dem Seelenapparat eine neue aktive Leistung 
erspart. Es wird einfach mechanisch das wiederholt, was man 
einmal in dem tastenden Kampf mit der Realität und den eigenen 
Triebansprüchen als zweckentsprechend, d. h. reizentspannend, 
mühselig gefunden hat. Das Ergebnis des tastenden mühseligen 
Anpassungskampfes wird in tonischer Form aufbewahrt, eine 
aktive psychische Leistung durch einen Automatismus ersetzt. 
In diesem ökonomischen Prinzip, welches die Vermeidung 
der ewig veränderlichen aktiven seelischen Leistungen und 
ihr Ersetzen mit zwanghaft, ohne neue psychische Leistung, 
ablaufenden Wiederholungen bedeutet, erkannte Freud 
die psychische Form des allgemeinen Trägheitsgesetzes und" 
nannte es Wiederholungszwang. 



34 Die Psydie formt den Körper 

Auch die reflektorischen oder automatischen Abwehr- 
mechanismen gegen äußere Reize sind als Erstarrungsprodukte 
ehemaliger psychisch bedingter Innervationen durch den 
Wiederholungszwang entstanden. Und ebenso ist auch die 
Verdrängung ein automatisch, unbewußt, ablaufender Ab- 
wehrvorgang, aber nicht einer gegen äußere, sondern gegen 
innere Reize. Sie ist unabhängig von der Änderung der Situation 
und sie ist als die zwanghafte Wiederholung eines ehemahgen 
Bewußtseins Vorganges — und zwar der bewußten Triebhemmung 
— so wie der Reflex, die Äußerung des Wiederholungszwanges. 
Wie primitiv auch jene Urteilsfunktionen sein mögen, welche 
das Kind zu der ersten Triebabwehr drängen, so bedeutet 
trotzdem das Ersetzen dieser beweglicHen psychischen 
Vorgänge mit den tonischen Vorgängen der Verdrängung 
eine Ersparnis an aktiver Energieleistung. Die Verwandlung 
der bewußten Verurteilung, die auf Wahrnehmungen beruht, 
in den unbewußten Verdräng ungs Vorgang, ist ein typisches 
Beispiel für die Überführung von beweglichen psychischen 
Energien in tonische. IMan darf annehmen, daß diese 
Überführungstendenz zur stetigen Abnahme der freibeweglichen 
psychischen Energien führen muß und der allgemeinen 
biologischen Entwicklungsrichtung entspricht: der Körper- 
werdung der Psyche. Das Unbewußte ist nach Freud 
bereits ein Zwischending zwischen Körper und Psyche. 

Wir vermuten hinter dieser Gesetzmäßigkeit eine Äußerung 
des allgemeinen Naturgesetzes: des Entropiegesetzes. Dieselbe 
Tendenz, die frei bewegliche psychische Energievorgänge ins 
tonische überführt, beherrscht auch die physikalischen Natur- 
vorgänge und kommt in jener Formulierung des Entropie- 
gesetzes zum Ausdruck, welche die stetige Abnahme der 
freien Energie in geschlossenen physikalischen Systemen 




1 



Der siniwolle Aufbtiu des Körpers ais Ausdrutt der Psydie 35 

behauptet. In der Biologie kommt diese Gesetzmäßigkeit in 
der Bildung des Körpers zum Ausdruck, indem ehemalige 
psychische Vorgänge, die einen Sinn und Zweck gehabt 
haben, zu Reflexen und Automatismen erstarren. So erhält 
das ewige Rätsel der Biologie, der sinnvolle Aufbau des 
Körpers mit allen seinen anatomischen und physiologischen '■ 
Einrichtungen, die den Eindruck machen, als ob der Körper | 
von einem verständigen Geist erschaffen wäre, seine zwanglose 1 
Auflösung; der Körper wurde tatsächlich von einem verständigen 
Geist erschaffen, nur nicht von einem Geist, der außer ihm 
sondern der in ihm lebt und immer in ihm gelebt hat. Der ' 
Körper mit allen seinen Einrichtungen ist das Erstarrungs- 
produkt ehemaliger seelischer Einzelleistungen im Anpassungs- 
kampfe. Im Laufe der biologischen Entwicklung wird Körper 
aus der Psyche. Und so ist auch der Sinn einer körperlichen 
Einrichtung nur aus jenen seelischen Tendenzen zu verstehen, 
die seinerzeit sie" gebildet und geformt haben. 

Denselben Vorgang erkennt die moderne Physik in ihrer 
Auffassung, daß die Materie ein Produkt — vielleicht Ent- 
wicklungsprodukt — körperloser „Tendenzen" ist. 

Doch kehren wir jetzt zu unserem engeren psychologischen 
Arbeitsgebiete zurück. 

Ein großer Teil der Hemmungen geschieht bei dem voll 
entwickelten Seelenapparat bewußt unter dem Einfluß der 
Realangst. Das Verzichten auf Befriedigung gewisser Wünsche 
auf Grund von Unlusterinnerungen wollen wir als bewußte 
Verurteilung bezeichnen und von der Verdrängung, die 
eine Hemmung mit Umgehung des Bewußtseins 
bedeutet, unterscheiden. Wir müssen annehmen, daß die 
letztere von einer inneren Instanz ausgeht, die die hemmende 
Rolle der Realangst im Innern des Seelenapparates über- 

3* 



36 Ablauf des Verdrüngungsaktes 

nommen hat. Dem Auftauchen eines Erinnerungsbildes mit 
dem begleitenden Angstgefühl wird durch eine triebhemmende 
Gegenbesetzung, die von dieser inneren Instanz ausgeht, vor- 
gebeugt. Mit anderen Worten: an Stelle der bewußten Ver- 
urteilung entsteht eine unbewußte Gegenbesetzung. Wir 
müssen dabei hervorheben, daß sowohl die innere Wahr- 
nehmung des Triebes wie seine Hemmung unbewußt geschieht. 
Umfassende psychoanalytische Erfahrung vieler Jahre bestätigte 
nun wiederholt, daß diese unbewußte Hemmung, die Ver- 
drängung, in erster Linie bei solchen Triebregungen angewendet 
wird, die die morahschen und ästhetischen Gesetze verletzen. 
Wir wollen also nur jenen Teil der inneren Hemmungsinstanz, 
welcher diese Gesetze im Innern der Psyche vertritt, Über- 
Ich nennen. Dabei nehmen wir an, daß das Ich auch eine 
vom Über-Ich unabhängige Verdrängungsfähigkeit — oder 
allgemein gesagt — Triebabwehrfähigkeit besitzt. Der Ablauf 
des ganzen Verdrängungsaktes ließe sich etwa so vorstellen, 
daß das Über-Ich die vom Es ausgehende, nach dem Bewußtsein 
vordrängende Tendenz wahrnimmt und dem Ich das Signal 
zum Verdrängen gibt. Das Ich führt diesen Befehl ohne weitere 
Prüfung automatisch aus. Es ist unschwer, diesen Vorgang 
aus der üblichen Erziehung abzuleiten. Diese belegt jene 
Regungen, die der Verdrängung verfallen werden, mit Ver- 
boten, die eine Strafklausel haben. Die Erziehung ahmt in 
dieser Hinsicht die unbelebte Natur nach, die unsere ihr 
nicht angepaßten Triebregungen durch die Verursachung von 
Unlustempfindungen, die in der Erziehung durch die Strafen 
ersetzt werden, hemmt. Mit der Zeit werden aus den Verboten 
und Geboten der Erziehung innere Gesetze und diese ver- 
innerlichte Moral in der Form des Gewissens wird in einem 
großen Maße unabhängig von dem Vorhandensein der 



Verinnerlidiung der Realangst zur Gewissensangst 37 

ursprünglichen verbietenden Person. Die Realangst vor den 
strafenden Erziehungspersonen wird zur Gewissensangst ver- 
innerlicht. Tritt nun eine Regung ins Bewußtsein, die vom 
Gewissen verurteilt wird, so entsteht Gewissensangst. Wird 
jedoch diese Regung noch vor ihrem Bewußtwerden 
gehemmt, aus dem Bewußtsein ausgeschlossen, also ver- 
drängt, so wird die Angstentwicklung erspart. Das Ich paßt 
sich allmählich seinem Gewissen in einer ähnlichen Weise 
an, wie es sich der äußeren Realität angepaßt hat. Um 
Gewissensangst zu vermeiden, verdrängt es solche Tendenzen, 
die das Gewissen zu Strafdrohungen veranlassen könnten. 
Wenn wir die Bildung des Gewissens als eine Anpassung an 
die soziale Realität auffassen, so können wir bei der Ver- 
drängung von einer ähnlichen Anpassung an das eigene 
Gewissen sprechen. Durch die Verinnerlichung der Realangst 
zur Gewissensangst wird aus dem äußeren Konflikt mit der 
Realität ein innerer Konflikt mit dem eigenen Gewissen. 
Während der äußere Konflikt mit der Realität durch eine 
bewußte Innervationshemmung vermieden wird, ver- 
hütet die Verdrängung den Konflikt mit dem eigenen Ge- 
wissen. Um den Konflikt mit der Realität zu beseitigen, 
genügt es, die Handlung, d. h. die Ausführung des realitäts- 
freraden Wunsches, zu hemmen; um dem Gewissenskonflikt zu 
entgehen, muß sogar das Bewußtwerden des Wunsches 
verhindert werden, weil das Gewissen nicht nur auf Taten, 
sondern schon auf Wünsche reagiert. Funktioniert der Ver- 
drängungsmechanismus unvollständig, so entsteht Gewissens- 
angst. Wir müssen demnach eine doppelte Verinner- 
lichung des Konfliktes der Triebe mit der Realität annehmen. 
Zuerst werden die triebhemmenden Erziehungspersonen als 
Gewissen verinn erlicht, und dann wird die bewußte Gewissens- 



3^ I^as Über-ldi ist das unbewußte Gewissen 



hemmun^ ins Unbewußte versenkt. Und dieser sich in das 
Unbewußte fortsetzende Teil des Gewissens, der den Stand- 
punkt des früher bewußten Gewissens nunmehr unbewußt 
vertritt, ist jene unbewußte Instanz, die wir Über-Ich nannten. 
Auf Grund dieser Darstellung wäre also das Über-Ich der 
unbewußt gewordene Teil des Gewissens, ein Vorposten 
des Gewissens gegenüber dem Triebleben, der dieselbe 
Funktion wie das Gewissen ausübt, nur daß seine Wirkung 
unbewußt ist, wodurch der bewußte Gewissenskonflikt, der 
Kampf zwischen den sich durchsetzen wollenden Trieben 
und der angstvollen Verneinung, vermieden wird. Wir können 
es so ausdrücken, daß jede Verdrängung dem Menschen einen 
bewußten Gewissenskonflikt erspart oder wenigstens ersparen 
sollte. Demnach müssen wir annehmen, daß einmal an Stelle 
der Verdrängung der bewußte Gewissenskonflikt und dessen 
Folge, das bewußte Verzichten, vorhanden war. Der bewußte 
Konflikt wird im Laufe der Individualentwicklung, durch Wieder- 
holungen und der Tendenz des Bewußtseinssystems folgend, sich 
von unlustvollen Konflikten zu befreien, ins Unbewußte versenkt. 
Ähnlich wie in unserem „Kerzenbeispiel" eine Bewegung 
automatisch gehemmt wird, wird eine Triebregung durch die 
unbewußte Gewissensreaktion sozusagen unbewußt ver- 
neint. Diese unbewußt verneinende Instanz ist das Über-Ich. 
Sein Verhältnis zum bewußten Gewissen ist ein ähnliches, 
wie das Verhältnis des Gewissens zu den Erziehern. Wie die 

Anforderungen derletzterendurchldentifizierungmitihnen zuerst 
in das bewußte Ich aufgenommen werden, um den Konflikt mit 
ihnen zu vermeiden, — was zur Bildung des Gewissens führt, — 
ebenso wird dann das Gewissen selbst, welches die Rolle der 
Erzieher im Ich übernommen hat, in einer tieferen Schicht 
der Psyche, die dem Triebleben näher steht, noch inniger in 



Die Entwidilung des Begriffes des Über-Idis 39 

die Persönlichkeit aufgenommen. Es wird zur „zweiten Natur". 
So wird es dann möglich, daß die Gewissensansprüche direkt 
auf das Triebleben wirken, ohne daß das Bewußtseinssystem 
in diese Heraraungsaktion hineingezogen wird. 

Ich muß Ihnen gestehen, daß über das Wesen und über die 
Genese des Über-Ichs in der Psychoanalyse die Meinungen 
noch nicht einheitlich sind. Dieser Umstand kommt auch in 
einer gewissen Unbestimmtheit der Terminologie zum Ausdruck. 
Freud hat diesen Begriff zuerst mit der Bezeichnung 
„Ichideal" eingeführt und darunter eine kritische Instanz im 
Ich verstanden, die unsere Handlungen und Gefühle nach 
den moralischen und ästhetischen Normen beurteilt. Seine 
Entstehung erkannte er in der Identifizierung mit den Erziehern, 
in erster Linie mit den Eltern, die diese Normen gegenüber 
dem asozialen Triebleben vertreten. Dieser Identifizierungs- 
und Introjektionsvorgang bedeutet also soviel, daß das Kind 
einen Teil der triebhemmenden Strebungen der Außenwelt, 
d. h. die Verbote der Eltern, angenommen hat und jetzt sich 
selbst verbietet, was früher außer ihm stehende Personen 
ihm verboten haben. 

Erst neun Jahre später im „Das Ich und das Es", 
als er auf das Unbewußtsein vieler unserer moralischen 
Gefühle hingewiesen hat, schlug Freud vor, diese Instanz 
Über-Ich zu nennen, und leitete von ihm das unbewußte 
Strafbedürfnis ab. Er hob die intime Beziehung des Über-Ichs 
zu dem Triebleben hervor, aus der nur erklärt werden kann,, 
daß ein Strafbedürfnis für Tendenzen und Wünsche entsteht^ 
die nicht im Bewußtsein erscheinen. Seine Identität mit der 
schon früher entdeckten Traumzensur wird aus dieser seiner 
inneren Wahrnehmungsfähigkeit klar. 

Wir glauben im Sinne der geschilderten geschichtlichen 



40 



Unterscheidung zwisdien Idi-Ideal und Übcr-Idi 



Entwicklung zu handeln, wenn wir vorschlagen, das bewußte 
Gewissen, welches das erste Produkt der Identifizierung, 
der Introjektion der Eltern ist, weiterhin Ichideal zu nennen 
und die Bezeichnung „Über- Ich" für das später unbewußt 
gewordene Ichideal, dessen hemmende Funktion sich nicht mehr 
in der Form eines bewußten Gewissenskonfliktes abspielt, zu 
verwenden. 

Die Behauptung, die dieser ganzen Darstellung wie auch 
diesem terminologischen Vorschlag zugrunde liegt, nämlich, 
daß aus dem bewußten Gewissen mit der Zeit ein im 
Unbewußten wirkendes Gewissen wird, geht nicht nur aus 
unseren psychoanalytischen Grundvorstellungen zwingend 
hervor, sondern sie ist auch durch die tägliche Erfahrung an 
dem heranwachsenden Kinde leicht nachweisbar. Daß das bei 
dem Erwachsenen im Unbewußten wirksame Inzestverbot 
einmal aus der Angst vor dem Vater und aus Schuldgefühlen 
zu ihm entstand, ist doch der Grundpfeiler der psychoanaly- 
tischen Lehre, wie auch die Tatsache, daß dieser ganze Konflikt 
aus dem Bewußtsein erst später vollständig schwindet. Bei 
anderen moralischen Verboten, die nicht in dieser vollständigen 
Weise wie das Inzestverbot ins Unbewußte versinken, kann 
man die allmähliche Automatisierung der Gewissensreaktion 
noch leichter, ja sogar ohne jede Tiefenpsychologie feststellen. 
Das Verbot z. B. „Du darfst nicht stehlen" ist bei dem kleinen 
Kinde zuerst noch eine schwere Gewissensangelegenheit, das 
Objekt eines schwierigen Kampfes zwischen Gewissensangst 
und Versuchung, während später die Versuchung überhaupt 
nicht mehr bewußt wird und die Hemmung des asozialen 
Bemächtigungs trieb es ohne jeden Gewissenskonflikt kategorisch 
erfolgt. In dem Bewußtsein des Londoner Citymans wird eine 
ähnliche Regung überhaupt nicht mehr Raum finden, aber 



i 






Unbewußtwerden des Idi-ldeals 41 

auch ihm, dem klassischen Vertreter der kapitalistischen Moral, 
kann es in der Form einer harmlosen Fehlhandlung passieren, 
daß er den Bleistift seines Geschäftsfreundes zufällig einsteckt 
und damit bezeugt, daß sein Über-Ich noch immer mit solchen 
asozialen Regungen zu kämpfen hat. Zwischen dem „Katego- 
risch''-Werden der moralischen Verbote und der Verdrängung 
ist nur ein gradueller Unterschied. Schon bei dem kategorischen 
Verbot ist der Einfluß des bewußten Urteils ausgeschlossen, 
noch mehr aber bei der Verdrängung. Die Versenkung 
bewußter moralischer Hemmungen ins Unbewußte ist eine 
leicht feststellbare Tatsache, und dieser Tatsache tragen wir 
Rechnung, wenn wir zwischen einem bewußten Ich ideal 
und einem unbewußten Über-Ich unterscheiden. Um so 
berechtigter ist diese Unterscheidung, weil das Über-Ich in 
vieler Hinsicht von unseren bewußten idealen Anforderungen, 
die wir an uns stellen, abweicht. Besonders kraß ist der 
Unterschied zwischen der bewußten Moral und der vom Über-Ich 
vertretenen Moral beim Neurotischen. Ähnlich wie das Gewissen 
von den äußeren Gesetzen unabhängig wurde, wird mit der 
Zeit das Über-Ich von dem bewußten Ichideal mehr oder 
weniger unabhängig. Das letztere macht die g^nze Ichentwicklung 
mit, seine Anforderungen wechseln mit dem Älterwerden; das 
Über-Ich bleibt starr und vertritt die Erziehungsregel, die man 
in der frühesten Jugend erhalten hat. In der letzten Zeit hat 
O d i e r, von der Tatsache der Spaltung zwischen den bewußten 
moralischen Empfindungen und den unbewußten moralischen 
Hemmungen ausgehend, den Vorschlag gemacht, ein Über-Es 
vom Über-Ich zu unterscheiden, wobei er unter Uber-Ich den 
mehr bewußten Teil der moralischen Hemmungsinstanz versteht, 
unter Über-Es wegen seiner nahen Beziehungen zum Es den 
unbewußten Teil. Ich glaube, daß mein terminologischer Vor- 



42 Vorteile und Naditeilc der Trennung der Hemmungsfunktion 




schlag dem psychologischen Sachverhalt ebenso gerecht wird, 
aber die Einführung eines neuen Terminus überflüssig macht 
und die geschichtliche Entwicklung des Freud sehen Begriffes 
Ichideal-Über-Ich voll berücksichtigt. 

Die Erfahrung zeigt nun, daß nur ein Teil der Triebansprüche 
durch den unbewußten Hemmungsapparat reguliert wird, 
während ein anderer Teil weiter der bewußten Urteilsfunktion 
unterliegt. Wir hoben bereits die ökonomische Bedeutung 
dieser Arbeitsteilung, der vorbereitenden auswählenden 
Funktion der Verdrängung, hervor. Wir haben aber auch 
bereits angedeutet, daß neben diesen Vorteilen, welche 
in der Angstvermeidung und in der Arbeitsentlastung des 
Bewußtseins bestehen, diese Arbeitsteilung einen für die | 

Pathologie wichtigen Nachteil hat. Wir möchten fast sagen, 
daß diese Zweiteilung der Ichfunktion die Grundlage der 
Neurosenbildung ist, womit nur die alte Erkenntnis in einer 
anderen Form ausgedrückt wird, daß die Symptombildung ' 

die Folge der Verdrängung ist. Wie diese Differenzierung 
der Ichfunktion zur Grundlage der Neurosenbildung wird, , 

werden wir im einzelnen bei den verschiedenen Erkrankungs- 
formen untersuchen. Soviel ist aber bis jetzt sicherlich schon I 
jedem klar geworden, daß die Trennung der Hemmungsfunktion ■ 
in eine bewußte Verneinung und in eine unbewußte Ver- j 
drängung die Möglichkeit mit sich bringt, daß das Resultat ' 
der Verdrängung, die ohne das bewußte Urteil erfolgt, dem 
letzteren nicht entsprechen wird. Zunächst ist es aber notwendig, I 
das bisher Gesagte durch unsere alltäglichen klinischen Be- 
obachtungen zu beleuchten. 

Auf die oft gestellte Entgegnung der Patienten: wie können ^^ 

wir von einem Widerstand oder von einer Verdrängung sprechen, 
wovon der Patient selbst unmittelbar nichts weiß, höchstens 



Die Verdrängung im Liditc der klinisdien Erfahrung 43 



seine Äußerungen sieht, können wir heute etwas bestimmter 
antworten. Nicht er verdrängt, sondern es verdrängt etwas 
m ihm, ebenso wie nicht er unbewußte Wünsche hat, 
sondern es wünscht etwas in ihm. Die Annahme einer unbe- 
wußten Verdrängungsinstanz ist keinesfalls spekulativer, wie 
die Annahme des unbewußten Trieblebens. Die Beobachtung 
ihrer Äußerungen zwingt uns zu ihrer Annahme. Die erste 
Gegenüberstellung zwischen dem Ich und den unbewußten 
Triebkräften war also ungenau. Eine direkte Verbindung 
zwischen dem bewußten Ich und dem Triebleben ist vielleicht 
überhaupt nicht, sicherlich aber nicht voll vorhanden. Wir 
waren früher gewöhnt, zu sagen, daß eine seelische Tendenz 
entweder bewußt wird oder unbewußt bleibt, je nachdem das 
bewußte Ich davon wissen will oder nicht. Die elementarsten 
Erfahrungen jeder psychoanalytischen Sitzung widersprechen 
dieser Formulierung. Denken Sie nur an den Verlauf einer 
beliebigen Kur. Der Patient bringt freie Einfälle und Sie 
erkennen aus diesen den dynamischen Hintergrund, z. B. gewisse 
unbewußte, feindselige Tendenzen. Sie sehen dann einmal den 
Zeitpunkt geeignet, die Aufmerksamkeit des Patienten auf 
diese ihm verborgenen Regungen zu lenken. Nehmen wir den 
günstigen Fall an, daß er diese Zusammenhänge versteht und 
sie als intellektuell zwingend anerkennt. Er wird dann zum Bei- 
spiel sagen; „Ja, ich sehe es ein, es muß schon so sein, daß 
ich gegen Sie im Unbewußten feindselige Tendenzen habe,, 
aber ich fühle nichts davon, weiß nichts davon." Wenn eine 
solche unbewußte feindselige Einstellung während der Kur ' 
genügend klar und sicher erkannt worden ist, wird der 
Patient damit ganz vertraut, spricht davon wie von einer 
Tatsache, wird sie vielleicht sogar bei jeder neuen Aufierung 
agnoszieren. Es wird dann eine fa^on de parier, „ich hasse Sie 



44 Unbefeiligtsein des bewußten Iths in der Verdrängung 

im Unbewußten", ohne daß er von diesem Haß unmittelbar 
etwas verspüren würde. Wir müssen also zugeben, daß er 
bereit ist, diese par excellmce ichfremde Aggression gegen 
den Arzt, der ihm helfen will, zu sehen, doch sein guter 
Wille nützt ihm gar nichts. Etwas in ihm verhindert, daß diese 
Aggression ins Bewußtsein eintritt, und diese verhindernde 
Instanz ist selbst unbewußt. Wir sehen daraus, daß das 
bewußte Ich keine unmittelbare Beziehung zu dem unbewußten 
Triebleben hat. Es anerkennt bereits wie in unserem Beispiel 
eine ihm nicht angenehme Regung, wie die aggressive gegen 
den ihm helfenden Arzt, aber etwas, was scheinbar noch 
moralischer ist als seine bewußte Persönlichkeit, verhindert 
das Bewußtwerden dieser Regung. Wir werden sehen, daß 
gerade diese Übermoralität der Verdrängungsinstanz es er- 
möglicht, daß die vom Bewußtsein ausgeschlossene unmoralische 
Tendenz in einer verhüllten Form erhalten bleibt und sogar 
in der Form von Fehlhandlungen zu aggressiv gefärbten 
Taten führen kann. Nicht das bewußte Ich bestimmt also, 
was ins Bewußtsein eintreten soll oder nicht. Die klinischen 
Tatsachen der Verdrängung zwingen uns zur Annahme der 
imbewußten verurteilenden Instanz, die eine innere Wahr- 
nehmungsfähigkeit besitzt. 

So wird uns erst die Grunderfahrung der psychoanalytischen 
Neurosenlehre verständlich, daß das Resultat der Verdrängung 
in der Neurose für das Ich unzufriedenstellend ausfällt. Manche 
Neurotische sind z. B. in solchen Handlungen gehemmt, wie 
sprechen, schreiben, gehen, arbeiten usw., die sie mit ihrem 
bewußten Ich bejahen. Das Gehemmtsein empfinden sie als 
Krankheit. Das ist nur dadurch möglich, daß diese Hemmungen 
ebenso wie die Verdrängungen nicht vom bewußten Ich selbst 
veranlaßt werden. Die Ursache der Unzufriedenheit des Ichs 



Überstrenge und Bestedilichkeit des Über-Idis 45 

ist eine doppelte. Die unbewußte, verdrängende Instanz, deren 
auswählende, urteilende Funktion bei dem Neurotischen von 
dem bewußten Urteil oft völlig verschieden ist, schließt auch 
solche Tendenzen vom Bewußtsein, also auch von der Motilität 
aus, die keinesfalls als ichfremde bezeichnet werden können. 
Das bekannteste Beispiel ist die Sexualverdrängung, die mit 
dem Inzestwunsch zusammen die gesamte Sexualität knebelt. 
Auf diesem schematischen Vorgehen des Über-Ichs beruhen 
alle Vorgänge der neurotischen Hemmungen. An einer anderen 
Stelle (Metapsychologische Darstellung des Heilungsvorganges; 
Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse Bd. XI, 1925) 
versuchte ich besonders diese schematische oder auto- 
matische Funktionsweise der Verdrängungsinstanz hervor- 
zuheben. Eine Dysfunktion des Über-Ichs besteht also darin, 
daß das Ich in seinem Auftrage oft mehr verdrängt als 
die bewußte Persönlichkeit, das bewußte Ichideal, erfordern 
würde. Die andere Ursache der unzureichenden Funktion des 
Über-Ichs bei den Neurosen besteht in einer Art Bestechlich- 
keit. Man gewinnt oft tatsächlich den Eindruck, als ob es in 
einem Geheimbündnis mit dem Es stünde, da es oft solche 
Gedanken und Wünsche im Bewußtsein duldet, welche das 
Ich streng verurteilt. Denken Sie nur an gewisse Zwangs- 
gedanken mit kraß asozialem Inhalt, wie Mordgedanken gegen 
nahestehende, geliebte Personen. Oft werden sogar in Form 
von Fehl- und Zwangshandlungen völlig ichfremde Tendenzen 
realisiert. Doch abgesehen von diesen besonders durchsichtigen 
Fällen wissen wir ja, daß jedes neurotische Symptom eine 
Ersatzbefriedigung von ichfremden Tendenzen bedeutet, eine 
Wiederkehr des Verdrängten. Wir können in diesen Fällen 
also von einer mißglückten Verdrängung sprechen. Wenn also 
die früher beschriebene Dysfunktion des Über-Ichs in einem 



46 



Autonomie des Über-Idis 



)r 



schematischen Zuvielverlangen bestand, so müssen wir jetzt 
fragen, wieso es möglich ist, daß unter der Herrschaft eines so 
strengen Über-Ichs die Verdrängung schließlich doch unzu- 
reichend ausfällt, oft so unzureichend, daß sogar kraß ich- 
fremde Regungen in unverhüllter Form bewußt werden können. 
Dieser Widerspruch zwischen der formalen Strenge und 
der unzureichenden Hemmungsfunktion erweckt den Anschein 
einer Art Bestechhchkeit. Die äußerliche Strenge und die 
Bestechhchkeit ist ein typisches Ensemble, das wir bei 
korrupten Beamten so gut kennen. Wir werden tatsächlich auch 
sehen, daß das Zuviel- und das Zuwenigverdrängen miteinander 
in einem kausalen Zusammenhang stehen und bei jeder Neurose 
gleichzeitig oder nacheinander vorhanden sind und zu den 
psychologischen Grundlagen der Neurosenbildung gehören. 

Die ursprüngliche Aufgabe der Verdrängung wäre, die 
Interessen des Ichs gegenüber den Triebansprüchen zu be- 
wahren und das bewußte Ich von der Regelung des Trieblebens 
2u entlasten. Das Über-Ich, seiner Natur nach ein kategorischer 
Imperativ, sollte gewährleisten, daß den Anforderungen der 
sozialen Realität ohne Nachdenken automatisch entsprochen 
wird. Es ist ja seiner Genese entsprechend, als der Nieder- 
schlag der Erziehung, der innere Vertreter der sozialen 
Realität. Nur bei den Neurosen entspricht es seinen Aufgaben 
nicht und mißbraucht seine weitgehende Unabhängigkeit von 
dem bewußten Ich, handhabt seine Autonomie in einer Weise, 
daß ein Zustand entsteht, den das Ich als Krankheit 
empfindet. 

Schon aus diesen Überlegungen geht hervor, daß wir 
bei den Neurosen von einer Dysfunktion der Verdrängung 
sprechen dürfen. Ich möchte heute diese Behauptung noch 
näher begründen, jedoch zunächst nur im allgemeinen. Später 



Spaltung in der neurotisdien Pcrsönlidikeit 47 

werden wir dann die Rolle des Über-Ichs bei den verschiedenen 
Neurosenformen besprechen, soweit dies bei dem heutigen 
Stand unserer Kenntnisse möglich ist. 

Formulieren wir unsere Behauptungen noch einmal. Die 
Anforderungen des Über-Ichs und des bewußten Ichs — oder 
seines bewußten Ideals — sind nicht kongruent. Bei dem 
Neurotischen keinesfalls, bei dem Gesunden nur bis zu einem 
gewissen Grade. Kine Ausnahme bildet vielleicht der Grenz- 
fall der idealen Gesundheit. Wenn der Standpunkt des Ichs 
und des Über-Ichs immer kongruent wäre, so würde das 
Ergebnis der Verdrängung und des bewußten Urteils immer 
zusammenfallen. Je größer die Inkongruenz zwischen dem 
Standpunkte des bewußten Ichs und des Über-Ichs ist, um so 
größer die neurotische Spaltung in der Persönlichkeit. Um 
diese Behauptung gründlich überprüfen zu können, betrachten 
wir im allgemeinen die Folgen der Verdrängung, d. h. das 
Schicksal der verdrängten Triebregungen. Darüber wissen 
wir ja recht viel. Dadurch, daß ein Triebanspruch an seiner 
adäquaten Befriedigung verhindert wird, wird er noch 
keinesfalls aufgegeben, er bahnt sich nur neue Abfuhrwege, 
die die Zensur des Über-Ichs passieren können. Wir unter- 
scheiden unter diesen Äußerungsformen verdrängter Regungen 
normale, die Sublimierungen, und pathologische, die 
neurotischen Symptome. Doch wie wir sie auch bewerten, 
ein wichtiges gemeinsames Merkmal haben sie alle: sie sind 
modifizierte oder wenigstens verhüllte Äußerungen von ver- 
drängten, also vom Über-Ich verurteilten Tendenzen. Die 
Änderung, die der ursprüngliche Triebanspruch erfährt, entsteht 
also unter dem Drucke des Über-Ichs, diese Änderung macht 
erst die Triebabfuhr möglich. Sie ist bei den Sublimierungen 
viel tiefer gehend, viel gründlicher als bei den neurotischen 



48 



Sublimierung und Symptom 



Symptomen, in denen der ursprüngliche ichfremde Trieb 
nicht aufg-egeben, auch nicht wesentlich verändert, nur ver- 
hüllt wird. Dieser Unterschied ist für die Auffassung der 
Neurosen sehr wichtig und wird uns noch später beschäftigen. 
Doch ganz unerwähnt können wir ihn auch jetzt nicht lassen. 
Bei allen Sublimierungen sehen wir, daß der ursprüngliche 
Trieb weitgehend modifiziert wird. Er gesellt sich zu anderen 
nicht ichfremden Tendenzen und passiert in dieser guten 
Gesellschaft die Zensurgrenze. Er erhält eine deuüiche 
soziale Note. Denken Sie z. B. daran, wie in dem Sport der 
Wunsch zum Erschlagen, zum Knock-out modifiziert wird, 
oder denken Sie an den Zahnarzt, der seinen Sadismus mit 
dem Heilzweck vergesellschaftet und ihn so schuldlos ausleben 
darf. Die moralischen Ansprüche des Über-Ichs werden durch 
diese soziale altruistische Note befriedigt und dadurch die 
Wiederkehr des Verdrängten in dieser veränderten Gestalt 
ermöglicht. Bei dem neurotischen Symptom wird nur die 
Tat verhindert, doch der Sinn der Ersatzbefriedigungen steht 
dem ursprünglich verurteilten Triebanspruch außerordentlich 
nahe. Die ursprünglich verurteilte Tendenz wird also nicht 
verändert wie bei den Sublimierungen, sondern nur verhüllt. 
Auf diese Konstatierung gründet sich unsere Anklage, die 
wir schon früher angedeutet haben, daß das Über-Ich des 
Neurotischen mit dem Es im Geheimbund steht. Es liegt ihm 
nur daran, daß es scheinbar oder formal den Wortlaut des 
Gesetzes befolgt und dennoch die asozialen Ansprüche des 
Es nach Möglichkeit gewähren läßt. Es erreicht diese geheime 
Absicht durch die verschiedenen Mechanismen der Strafen, 
die wir bei den einzelnen Neurosen formen gesondert unter- 
suchen werden. Nur einen gemeinsamen Zug dieser Mechanismen 
möchte ich heute hervorheben, den ich als die Überstrenge 



Die Bedeutung des Leidens für die Symptombfldung 49 

des Über-Ichs bezeichnen möchte. Sie äußert sich in dem 
erwähnten Zuvielverdrängen und vor al]em in einem merk- 
würdigen Strafsystem. Schon lange wissen wir, daß die 
neurotischen Symptome nicht nur Wunschbefriedigungen sind, 
sondern gleichzeitig Straf mechanismen. Jede Neurose bedeutet 
in erster Linie Leiden, und bei jedem neurotischen Symptom 
ist das allererste und wesentlichste Merkmal, daß es Leiden 
mit sich bringt. 

Meine Damen und Herren, vergessen wir nicht dieses 
wesentlichste Merkmal des Symptoms wegen seiner allzu 
großen Offensichüichkeit. Wir erforschen die tiefsten Tiefen 
der Seele und neigen dazu, das nicht Verborgene zu über- 
sehen. In seinem Werk „Das Ich und das Es" machte uns 
Freud auf einen wichtigen, vielleicht auf den aller wichtigsten 
Faktor, welcher den Patienten am Gesundwerden hindert, 
aufmerksam. Wir berauben den Patienten, wenn wir ihn heilen, 
von der Entlastung seines Schuldgefühls, die ihm die Krankheit 
gewährt. Die Strafen des neurotischen Über-Ichs gewähren 
für die Sünde einen Freibrief, indem das Ich durch sie von 
den Gewissens quälen, von der Gewissensangst frei wird. Die 
Befriedigung einer verurteilten Tendenz in der Form eines 
neurotischen Symptoms wird erst dadurch möghch, daß das 
Symptom gleichzeitig Leiden bedeutet und so die hemmenden 
Schuldgefühle entlastet. Nicht nur im Inhalt der Symptome 
erkennen wir die Selbstbestrafungen, — der Sinn eines Symptoms 
kann unter Umständen eine reine Wunschbefriedigung ohne 
Strafe sein, — sondern die reine Tatsache des Leidens selbst 
bedeutet die Strafe. Und das Leiden ]st jedem Krankheits- 
symptom gemeinsam. Das Über-Ich des neurotisch Erkrankten 
straft nicht gerechtigkeitshalber, aber auch nicht, wie die 
moderne Justiz, um ein abschreckendes Beispiel zu statuieren, 

4 



50 Parallelersdieiiiungen in der Politik 

sondern nur, um durch die Strafe dem Paragraphen des 
Gewissens formal zu entsprechen. Aber gerade dadurch wird 
seine hemmende Wirkung aufgehoben, dem verdrängten Wunsch 
die freie Abfuhr ermöglicht. Darin besteht die Korruption, oder 
wie ich es früher bezeichnete, die BestechHchkeit des neu- 
rotischen Über-Ichs, und dies meinte ich mit dem „Geheim- 
bündnjs mit dem Es". 

Ich möchte nun dieses Geheimbündnis durch eine ähnliche 
Erscheinung im sozialen Leben beleuchten. Den Staat kann 
man mit vielem Recht als eine makrokosmische Wiederholung 
der Ichstruktur betrachten. Wenn man die sozialen Kämpfe 
eines Landes betrachtet, so bekommt man unwillkürlich den 
Eindruck, als ob die extrem radikalen Parteien, die Linke 
und die Rechte, trotz ihrer scheinbar ganz entgegengesetzten 
Programme in einem Geheimbündnis stünden. Sie stimmen 
zusammen in fast allen Fragen und gehen auf ein gemeinsames 
Ziel los, auf die Revolution. Es ist ja psychologisch unwesentlich, 
ob man sie Revolutionäre oder Konterrevolutionäre nennt. Sie 
haben ein gemeinsames Ziel, den Kampf als Selbstzweck. Sie 
verstecken ihre wahren Absichten hinter scheinbar raoraHschen, 
sozialen Motiven, doch das affektive Ziel der Revolution ist 
der wirkliche Beweggrund ihrer Handlungen. Die dünne, 
meistens lückenhafte Schicht der Rationalisierungen kann den 
Psychologen nicht täuschen. Sie provozieren einander gegen- 
seitig und begrüßen jeden provozierten Exzeß der Gegenpartei 
als Erfolg, um damit eine Daseinsberechtigung zu erhalten. 
Der Kampf, die Revolution, ist Selbstzweck geworden, und 
diese Erscheinungen sind Äußerungen von verdrängten Massen- 
instinkten. Die Ungerechtigkeiten der Gegenpartei schaffen 
die scheinbare Berechtigung für exzessive Triebäußerung. Der 
innere Kampf ist an Stelle der produktiven Arbeit getreten. 



Geheimbündnis zwisdien Es und Über-Idi 51 



Soziologen, Publizisten neigen dazu, diese Erscheinungen als 
Erkrankungen des Staatskörpers zu betrachten. Sie treten 
gemäß unserer geschichtlichen Erfahrung nach verlorenen 
Kriegen, nach Schwächung der staatlichen Organisation auf. 
Ganz ähnliche Erscheinungen zeigt die neurotisch gespaltene 
Seele. Das Geheimbündnis zwischen den beiden Gegenparteien, 
zwischen den verdrängten Triebregungen und dem Über-Ich 
ist fest begründet durch das gemeinsame Ziel: die inner- 
psychische Abfuhr von Trieben. Die nach außen 
gerichtete Handlung wird durch den Kampf innerhalb der 
Persönlichkeit ersetzt: Über-Ich und Es kämpfen miteinander. 
Die äußere Versagung, die generelle auslösende Ursache der 
Neurosen, ist dem verlorenen Kriege gleichzusetzen. Die nach 
außen gehemmten erotischen und destruktiven Tendenzen 
werden auf den inneren Schauplatz gedrängt und verursachen 
eine Überbesetzung der Bindungen zv^^ischen den verschiedenen 
Teilen des Ichs. Die innere Politik der Seele wird überhitzt, 
nachdem die außenpolitischen Ambitionen durch den verlorenen 
Krieg, durch die Versagung, durch die Enttäuschung gehemmt 
wurden. Unterstreichen wir diesen Satz noch einmal. Die Neurose 
besteht in erster Linie nicht in den Beziehungen zur Außenwelt. 
Diese Beziehungen, die Störung dieser Beziehungen, leiten die 
Neurose nur ein. Die eigentliche Krankheit ist vorwiegend eine 
innerpolitische Angelegenheit der Seele, ihr Schauplatz die 
gesamte innere Struktur der Persönlichkeit. Wie dieser inner- 
politische Kampf im Ich in den verschiedenen Neurosenformen 
sich gestaltet, werden wir später untersuchen. 

Heute möchte ich nur noch zu unserer Grundbehauptung zu- 
rückkehren, die wir am Anfang aufgestellt haben: zu dem 
ökonomischen Satz, daß gegen die Erkenntnis der verdrängenden 
Kräfte die größten Widerstände sich richten, größere als 



52 



Sdiwierigkeit der Entlarvung des Geheimbündnisses 



gegen die Erkenntnis der verdrängten Tendenz selbst. Ich 
habe mich zuerst als Beweis für diese Behauptung auf die 
kulturgeschichtliche Entwicklung berufen, auf die große Linie 
dieser Entwicklung, nach welcher die Verteidigung des 
Narzißmus auf einen immer engeren Kreis gedrängt wird, in 
dessen Mittelpunkt das Ich steht. In diesem Verteidigungskampf 
werden die Triebe früher geopfert, als die geheimsten Inten- 
tionen des Ichs. Ich habe dazu auch eine psychologische Er- 
fahrung in der individuellen Entwicklung in Parallele gestellt und 
auch hier auf dieselbe Gesetzmäßigkeit hingewiesen. Auch in der 
Individualseele folgt erst auf die Entdeckung der Außenwelt die 
Entdeckung des Selbst. Doch ich glaube, den überzeugendsten 
Beweis liefert die gegebene Darstellung der Neurosen. Die 
klinische Erfahrung zwang uns zur Annahme einer unbewußten 
verurteilenden Instanz, und damit war die Spaltung im Ich 
selbst gegeben. So wurde uns verständlich, daß die Tendenzen 
dieser bei den Neurotischen weitgehend vom Ich unabhängigen 
Instanz von dem Standpunkt des Ichs abweichen können. So 
erklärt es sich, daß das Verdrängungswerk dieser Instanz bei 
den Neurosen von dem Ich abgelehnt werden kann. Die Ab- 
weichung von den Anforderungen des Ichs entsteht durch die 
Korruption dieser Instanz, die trotz Bewahrung einer schein- 
baren Ichgerechtigkeit durch seine überstrengen Strafmecha- 
nismen den Es-Tendenzen Vorschub leistet. Durch die Strafe, 
durch das Leiden macht es den Weg für die verdrängten Ten- 
denzen frei. Diese geheime esgerechte Einstellung des Über-Ichs 
zu entlarven, ist das schwierigste Problem in jeder Neurosen- 
behandlung. Die Entlarvung dieses Geheimbündnisses mit dem 
Es nimmt die letzte und geheimste Position der Neurose^ 
Ich habe diese ökonomischen Verhältnisse bereits in der Mit- 
teilung über einen ökonomischen Traum mechanismus dargestellt. 



Medianlsmus der Traumpaare 53 

Der Kern dieser Beobachtung war, daß besonders deutliche, 
unverhüllte Inzestträume und Pollütionsträume oft erst dadurch 
möglich werden, daß in derselben Nacht ein Straftraum voran- 
geht, in welchem das Über-Ich seine Straftendenzen austobt, 
dadurch eine vorangehende Absolution verschafft und so den 
Weg für die Sünde freimacht. Ich habe seitdem die Sammlung 
solcher Traumpaare beträchthch bereichern können. Heute 
möchte ich aber diese ökonomischen Verhältnisse durch ein 
noch viel durchsichtigeres und außerordentlich krasses Beispiel 
beleuchten. Ich wähle als Beispiel nicht einen' analysierten 
Fall, sondern eine Lebensbeobachtung an einem neurotisch 
Erkrankten. 

Der geistig hochentwickelte Mann in mittlerem Alter litt 
an einer schweren Depression, welche sich aus dem 
erfolglosen Kampf um seine Existenz entwickelte. Er stammte 
aus wohlhabender, sozial hochstehender Familie und heiratete 
aus einer anderen sozialen Schicht. Nach dieser Ehe wollte 
der Vater und die ganze Familie nichts mehr von ihm wissen. 
Der einige Jahre dauernde Existenzkampf endete wegen der 
neurotisch bedingten Hemmungen erfolglos mit dem völligen 
seelischen Zusammenbruch. Ich riet ihm, eine Analyse bei 
einem Kollegen zu beginnen, weil ich selbst in persönlichen 
Beziehungen zu ihm und zu seiner Familie stand und sein 
Vorleben gut kannte. Er entschloß sich nur schwer dazu. 
Eines Abends, als der Entschluß zu dem Beginn der Analyse 
fallen sollte, wollte er mich besuchen, um noch einmal das 
Ftlr und Wider zu besprechen. Er kam jedoch nicht, weil er 
in der Nähe meines Hauses von einem Auto überfahren wurde. 
Er wurde mit vielfachen schweren Verletzungen in ein Kranken- 
haus gebracht. Erst am darauffolgenden Tage erfuhr ich vom 
Unglück. Als ich den im Spital in der dritten Klasse Liegenden 



V 



54 Eine Bcobaditung aus dem Leben 



r 



aufsuchte, fand ich ihn wie eine Mumie in viele Verbände 
eingewickelt. Er konnte sich nicht rühren und aus seinem 
Gesicht leuchteten nur die Augen in euphorischem Glänze 
hervor. Er befand sich in guter Stimmung, befreit von der 
drückenden Depression der letzten Tage. Der Kontrast zwischen 
• seinem körperlichen Zustand und seinem seelischen Wohl- 
X befinden war geradezu frappant. Die ersten Worte, mit denen 

er mich empfing, waren die folgenden: „Nun habe ich genug 
gelitten, nun habe ich für alles bezahlt, jetzt werde ich dem 
Vater endlich meine Meinung sagen." Er wollte mir sofort 
einen entschlossenen Brief an den Vater diktieren, in welchem 
er die Herausgabe seines mütterlichen Erbteils fordert. Er 
war voller Pläne und dachte, ein neues Leben anfangen zu 
können. Die ökonomischen Verhältnisse liegen bei diesem 
Falle offen zutage. Er wollte die Analyse durch eine andere 
Kur ersetzen, — durch den Autounfall — um von dem Drucke 
seiner Schuldgefühle befreit zü werden. Anstatt diese Schuld- 
gefühle zu erkennen, agierte er. 

Sie kennen dieses Bild von Freud aus der manisch- 
depressiven Neurose. Nur daß dort derselbe Mechanismus tief 
verborgen im Ich selbst liegt, während er hier offen zutage 
tritt. Auf die tyrannische Strafperiode, in welcher das Über- 
ich seine sadistischen Straforgien feiert, folgt die manische 
Periode der Befreiung. Das tyrannische Über-Ich ist abgesetzt 
und die verhüllten Tendenzen des Es toben sich ungehemmt 
aus. Nun sehen Sie hier meine frühere ökonomische Behauptung 
klar bestätigt. Der bisher verdrängte Haß gegen den Vater tritt 
ungehemmt ins Bewußtsein, wenn das Strafbedürfnis befriedigt 
ist. Doch dieses Strafbedürfnis selbst bleibt weiter unbewußt ■ 
Die analytische Aufgabe in diesem Fall besteht nicht darin, 
den bisher verdrängten Haß gegen den Vater bewußt zu 



Die Strafe begünstigt die Sünde 55 

machen, — er ist ja schon bewußt Die zu lösende Aufgabe 
ist, die Straftendenz bewußt zu machen, dem Kranken klar zu 
machen, daß sein Autounfall ebenso wie seine mißglückten 
Existenzkämpfe von ihm selbst beabsichtigt waren. Das will ernicht 
einsehen. Dagegen setzt er den großen Widerstand, weil diese 
Einsicht den ganzen neurotischen Mechanismus zerstören würde, 
der ledighch darin besteht, durch das Leiden das Recht zum 
Hassen zu erkaufen. 

Ich glaube, daß dieses für die Symptombildung so überaus 
typische Beispiel Ihnen genügend klar gemacht hat, wie ich 
den kausalen Zusammenhang zwischen der Übtrstrenge des 
Über-Ichs und dem Zustandekommen des neurotischen Symptoms 
auffasse. Das Zuviel-Verdrängen führt zu einer Stauung im 
Triebleben, zu einer überhitzten revolutionären Atmosphäre, 
aus der das neurotische Symptom als Reaktion, als Durchbruch 
des Verdrängten entsteht. Und dieser Durchbruch wird gerade 
durch das strenge Strafsystem ermöglicht. Die Wirkung dieser 
Überstrenge und des Strafsystems ist ähnlich wie die Wirkung 
eines überstrengen, auf Bestrafung aufgebauten Erziehungs- 
systems. Das Kind merkt bald, daß seine verbotenen Taten 
durch die dafür erhaltenen Strafen ausgeglichen werden, auch 
im moralischen Sinne. So wird es bald die Strafen gerne auf 
sich nehmen, um dadurch für begangene Sünden absolviert zu 
werden. Es sündigt dann schon mit dem Hintergedanken, es 
wird ja sowieso dafür bestraft. Je schematischer dieses 
Erziehungssystem angewendet wird, um so eher wird dann die 
Situation entstehen, daß man sogar Strafen, die vielleicht über- 
streng und ungerecht waren, für die Exkulpation zukünftiger 
Sünden gerne in Empfang nimmt Und damit entsteht die wahr- 
haftig paradoxe Beziehung zwischen dem Kind und dem Erzieher, 
nämlich daß dieses Strafen provoziert, um dann frei sündigen 



5Ö Neurose und Erziehung 



zu können. Die Strafe ermöglicht es so, das Verbotene zu 
begehen. Unsere ganze psychoanalytische Erfahrung über den 
Sinn der neurotischen Symptome hat uns gelehrt, daß alle 
neurotischen Symptome die Befriedigung solcher in der Kind- 
heit verbotenen Wünsche darstellen. Und jetzt sehen wir, daß 
diese Befriedigung in derselben Weise zustande kommt, wie 
wir es eben bei einer mißlungenen und unpsychologischen 
Erziehung geschildert haben. Die Überstrenge, das Strafsystem 
des Über-Ichs, spielt dieselbe Rolle bei der Symptombildung, die 
der unpsychologische Erzieher bei dem Mißlingen der Erzie- 
hung gehabt hat. Diese Übereinstimmung ist nicht erstaunlich. 
Wir kennen ja die Genese des Über-Ichs während der Erzie- 
hung. Es ist ja zum großen Teile ein Produkt der Erziehung. 
So bekräftigt diese neue Erkenntnis über die Rolle des Über- 
Ichs bei der neurotischen Symptombildung eine alte und viel- 
seitig begründete Annahme der Psychoanalyse, die in dem 
Zustandekommen der Neurosen den infantilen Eindrücken und 
vor allem den erzieherischen Eindrücken (z. B. Kastrations- 
drohung) eine so wichtige Rolle zuschreibt. Man könnte diese 
Erkenntnis auch so ergänzen und präzisieren, daß, vielleicht 
noch viel häufiger als einzelne traumatische Eindrücke der 
Jugend, der ganze erzieherische Geist des Elternhauses das 
innere neurotische Regime in der Psyche bedingt. Die patho- 
logische Beziehung zwischen Über-Ich und Triebleben ist das 
Spiegelbild der frühinfantilen Beziehungen des Kindes zu seiner 
unpsychologischen Umgebung. 

Wir deuteten bereits an, daß der von uns beschriebene 
Mechanismus der Symptom bildung im Grunde mit dem von 
Fr e u d erkannten Mechanismus der manisch - depressiven 
Zustände identisch ist. Er gilt jedoch für alle Neurosenformen, 
wenn auch seine Äußerung bei den einzelnen Formen ver- 



Mißbraudi des Leidens als Müderungsgrund 57 

schieden ist. Während neurotisches Ausleben verdrängter Ten- 
denzen und die Strafen bei den zirkulären Neurosen auf 
zwei große Perioden verteilt sind, auf die manische 
und auf die depressive Periode, ist bei der Zwangsneurose die 
Strafe und das Ausleben in der gleichenZeit, man könnte 
fast sagen, oszillierend vorhanden, doch noch immer auf ver- 
schiedene Symptome verteilt. Bei dem konversionshysterischen 
Symptom ist die Bedeutung eines einzigen Symptoms eine 
doppelte, das Symptom hat gleichzeitig eine Wunsch- und eine 
Strafbedeutung. Alle diese drei Mechanismen kennen wir auch 
aus dem Traumleben. 

Es wird uns jetzt vollkommen klar, warum diese im geheimen 
die Befriedigung der verdrängten Wünsche begünstigenden 
Straf tendenzen des Über-Ichs von der neurotischen Seele so 
zäh verteidigt werden; wir verstehen, warum sie sich an ihre 
qualvollen Leiden so zäh klammert. 

Die schwierigste Aufgabe für den Menschen ist, die eigenen 
asozialen Tendenzen ohne mildernde Umstände einzusehen. 
Auch in der Gesellschaft gibt es keine Sünde, welche man 
unter gewissen mildernden Umständen nicht nur für entschuldbar, 
sondern manchmal sogar als berechtigt beurteilen würde. 
Und diese mildernden Umstände verschafft sich der Mensch 
durch die Selbststrafen, durch das Leiden der Neurose. Er ist eher 
gewillt, unbewußte, ichfremde Tendenzen sich einzugestehen, 
— in unserem Falle geschah ja das spontan, — als die 
letzte narzißtische Souveränität seines inneren Gerichtshofes 
aufzugeben, der selbst im eigenen Wirkungskreis die Strafen 
verteilt und Sünden begnadigt. 



\ 
j 



ZWEITE VORLESUNG 

Die Rolle des Idis in der Neurose — Der hysterisdie und 
der paranoisdie Medianismus 

■jt /feine Damen und Herren! Am letzten Abend sind wir 
■^'■'- zu dem Schlüsse gelangt, daß, wenn wir das Entstehen 
des neurotischen Symptoms verstehen wollen, wir das Verhalten 
des Über-Ichs als einer unbewußt urteilenden Instanz kennen 
lernen müssen, von der die Aufforderung an das Ich zum 
Verdrängen ausgeht. Wir haben festgestellt, daß das bewußte 
Ich mit dem eigentlichen Verdrängungsakt unmittelbar nichts 
zu tun hat, daß die verantwortliche Stelle für die Verdrängung 
jene Zensurstelle ist, welche eine intimere Beziehung zu dem 
Unbewußten hat, als das bewußte Ich selbst. Wir sahen ja, 
daß das bewußte Urteil keine direkte Beziehung zu den ver- 
drängten Tendenzen hat, da nicht das bewußte Urteil darüber 
entscheidet, was verdrängt werden soll, so daß nicht nur Ich- 
fremdes, sondern oft auch Ichgerechtes mitverdrängt wird. Es 
ist also klar, daß, wenn wir das Entstehen des neurotischen 
Symptoms verstehen wollen, wenn wir wissen wollen, wie 
verdrängt wird und wie das Verdrängte in Ersatzbefriedigungen 
Abfuhr findet, wir jene RichÜinien der verdrängenden Instanz 
kennen müssen, nach welchen sie Tendenzen aus der Motilität 
ausschließt, und jene Bedingungen, nach welchen sie die 
modifizierten verdrängten Tendenzen zur Ersatzbefriedigung 



Die Rolle des Idis 59 



zuläßt. Wir haben eine schwerwiegende, wohlbegründete 
Anklage gegen das Über-Ich erhoben, daß es bei diesen 
Richtlinien und Bedingungen nur scheinbar die Anforderungen 
der bewußten Persönlichkeit befolgt, im geheimen jedoch 
dem Es Vorschub leistet, da das Ergebnis seiner VerdrSngungs- 
leistung, das neurotische Symptom, den Es-Tendenzen näher 
liegt als dem Ich. Das letztere verurteilt ja das Symptom. Wir 
haben ferner einen allgemeinen, für jedes neurotische Symptom 
charakteristischen Mechanismus beschrieben, mit welchem das 
Über-Ich den Schein seiner Pfhchterfüllung bewahrt und trotz- 
dem den Es-Tendenzen den Weg freimacht. Dieser ist der Straf- 
mechanisraus, der einen nie fehlenden Wesenszug jeder Neurose 
ausmacht. Er äußert sich in der Tatsache des Leidens. Durch 
die Leidensverursachung befreit sich das Über-Ich von der 
Anklage der Mitschuld, es kann sich ja immer auf das Leiden, 
auf die Strafe berufen, welche es über die gesamte Persönlichkeit 
verhängt hat. Und in der Tat wird diese Entschuldigung sogar 
vom bewußten Ich akzeptiert. Das Ich leidet und schweigt, 
stellt keine Nachforschungen darüber an, wie das Leiden 
zustande kam, erklärt sich ohnmächtig gegen die Krankheit 
Dieses Verhalten macht uns aber das Ich selbst etwas verdächtig. 
Vielleicht ist es doch irgendwie mitschuldig an der Krankheit? 
Setzen wir unsere Nachforschungen fort. Nicht umsonst ver- 
gleichen uns unsere Patienten im Traum mit einem Unter- 
suchungsrichter oder mit einem Detektiv. 

Der Arzt der unpsychologischen Periode der Medizin hat 
die Mitschuld der bewußten Persönlichkeit an der neurotischen 
Erkrankung instinktiv immer gefühlt, nannte diese Erkrankungen 
Einbildungen, forderte den Kranken auf, er solle sich zusammen- 
nehmen. So verfährt noch heute der psychoanalytisch nicht 
gebildete Arzt. Es gibt heute noch sogar Neurologen, die, 



^ 



60 Verdaditsmomente gegen die bewußte Pcrsönlidikeit 

wenn sie keine organische Grundlage finden, den Patienten 
ungeduldig und kurz abfertigen und aus der Sprechstunde 
verweisen. Diese vor kurzem noch allgemein verbreitete naive 
Einstellung des Arztes und der Umgebung zum Neurotischen, 
deren letzter Ausläufer die autosuggestive Schule von Nancy 
ist, ist insofern sicherlich unrichtig, als man von dem Kranken 
etwas Unmögliches verlangt, nämlich, seine Krankheit durch 
Anstrengung zu überwinden. Die bewußte Persönlichkeit hat 
ja keinen Zugang zu den Krankheitsursachen, diesen Zugang 
eröffnet ihm nur die psychoanalytische Kur. Und doch ist 
ein wahrer Kern in dieser im ganzen ungerechten und 
verständnislosen Beurteilung des neurotisch Erkrankten. Irgend- 
wie ist doch auch seine bewußte Persönlichkeit an der Krankheit 
beteiligt. Auch wir setzen am Beginn der Kur die Absicht 
zum Gesundwerden als Bedingung einer erfolgreichen Behand- 
lung voraus. 

Beim letzten Male sind wir also vielleicht doch zu weit 
gegangen, als wir die bewußte Persönlichkeit so ganz von dem 
Zustandekommen der Neurose freigesprochen haben. Dies 
geschah jedoch nur, um die Verhältnisse nicht sofort zu 
komplizieren. Heute werden wir unsere Darstellung durch eine 
wichtige Korrektur ergänzen. Auf Grund klinischer Tatsachen 
haben wir festgestellt, daß der Verdrängungsakt ohne das 
Wissen des bewußten Ichs geschieht, daß das bewußte Ich keine 
direkte Beziehung zum unbewußten Triebleben hat, und daraus 
schlössen wir, daß es folglich auch an dem Ergebnis der 
Verdrängung, an der Neurose, nicht beteiligt sein kann. Heute 
fanden wir aber sein Benehmen etwas verdächtig, es hat sich 
zu leicht mit der Krankheit oder, besser gesagt, mit seiner 
Ohnmacht gegen die Krankheit abgefunden. Wenn man das 
Leiden eines hysterisch Erkrankten nicht genug ernst nimmt, 



Beteiligung des Idis in der Neurosenbildung 6l 



wenn man an der organischen Bedingtheit seiner Krankheit 
zweifelt, dann ist er zumindest beleidigt. Er verteidigt die 
organische Grundlage solange es nur geht, weil diese die 
Krankheit aus dem Bereiche der geistigen Persönlichkeit 
herausnimmt, und er will von keinem geistigen Zugang zu 
seiner Krankheit wissen. Es bedarf oft eines guten Stückes 
analytischer Arbeit, um dem Kranken die Überzeugung von 
der organischen Bedingtheit seiner Krankheit zu nehmen. 

Doch noch schwerer wiegende Gründe haben wir für die 
Beteiligung des Ichs an der Neurosenbildung. Wir sehen oft, 
daß das Ich aus der Krankheit einen Nutzen zieht und trotz 
des Leidens daran festhält. Denken Sie an den sekundären 
Krankheitsgewinn, den wir in den Kriegsneurosen so glänzend 
beobachten konnten. 

Auch in der Vorgeschichte jeder Neurose werden Sie bei 
gründlicher Nachprüfung die Beteiligung des Ichs auffinden 
können. Wir sahen voriges Mal am Beispiel des überfahrenen 
Neurotischen, daß, nachdem er durch sein Unglück vom Drucke 
des Schuldgefühls befreit war, der Haß gegen den Vater ins 
Bewußtsein getreten ist und er sich mit diesem Haß ohne 
Konflikte identifiziert hatte. Weil er durch ein Auto überfahren 
wurde, darf er gegen den Vater aggressiv auftreten. Er hat ja 
für alles bezahlt Eine merkwürdige Logik, doch das Ich nimmt 
diese Logik an. Es hat also den esgerechten Geheimabsichten 
des Über-Ichs nachgegeben und steht auf demselben Standpunkt 
wie das Es. Die Tendenzen des Es sind über die Gesamt- 
persönlichkeit Herr geworden wie bei der Manie. Das Über-lch 
hat eine so ungerechte, harte Strafe durch das Autounglück 
verhängt, daß nun dem Es alles erlaubt ist und selbst das Ich 
nachgeben muß. Der innerpolitische Putsch der Seele ist 
gelungen, man hat das Es soweit provoziert, daß es nun alle 



62 An der t'ehlhandlung Ist das Idi mitsdiutdig 



Schranken durchbricht und die ganze Persönhchkeit unter 
seinem scheinbar berechtigten Terror steht. Und das Ich geht 
mit. Bis jetzt wollte das Ich von dem ichfremden Haß gegen den 
Vater nichts wissen, nun wechselt es die Farbe und bekennt 
sich zum Hassen. Diesen Gesinnungswechsel können wir nur 
dann erklären, wenn wir annehmen, daß das Ich bereits vor dem 
Futsch mit den Es-Tendenzen gefühlt hat, daß sein früheres 
Verhalten nicht ganz aufrichtig war. 

Das Ich hat einen Vorposten gegen die asozialen Tendenzen 
des Es, das Über-Ich; ihm hatte es die ganze Verwaltungs- 
arbeit nach innen überlassen. Wir klagen nun das neurotische 
Ich damit an, daß es seinen Verwalter nicht überprüft hat, daß 
es seinen geheimen Pakt mit dem Es vielleicht sogar begünstigt 
hat. Ich werde Ihnen diese Anklage nun konkret beweisen. 
Wenn es uns gelingt, nachzuweisen, daß die bewußte 
Persönhchkeit an dem Autounglück beteiligt war, so gewinnt 
unsere Anklage eine große Wahrscheinlichkeit. Wir sahen ja, 
daß das Autounglück eine Fehlhandlung mit Selbstbestrafungs- 
tendenz war, mit dem geheimen Ziel, damit den Weg zum 
Haß frei zu machen, durch das Leiden das Recht zum Hassen 
zu erkaufen. Sie werden sich wohl erinnern, wie Freud bei 
der Analyse der Fehlhandlungen vorgegangen ist. Sie wissen, 
er fragte direkt: „Können Sie mir irgend einen Grund angeben, 
aus welchem es Ihnen vielleicht ganz lieb war, daß Sie den 
Brief, den Sie hätten aufgeben sollen, zu Hause vergessen 
haben, oder daß Sie den Gegenstand verloren haben, oder 
daß Sie zu spät gekommen sind?" In den meisten Fällen fand 
man dann bewußte Motive, welche mit dem Ergebnis der 
Fehlhandlung gleichgerichtet wären. Ich erinnere Sie an den 
schönen Vergleich von Sachs, daß man im Traum wie in 
einem Mikroskop riesengroß erkennt, was im Bewußtsein nur 



Das Idi b^ünstigt das CeheimbOndnis 63 



als eine kleine, unwichtige Nebensächlichkeit erscheint. Sie lassen 
im Traum denjenigen sterben, der Sie am Tage zufällig 
gestoßen hat. Nun, wenn Sie den Helden unseres Beispieles 
vor dem Autounglück gefragt hätten, ob er Selbstmordabsichten 
habe, so hätte er Ihnen eingestanden, daß er tatsächlich mit 
solchen Gedanken auch im Bewußtsein gespielt hat. Ich kann 
Sie versichern, daß es in der Tat so war. Wenn Sie ihn weiter 
gefragt hätten, wie kam es, daß er nirgend wo sich durchsetzen 
konnte, so hätte er später oder früher einbekannt, daß er selbst 
daran schidd war, daß er seine Stellungen verlor. Er benahm sich 
unpsychologisch mit seinen Vorgesetzten, trotzdem er wußte, 
daß dieses Benehmen für ihn nachteilig ist. Etwas zwang ihn 
zu diesem Benehmen und er gab diesem Zwang nach. Sein 
strafgieriges Über-Ich zwang ihn dazu, welches das ungezähmte 
Es gut kannte und wußte, daß, wenn eine Grenze der Selbst- 
strafen überschritten wird, das Es losschlagen wird. Und das 
Ich gab diesem zwanghaften Strafbedürfnis nach, dachte nicht, 
prüfte die Motive nicht und begünstigte damit die unlautere 
Politik des Über-Ichs. Das Ich begünstigte diese Politik, weil 
es selbst schwach war und in dem ewigen Kampfe mit dem 
ichfeindlichen Es müde wurde, dessen Tendenzen in Spuren 
in ihm selbst vorhanden waren. 

Meine Damen und Herren! Wir haben die Seele in drei 
Teile geteilt, nun ist es unsere Pflicht, sie wieder zusammenzu- 
setzen. Eine strenge Teilung, wie wir sie aus dem heuristischen 
Prinzip der Forschung vorgenommen haben, ist eine Verein- 
fachung, welche die Realität nicht verträgt. Die Persönlichkeit 
bildet ein Kontinuum, Sie sehen noch die verdrängtesten, ich- 
fremdesten Regungen des Es ins Bewußtsein durchschimmern 
und Sie sehen, daß bei seelischen Revolutionen, wie nach dem 
geschilderten Autounglück, die Tendenzen dus Es über die 



64 Die Persönlidikeit ein Kontinuum - trotz der Dreiteilung 

gesamte Person Herr werden können, selbst bei einem moralisch ^^ 
hochstehenden Menschen, dessen Schicksal ich erzählt habe. ^J 
Es verdient nur die größte Bewunderung, wie es Freud 
gelang, diese so undurchsichtige Kontinuität der Seele in seinem 
Werke „Das Ich und das Es" zu bewahren und trotzdem 
Klarheit in die geheimsten Beziehungen zu bringen. Mein 
Verfahren war gröber und schematischer, ich wollte damit der 
Klarheit der Darstellung dienen. Doch wenn ich dieses Ziel 
erreicht habe, ist der Zeitpunkt gekommen, daß ich die 
Korrekturen dort anbringe, wo ich die realen Verhältnisse 
vereinfacht habe. An dem Zustandekommen der Neurose ist 
das gesamte Ich beteiligt. Es ist wahr, daß das Über-Ich zu 
dem Triebleben in einer innigeren Beziehung steht wie die 
bewußten Teile der Persönhchkeit, die letzte Verantwortung 
trägt aber doch das Ich. Das Über-Ich konnte nur deshalb 
seine Verwaltungsmacht mißbrauchen, weil es die Schwäche 
des Ichs gespürt hatte. Die neurotische Seele hat bis zu einem 
gewissen Grade den Es-Tendenzen nachgegeben, und zwar in 
einem höheren Grade, als die Anforderungen der Realität es 
erlauben. Dem Über-Ich obliegt es zwar, das Signal für die 
Verdrängungen auf Grund seiner inneren Wahrnehmungs- 
fähigkeit abzugeben, aber der letzte Druck gegen das Es 
stammt vom Ich. Seine Schuld besteht darin, daß es aus den 
vom Über-Ich verhängten Strafen das Recht herleitete, dem 
Drängen des Es nachzugeben. Das Über-Ich s traft, anstatt zu^ 
verbie ten, das Ich leidet, anstatt zu verzieh tenT~Ein solcher 
Mißbrauch der Verdrängungsgewalt seitens des Über-Ichs, 
wie bei den Neurosen, kann nur unter einem geschwächten 
Ich zustande kommen. Unsere Bestrebung in der Kur 
besteht demnach darin, das Ich zu stärken, das korrupte 
Über-Ich mit seinen Strafmechanismen aus der Regelung 






L 



Bezieliungen zwisthen Idi und Über-Idi 65 



des Trieblebens auszuschalten und das gestärkte Ich in eine 
unmittelbare Beziehung zum Es, zum Triebleben zu bringen. 
Wir wollen die gesamte Persönlichkeit in der Richtung des 
bewußten Ichs heben, dem Niveau des bewußten Ichs näher 
bringen. 

An dieser Stelle angelangt, erscheint es uns notwendig, die 
Beziehungen des Ichs zumÜber-Ich noch einmal zu überprüfen. 
Wir dürfen nicht vergessen, daß dasÜber-lch einDifferenzierungs- 
produkt innerhalb des Ichs ist, wie Freud sagt: „eine Stufe 
im Ich". Es stellt jenen Teil des Ichs dar, der den Standpunkt 
der Erziehung und der moralischen Anforderungen in ihm 
vertritt, es ist jedoch ein Teil des Ichs, der bei der Verdrängung, 
bei der Regelung des Trieblebens eine besondere Rolle 
erhalten hat. Zu seiner Trennung vom Ich hat uns eigentlich 
nur die klinische Erfahrung berechtigt. Wir beziehen unsere 
meisten psychologischen Erkenntnisse aus dem Studium der 
Neurosen und dieser Umstand mahnt zur Vorsicht, gerade in 
dieser Frage nicht einen allzu einseitigen Standpunkt einzu- 
nehmen. Die Sonderstellung des Über-Ichs im Ich, der Konflikt 
zwischen den beiden ist gerade für die Neurosen charakteristisch, 
bei den Normalen ist eine scharfe Gegenüberstellung nicht 
möglich. Daß das Über-Ich zum größten Teil unbewußt wirkt 
und dem bewußten Urteil und der Realitätsprüfung relativ 
unzugänglich ist, ermöglicht nur, daß es mehr oder weniger 
vom übrigen Ich, sogar vom bewußten Ichideal selbständig 
wird und bei manchen Neurosen eine in der Tat umgrenzte 
Sonderpersönlichkeit innerhalb des Ichs darstellt. 

Nach dieser Korrektur unserer Darstellung wollen wir jetzt 
die Rolle des Über-Ichs bei den einzelnen Neurosen studieren, 
wobei wir immer das Ich raitberücksichtigen wollen. Wir 
können aber gleich bemerken und damit eine unserer früheren 

5 



i 



6Ö Das Verhalten des Idis bei der Hysterie 



Behauptungen bekräftigen, daß das Charakteristische für die ein- 
zelnen Neurosen gerade im Verhalten des Über-Ichs liegt, während f 
das Ich in seinen übrigen Teilen sich nur mit seinem Nach- i 
geben beteihgt. Am stärksten zeigt sich das Ich noch bei der ! 
Hysterie, weil es ihm hier gelingt, die Schuld abzuwälzen, 
schwächer bei der Zwangsneurose, am schwächsten bei der 
Melancholie und bei den Psychosen. Wenn ich mit dem kon- 
versionshysterischen Symptom anfange, so geschieht das nicht 
wegen seiner historischen Priorität, sondern weil hier die Rolle 
des Ichs am kleinsten ist. Wie Freud es beschrieb, ist hier die 
kritisierende Funktion des Über-Ichs vollkommen verdrängt. Der 
Sprung ins Körperliche entlastet das Ich fast vollkommen. Hier 
kann es seine Unschuld am mutigsten behaupten. Das S^^mptom 
spielt sich in den Tiefen der körperlichen Vorgänge ab, dorthin hat 
das Ich keinen Zugang, das gehört wirklich nicht zu seinem Ver- j 
waltungsbezirk. Es nimmt die Krankheit, das Leiden zur Kenntnis, 
nützt es gründlich für die eigenen Zvv'scke aus und steht fest 
auf dem Standpunkt: „Ich weiß von nichts, ich kann für nichts." 
Dieses Verhalten der Hysterika ist ja gut bekannt, darum ver- 
teidigt sie so zähe die organische Grundlage und benimmt sich so 
anmaßend der Umgebung gegenüber. Untersuchen wir, wie das 
Konversionssymptom zustande kommt. Wählen wir zur Unter- 
suchung einen einfachen Fall, es kommt ja jetzt nicht auf eine 
interessante Kasuistik an, wir wollen nur die typischen Verhält- 
nisse beschreiben. Untersuchen wir also die Sc hamreaktion r das 
^röten, ein wohlbekanntes Konversionssymptom. 

Den allgemein gültigen Mechanismus, den wir am ersten 
Abend beschrieben haben, finden Sie auch hier ohne weiteres 
wieder. Eine verdrängte Tendenz, die Exhibition, bricht sich 
dadurch Bahn, daß sie gleichzeitig Leiden bedeutet. Der sich 
Schämende wird an dem einzigen unbedeckten Körperteil, am 

I 

-j 

i 

i 



I 



Die Sdiamreakdon 6/ 



Gesicht, rot und lenkt die Aufmer|csamkeit der Umgebung auf 
sich. Doch diese gelungene Exhibition wird als Unlust empfunden. 
Das Ich hat keine Ahnung von der Exhibitionstendenz gehabt. 
Wenn Sie dem sich Schämenden erklären wollten, daß er rot 
wird, um sich zu zeigen, wird er Ihnen ins Gesicht lachen. Er 
will nichts anderes, als unter die Erde versinken. Und in der 
Tat, sein ganzes Benehmen, insoweit dieses den bewußten 
Intentionen unterliegt, bekräftigt seine Aussage. Er ist zurück- 
haltend, schüchtern, will nicht auffallen, doch die körperliche 
Reaktion, das Erröten, beweist das Gegenteil. Wie kommt das 
zustande? Wie läßt sich dieser Vorgang auf Grund unserer 
strukturellen Kenntnisse beschreiben? Die Rolle des Über-Ichs 
jst deutlich. Die Scharareaktion ist typisch, wenn eine starke 
Sexualverdrängung vorliegt. Das Über-Ich ist überstreng und 
mit dem Inzestwunsch zusammen hat es die ganze genitale 
Libido verdrängt. Die so gehemmte genitale Libido besetzt 
zunächst regressiv prägenitale Stufen, wie die exhibitionistische. 
Damit sind schon die Aussichten zur Abfuhr gestiegen, weil 
das Über-Ich am stärksten die genitale Äußerung verfolgt. 
Doch selbst diese regressive Triebumwandlung genügt nicht. 
Auch die Exhibitionstendenz ist noch immer mit Schuldgefühlen 
behaftet, sie hat noch zu nahe Beziehungen zu dem Ödipus- 
komplex, zu der infantilen Exhibitionslust. Das Über-Ich erkennt 
in diesem modifizierten Trieb den Abkömmling der verdrängten 
Genitalität und hemmt jetzt jede Äußerung der Exhibition. Der 
so in allen seinen normalen Äußerungen Geknebelte traut sich 
jetzt kaum, sich zu rühren, jede Bewegung wird schon als Sünde 
vom Über-Ich gehemmt. Dadurch, daß so jede normale Äußerung | 
der Exhibition, die sonst in allen Ausdrucksbewegungen, in der 
Sprache und in den Gesten, eine ichgerechte und wichtige 
Verwendung findet, gehemmt ist, entsteht eine übergroße 



68 Die Rolle des Über-ldis beim Erröten 

Spannung, und die Zeigelust bahnt sich dort einen neuen körper- 
lichen Weg, wohin die Zensurmacht des Über-Ichs nichtmehr reicht. 
Doch selbst bei diesem Umweg muß die Exhibitionstendenz 
ihren Lustcharakter opfern und erscheint im Bewußtsein nur 
als Qual. Das Über-Ich hatte also formal seine Aufgabe 
erfüllt und verfolgte den Inzestwunsch in allen seinen Äuße- 
rungen, hemmte jede Regung, bei der noch der kleinste Ver- 
dacht vorlag, daß sie mit dem Inzestwunsch irgendeine Ver- 
bindung hat. Er befolgte jedoch nur den Wortlaut des Gesetzes 
und nicht den Sinn. Wenn es nicht so überstreng wäre, so 
hätte es die vom Ich akzeptierten sublimierten Äußerungen der 
Exhibitionstendenz geduldet, die im gesellschaftlichen Verkehr, 
in den Ausdrucksbewegungen, in der Sprache eine ichgerechte 
Abfuhr hätten finden können. Bei der pathologischen Scham- 
reaktion sind alle diese Äußerungen unterbunden, die Sprache 
verstummt, die Bewegungen sind gehemmt. Das Ergebnis 
dieser Überstrenge ist, daß die Exhibitionstendenz in einem 
viel unsublimeren, der ursprünglichen verdrängten Tendenz 
viel näher liegenden körperlichen Zeichen der sexuellen 
Erregung, im Erröten, Abfuhr findet. Sie sehen also: durch 
seine Überstrenge begünstigte das Über-Ich wieder die ver- 
drängten Tendenzen des Es, und zwar dadurch, daß es durch 
seine übertriebenen Hemmungen die Spannung im Es soweit 
steigerte, bis diese sich hinter seinem Rücken eine Abfuhr 
verschaffte. 

Neben der übermäßigen Triebstauung spielt die andere 
Bedingung der Symptombildung, das Leiden, die Strafe, die 
im Symptom enthalten ist, eine ebenso wichtige Rolle. 
Die regressive Besetzung der Zeigelust an Stelle der gehemmten 
genitalen Tendenz allein genügt ja nicht, um dem Trieb 
Abfuhr zu verschaffen, es muß auch das Strafbedürfnis befriedigt 



Üie Rolle des Itfas beim Erröten 69 



werden. Die Zeigelust kann sich erst in der Form des Errötens 
durchsetzen, indem sie gleichzeitig Leiden bedeutet. Wir werden 
später sehen, daß, ebenso wie die Triebregression, auch die sym- 
bolische Verhüllung des Sinnes verdrängter Tendenzen allein 
nicht genügt, um gegen die Abwehrkräfte des Ichs und des Über- 
Ichs in der Form des neurotischen Symptoms eine Trieb- 
befriedigung zu ermöglichen. Das Strafbedürfnis muß unter 
allen Umständen auch befriedigt werden. Ohne neurotisches 
Leiden ist keine neurotische Befriedigung möglich. 

Die Anklage eines Geheimbündnisses mit dem Es können 
wir also auch im FaUe des Konversionssymptoras gegen 
das Über-Ich erheben. Für seine Entschuldigung kann es 
nur vorbringen, daß es keine Lust, nur Unlust, nur Leiden 
zuließ. Dieser ganze Vorgang spielt sich im Unbewußten ab 
zwischen dem Über-Ich und dem Es, das Ich nimmt nur das 
Ergebnis dieses unterirdischen Kampfes~^hr und leidet 
darunter. Das e inzige, was wir ihm vorw erfen können, ist 
seine Indolenz, sein Nichtwissen wollen. Es scholT die ganze 
Arbeit der Triebregelung auf das Über-Ich ab, und dieses 
konnte nun ruhig seine Unabhängigkeit mißbrauchen und in 
der geschilderten Weise sich mit dem Es verbünden, und durch 
die manifeste Tatsache der Strafe den Schein seiner Moralität 
bewahren. Das Erleiden dieser Strafe hat wieder das Ich für 
seine Unschuld benützt und ließ die Exhibition in der Form 
des Errötens befriedigen, Daß das Erröten der Frau die sexuelle 
Aggression des Mannes herausfordert, der den Sinn des Er- 
rötens unbewußt versteht, das geht das Ich nichts mehr an 
Wenn wir eine pathologische Schamreaktion psychoanalytisch 
behandeln wollen, so besteht unsere Aufgabe darin, daß wir 
die Verbindung des bewußten Ichs zu den Tendenzen des Es 
herstellen und das korrupte Über-Ich ausschalten, indem wir 



T 



70 Ein Fall von gehemmter Zeigelust 

die provokative Geheimab sieht seiner Überstrenge entlarven, i} 

Das Ich soll von nun an darüber entscheiden, welche sexuellen ; 

Erregungen es zuläßt, welche es verwirft, und Zwischen- ■ 

lösungen wie die Schamreaktion werden dadurch ausgeschaltet. [ 

Im Falle des hysterischen Konversionssymptoms besteht die 
Mitschuld des Ichs also hauptsächlich in seiner Unwissenheit. ■ 

Wir können gleich eine andere Erledigung der Zeigelust 
dazu wählen, um einen anderen neurotischen Mechanismus, j 

den paranoischen, zu untersuchen. Doch dazu muß ich schon i 

einen Fall aus der Praxis herausgreifen, wenn ich auch einen | 

sehr typischen Fall wähle. Ähnliches hat sicher jeder Analytiker J 

öfters beobachtet. Sie kennen jene frigiden Frauen, die einen -1 

großen Teil ihres Lebens in den Wartezimmern der verschiedenen 
Spezialärzte absitzen, um ihre verschiedensten chronischen, 
scheinbar organischen Erkrankungen behandeln zu lassen. In 
so einem Falle konnte ich gut die Rolle der Zeigelust in dieser 
Sucht nach dem Kuriertwerden feststellen. Die Hauptrolle bei 
den Erkrankungen dieser frigiden Frau spielten Unterleibs- 
leiden. Schon als Mädchen mufite sie sich einer gynäkologischen 
Untersuchung unterwerfen, doch man konnte die Untersuchung 
wegen ihres Widerstrebens nur in der Narkose ausführen. 
Auch andere Zeichen einer gehemmten Zeigelust waren deut- 
lich vorhanden. Sie konnte nicht in der Straßenbahn fahren, 
weil — wie sie sagte — sie nicht von allen Insassen angeglotzt 
werden wollte. Wie das schon in der psj'choanalytischen Kur 
immer geschieht, kaum daß ich sie auf die Rolle der Zeigelust 
in dieser Straß enbalinphobie und in ihrer Arztesucht aufmerksam 
machte, wurde ich selbst der Mittelpunkt ihrer Exhibition. Wie 
ein verfolgter Verbrecher, den man am wenigsten im Hause 
des Polizeipräsidenten vermuten würde, so flüchtet auch die 
verdrängte Tendenz, nachdem man sie in allen Lebens- 



Projektion des Schuldgefühls 71 



äußerungen entlarvte, in die Übertragung. Sie benützt den- 
selben Trick wie Casanova, als er aus den Bleikasematten des 
Dogenpalastes flüchtete und sofort nach der Entdeckung 
seiner Flucht die kritische Nacht im Hause des Polizeipräsi- 
denten verbrachte. Die Patientin entwickelte in einer Sitzung 
ihre Ansichten über die verborgenen Motive des ärztlichen 
Berufes und bezeichnete besonders die Psychoanalytiker als 
ausgesprochene Voyeurs. Der Sinn ihrer scharfsinnigen Aus- 
führungen war durchsichtig, sie wollte damit sagen : nicht sie geht 
zum Arzt, um sich zeigen zu können, sondern der Arzt be- 
handelt sie nur, um ihre seelische Nacktheit beschauen zu 
können. Sie sagte es klar heraus, bei dem Psychoanalytiker 
ist die theurapeu tische Ambition eine Nebensache, wenn über- 
haupt vorhanden, die Hauptsache ist die Beobachtung der 
nackten Frauenseele. Während sie das erzählte und ich ihr 
zugab, daß sie die unsublimierten Grundlagen jeder wissen- 
schaftlichen Forschung tatsächlich glänzend erkannte, wälzte 
sie sich auf dem Sofa so heftig herum, daß sie — natürhch 
ohne bewußte Absicht — ihre Beine bis über die Knie ent- 
blößte. Diese Exhibition gelang ihr gerade in dem Moment, in 
welchem sie ihre Schuldgefühle auf mich abwälzen konnte. In 
dem Augenblick, als sie mir und sich selbst bewies, daß nicht 
sie sich zeigen will, sondern ich sie beschauen, gelang die bis 
dahin durch Schuldgefühle gehemmte Exhibition. Ich erleichterte 
diese Projektion ihres Schuldgefühls, indem ich ihren Scharf- 
sinn lobte. , . , 
Dieser Fall ist analytisch banal, um so geeigneter aber, den 
Mechanismus zu studieren. Erinnern wir uns, daß sogar die 
biblische Schöpfungsgeschichte mit diesem Mechanismus an- 
fängt. Als Gott zunächst Adam zur Verantwortung zieht, ant- 
wortet er: „Die Frau, die Du mir gegeben hast, verführte 



72 Der paranoisdie Medianismus 

mich mit dem Apfel", d. h. mit dem Zeigen der Brust. Und 
Eva schiebt wieder die Schuld auf die Schlange, d. h. auf den 
Phallus. 

Wie durchsichtig auch der Sinn dieser Schuldprojektion ist, 
die ökonomischen und strukturellen Verhältnisse sind hier ver- 
wickelter als in dem früher besprochenen Fall. Dieser Mecha- 
nismus ist bereits dem paranoischen ähnlich, ja sogar mit 
diesem identisch. Die Rolle des Ichs ist hier wesentlich größer, 
das Über-Ich ist ausgeschaltet. Die Äußerung der verdrängten 
Tendenz kommt hier auf einem völlig verschiedenen Wege 
zustande, als in den bisher besprochenen Fällen. Bei dem vom 
Auto überfahrenen Neurotischen sahen wir, daß das Über-Ich 
eine grausame Strafe verhängte und mit dem so verursachten 
Leiden dem verdrängten Haß den Weg freimachte. Das Über- 
Ich provozierte durch seine Strenge einen Gewaltstreich und 
führte alle moralischen Gesetze ad absurdum. Die Rolle des 
Ichs bestand darin, daß es den Straftendenzen des Über-Ichs 
nachgab und durch seine beabsichtigte Unaufmerksamkeit das 
Autounglück herbeiführte und dann die fadenscheinige Logik 
akzeptierte, als ob der Vater an dem Autounglück schuldig 
wäre. In dem Konversionssymptom der Schamreaktion geschah 
etwas Ähnliches, doch die Beteiligung des Ichs war wesentlich 
kleiner. Beiden Fällen ist aber gemeinsam, daß das Ich dem 
Geheimbündnis des Über-Ichs mit dem Es dadurch Vorschub 
leistete, daß es die verhängte Strafe auf sich nahm und 
dann dem Es nachgab. In dem Projektionsmechanismus ge- 
schieht etwas ganz anderes. Das Ich gibt dem Es viel mehr, ja 
soweit nach, daß es sogar seine Realitätsprüfung verfälscht 
und die Realität im Sinne der Es-Tendenzen umdichtet. Ver- 
suchen wir, die Psychologie dieses Vorganges zu rekonstruieren, 
und zwar auf Grund unseres Beispieles. 



Der paranoisdie Medianismus bedeutet Leugnen 73 

Auch in diesem Falle wurde zunächst der konversions- 
hysterische Mechanismus zur Triebabfuhr angewendet. Die 
ständigen und wechselnden organischen Leiden dieser Frau 
entstanden ja als Folge der Sexual Verdrängung. Das Untersucht- 
werden diente zur Befriedigung der überstark gewordenen 
Zeigelust, das Behandeltwerden war der Ersatz für die passive 
Rolle in dem Geschlechtsakt. Das Leiden bildete die Ent- 
schuldigung. Sie war ja krank und so gezwungen, ihren Körper 
zu zeigen. Gegen die Überstrenge des Über-Ichs der frigiden 
Frau sind wirklich nur solche terroristische Waffen wirksam. 
Das Über-Ich hat aber selbst durch sein Verhalten die Benützung 
solcher Waffen provoziert. Als ich nun diesen hysterischen 
Mechanismus zerstörte, indem ich den geheimen Sinn ihrer 
Ärztesucht entlarvte, griff sie zu einem anderen, zu dem 
paranoischen Mechanismus. Jetzt blieb ihr nichts anderes übrig, 
als zu leugnen. Der paranoische Mechanismus bedeutet ja 
nichts anderes als ein Leugnen, eine Verfälschung der inneren 
und der äußeren Realität. Ich erklärte ihr, daß sie zum Arzt 
gehe, um sich zu zeigen, Sie antwortete darauf mit Leugnen. 
„Nicht ich will mich zeigen, sondern der Arzt will mich 
beschauen." Ich habe den hysterischen Mechanismus — das 
Werk des Über-Ichs — durch die Deutung ausgeschaltet, — das 
Werk des Über-Ichs, weil es auf seine Überstrenge als Reaktion 
entstand. — Dadurch wurde das Ich in eine unmittelbare 
Beziehung zu den verdrängten Tendenzen gebracht und es 
erwies sich als schwach gegen diese. Der hysterische Mecha- 
nismus diente zur Verhüllung und zur Entschuldigung 
der verpönten Zeigelust. Nachdem sowohl die Verhüllung wie 
die Entschuldigung durch die Deutungen aufgehoben wurden, 
blieb nichts anderes übrig, als zu leugnen. Nun zeigte es sich, 
daß das Ich — wie Freud es sagt — wie ein konstitutioneller 



74 üer paranoisdie Methanismus als Niederlage des Idis 



Monarch ist, der ganz ohnmächtig wird, wenn man ihm seinen 
Verwaltungsapparat nimmt. Es unterlag den Tendenzen des 
Es und verfälschte die Realität im Sinne dieser Tendenzen. 
Die Frau, die sich zeigen wollte und das nach dem Verlust 
des hysterischen Mechanismus nicht mehr unbewußt und 
schuldlos ausführen konnte, halluzinierte nun, daß sie vom 
Arzt beschaut werde. Von der eigenen Exhibitionslust nahm 
sie einfach keine Kenntnis. So verfälschte sie auch die innere 
Realität. Der paranoische Mechanismus ist ein Ersatz für den 
zerstörten hysterischen, welcher bisher eine schuldlose Befriedi- 
gung der Exhibition gestattete. In einem Punkt ist dieser para- 
noische Mechanismus den analytischen Bestrebungen gleich- 
gerichtet: das Über-Ich ist aus dem Spiel herausgetrieben 
worden, Ich und Es stehen in unmittelbarer Beziehung 
zueinander, der unbewußte Verdrängungsmechanismus ist 
aufgehoben. Doch das schwache Ich unterliegt dem stärkeren 
Es in diesem Nahkampfe. Das Ziel der analytischen Kur ist, 
das Es zu einem gestärkten Ich in eine unmittelbare 
Beziehung zu bringen, zu einem Ich, welches das Es beherrschen 
können wird. 

Ich habe diese Verhältnisse auf dem Salzburger psycho- 
analytischen Kongreß folgenderweise ausgedrückt: Der neu- 
rotische Zustand ist kein stabiler Gleichgewichtszustand, die 
Triebabfuhr des Verdrängten ist mit dem Leiden zu teuer 
bezahlt worden. Es gibt zwei Richtungen, welche zu einem 
wirklich stabilen Gleichgewichtszustand, zu einem Endzustand 
führen; die eine ist die Richtung zur Psychose, die andere die 
zur Gesundheit. In beiden Fällen ist der psychische Apparat 
homogen geworden. In der Psychose wird er von den Tendenzen 
des Es eindeutig beherrscht, in der Gesundheit von den Ten- 
denzen des Ichs. 



Therapeutisdier Gewinn aus der Theorie 75 

Meine Damen und Herren! Ich hoffe, daß es mir gelungen 
ist, an diesen Beispielen zu zeigen, wieviel wir aus diesen 
theoretischen Kenntnissen für unser therapeutisches Handwerk 
gewinnen können. Diese Theorie ist gar nicht so grau; sie 
stammt aus der klinischen Erfahrung und ist immer wieder 
auf diese anwendbar. Die Leitung einer Kur wird durch sie 
viel bewußter, der therapeutische Instinkt, die ärztliche Kunst, 
kann schon an vielen Stellen durch Kenntnisse ersetzt werden. 
Damit ersparen wir uns viele Irrwege. Wenn diese ökonomisch- 
strukturellen Beziehungen bekannt sind, wenn wir die Wirkung 
unserer Deutungen immer abschätzen können, so werden wir 
immeFvor Äugen haben, daß die Ausschaltung des Über-Ichs, 
die Aufhebung der Verdrängungen nur in dem Maße geschehen 
darf, wie es der jeweilige Zustand des Ichs erlaubt. Es ist 
nicht ohne Gefahr, das bewußte Ich seines Beschützers gegen 
das Es, des Über-Ichs, zu berauben und es dem Ansturm der 
verdrängten Tendenzen preiszugeben. Es kann nur zu leicht 
geschehen, daß das Ich selbst nachgibt, auf primitive Stufen 
regrediert und so sich dem Es anpaßt, anstatt dieses zu sich 
emporzuheben. Alle erlebnishaften Regressionserscheinungen 
während der Kur bedeuten so ein Nachgeben des Ichs. ln_ 
einer ökonomisch richtig geleiteten_Kur_werden tiefe JRegresj^ 
sionen keinen großen Platz einnehmen. Darum müssen wir 
die Kur — wie es Freud vorgeschlagen hat — von der 
psychischen Oberfläche aus beginnen und so das Ich auf den 
Kampf vorbereiten, welchen es mit den während der Kur 
bewußtwerdenden ichfeindlichen Tendenzen auszufechten haben 
wird. So erklärt sich eine Mitteilung von Freud, daß er die 
tiefen Regressionen wie die ^ von Rank beschriebene — 
Reproduktion der Geburtserlebnisse in seinen Kuren nicht 
beobachtet hat. Auch Abraham bestreitet derartige Er- 



76 



Vermeidung tiefer Regressionen in der Kur 



scheinungen. In einer ökonomisch richtig geleiteten Kur wird 
das Ich nicht zu solchen Verzweiflungsakten getrieben. Es 
begnügt sich mit mäßigeren Regressionen, welche noch im 
Bereich des analytischen Könnens, im Bereich der Erinnerungs- 
möglichkeiten liegen. Eine Wiederholung in der Kur, welche 
von keinen Erkenntnissen begleitet wird, betrachtet Freud 
als ein glattes Malheur. 

Die Provokation des affektiven Wiedererlebens der Geburts- 
sensationen, wie Rank es vorschlägt, ist den Grundprinzipien 
der psychoanalytischen Kur widersprechend. Eine solche tiefe 
Regression — ich stimme Rank zu, es gibt solche — ist ein 
Symptom des Widerstandes. Unsere Aufgabe in der Kur ist, 
möglichst nur solche Wiederholungen zuzulassen, welche durch 
Erkenntnis, durch Erinnerungen oder wenigstens durch Evidenz- 
gefühle aufgelöst werden können. Daß der Patient seine 
Ablösungskämpfe von der Kur als Geburtssensationen agnosziert, 
ist nicht anzunehmen. Höchstens eine rein intellektuelle 
Einsicht ist möglich. Mit einer solchen regressiven Wieder- 
belebung von Affekten kann weder der Analytiker noch der 
Patient etwas anfangen. Das Sträuben gegen das Aufgeben 
der analytischen Situation, die übrigens außer der 
primärsten biologischen Trennung von der Mutter bei der Geburt 
noch eine Reihe anderer Vorbilder hat, wie das Absetzen von 
der Mutterbrust, das Gehenlernen, das Selbständigwerden beim 
Verlassen des Elternhauses usw., muß mit allen seinen aktuellen 
Motiven bewußt werden. Die analytische Erfahrung zeigt, daß 
eine oder mehrere von diesen späteren Trennungen pathogen 
zu werden pflegen. Die biologische Trennung von der Mutter 
haben die meisten Menschen besser überwunden, als die späteren 
psychischen Belastungen, die späteren Anforderungen zur 
Selbständigkeit. Unsere Bestrebung besteht darin, diejenige 



Sinn der Geburtssensationen in der Kur 77 

traumatische Situation in der Übertragung wiederholen zu 
lassen, die tatsächlich unerledigt geblieben ist. Die affektive 
Wiederholung des Geburtserlebnisses bedeutet gerade ein 
regressives Ausweichen vor dieser Bestrebung der Kur. Diese 
Wiederholungen der tatsächlich pathogenen Situationen erreichen 
wir mit der bewußten Einhaltung des ökonomischen Gesichts- 
punktes oder durch therapeutischen Instinkt. Wenn wir das 
Mißtrauen gegen die zwar abstrakte, doch wohlfundierte 
Theorie überwinden, so opfern wir vielleicht etwas von dem 
narzißtischen Vertrauen in unsere Kunst, doch gewinnen wir 
an Sicherheit und Gleichmäßigkeit in der Behandlung der 
Neurosen. 

Und noch einen Vorteil gewinnen wir: die Kunst ist die 
Sache der Auserwählten, das Wissen ist jedem zugänglich. 



DRITTE VORLESUNG 

Reditfertigung der dramatisdien Darstellung der Neu- 
rosen — Die dynamisdie Struktur der Zwangsneurosen 

und der Phobien 

Meine Damen und Herren! Ich möchte in ineinen Aus- 
führungen nicht fortfahren, bevor ich Ihnen nicht eine 
Rechtfertigung meiner Darstellungsweise gegeben habe. Ich 
fühle mich zu dieser Rechtfertigung verpflichtet, nicht, weil 
ich meine Darstellungsart für besonders neu und originell 
halten würde, — sie stammt ja von Freud, — sondern weil 
sie Ihnen vielleicht in einer Hinsicht etwas zu konsequent 
erscheinen wird. Ich meine damit die dramatische Art dieser 
Darstellung, daß ich die verschiedenen Teile, die verschiedenen 
Instanzen der Persönlichkeit zu sehr als selbständige Individuen 
schildere, die miteinander verschiedene Konflikte auszutragen 
haben. Sie werden vielleicht meinen, daß ich doch zu weit 
gehe, wenn ich die Neurosen als solche innerpsychische Dramen 
darstelle, in denen ich die Rolle der einzelnen Seelenbestand- 
teile so präzise angebe und ihnen ganz menschenähnliche 
Intentionen, Motive, sogar Eigenschaften zuspreche. Ich spreche 
von provokativen Geheimabsichten und Korruption des Über-Ichs, 
das sich oft als ein Agent pi'ovocateur benimmt, von terro- 
ristischen Waffen des Es und von der Indolenz des Ichs, Sie 
werden sicherlich fragen, ist das nur eine bildHchc, allegorische 



Reditfertigung der dramatisdien Darstellungsweise 79 

Darstellungs weise oder meine ich es ernst mit diesen Aus- 
drücken? Denke ich es tatsächlich so, daß die Psyche aus 
diesen drei Bestandteilen als aus drei Teilpersonen besteht, die 
in den Neurosen miteinander in Widerstreit geraten? Ich 
empfinde es beinahe als eine Anmaßung-, daß ich hier eine 
Anschauungs- und Darstellungsweise verteidige, bei der ich 
lediglich die Rolle eines Interpretators spiele. Der einzige 
Punkt, für den ich mich zu verantworten habe, ist, ob ich nicht 
zu weit gegangen bin in der Benützung dieser Darstellungsart, 
ob ich sie vielleicht nicht wörthcher nehme, als Freud selbst 
es tut, ob ich nicht seine Vergleiche zu sehr als Realitäten 
auffasse. Ich kann auf diese Frage nicht mit einem Satz 
antworten, doch ich möchte gleich soviel bemerken, daß ich 
diese Darstellungsart keinesfalls als eine allegorische betrachte. 
Ich meine es ganz ernst sowohl mit der Teilung der Persönlich- 
keit in Teilpersönlichkeiten, die zwar miteinander eng 
zusammenhängen, in einander übergehen und ein Ganzes 
bilden und doch, besonders bei den Neurotischen, eine viel 
weiter gehende Selbständigkeit haben, als wir es uns bis jetzt 
vorgestellt haben. 

Ich muß auf diese Fragen schon jetzt eingehen, weil ich 
bei der Darstellung der Zwangsneurose in der Dramatisierung 
der seelischen Konflikte noch beträchtlich weiter gehen werde, 
als es bis jetzt notwendig war. Bei der Zwangsneurose ist die" 
Persönlichkeit in einem noch viel größeren Maßstabe gespalten 
wie bei der Hysterie oder wie bei der Paranoia. Ich fürchte 
deshalb, daß Sie, wenn ich ohne diese Rechtfertigung fort- 
fahre, meinen Darstellungen nicht mehr folgen und mir vor- 
werfen werden, daß ich Freuds anschauliche Beschreibungen 
entweder naiv oder bewußt zu einer ßelletrisierung der 
Psychologie mißbrauche. 



80 



Der Narzißmus das erste Zeidien der PersönlidikeUsbildung 



Die Aufteilung der Gesamtpersönlichkeit in weitgehend 
selbständige Teile ist die grundlegende wissenschaftliche Tat 
der Psychoanalyse. Sie wurde bereits mit der Entdeckung der 
unbewußten seelischen Vorgänge ausgesprochen. Mit der Fest- 
stellung Freuds, daß es seelische Vorgänge gibt, die den 
bewußten ganz ähnlich sind, ohne daß man von ihnen w^Qßte, 
ist die Frage nach der Möglichkeit einer unbewußten Persönlich- 
keit bereits prinzipiell bejaht. Indem wir die Beziehungen 
zwischen den verdrängenden und den verdrängten psychischen 
Kräften, die beide unbewußt sind, beschreiben, versuchen 
wir, diese unbewußten Teile der Persönlichkeit, von gewissen 
ihrer Äußerungen ausgehend, nach ihrem psychologischen 
Inhalt zu rekonstruieren. 

Es ist andererseits wahr, daß ein großer Teil der unbewußten 
Tendenzen, die Triebe, die wir heute topisch in das Es verlegen, 
noch keinesfalls zu einer Persönlichkeit zusammengefaßt sind, 
vielmehr ist für sie gerade ihr Ungeordnetsein, das widerspruchs- 
volle Nebeneinander der einzelnen Sonderbestrebungen charakte- 
ristisch. Diese tiefsten, an der Grenze des Körperlichen 
stehenden dynamischen Kräfte der Psyche verlangen noch nicht 
nach einer personifizierenden Darstellung. Wir wissen aber, 
daß schon die erste Zusammenfassung dieser chaotischen 
Triebwelt beim Kinde im Stadium des primären Narzißmus 
'in der Form einer Ichbildung geschieht. Dieser primär 
narzißtische Kern des Ichs, der noch jenseits von Gut und 
Böse steht, bleibt bei den Neurotischen auch später in einer 
weniger geschmälerten Form erhalten wie bei den Normalen 
und ist so geeignet, mit den höheren Teilen des Ichs in 
Widerspruch zu geraten. In solchen Fällen wohnen tatsächlich 
zwei Seelen in einer Brust. Während die höheren Teile des 
Ichs dem manifesten, sichtbaren Charakter entsprechen, stellt 



Das Über-Idi als Teilpersönlichkeit 8l 



der von der Kindheit an erhalten gebliebene narzißtische Kern 
den Charakter des vier- bis fünfjährigen Kindes dar. Der 
Konflikt, den die psychoanalytische Untersuchung in solchen 
Fällen enthüllt, macht tatsächlich den Eindruck eines Kampfes 
zwischen dem Erzieher und dem trotzigen Kinde. 

Noch ausgesprochener erscheint jene seelische Instanz in der 
Form einer Persönlichkeit, die Freud in seinem wesentlichsten 
Anteil als dem unbewußten Ich zugehörig beschreibt: das 
Über-Ich. Zum erstenmal hat Freud diese Instanz in der 
Traumzensur erkannt und legte ihr bereits damals weitgehende 
personenähnliche Eigenschaften bei. Die Zensur ist schon ein 
personifiziertes Wesen, das eindeutige Gesichtspunkte und 
Aufgaben hat. Der Begriff der Zensur erweiterte sich im Laufe 
der Jahre immer mehr zu einer unbewußten Persönlichkeit. 
Den Weg dieser Entwicklung bilden die Einführung des 
Narzißmus, des Begriffes des Ichideals und zuletzt des 
unbewußten Strafbedürfnisses. Mit der analytischen Aufklärung 
der Trauerzustände und der Melancholie hat Freud die feste 
Grundlage aller unserer späteren Erkenntnisse über diese 
zensurierende, unbewußt urteilende und strafende TeilpersönHch- 
keit aufgestellt und ihr endHch nach der Erweiterung unseres 
Wissens über sie die neue Bezeichnung: Über-Ich, gegeben. 
Die Beschreibung Freuds, nach der das Ichideal als der 
Niederschlag aufgegebener Objektbeziehungen und in der Psyche 
neu aufgerichteter Persönlichkeiten aufgefaßt wird, rechtfertigt 
vollkommen die Annahme, daß außer der bewußten Persönlich- 
keit wenigstens eine unbewußte Instanz vorhanden ist, die 
mehr oder weniger eine abgeschlossene Persönlichkeit darstellt, 
und die die Anforderungen der Erziehung vertritt, indem sie 
nach dem Vorbilde der Eltern durch Identifizierungen entstanden 
ist. Ob und wie weit wir auch den Kern des Ichs, den primären 

6 



r 



82 



Primärer und sekundärer Narzißmus 



Narzißmus, als ein personenähnliclies seelisches Gebilde auf- 
fassen müssen, ist eine Frage, die nur die weitere Vertiefung 
in die Mechanismen der Neurosen wird aufklären können. Daß 
dieser primär narzißtische Kern der ersten Zusammenfassung 
der ungeordneten Triebe zu einem ichähnlichen Gebilde ent- 
spricht, und daß er mit dem höher organisierten Ichideal bei 
den Neurotischen in ständigem Kampfe ist, steht jedenfalls 
fest. Es wird sich vielleicht zeigen, daß ein Teil der Konflikte, 
die wir uns heute mit einer gewissen groben Annäherung als 
zwischen dem Über-Ich und dem Es sich abspielend vorstellen, 
präziser ausgedrückt ein Konflikt zwischen Ichideal und primärem 
Narzißmus ist, wie das schon Tausk und neuerdings Schilder 
angenommen haben. Indem der primär narzißtische Kern dem 
Es noch sehr nahe steht, ist die Beschreibung des neurotischen 
Konfliktes auch ohne diese Unterscheidung für unsere heutigen 
Bedürfnisse ausreichend. Übrigens ist die Darstellung des 
Konfliktes zwischen primärem und sekundärem Narzißmus 
(Ichideal) im wesentlichen bereits in der ersten Arbeit von 
Freud enthalten („Zur Einführung des Narzißmus"), die er 
über die strukturellen Verhältnisse der Persönlichkeit verfaßte. 
In der normalen Psyche bilden alle diese Ichgebilde eine 
mehr oder weniger zusammenhängende Einheit, in der sie 
harmonisch zusammenwirken. Der primäre Narzißmus faßt die 
einzelnen Sonderbestrebungen an der Grenze zwischen Bio- 
logischem und Psychischem zusammen und geleitet ein bereits 
geordnetes Triebbündel weiter, in dem die einzelnen wider- 
sprechenden Lustbestrebungen im gemeinsamen Interesse des 
ganzen biologischen Individuums aufeinander abgestimmt 
sind. Ein weiteres Durchsieben der Triebe nach dem Gesichts- 
punkte der sozialen Anforderungen ist dann Aufgabe des 
Über-Ichs. Erst nach dieser zweimaligen Sichtung gelangen die 



Gestörte Zusammenarbeit der Seelenbestandteile 83 

psychischen Tendenzen in das bewußte Ich, das sie den 
aktuellen und akzidentellen Verhältnissen der Realität noch 
feiner anzupassen, mit den letzten Ergebnissen der Realitäts- 
prüfung in Einklang zu bringen trachtet. In der neurotisch 
erkrankten Psyche ist diese Zusammenarbeit gestört, die 
einzelnen Instanzen stehen sich feindselig gegenüber, die 
Einheitlichkeit der Persönlichkeit ist verloren gegangen, und 
die einzelnen Teile gewinnen eine weitgehende Selbständigkeit. 
Nach der klassischen Formulierung von Freud wird die 
Handlung nach außen durch innere Vorgänge ersetzt. Und 
diese inneren Vorgänge spielen sich unter den einzelnen 
Seelenbestandteilen ab. Denken Sie an unseren Vergleich, nach 
dem diese innerpsychischen Verhältnisse den sozialen Zuständen 
nach einem verlorenen Krieg ähnlich sind, wenn die außen- 
politischen Bestrebungen eines besiegten Landes durch Partei- 
kämpfe abgelöst werden. Nur sind in dieser makroskopischen 
Vergrößerung, im Staatskörper, die innerpolitischen Kämpfe 
sichtbar, während wir auf die inneren Konflikte zwischen den 
Teilpersönlichkeiten der Psyche nur zurückschließen können. 
Nichtsdestoweniger aber sind sie real. Im Gegenteil, es ist 
vielmehr eine Abstraktion, wenn wir die bewußten Bestrebungen 
und Entschlüsse an sich betrachten. Dies ist eine ähnliche 
Abstraktion, wie sie in dem Satz enthalten ist: „Ein Staat 
führe Verbandlungen mit einem anderen." In Wirklichkeit 
führen diese Verhandlungen einzelne Männer, die die offiziellen 
Vertreter der beiden Länder sind. Ihr Programm deckt sich 
aber nur mit dem offiziellen Programm der beiden Länder. 
Außer diesem sind noch verschiedene parteipolitische Programme 
vorhanden, die oft dem offiziellen ganz entgegengesetzt sein 
können. Das offizielle außenpolitische Programm ist in einem 
konstitutionellen Staat ein Kompromiß zwischen den ver- 

6* 



84 



Ein Vergleidi aus dem politisdieii Leben 



schiedenen Parteiprogrammen. Wenn auch die Vertreter der 
beiden Länder nur das offizielle Programm als gültig und 
bindend ansehen dürfen, so werden sie die anderen vorhandenen 
Meinungen in dem fremden Lande nicht für irreal halten und, 
wenn sie gute PoHtiker sind, auch nicht für ganz unwirksam. 
So werden sie z. B. bei gewissen freundschaftlichen Verträgen 
zu einer gewissen Vorsicht gezwungen, wenn in dem fremden 
Lande, mit dem sie verhandeln, eine mächtige Kriegspartei 
vorhanden ist, auch dann, wenn die Kriegspolitik dieser Partei 
in dem offiziellen außenpoH tischen Programm sich nicht durch- 
gesetzt hat. Niemandem würde es aber einfallen, deshalb das 
Vorhandensein solcher kriegerischen Tendenzen zu leugnen, 
auch wenn sie nach außen im Moment nicht wirksam sind. 
Allerdings sind die Diplomaten in einer glücklicheren Lage, wenn 
sie über die inneren Vorgänge eines fremden Landes sich 
orientieren wollen, als wir, die wir nach einem Einblick in 
eine fremde Menschenseele trachten. Wir wissen von den 
Regungen eines anderen im allgemeinen nur das offizielle 
Programm, nur so viel, wie manifest nach außen zum Ausdruck 
kommt. Wir erhalten keine täglichen Pressenachrichten aus 
den Tiefen der Seele unserer Mitmenschen. Über seine ver- 
drängten Regungen, über seine verdrängenden Kräfte, kurz, 
über seine verschiedenen parteipolitischen Programme können 
wir nur durch eine mühsame psychoanalytische Kur etwas 
erfahren. Deshalb neigen wir dazu, diese verschiedenen Parteien 
in der Persönlichkeit für weniger real zu halten als ihre 
manifesten Äußerungen nach außen. Je mehr wir uns aber 
mit der psychoanalytischen Zergliederung der Persönlichkeit 
vertraut machen, um so mehr erscheint sie uns als ein mikro- 
skopisches Staatsgebilde, in dem die verschiedenen wider- 
sprechenden Meinungen und Tendenzen sich gegenseitig 



Denksdiwierigkeiten bei der Idi-Theorie 85 

bekämpfen, und wir lernen, die bewußten Willenshandlungen 
immer mehr als das Endresultat dieser inneren Kämpfe 
anzusehen. Wenn ich also das Über-Ich als eine Person darstelle 
und die neurotischen Konflikte als Kämpfe zwischen verschiedenen 
Personen, so meine ich es so, wie ich es sage und halte 
diese Beschreibung nicht für eine bloße bildliche Darstellung. 

Ich habe diese eingehende Rechtfertigung der dramatischen 
Darstellung der Seelenvorgänge deshalb für notwendig erachtet, 
weil wir bei der Analyse des Ichs ein neues Gebiet unserer 
auch sonst noch jungen Wissenschaft betreten und unsere 
Vorstellungswelt sich noch nicht mit der Realität dieser 
unsichtbaren innerpsychischen Teilpersönlichkeiten befreundet 
hat. Denken wir aber daran, daß auch der Begriff der Atome 
imd der Moleküle nicht immer den Realitätswert hatte wie 
heute. Doch noch vor der Entdeckung ihrer anschaulichen 
Äußerung in der Form der Brownschen Molekular bewegungen 
konnten wir auf die Existenz der Moleküle mit großer Sicher- 
heit zurückschließen. Übrigens mangelt es auch in der Neurosen- 
lehre nicht an solchen sichtbaren Manifestationen der mehr- 
geteilten Persönlichkeit. Denken Sie nur an die — allerdings 
seltenen — Fälle der Doppelpersönlichkeiten. Aber auch die 
Zwangsneurose bleibt in den unzweifelhaften Äußerungen einer 
geteilten Persönlichkeit an Deutlichkeit nicht viel zurück. 

In seinen Vorlesungen geht Freud bei der Darstellung 
der Zwangsneurose von der Feststellung aus, daß der zwangs- 
neurotisch Erkrankte seiner bewußten Person fremde Regungen 
als Zwänge in sich verspürt. Er nahm an, daß diese bewußtseins- 
fremden Regungen, die entweder sinnlos sind, oder solche, die 
die ästhetischen und moralischen Gefühleverletzen, Abkömmlinge 
von verdrängten Tendenzen sind. Andere Zwangsimpulse tragen 
wieder einen ausgesprochen moralischen und sozialen Charakter, 



86 



Die Struktur der Zwangsneurosen 



ja, sie sind sogar, wie z. B. der Waschzwang, die Übertreibung 
der Anforderung der Erziehung nach Reinlichkeit. Diese über- 
moralischen oder überästhetischen Zwangsimpulse hat Freud 
als Sicherungen (Überkompensierung) gegen ichfremde Ten- 
denzen aufgefaßt Die Theorie des Ichs hat unsere Erkenntnis 
über den Mechanismus der Zwangsneurose insofern erweitert, 
als wir einen Teil der zwangsneurotischen Symptome als die 
Äußerungen einer besonders bei der Zwangsneurose tatsächlich 
in sich geschlossenen gut umgrenzbaren Teilpersönlichkeit, des 
Über-Ichs, auffassen, einen anderen Teil als die Äußerungen 
des weniger einheitlichen Teils der Psyche, des Es. Das 
bewußte Ich ist hier tatsächlich nur ein Zuschauer des Kampfes 
zwischen den beiden Teilen und ist nach außen vollkommen 
gelähmt. Das Nebeneinander dieser beiden antagonistischen 
Kräfte: der ichfremden, nach außen aggressiven, und der über- 
raoralischen, gegen die eigene Person gerichteten Tendenzen, 
lassen sich bei jeder Zwangsneurose in irgend einer Form 
nachweisen. Am häufigsten kommen die übermoralischen 
Tendenzen in der Form von Zwangshandlungen, die die 
Übertreibung von erzieherischen Geboten darstellen, zum Aus- 
druck, während die aggressiven Regungen als Zwangs- 
gedanken erscheinen mit dem dem Bewußtsein peinlichen, 
fremden Inhalt, wie: Mordgedanken, die Vorstellung von 
unästhetischen Handlungen (Exkremente in den Mund nehmen 
usw.), manchmal auch die Vorstellung des geschlechtlichen 
Verkehrs mit FamiÜenmitgliedern. In anderen Fällen sind die 
asozialen Regungen in die Form von unverständhchen, 
unsinnigen Symptomhandlungen mit zwanghaftem Charakter 
eingekleidet (etwas mit der Hand berühren müssen oder ver- 
schiedene Zeremonien beim Gehen), während die über- 
moralischen Tendenzen nicht in der Form von ausgesprochenen 



Die beiden antagonistisdien Grundtendenzen 87 

Symptomen, sondern in gewissen übertriebenen Charakter- 
zügen, wie Übergewissenhaftigkeit, Überpünktlichkeit usw., 
erscheinen. Die Kombinationsmöglichkeiten für die Verteilung 
der beiden Tendenzrichtungen auf Zwangshandlungen, Gedanken 
und Charakterzüge sind aber so zahlreich, daß eine genaue 
Morphologie der verschiedenen Zwangsneurosen selbst nach 
einer großen Monographie verlangen würde, , . 

Es ist offenbar, daß es sich hier um zwei entgegengesetzte 
große Tendenzrichtungen derselben Persönlichkeit handelt: um 
ausgesprochen moralische und ura kraß asoziale Tendenzen. 
Die ganze Zwangsneurose besteht eigentlich aus dem Bestreben, 
diesen beiden Tendenzrichtungen gerecht zu werden. Man 
kann in den meisten Fällen von einer eigenthchen Verdrängung 
nicht sprechen, weil ja die ichfremden, bei den anderen Neu- 
rosen und bei den Normalen verdrängten Regungen in der 
Form von Zwängen vielfach kaum verhüllt ins Bewußtsein 
treten. Auf Grund unserer einleitenden Erwägungen wissen 
wir schon, wie das möglich ist. Der Zusammenhang zwischen 
den beiden antagonistischen Tendenzrichtungen wird uns nun 
verständlich. Die überstrengen Äußerungen des Über-Ichs 
ermöglichen das Bewußtwerden der ichfeindlichen Regungen. 
Wir faßten früher die Übermoralität des Zwangsneurotischen 
als Sicherung gegen seine überstarken aggressiven Regungen 
auf. Mit dieser Beschreibung ist der Zusammenhang nicht 
erschöpft. Ebenso die strenge Gewissenhaftigkeit und andere 
übermoralischen, meistens asketischen Charakterzüge mancher 
Zwangsneurotischen wie auch die Zwangssymptome mit über- 
moralischem, gegen die eigene Person gerichtetem Sinn dienen 
zur Entlastung des Schuldgefühls, heben die hemmende Wirkung 
des Gewissens auf und ermöglichen die Äußerung der ichfremden 
Regungen. 



88 



ökonomisdie Uitanz der Zwangsneurose 



Wir dürfen dabei nicht vergessen, daß die Äußerungen 
der asozialen Regungen in der Zwangsneurose einen ausge- 
sprochen harmlosen Charakter tragen. Sie finden ihre Befriedigung 
entweder in scheinbar sinnlosen Handlungen oder in Zwangs- 
gedanken, die für niemanden eine reale Schädigung bedeuten. 
Doch einen ganz ähnlichen Charakter tragen auch die 
Äußerungen der Moralität. Sie ist eine formale Moral, bezieht 
sich auf Kleinigkeiten und Äußerlichkeiten. Man könnte fast 
sagen, daß sowohl die asoziale Seite wie die Über- 
moralitat des Zwangsneurotischen eine private Angelegenheit 
ist, die niemanden schadet, aber auch niemandem zugute 
kommt. Die gründliche Untersuchung zeigt aber, daß diese 
Rechnung doch nicht ganz stimmt. Der Zwangsneurotische ist 
überpünktlich, überreinlich, überordentlich, doch in lebens- 
wichtigen Angelegenheiten benimmt er sich oft auffallend 
asozial. Gehemmte Zwangsneurotische, die in Kleinigkeiten und 
Nebensächlichkeiten oft eine schon läppische Überpünktlichkeit 
und Übergewissenhaftigkeit, eine übertriebene Rücksichtnahme 
auf die Mitmenschen zeigen, lassen sich in ihren besten 
Jahren ohne Gewissensbisse von ihren Angehörigen erhalten 
und belasten ihre Umgebung oft in unerhörter Weise. Dieses 
asoziale Verhalten wird durch die formale Korrektheit 
ermöglicht, die dazu dient, das Wesenüiche durch das Formale 
zu verdecken und wieder gut zu machen. 

Die Aufdeckung dieses bisher wenig beachteten ökonomischen 
Zusammenhanges zwischen den moraUschen Straftendenzen 
und dem Ausleben des Verdrängten wirkt in der Kur oft 
ganz überwältigend und ist mit der Wirkung der Einzelanalyse 
der Symptome nicht zu vergleichen. Die ganze ökonomische 
Struktur der Neurose wird erschüttert, die Möglichkeit der 
Entlastung der Schuldgefühle durch die läppische Karikatur 



Die formale iMoral des Zwangsneurotisthen 



89 



der Korrektheit aufgehoben. Die Analyse wird von dem 
harmlosen Rätselraten ins Ernste verschoben. Es ist eine der 
stärksten Waffen des Widerstandes des Zwangsneurotischen, 
wenn es ihm gelingt, das Wesentliche auf lächerliche Nichtig- 
keiten zu verschieben. Wenn der Analytiker dieser Tendenz 
folgt und es für seine Pflicht empfindet, mit der größten 
Gewissenhaftigkeit allen diesen Nichtigkeiten mit der analytischen 
Deutungskunst nachzugehen, so läuft er Gefalir, für den Neu- 
rotischen bald vollkommen ungefährlich zu werden. Arzt und 
Patient verlieren sich dann in der so sinnreichen und ver- 
lockenden Syniptomanalyse. Die geheime Absicht der Neurose, 
die Aggression und alle asozialen Tendenzen durch die Lächer- 
lichkeit und Harmlosigkeit der Symptome ins Unernste zu 
ziehen und die Aufmerksamkeit von ihren ernsteren, wenn 
auch versteckten Äußerungen abzulenken, hat gesiegt. Sie 
werden fast immer bei gründlicher Überprüfung der Lebens- 
situation des Zwangsneurotikers sowohl gewisse ernste, reale 
Äußerungen der Aggression wie auch das Festhalten an einem 
infantilen Zustand in der realen Lebensführung auffinden 
können. Eine läppische, unechte MoraHtät, lächerliche Äußerungen 
der ichfremden Tendenzen in den Symptomen, dabei aber 
eine echte, meistens sehr versteckte Äußerung der letzteren 
in den Realitäten des Lebens: dies sind die grundlegenden 
Merkmale des Zwangsneurotischen. Wir dürfen aber nicht 
vergessen, daß er für diese realen Äußerungen seiner asozialen 
Tendenzen mit dem Leiden, mit der realen Gehemmtheit in 
allen aktiven Leistungen teuer bezahlt. So bedeutet auch diese 
Neurose wie jede andere einen Gewinn für den infantilen 
asozialen Teil der Psyche und einen Verlust für den höher 
entwickelten Teil. 

Nach dieser allgemeinen ökonomischen Charakterisierung 



90 Verhalten des Zwangsneurotisdien in der Übertragung 

der Zwangsneurose wollen wir nun versuchen, die Intimitäten 
ihrer Struktur aufzudecken. Dies wird nur auf Grund einzelner 
klinischer Fälle möglich sein. In der Kur gelingt es uns erst 
dann, einen tieferen Einblick in die innerpsychischen Beziehungen 
der Persönlichkeit zu gewinnen, wenn es uns bereits gelungen 
ist, bei dem Patienten die Rolle zu übernehmen, die er bis 
jetzt seinem Über-Ich zugedacht hatte. Wenn uns dies gelungen 
ist, so sehen wir in dem affektiven Verhältnis des Patienten 
zum Arzt jene Beziehungen offen zutage treten, die bis jetzt 
als innerpsychische Beziehungen zwischen den Ichinstanzen im 
Innern seiner Persönlichkeit verborgen lagen. In dieser Periode 
der Anatyse versucht der zwangsneurotische Patient unsere 
Deutungen, unser ganzes Verhalten ebenso ins Unernste, ins 
Lächerliche zu ziehen, wie er es bis jetzt mit den Anforderungen 
seines Über-Ichs getan hat. Die provokative Bestrebung, uns 
zu Äußerungen oder gar zu Verboten und Geboten zu verleiten, 
die er dann bezweifeln, angreifen, kritisieren, ad absurdum 
führen kann, ist offenbar die Wiederholung des inneren 
Schauspiels, dessen Titelrollen immer das trotzige, aggressive 
Kind und sein überstrenger, ungerechter und unpsychologischer 
Erzieher spielen. Erschwert und kompliziert wird die Abwicklung 
dieses Dramas dadurch, daß diese Beziehungen zwischen Kind 
und Erzieher, d. h. zwischen dem Verdrängten und dem Ver- 
drängenden, oft die gesamte auf die sadomasochistische Stufe 
regredierte Libido des Patienten absorbieren. So wird auch 
die Beziehung zum Arzt in der Übertragung eine rein sado- 
masochistische. 

Ich möchte auch unsere heutigen Ausführungen nicht ohne 
die Besprechung eines klinischen Falles beschließen. Die Aus- 
wahl eines zur Darstellung geeigneten Falles Ist hier besonders 
schwer, weil es so viele Abarten der Zwangsneurose gibt, 



Straßenangst und Zwangsgedanken bei einer Ehefrau 9* 

SO viele Abstufungen, daß man zur Beleuchtung der Struktur- 
verhältnisse mit einem Fall nicht auskommt. Wir werden noch 
eine Vorlesung ganz der Darstellung klinischer Beobachtungen 
widmen, aber heute schon einen Fall besprechen, der Ihnen 
klar zeigen wird, wie die Überstrenge des Über-Ichs dem 
Verdrängten freie Bahn verschaffen k^nn. 

Eine verheiratete Frau im mittleren Alter, Mutter dreier 
Kinder, leidet an Straßenangst und an einer grausamen 
Zwangsvorstellung, die ihre Nachtruhe zerstört. Diese hat den 
Inhalt, daß sie in der Nacht aufstehen muß, um ihre schlafenden 
Kinder zu erwürgen. Die Straßenangst äußert sich darin, daß 
sie nicht allein auf der Straße gehen kann, weil sie die Vor- 
stellung hat, daß sie ohnmächtig hinfallen wird. Wenn sie 
aber mit jemandem geht, so schwindet die Angst vollkommen. 
Während der Kur kommen folgende wichtige Einzelheiten 
zutage. Die größte Angst tritt auf belebten Straßen auf, wie 
die Tauentzienstraße, Leipzigerstraße, Friedrichstraße. Am 
liebsten nimmt sie als Begleitung ihre kleine Tochter oder 
ihre Stiefschwester mit. Die zwanghaften Mordgedanken traten 
ganz besonders heftig in der letzten Zeit auf, seitdem sie sich 
zu einer langersehnten Reise mit ihrem Mann entschlossen 
hatte. Anscheinend suchte sie den Analytiker wegen dieser 
Verschlimmerung ihres Zustandes auf. Wegen der häufigen 
Erkrankungen ihrer Kinder mußte die Reise immer neu ver- 
schoben werden. 

Zum Verständnis dieses Falles müssen wir noch die Frau 
etwas charakterisieren. Sie ist eine aufopfernde Mutter und 
pflichttreue Gattin, die sich während ihrer ganzen Ehe in 
erster Linie der körperlichen Pflege ihrer Kinder gewidmet 
hat. Ihre Beziehung zu ihrem Mann ist äußerlich gut, doch 
inhaltslos. Geselligkeiten, Zerstreuungen, Reisen kommen bei 



92 



Die Vorgesdiidite der Neurose 



dem sehr wohlhabenden Ehepaar kaum in Frage. Ein Muster- 
beispiel einer banalen, bürgerlichen Ehe, in der die Frigidität 
der Frau im Geschlechtsverkehr fast zum Anstand gehört. Ihr 
Leben ist also in keiner Hinsicht äußerlich auffallend, ein 
puritan bürgerliches Leben, und jeder Moralist würde das 
furchtbare Leiden dieser Frau als die größte Ungerechtigkeit 
des Schicksals auffassen. Womit hat sie dieses Schicksal ver- 
dient und wie kommen in die Seele dieser übermoralischen 
Frau und aufopfernden Mutter solche grausamen Mordgedanken? 
Die Lösung dieses Rätsels ist nach unseren früher ausgeführten 
ökonomischen Kenntnissen nicht mehr schwer, besonders wenn 
wir einen wichtigen Umstand aus ihrem Vorleben erwähnen, 
den sie gleich in der zweiten analytischen Sitzung bei dem 
Anlaß einer auffallenden Fehlhandlung erzählte. Wir wollen 
aus verschiedenen Gründen bei der Wiedergabe dieser Vor- 
geschichte uns auf das AUernotwendigste und Allgemeinste 
beschränken. 

Meine Frage, ob sie Geschwister hätte, verneinte sie. Doch 
schon im nächsten Augenblick, auffallend verschämt und selbst 
verwundert, korrigierte sie ihren Irrtum: sie habe im Augenblick 
ganz vergessen, daß sie zwei Stiefschwestern und einen Bruder 
habe, eine Stiefschwester lebe in derselben Stadt wie sie, sie 
seien fast täglich zusammen, da sie dieselbe täglich auf ihren 
Einkaufswegen mitnehme. Das Vergessen der Stiefschwester 
ist eine Fehlhandlung, die tatsächlich als ein unbewußtes 
Geständnis im Sinne Reiks aufzufassen ist, das Geständnis 
ihrer verdrängten Beseitigungswünsche gegen die Stiefschwester, 
Die Stiefschwestern stammen aus der ersten Ehe ihres Vaters. 
Sie war in dem wahrsten Sinne des Wortes ein mittleres Kind, 
zwischen den beiden älteren Stiefschwestern und dem jüngeren 
Bruder eingekeilt. Aus den nicht ganz durchsichtigen 



Eifersudit und Todeswünsdie in der Kinderstube 93 

Beziehungen zu ihren Geschwistern sei nur das Gefühl 
erwähnt, daß sie alle den 'Weg zum geliebten Vater vor ihr 
versperrt haben. Gegenüber ihrem jüngeren Bruder spielte 
neben Eifersucht noch eine starke mütterliche Einstellung eine 
wichtige Rolle. 

Mit dem bisher Gesagten haben wir die wichtigsten Momente 
für das Verständnis der Neurose angegeben. Ich werde ver- 
suchen, meine Einsichten, die ich in diesem Fall gewonnen 
habe, vor Ihnen kurz zu entwickeln. Als Kind zeigt sie starke 
Todeswünsche gegen die aus einer fremden Ehe stammenden 
Rivalinnen, gegen die Stiefschwestern. Die Ankunft des kleinen 
Bruders verbittert sie noch mehr, und auch er wird vielleicht 
in einen noch stärkerem Maße der Mittelpunkt von Beseitigungs- 
wünschen. Zur Abwehr dieser Mordtendenzen entwickelt sich 
ein überstrenges Über-Ich, welches als Wiedergutmachung der 
Todeswünsche von ihr ein außerordentlich sittliches, auf- 
opferndes Verhalten im Leben fordert. Die aufopfernde ent- 
sagungsvolle Rolle der Mutter beginnt in der Kindheit gegen- 
über ihrem kleinen Bruder und setzt sich in der Ehe gegenüber 
den eigenen Kindern fort. Die Mutterschaft dient in ihrer Psyche 
zur Aufhebung der Schuldgefühle, so wie in der Kindheit die 
mütterliche Einstellung dem kleineren Bruder gegenüber die 
Überkompensierung der Eifersucht, der Todeswünsche bedeutete. 
Dadurch bekommt bei ihr die Mutterschaft einen asketischen, 
leidenden Charakter. So wird ihre gesamte Ehe nur zur Pflicht- 
erfüllung, eine Aufopferung, die nicht zum Glück werden, die 
nicht Lust spenden darf. Doch in der Tiefe des Unbe\vufiten 
sehen die Verhältnisse ganz anders aus. Das im ganzen Leben 
mißhandelte Liebesbedürfnis verlangt im Anfang des Klimak- 
teriums ein letztes Mal stürmisch nach Befriedigung. Und wie 
in der Kindheit ihre Geschwister, so versperren jetzt ihre 



94 Asketisdie Züge der EJie und der Atuttersdiatt: 

Kinder den Weg zu ihrem Manne. Sie ist ja nur Mutter und 
nicht Frau und darf unter dem Druck ihres Über-Ichs nur die 
Pflichten der Mutterschaft, nicht aber die Freuden der Frau 
kennen. Die alten Mordwünsche gegen die Geschwister leben 
in den Zwangsmordideen gegen die eigenen Kinder wieder auf, 
gegen die Kinder, die durch ihre Pflegebedürftigkeit jetzt 
wieder die geplante Reise, auf der sie mit ihrem Manne, von* 
allen Pflichten des Haushalts und der Mutterschaft befreit, allein 
sein könnte, verhindern. Die verdrängten unbewußten Mord- 
wünsche treten frei ins Bewußtsein, nachdem sie für die infan- 
tilen Mordwünsche gegen die Geschwister durch das ganze 
freudlose Leben in Befolgung der asketischen Forderungen 
ihres grausamen Über-Ichs gebüßt hatte. Das nahende Khmak- 
terium fördert diesen Befreiungskampf. Einmal möchte sie 
endlich nicht mehr Mutter sein, sondern lieben, einmal Lust 
ohne Pflicht genießen. Und aus dieser revolutionären Atmosphäre 
der verdrängten Sexualität entstehen die Straßenangst sowie 
die Mordimpulse. 

Die Angst, allein auf belebten Straßen zu gehen, wo sie 
ohnmächtig werden und fallen könnte, ist die Reaktion auf 
unbewußte Dirnenphantasien. Sie, die die Liebe im ganzen 
Leben vermied und sie nur in der pflichtgeschwängerten Luft 
einer bürgerlichen Ehe kannte, will endhch von allen moralischen 
Fesseln befreit genießen. Auf der Tauentzienstraße, auf der 
Friedrichstraße, wo die freie, unmoralische Liebe herrscht, dort 
will sie „fallen". Sie sehen also, daß sowohl die Mordwünsche wie 
die der Straßenangst zugrunde liegenden Dirnenphantasien einen 
Durchbruch gegen die Überstrenge des Über-Ichs bedeuten, 
eine Revolution gegen seine tyrannische Herrschaft. Es hat 
sowohl die mütterlichen Pflichten wie die bürgerliche Ehe durch 
seine Strenge ad absurdum geführt und die moralischen 



Die Straßenangst als Folge von Dimenphantasien 95 

Schranken drohen zusammenzubrechen. Während aber in 
den Mordgedanken das Verdrängte frei ins Bewußtsein tritt, 
bleiben die Dimenphantasien unbewußt, sie verraten sich nur 
durch die reaktive Straßenangst. Es ist schwer zu sagen, warum 
die unbewußten Todeswünsche gegen die Kinder zu Zwangs- 
gedanken, die Dimenphantasien zu einer Phobie geführt haben. 
Offenbar ist das Verbot desÜber-Ichs an dieser Front, gegen- 
über den Sexualwünschen, noch mächtig genug, um das 
Bewußtwerden der Dimenphantasien zu verhindern. 
- Die Straßenangst schränkt ihre Bewegungsfreiheit mächtig 
ein. Sie muß auf allen ihren Wegen eine der beiden Konkur- 
rentinnen mitnehmen. Die Tochter und die Stiefschwester, die 
beiden Ursachen ihres Leidens in der Gegenwart und in der 
Vergangenheit, sollen sie auch jetzt in dieser letzten Möglichkeit 
des Liebens verhindern. Wenn diese sie auf der Straße 
begleiten, so hüten sie sie zwar vor der Versuchung, rauben 
jedoch gleichzeitig ihre Freiheit. So steht die Straßenangst, die 
nur Leiden bedeutet, noch stark im Zeichen der Strafaktion 
des Über-Ichs. Während in den Mordgedanken der Durchbruch 
des Verdrängten voll gelungen ist, werden die Dimenphantasien, 
die ebenso als Reaktion gegen die Strenge des Über-Ichs ent- 
standen sind, durch eine neue Gegenaktion des Über-Ichs 
gehemmt. Die Revolution ist an dieser Stelle mißlungen und 
die Gegenrevolution hat wieder gesiegt. Vielleicht die Nieder- 
lage an dieser Front, die so entstandene mächtige Triebspannung, 
ermöglicht es, daß dann auf der anderen Linie die verdrängten 
Mordwünsche frei ins Bewußtsein treten können. Ich habe stark 
den Eindruck bekommen, daß ein ähnlicher ökonomischer 
Zusammenhang zwischen den beiden Symptomkomplexen, 
zwischen Straßenangst und Zwangsgedanken, bestanden hat. 
Jedenfalls weist der Mechanismus der Phobie an diesem Punkte 



96 Die Rolle des t'ber-Idis bei der Strafienangst 

für unser Verständnis vorläufig eine dunkle Stelle auf. Soviel 
läßt sich in unserem Falle mit Sicherheit sagen, daß die Straßen- 
angst die Angst des Ichs vor seinem Über-Ich bedeutet, das 
wegen der vordrängenden Dirnenphantasien mit Strafen droht. 
Unter dem Druck der Angst vor seinem Über-Ich hemmt das 
Ich die Dirnenphantasien, die unbewußt bleiben. Es ist eine 
fast tragikomische Situation, daß das Über-Ich nur dadurch zu 
besänftigen ist, die Angst nur dann schwindet, wenn sie gerade 
die beiden Konkurrentinnen mitnimmt, deretwegen sie im ganzen 
Leben gelitten hat. Die Dirnenphantasie ist aber ein Ver- 
zweiflungsakt der verdrängten Sexualität, und die starke Sexual- 
verdrängung war gerade das Werk des Über-Ichs, seine Antwort 
auf die infantilen Sexualwünsche. Dasselbe Über-Ich, das durch 
seine Überstrenge die Dimcnphantasien als Reaktionsbildungen 
provoziert hatte, droht jetzt mit Strafe, Sein Verhalten ist sehr 
ähnlich dem einer strengen Justiz, die wegen kleinerer Ver- 
gehen harte Strafen verhängt, damit den angehenden Ver- 
brecher aus der Gemeinschaft heraustreibt und ihn, der nun 
rückfällig werden muß, wegen seiner neuen Verzweiflungstaten 
wieder zur Verantwortung zieht. Ebenso wie eine harte Justiz 
selbst Verbrecher züchtet und dann gegen seine eigenen 
Züchtungsprodukte vorgehen muß, sehen wir, daß auch das 
Über-Ich die Reaktionsbildungen seiner Überstrenge bekämpfen 
muß. 

Es scheint mir für die Phobien charakteristisch zu sein, 
daß bei ihnen die Straftendenzen des Über-Ichs nicht 
durch Symptome mit Straf bedeutung wie bei der Zwangs- 
neurose befriedigt werden und daß deshalb seine unbefriedigten 
Straf tendenzen eine ständige Drohung für das Ich bedeuten. 
Bei ihnen ist die ökonomische Aufgabe jeder Neurose am 
wenigsten geglückt, nämlich, das auf den Durchbruch des 



Untersdiiede zwischen den Phobien und den Zwangsneurosen 97 

Unbewußten folgende Strafbedürfnis durch Symptome aufzu- 
heben, d. h. das Gleichgewicht zwischen den verdrängenden 
und den verdrängten Kräften herzustellen. Die ständig drohende 
Angst bei den Phobien, die reine Gewissensangst ist, zeigt, 
daß die Gewissensansprüche unbefriedigt geblieben sind. 
Daraus erklärt sich der progressive Charakter der Phobien, 
sie stellen keinen Gleichgewichtszustand dar, wie etwa eine 
eingefleischte Zwangsneurose, die gleichzeitig den Tendenzen 
des Es wie dem Strafbedürfnis in gleicher Weise entspricht 
und dadurch die Angstentwicklung vermeiden kann. Der 
phobisch Erkrankte kann die Angst nur dadurch vermeiden, 
daß er die Handlung, die zur symbolischen Befriedigung dienen 
soll, unterläßt, während der Zwangsneurotische dieselben 
Handlungen ausführen kann, weil er in gleicher Zeit auch 
andere Handlungen ausführt, die die Gewissensansprüche zu 
befriedigen, folglich die Angst aufzuheben geeignet sind. Diese 
angstaufhebenden Handlungen bilden sozusagen die Bedingungen 
der Triebbefriedigungen. Auch jener Umstand läßt sich durch 
diese Auffassung der Phobien gut erklären, daß sie so häufig 
als Anfangszustand einer Neurose und in der Kindheit auf- 
treten. Das Auftreten einer Phobie bedeutet demnach soviel, 
daß es dem Ich noch nicht gelungen ist, den Strafdrohungen 
seines Über-Ichs sich anzupassen, es hat noch nicht gelernt, 
seine Straf tendenzen durch Erdulden von Leidenssymptomen 
zu beschwichtigen und sogar aus diesen Straf Symptomen eine 
passive, masochistische Lust zu gewinnen. Es versucht die 
Flucht vor den Androhungen des Über-Ichs und traut sich 
noch nicht durch Erdulden von Leiden es zu bestechen. In 
unserem Fall war die zwanghafte Bedingung, die Stiefschwester 
oder die Tochter mitnehmen zu müssen, bereits der erste Schritt 
zur Bildung eines Zwangssymptoms. Auf den selbstbestrafen- 



98 Medianismus der phobisdien Hemmungen 

den Sinn dieser Zwangsbedingung, die die persönliche Freiheit 
der Kranken so sehr einschränkte, habe ich bereits hingewiesen. 
Wir können die Entstehung des Zwangszeremoniells und über- 
haupt der moralisch gefärbten Zwangssjnnptome auf dieselbe 
Weise, nämlich als einen Versuch, die phobische Angst zu über- 
winden, auffassen. Besonders die moralische Färbung der 
Zwangszeremonien ist dabei bemerkenswert. Sie bedeuten ganz 
wie die zwangsneurotischen Charaktereigenschaften immer die 
Übertreibung von erzieherischen Geboten zur Ordnung, Rein- 
lichkeit usw. Auch das peinliche Gefühl während ihrer Aus- 
führung verrät den selbstbestrafenden Sinn solcher zwanghaften 
Zeremonien. Sie dienen offenbar, wie die religiösen Zeremonien, 
zur Aufhebung der Gewissensangst. Der „Opfer "-Charakter 
oder der Leidenscharakter gehört folglich zu ihren Wesenszügen. 
Der Fluchtversuch des Ichs, der in der Ausbreitung der 
Phobien auf immer mehr Handlungen und Situationen zum J 

Ausdruck kommt, läßt sich also etwa in der folgenden Weise 
vorstellen. Die Strenge des Über-Ichs, die die normalen Wege 
der Triebbefriedigungen versperrt, führt dazu, daß indifferente 
Handlungen, wie das Gehen, Fahren, Schreiben usw., eine 
Überbesetzung seitens der verpönten Triebregungen erhalten; 
sie werden entweder erotisiert, oder bekommen einen 
aggressiven Sinn. Der verpönte Trieb versucht, auf diesen 
Nebenbahnen sich zu entspannen. Das Über-Ich versteht die 
geheime Bedeutung dieser sonst harmlosen Handlungen, und 
bedroht das Ich bei der Ausführung der letzteren. Das Ich 
selbst weiß von dieser Überbedeutung nichts, spürt nur die 
Drohungen des Über-Ichs in der Form von Angst, die es 
dazu veranlaßt, die angsterregenden Handlungen zu unter- 
lassen. Damit wächst wieder die Triebspannung, weil die f 

Entspannung auch auf diesen Nebenbahnen nicht gelungen ist, j 

i 
■i 

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Uneingeschränkte Herrschaft des Über-ldis bei den Phobien 99 

und nun erfahren wieder neue Handlungen eine Über- 
besetzung, die Triebbefriedigung wird von neuem versucht. 
So breitet sich die phobische Angst immer mehr aus, es 
werden immer neue Handlungen überbesetzt und in der Folge 
angstvoll vermieden. Die Ausbreitung der Hemmungen kann 
manchmal unglaublich groteske Formen annehmen. 

In einem Falle habe ich z. B. beobachten können, wie die 
ursprüngliche Angst, eine Axt in die Hand zu nehmen oder 
später nur in ihre Nähe zu gehen, noch später sich auf alle 
Gegenstände ausgedehnt hat, die eine axtähnliche Form hatten. 
Dies ging soweit, daß am Ende jedes Lesen unmöglich 
wurde, weil der Kranke die heftigste Angst hatte, daß ein 
großes „L" kommen könnte, dessen Form an eine Axt erinnert. 

Der phobisch Erkrankte steht also ständig unter der Last 
seines aufgescheuchten schlechten Gewissens, dessen Ansprüche 
durch Symptome mit Strafbedeutung abzuspeisen ihm nicht 
gelingt. Diese Beschreibung löst aber noch immer nicht die 
Frage, warum in manchen Fällen der Neurosenbildung die 
Bindung der Straftendenzen des Über-Ichs durch Symptome 
gelingt und dadurch die Angstentwicklung vermieden werden 
kann, wie z.B. bei der Zwangsneurose, und in anderen Fällen 
wie bei den Phobien dies nicht gelingt. Der Hinweis, daß die 
Phobie meist einen Anfangszustand bedeutet, in dem das Ich 
noch kein bequemeres Kompromiß mit dem Über-Ich gefunden 
hat, genügt sicherlich nicht zur vollen Aufklärung dieser 
Frage. Wichtig ist die Bemerkung von Freud, daß die in 
der Phobie in Frage kommenden verdrängten Tendenzen oft 
genitaler Natur sind, die die zwangsneurotische Regression 
zum Sadismus nicht mitgemacht haben. Er meint, daß gegen 
verdrängte erotische Tendenzen die zvvangsneurotischen 
Abwehrtechniken nicht anwendbar sind. Unerlclärt bleibt aber 



100 ökonomisdier Zusammenhang zwischen Symptomkomplexen 



V 



dann noch immer, warum eine konversionshysterische Bindung 
der phobischen Angst nicht immer gelingt, da in der 
Konversionshysterie ja die genitale Stufe erhalten bleibt, das 
Konversionssymptom also genitale Angst zu binden geeignet 
ist. Vielleicht wird noch ein anderer, früher bereits kurz 
erwähnter Umstand auch etwas zur Lösung der Frage bei- 
tragen können. Ich meine den ökonomischen Zusammenhang 
zwischen zwei verschiedenen Symptomkomplexen. 

Nicht nur bei dem besprochenen Fall von Straßenangst, 
sondern auch bei der erwähnten Axtphobie waren die phobischen 
Erscheinungen mit Zwangsgedanken aggressiven Inhaltes ver- 
mischt. Auch in diesem Fall der Axtphobie habe ich stark den 
Eindruck gewonnen, daß die Zwangssymptome und die pho- 
bische Angst in einem ökonomischen Zusammenhang miteinander 
standen. Den Durchbruch von unverhülUen Mord wünschen 
ins Bewußtsein konnten wir nur so erklären, daß die Gewissens- 
ansprüche des Über-Ichs im Übermaß befriedigt worden sind. 
Die Widerstandskraft des leidenden Ichs gegen das Drängen 
des Es hat nachgelassen, weil das Erdulden von Strafen seine 
Abhängigkeit von dem Über-Ich mächtig gelockert hat. Durch 
das Leiden hat es einen wichtigen Milderungsgrund für seine 
sündhaften Gedanken erworben. Es scheint aber, daß in der 
Seele die Bestechlichkeit der Beamten doch eine gewisse Grenze 
hat. In unserem Falle wurde die ganze Bestechlichkeit des 
Über-Ichs für den Durchbruch der Mordgedanken verwendet 
und eine neue Belastung des Gewissens durch die Dirnen- 
phantasien war bereits unmöglich. Der volle Inhalt des un- 
bewußten Gedankens: — „Ich will meine Kinder loswerden, 
um so die Fesseln der lustlosen bürgerlichen Ehe leichter 
sprengen und mich dann ganz dem freien Liebesgenuß widmen 
zu können" — konnte trotz des Erduldens noch so vieler 



Gesamtbilanz der beiden antagonistisdicn Grundtendenzen 101 

Leiden und Strafen doch nicht voll bewußt werden. Nachdem 
der erste Teil dieses verpönten Gedankenganges — „ich will 
meine Kinder loswerden" — frei ins Bewußtsein trat, war die 
Duldsamkeit des Gewissens erschöpft, der zweite Teil — 
„ich möchte Dirne werden" — mußte unbewußt bleiben. Wie 
weit sich ein solcher ökonomischer Zusammenhang zwischen 
zwei verschiedenen Symptomkomplexen verallgemeinem läßt, ist 
eine Frage, die nur weitere empirische Forschung wird 
beantworten können. Jedenfalls wird es aber ratsam sein, nicht 
nur die verschiedenen, scheinbar nicht zusammenhängenden 
Symptome, sondern auch die Charaktereigenschaften, ja sogar 
die reale Lebensführung immer in einem großen Zusammen- 
hange zu untersuchen und nicht von der Deutung eines 
einzelnen Symptoms oder Symptomkomplexes seine völlige 
Aufklärung zu erwarten. Wir sahen ja eben, wie der Neu- 
rotische z. B. aus den Leiden der Vergangenheit sich oft die 
Berechtigung erwirbt, die Schranken der Verdrängung zu 
durchbrechen, und wie er sein Straf bedürfnis, das als Folge 
des Durchbruchs des Verdrängten entsteht, durch Bildung 
neuer Leidenssymptome zu befriedigen trachtet. Wenn wir die 
dynamische Auffassung der Neurosen mit einer ökonomischen 
(quantitativen) Betrachtung vervollständigen wollen, so bleibt 
uns nichts anderes übrig, als alle Äußerungen der beiden 
großen antagonistischen Kraftrichtungen, die einerseits von 
dem Ich bzw. Über-Ich, andererseits von dem Es ausgehen, 
tabellarisch nebeneinander zu stellen und miteinander zu ver- 
gleichen. Aus einer solchen quantitativen Gegenüberstellung 
der beiden Kraftrichtungen ergab sich z. B. der interessante, 
früher erwähnte Zusammenhang, daß die übermoralischen 
Charakterzüge eines Zwangsneurotischen gewisse aggressiv 
gefärbte Symptome ermöglichen, indem die moralische 




102 Psydioanalyse der Gesamtiiersönlidikeit 

Hemmungskraft auf einer anderen Stelle zur Überpünktlichkeit, zur 
Übergewissenhaftigkeit verwendet und verbraucht wird. Diese 
ökonomische Gesamtbilanz der beiden Grundtendenzen, — der 
Trieb ansprüche und des Gegendrucks der Realität, welcher in 
der Form von Angst und Moral wirkt, — meine ich mit dem 
Ausdruck: „die Psychoanalyse der Gesamtpersönlichkeit". 

Sie sehen aus dem heute besprochenen lehrreichen Fall, 
daß selbst ein so ichgerechtes und elementares Gefühl, wie 
das mütterhche, durch seine asketische Übertreibung in den 
Dienst des grausamen Über-Ichs gestellt werden kann, welches 
durch diese Verzerrung den ursprünglichsten Trieb der Frau 
ad absurdum führt, und den Sieg des primitiven Narzißmus 
ermöglicht. Dieser Narzißmus empfindet selbst die eigenen 
Kinder als Hindernis, die einen der Möglichkeit zur Selbstliebe 
berauben und an der Realisierung des Wunsches, einzig und 
allein geliebt zu werden, hindern. 

Denselben Mechanismus werden Sie in irgend einer Form 
bei jeder Zwangsneurose vorfinden. Die Grausamkeit und 
Überstrenge des Über-lchs führt zu einer Reaktion gegen 
jede positive Objektbeziehung und gestattet nur eine aggressive 
Einstellung gegen die Umwelt einzunehmen. Der von seinen 
überstrengen Über-Ich gepeinigte Kranke kann die Welt nur 
mehr hassen. 

Wir möchten noch einmal hervorheben, daß der be- 
schriebene ökonomische Zusammenhang zwischen der Be- 
friedigung des Strafbedürfnisses einerseits und der Wieder- 
kehr der verdrängten Tendenzen in Fonn von Symptomen 
andererseits im Grunde identisch mit dem Mechanismus ist, 
den Freud bei der manisch-depressiven Neurose ent- 
deckt hat. Ich hoffe, daß es mir gelungen ist, nachzuweisen, 
daß dieser Zusammenhang eine generelle Gültigkeit für 



Die drei Gruadmedianismen der Neurosenbildung 103 

jede Neurosenbildung hat. Wir zeigten bei einem konversions- 
hysterischen Symptom, bei dem Erröten, daß die atypische 
Innervation, die zum Erröten führt, eine reaktive Folge der 
überstarken Sexual Verdrängung ist, der Versuch einer Ent- 
spannung auf Nebenbahnen, und wir zeigten auch, daß selbst 
diese verhüllte Äußerung des verdrängten Triebes nur dadurch 
möglich wird, daß das Symptom gleichzeitig Leiden bedeutet 
und so das Straf bedürfnis befriedigt. Die Befriedigung des 
Strafbedürfnisses schränkt die Wirksamkeit der Verdrängungs- 
kräfte ein. Wir sagten ferner, daß das, was in der manisch- 
depressiven Neurose, auf zwei Phasen verteilt, nacheinander 
geschieht, nämlich die Äußerung des Verdrängten und die Strafe, 
in der Zwangsneurose zu gleicher Z e 1 1 vorhanden ist. 
Während der Manisch-Depressive eine Zeitlang nur hemmungs- 
los ist und in einer anderen Phase nur gehemmt, ist der 
Zwangsneurotische in derselben Zeit sowohl sadistisch 
wie masochistisch, befriedigt zu gleicher Zeit seine ver- 
drängten Tendenzen und sein Strafbedürfnis. Folglich können 
wir annehmen, daß die Triebentmischung bei der Hysterie, bei der 
ein einziges Symptom eine Doppelbedeutung hat, und 
zwar die gleichzeitige Befriedigung der beiden antagonistischen 
Kräfte, am geringsten ist. Sie ist bei der Zwangsneurose 
bereits größer, indem hier bald die eine, bald die andere Ten- 
denz befriedigt wird, und am stärksten bei den manisch- 
depressiven Zuständen, wo das Gleichgewicht des antagonisti- 
schen Kräftepaars vollständig gestört ist. Wir werden diesen 
interessanten Gesichtspunkt später bei der Untersuchung der 
Triebgrundlagen der Neurosen noch eingehender beleuchten. 
Es ließe sich die Reihe der Beispiele, die diese Zusammen- 
hänge bestätigen, behebig vermehren, ich möchte aber jetzt 
nur noch kurz auf die Psychologie der zwangsneurotischen 



104 Z^vangsneu^otisdle Arbeitshemmungcn 



► 



Arbeits he ramungen hinweisen, bei denen dieser Mechanismus 
immer wirksam ist. 

Ein Patient, der lange Zeit hindurch zu jeder Arbeit unfähig 
war, fing während der Kur plötzlich eine merkwürdige Tätig- 
keit an. Der Sohn eines akademisch gebildeten Vaters, selbst 
auf einen geistigen Beruf sich vorbereitend, nimmt eine 
Anstellung als Handwerkerlehrling an. Der bisher Nichtstuende 
steht jeden Tag um sechs Uhr auf und arbeitet im Arbeitskittel 
acht Stunden lang, um dann todmüde täglich zur psycho- 
analytischen Behandlungsstunde zu erscheinen. Hinterher nimmt 
er noch eine Unterrichtsstunde. Er übertrieb die Arbeit in 
einer unglaublichen Weise, anstatt Arbeit leistete er Zwangs- 
arbeit. Der Sinn der Verzerrung der Aktivität war deutlich : 
er persiflierte die Forderung der Analyse, die identisch mit 
der Forderung seines Über-Ichs war, — nämlich das bisherige 
Nichtstun aufzugeben, — führte sie ad absurdum, um dann 
jede Tätigkeit mit dem Gefühl der Berechtigung ablehnen zu 
dürfen. 

Em anderer, schwer zwangsneurotisch erkrankter Patient 
stellte sich für die Beendigung seiner Doktorarbeit die Bedin- 
gung, daß er bis zur Vollendung der Dissertation keine sexuelle 
Befriedigung haben dürfe, weder in der Form des Koitus noch 
der Masturbation. Er versuchte zunächst das Verbot vom Ana- 
lytiker zu erlangen, nachdem ihm dies aber mißlang, stellte er 
sich selbst das Verbot. Hatte er ein einziges Mal sein asketi- 
sches Vorhaben übertreten, so erklärte er, die ganze bisher 
geleistete Arbeit für ungültig und zerriß sie. Eine Zeit der 
exzessiven Masturbation folgte darauf. Er mußte natürlich die Arbeit 
wieder von vorne anfangen. Der Sinn dieser übermoralischen 
Anforderung jst in diesem Falle eindeutig durchsichtig, sie 
bezweckt die Kompromittierung des Über-Ichs, das durch diese 



Das Über-Idi ein Fremdkörper beloi Zwangsncurotisdien 105 



unhaltbaren strengen Maßnahmen seine Rolle als Regulator des 
Trieblebens verspielen muß und derart kompromittiert den 
ungehemmten Trieben des Es bzw. des primären Narzißmus 
den Weg freigeben muß. 

Diese Beispiele zeigen uns am klarsten, wie vollständig 
das Über-Ich mit allen seinen Anforderungen einen Fremd- 
körper in der Psyche des zwangsneurotisch Erkrankten 
bildet. Es hat seine Anforderungen nicht wirklich in sein 
Ich aufgenommen, das Über-Ich bildet tatsächlich eine Sonder- 
persönlichkeit neben dem Ich. Das letztere hat zwar Angst 
vor seinem Über-Ich, trachtet aber seine Abhängigkeit von 
ihm aufzuheben. Dies erreicht es dadurch, daß es das Über-Ich 
zu Ungerechtigkeiten provoziert, um dadurch seine moralische 
Abhängigkeit von ihm lösen zu können. Durch das Erdulden 
ungerechter Strafen, erreicht auch dann das Ich die volle 
Berechtigung, den verpönten Tendenzen des Es nachzugeben. 
Mit dieser seiner Politik beweist es aber, wie weit es mit dem 
Es gemeinsam fühlt. Wenn wir also früher die Korruption 
des Über-Ichs, seinen Geheimbund mit dem Es hervorgehoben 
haben, so trifft diese Anschuldigung bei den Zwangsneurotischen 
auch auf das Ich zu. Die gesamte Persönlichkeit hat ihr Gleich- 
gewicht in der Richtung der Tendenzen des Es verschoben. 



^ 



VIERTE VORLESUNG 
Der Zwangs neuro tische Zweifel 

Meine Damen und Herren! Beim letzten Male haben wir 
die ökonomische Struktur der Zwangsneurose untersucht 
und eine innige Beziehung zwischen den übernioralischen 
Straftendenzen und den aggressiven ichfremden Äußerungen 
der Persönlicfikeit festgestellt. Wir sind über die bisher übliche 
Darstellung, daß die Übermoralität des Zwangsneurotischen 
eine Sicherung gegen seine starken verdrängten asozialen ^^ 

Tendenzen bedeutet, erheblich hinausgegangen. Wir zeigten, ^i 
daß die Übermoralität des Zwangsneurotischen, ähnlich wie 
die gegen sich selbst gerichteten Tendenzen des Melancholischen^ 
gerade im Dienste der verdrängten Tendenzen steht, sie ist 
eine formale Moralität, oft nur die Karikatur der Moral und 
dient zur Entlastung der Schuldgefühle, indem sie die 
Wirksamkeit der verdrängenden Kräfte aufhebt. Diese Ent- 
waffnung der Verdrängungskräfte geht manchmal sogar soweit, 
daß stark verpönte ichfremde Wünsche, wie in unserem Falle 
der Mordwunsch einer Mutter gegen ihre Kinder, frei ins 
Bewußtsein zu treten vermögen. Die beste Charakteristik der 
zwangsneurotischen Psyche können wir mit der Psychologie 
der üblichen Erziehung und der heute gültigen Rechtspflege 
geben, die beide auf einem Strafsystem aufgebaut sind. Die 



% 



Rückblick auf den zwangsneurotisdien Medianismus 107 

Strafe dient nicht zur Verhütung des Verbrechens, sondern 
zum Ausgleich, zur Vergeltung. Es wird uns so nicht ver- 
wunderlich erscheinen, wie häufig das Auftreten der Zwangs- 
neurose in unserer Zeit ist, deren Justiz im Grunde genommen 
— wenn nicht bewußt, so doch sicher gefühlsmäßig — noch 
dem primitiven Talionssystem: Auge um Auge, Zahn um Zahn, 
so nahe steht. Es ist klar, daß ein solches Strafsystem -zur 
Begünstigung der Sünde führen muß. Ein in diesem Geiste 
erzogenes Ich wird es nur als gerecht empfinden, daß, nachdem 
es die Strafen des Über-Ichs auf sich genommen hat, nun auch 
die verbotenen Tendenzen des Es zu ihrem Rechte kommen. 
Wir dürfen nur das eine nicht vergessen, daß bei dem Zwangs- 
neurotischen diese ganze Gerichtskomödie nicht in der Realität, 
sondern im Innern der Persönlichkeit sich abspielt und ebenso, 
wie es zu realen Verbrechen nicht kommt, auch die Strafen 
nur symbolisch sind. Es muß als Korrektur dieser Feststellung 
allerdings hinzugefügt werden, daß der Zwangsneurotische 
durch sein Gehemmtsein im Leben einen realen Schaden 
erleidet, daß er andererseits aber auch seine aggressiven 
Tendenzen gegen die Umgebung oft, wenn auch in versteckter 
Form, real ausleben kann. Wenn wir also eine Bilanz über 
das Triebleben des Zwangsneurotischen aufstellen, so werden 
wir eine auffallend genaue Geschäftsführung vorfinden. Auf 
der einen Seite dieser Bilanz stehen die Äußerungen der 
verdrängten sadistischen Regungen, sowohl die Symptom- 
äußerungen wie die realen Äußerungen, auf der anderen 
Seite die im eigenen Ich wirksamen masochistischen 
Tendenzen, die sich entweder als asketische Charakter- 
eigenschaften oder als Symptome zeigen. Das Endresultat ist 
eine vollkommene Lähmung und Neutralität des Kranken nach 
außen. Die erste Formulierung von Freud gilt wörtlich: die 



lo8 Triebgrundlagen der Zwangsneurose 

Handlungen nach außen sind durch innere Vorgänge ersetzt. 
Und für die Art dieser Vorgänge ist vor allem ihre sado- 
masochistische Färbung kennzeichnend. Es ist folghch klar, daß 
jene Handlungen, die durch diese inneren Vorgänge ersetzt 
werden, wenn sie zur Ausführung kämen, ebenfalls einen 
sadomasochistischen Charakter tragen würden. Und damit sind 
wir bei der Triebgrundlage der Zwangsneurose angelangt. 
Erst bei einer späteren Gelegenheit werden wir versuchen, das 
Neurosenproblem von der Seite der Trieblehre aus zu erfassen, 
indem wir die Neurosen nicht wie bis jetzt nur von der 
quantitativen und rein dynamischen Seite untersuchen, sondern 
auch die Qualität der dynamischen Triebkräfte in den Kreis 
der Betrachtungen ziehen werden. Wenn wir schon heute eine 
kleine Exkursion in dieser Richtung versuchen, so wird diese 
nur so weit gehen, wie es zur Erläuterung der dynamischen 
Betrachtungsweise not\yendig ist. 

Es ist eine sichere Methode für die Aufklärung einer neu- 
rotischen Konstellation der Psyche, nach jener realen Situation 
des Individuums zu suchen, welche in der fraglichen Neurose 
intrapsychisch wiederholt wird. Versuchen wir, diese reale 
Konstellation der Vergangenheit aus dem Symptomenbild der 
Zwangsneurose zu rekonstruieren. Dazu müssen wir unsere 
Kenntnisse über die Triebentwicklung zu Hilfe nehmen. Dieser 
Rekonstruktionsversuch nötigt uns zu der angesagten kleinen 
Exkursion, die aus dem eigentlichen Rahmen unserer vorläufigen 
Untersuchungen herausfällt. 

Wir kennen tatsächlich eine Perlode in der Trieb entwicklung, 
in der die sadistische Einstellung gegen die Außenwelt die 
Führung hat. Es ist eine Periode, in welcher der erotische 
Trieb noch ganz im Dienste der Persönlichkeitsbildung steht, 
seine bindende Kraft ganz für das Zusamraenkitten des Ichs 



Einiges über die Triebentwidtlung 109 

in Anspruch genommen wird. In dieser Periode des Narzißmus 
hat der Erostrieb, der eine der beiden Grundtriebe der 
Freud sehen Trieblehre, als Objektlibido noch keine Bedeutung, 
er steht noch nicht im Dienste der Fortpflanzungsfunktion, 
auch dient er in seiner sublimierten Form noch nicht dazu, 
mehrere Individuen zu einer Gemeinschaft zu vereinigen. Er 
wird, wie gesagt, noch hauptsächlich für den Aufbau des einen 
einzelnen Individuums verwendet, er wird von dem körperlichen 
und seelischen Wachstum vollständig in Anspruch genommen. 
Die Grundeinstellung dieser Periode zu der Umwelt ist die 
Aggression und die Angst, welche diese Aggression zähmt 
Es ist sicherlich zu schematisch, wenn wir eine Periode im 
Leben beschreiben wollen, wo das Individuum der Außenwelt 
gegenüber nur feindselig eingestellt ist; aber soviel steht über 
jedem Zweifel, daß jeder Mensch eine Periode in der Kindheit 
durchmacht, in der die Aggression nach außen unverhältnis- 
mäßig die positive Einstellung überwiegt. Diese Periode kennt 
noch keine echten Schuldgefühle, nur Angst, welche die Grund- 
lage des späteren, von den äußeren Drohungen und Gefahren 
unabhängig funktionierenden Gewissens wird. In dieser Zeit 
wird die Aggression nach außen noch nicht durch innere 
Instanzen, sondern durch die Gegen aggression der Außenwelt 
gehemmt. Jede strenge, disziplinarische Erziehung disponiert 
das Kind zu einer Fixierung an diese narzißtische Periode, die 
durch die mannigfachen Objektbeziehungen nach außen über- 
wunden werden sollte. Jede Strafe, welche eigentlich zur.. 
Überwindung des Narzißmus dienen sollte, vergrößert ihn nur. . 
Den Narz ißmus kann man überhaupt nicht zerstören, nur durch 
Knbeziehung von fremden Objekten in seinem Kreise aus- 
dehnen. Wir entwickeln uns von der Eigenliebe zur Geschlechts- 
liebe, zur Elternliebe, zur FamjUenUebe, zur Kasten- und 



110 Die Überwindung des Narzißmus 

Vaterlandsliebe usw. Und dieser Entwicklung entsprechen die 
verschiedenen Formen des Narzißmus; der primäre Narzißmus, 
der Familienstolz, der Kastengeist und endlich der Nationalismus. 
Darüber ist der heutige JWensch noch kaum hinausgekommen. 
Der Weltbürger, der auch gefühlsmäßig ein solcher ist, ist 
eine Gestalt der Zukunft, 

Diese Ausdehnung des Narzißmus auf die verschiedensten 
Objekte der Außenwelt ist ein Vorgang, der auf dem Aus- 
strömen der Libido vom Ich in die Außenwelt beruht. Eine 
der ursprünglichsten Erfahrungen der Psychoanalyse — der 
Antagonismus zwischen Ich und Sexualität — ist nur eine 
Teilerscheinung dieses allgemeinen Vorganges, indem der 
Geschlechtstrieb und die Gbjektliebe bereits eine Überwindung 
des primären Narzißmus bedeuten, der die engste Persönlichkeits- 
grenze verteidigt. Die Überwindung des Zustandes, in dem 
das Kind nur sich selbst narzißtisch liebt und für die Außen- 
welt nur, oder hauptsächlich, aggressive Gefühle, die Äußerungen 
des Todestriebes, übrig hat, geschieht durch das Herausströmen 
der Libido nach außen. Sie mischt sich mit den aggressiven 
Tendenzen, nimmt ihnen ihren destruktiven Charakter: die 
Aggression wird zu einer positiv gefärbten Aktivität veredelt. 
Die aggressive Färbung des Geschlechtstriebes des Sadisten 
ist z. B. das Zeichen einer in nicht genügendem Maße erfolgten 
erotischen Beimischung zu den primären, sadistischen aggressiven 
Objektbeziehungen oder das Zeichen einer später erfolgten 
Triebentmischung. 

Zum Verständnis der zwangsneurotischen Regression müssen 
wir jedoch das Schicksal der Libidoentwicklung noch ein 
Stück weiter verfolgen. Wir werden sehen, daß die zwangs- 
neurotische Regression einen Versuch darstellt, durch Aufgabe 
der positiven Objektbeziehungen den Zustand des Narzißmus 



1 

I 



Die Triebkonstellation des Ödipuskomplexes Hi 

und der sadistischen Objektbeziehungen wieder herzustellen. 
Wir werden aber auch sehen, daß diese Regression keinesfalls 
vollständig glückt, weil der regressiv wiederhergestellte Zustand 
die Reste einer späteren Organisationsstufe verrät, die von 
dem Zwangsneurotischen erreicht, aber wieder verlassen 
wurde. Es wird uns auch der Grund interessieren, welcher 
ihn zu dieser rückläufigen Bewegung in der Triebbetätigung 
veranlaßt hat. 

Nach dem Aufgeben des primären Narzißmus folgt die 
erste Objektbeziehung zu der Mutter. Das dazu nötige Libido- 
quantura wird von dem Narzißmus entnommen. In diesem 
Stadium — wenn wir es etwas schematisch darstellen — ist 
die sadistische Einstellung gegen die übrige Außenwelt mit 
Ausnahme der Mutter noch beibehalten. Im Mittelpunkt dieser 
Aggressionen steht bald der Vater, der Störer der Objekt- 
beziehung zur Mutter. Dies ist die Triebkonstellation des 
Ödipuskomplexes. Seine Überwindung bedeutet eine doppelte 
Aufgabe: i) die Sublimierung der sinnlich-sexuellen Beziehung 
zur Mutter, 2) das Übertragen eines Teiles des bei dieser 
Sublimierung frei werdenden Libidoquantums auf den Vater, 
wodurch die frühere rein aggressive Einstellung zu ihm eine 
erotische Beimischung erhält. Diese erotische Beimischung 
verleiht nach einem Stadium der Ambivalenz der Beziehung 
zum Vater eine positive Färbung. Die Ambivalenz ist das 
Zeichen dafür, daß die beiden antagonistischen Triebqualitäten 
noch nicht richtig durchgemischt sind, sondern nebeneinander 
ungebunden bestehen. Mit der Libidomenge, mit der anfänglich 
nur die Mutter sinnlich erotisch begehrt wird, werden nach 
der Sublimierung Vater und Mutter gleichzeitig aber sublimiert 
geliebt. Die Umwandlung der sinnlichen Liebe in zärtUche 
ist die erste Form der Sublimierung. Man kann diese Um- 



112 Triebentmisdiung bei der Sublimierung 



Wandlung mit einem Verdünnungsvorgang vergleichen. Bei 
jeder Sublimierung verliert nämlich die Libidobeziehung 
an Intensität und gewinnt durch die Ausdehnung auf 
mehrere Objekte an Extensität. Aber gerade durch diese 
Intensitätsabnahme ist sie zur Bindung, zur Neutralisierung 
der destruktiven Tendenzen nicht mehr so geeignet: bei der 
Sublimierung wird Destruktionstrieb frei, der vor der Subli- 
mierung in der sinnlichen Strebung zur Mutter durch Eros 
gebunden war. Die so freigewordene destruktive Komponente 
des Geschlechtstriebes wendet sich wieder gegen den Vater, 
addiert sich zu der bestehenden Aggression zu ihm und ver- 
schärft den Ambivalenzkonflikt. In der normalen Entwicklung 
geschieht die Überwindung dieses Arabivalenzkonfhktes durch 
die weitere Verschiebung aggressiver Tendenzen von dem 
Vater auf fremde Objekte und durch die Sublimierung und 
Erotisierung der Aggressionen. Dem Kinde, das später an 
einer Zwangsneurose erkranken wird, gelingt die Überwindung 
der Ambivalenz nicht. An diesem Punkt scheitert der Zwangs- 
neurotische. Die Ablenkung des Hasses von dem Vater gelingt 
ihm nicht, weil die Bindung an die Mutter nicht aufgegeben 
wird. An der erotischen Bindung zur Mutter zäh festhaltend, 
hat er keine genügende Libido übrig, die die Aggression 
gegen den Vater übertönen, diese neutralisieren sollte. Durch 
seine starke narzißtische Tendenz ist er auch daran verhindert, 
seiner Selbstliebe weitere Libidoquanten zu entziehen, um 
diese zur Neutralisierung der nach außen gerichteten Aggres- 
sionen verwenden zu können. Weil er an der Mutterbindung 
festhalten will, muß er eine andere Lösung des Vaterkonfliktes 
versuchen, als sie in der normalen Entwicklung geschieht. 
Diese Lösung ist die überstarke Entwicklung des umgekehrten 
Ödipuskomplexes: eine überstarke masochistische Bindung zum 



n 



I 



I 



Die Strafe als Befriedigung femininer Bestrebungen 113 

Vater, die aus der Rückwendung der Aggression vom Vater 
gegen die eigene Person entsteht. Der psychologische Inhalt 
dieser Triebkonstellation könnte grob mit dem folgenden 
Satz ausgedrückt werden: „Ich darf die Mutter lieben, wenn 
ich dafür vom Vater genügend bestraft werde." Ein Stand- 
punkt, den das Kind bereits aus den Zeiten der Reinlichkeits- 
dressur gut kennt. Damals befolgte es auch nicht die Vor- 
schriften der Reinlichkeitsanforderungen auf dem exkremen- 
tellen Gebiete, nahm aber dafür die automatisch erfolgenden 
Strafen als Ausgleich in Kauf. Diese Lösung seines Trieb- 
konfliktes bleibt für den Zwangsneurotischen lebenslang vor- 
bildlich. Die Strafe befreit ihn einerseits von dem Schuldkonflikt, 
andererseits dient sie zur Befriedigung von feminin- 
masochistischen Bestrebungen. 

Je mehr sich die sadomasochistische Beziehung zum Vater 
verschärft, je mehr Libido durch diesen Konflikt verzehrt wird, 
um so mehr verarmt die positive Beziehung zur Außenwelt. Die 
Rückwendung der Aggression vom Vater gegen die eigene 
Person wird durch einen Identifizierungsvorgang mit der Mutter 
erotisiert. So gewinnt der Masochismus gegenüber dem Vater 
einen femininen Charakter. An Stelle der Objektbeziehung 
zur Mutter entsteht eine Identifizierung mit ihr, eine Wieder- 
aufrichtung des in der Realität durch das Veto des Vaters 
(Kastration sangst) unhaltbaren Objektes innerhalb des Ichs. 
Nun setzt sich der äußere Konflikt innerhalb der Persönlichkeit 
fort, bei dem das Über-Ich die Rolle des gleichzeitig gehaßten 
und feminin-masochistisch geliebten Vaters übernimmt. Der 
Konflikt zwischen Ich und Über-Ich ist dann eine gleichzeitige 
Wiederholung des Kampfes zwischen dem trotzigen Kind und 
dem Vater wie auch — soweit sich das Ich mit der Mutter 
identifiziert hat — die Befriedigung der femininen masochistischen 



114 Der doppelte Gewinn aus den Strafmethanismen 

Wünsche zum Vater. Diebeiden Gruppen der zwangsneurotischen 
Symptome, die wir in der vorigen Vorlesung unterschieden 
haben, entsprechen diesen beiden Tendenzen. Die Symptome 
mit aggressivem Charakter entsprechen dem Haß gegen den 
Vater (oft auch einer sadistisch gefärbten erotischen Beziehung 
zur Mutter), die Symptome mit Selbstbestrafungstendenzen und 
Übermoralität den passiv-femininen Strebungen. Wie die 
letzteren gleichzeitig zur Aufhebung der Schuldgefühle dienen 
und dadurch die Äußerung der aggressiven Tendenzen 
ermöglichen, haben wir bereits genügend besprochen. Wenn 
wir also bei der rein dynamischen Betrachtungweise nur die 
Hemmungen aufhebende Rolle der Strafmechanismen erkannt 
haben, so sehen wir jetzt, daß sie gleichzeitig die Befriedigung 
von passiven Bestrebungen bedeuten. Dieser doppelte 
Gewinn aus den Strafmechanismen: die Aufhebung von hemmen- 
den Schuldgefühlen und die gleichzeitige Befriedigung von 
passiven Lustbestrebungen erklärt ihre Zähigkeit und ihre 
eminente Bedeutung in der Neurosenbildung. 

Ich habe diese, späteren Untersuchungen vorbehaltene 
schematische Darstellung der Triebgrundlage der Zwangsneurose 
vorweg genommen und dabei bei Ihnen die Kenntnis der 
Freud sehen Triebtheorie vorausgesetzt. Ich werde noch im 
Laufe dieser Vorlesungen versuchen, die bisherigen Einsichten 
über die Rolle der beiden Triebarten bei den Neurosen zu 
vertiefen, und zwar im Rahmen einer mehr systematischen 
Untersuchung, als es die heutige war. Dieses grobschematische 
Bild soll uns dazu dienen, die komplizierten strukturellen Ver- 
hältnisse des zwangsneurotischen Zweifels verständlich darstellen 
zu können. Das Problem, welches wir heute lösen wollen, ist 
die strukturelle Aufklärung des zwangsneurotischen Zweifels. 
Er ist der Ausdruck des eben beschriebenen Umstandes, daß 



Eine ZwangHSzene 115 



das Ich gleichzeitig zwei Herren dienen muß, zwei Tendenz- 
richtungen, die miteinander im Widerspruch stehen: den 
aggressiven und inzestuösen Strebungen des Es einerseits und 
andererseits den Tendenzen des Über-Ichs, das den strafenden 
Vater in der Persönlichkeit vertritt. Daß diese moralische 
Beziehung zum Vater noch dazu erotisiert wird, kompliziert 
nur das Bild. Der Zweifel dient nur dazu, um jede seelische 
Äußerung auf zweierlei Weise auffassen zu können: sowohl 
als esgerecht wie als überichgerecht. Demselben Zwecke dient 
die von Freud hervorgehobene Vorliebe des Zwangs- 
neurotischen für Ungewißheit und Unbestimmtheit. Doch all 
dies kann ich Ihnen am besten an der Hand von Beispielen 
demonstrieren. Untersuchen wir zunächst eine Zwangsszene; 
die ein an einer schweren Zwangsneurose erkrankter Patient, 
bei dem die Denkvorgänge die gesamte Aktivität ersetzt haben, 
in einer psychoanalytischen Sitzung produziert hatte. 

Der Patient fragt während der Sitzung nach der Uhr. Ich 
antworte ihm, es sei halb zehn. Nach einigen Sekunden fragt 
er wieder und bittet mich, meine frühere Aussage zu wieder- 
holen. Als ich ihn nun auffordere, zu sagen, warum er noch 
einmal gefragt habe, erklärt er es mir mit dem folgenden 
Zwangszweifel. Er habe plötzlich gezweifelt, ob ich nicht 
halb elf gesagt habe. Wenn es aber jetzt halb elf sei, dann 
ist eine Stunde vergangen, ohne daß er wüßte, was er während 
dieser Zeit getan habe. Er habe Angst, daß er vielleicht 
während dieser Stunde — ohne es zu wissen — bei einer 
Prostituierten gewesen wäre und sich mit Syphilis infiziert 
habe. Die Angst ist ganz ernst, er fragt mich zwei, dreimal, 
ob ich halb zehn gesagt habe. Als ich mit „ja" antworte, 
fragt er nach einigen Sekunden wieder: „Haben Sie ja oder 
nein gesagt?" 



IIÖ Der Sinn ties Zweifels 



Wie soll man dieses merkwürdige Zwangssymptom ver- 
stehen? Er zweifelt an dem, was icli vor einigen Sekunden 
sagte. Dieser Zweifel ermöglicht ihm seine sonderbaren 
Zwangsgedanken über einen unbewußt ausgeführten Sexualakt. 
Der Zweifel und diese Zwangsvorstellung gehören eng 
zusammen. Nur dann kann er bei einer Prostituierten 
gewesen sein, wenn es halb elf ist, er muß also diese Möglich- 
keit durch den Zweifel offen lassen. Sie sehen, daß der 
Zweifel zunächst dazu dient, um einen Zwangsgedanken zu 
ermöglichen, um diesem einen gewissen Reahtätswert zu ver- 
leihen. Und in der Tat wird diese Zwangsvorstellung so 
ernst genommen, daß darauf die Angst vor Ansteckung 
folgt. Zur Abwehr dieser Angst ist es jetzt nödg, daß ich 
ihm bestätige, daß es halb zehn und nicht halb elf sei. Er 
verlangt oft solche Bestätigungen sogar schriftlich. Ein 
unbewußter Wunsch, welcher in der bereits verhüllten Form 
des phantasierten Koitus mit einer Prostituierten bewußt wird, 
ist im Stande, die Realitätsprüfung zu beeinflußen. Der 
Zweifel bedeutet ja eine Fälschung der Realitätsprüfung, der 
Wahrnehmungen, wenn auch nicht eine so weitgehende 
Fälschung, wie es die Halluzination ist. Nachdem durch den 
Zweifel die Koitusphantasie einen großen illusionistischen 
Realitätswert erhalten hat, ist auch die Reaktion darauf, die 
Angst vor der Ansteckung, ernst. Er muß die Illusion des 
Koitus mit der Angst bezahlen. Die ganze Phantasie vom 
Sexualakt und von der darauf folgenden Ansteckung ist 
aber nichts anderes als die eingekleidete Befriedigung des 
kompletten Ödipuskomplexes. (Mutter = Dirne; Ansteckung = 
Befruchtetwerden mit gleichzeitiger Kastration). 

Interessant und für den sinnreichen Mechanismus der Zwangs- 
neurose charakteristisch ist aber die Art der Beschwichtigung 



i 



r 



i 



Die Spaltung der Persöiüidikeit während der Zwangsszene II7 

der Angst. Die Angst kann nämlich durch meine bloße Aus- 
sage beschwichtigt werden. Wir werden aber sehen, daß 
gerade diese meine eigene Aussage dann gegen mich, für die 
Bezweiflung der Deutungen, benützt wird. Wenn wir ihn 
fragen, wie weit es mit seinem Zweifel gehe, ob er tatsächlich 
an meiner Zeitangabe gezweifelt habe, so wird er zugeben, 
daß er während der ganzen Zeit genau wisse, daß es halb 
zehn, und der ganze Vorgang eine Art Gedankenspielerei sei. 
Er hatte nur zustande gebracht, diesen spielerischen Gedanken- 
ablauf mit einer echten Illusion, mit echten Affekten zu ver- 
knüpfen. Wir stehen also vor der merkwürdigen Tatsache, 
daß er in der gleichen Zeit zwei Einstellungen hat: eine 
normale Überzeugung und den Zweifel, der die phantastische 
Gedankenkette ermöglicht hatte. Einen besseren Beweis für 
das Vorhandensein zweier nebeneinander bestehenden Persön- 
hchkeiten in ihm kann es kaum geben. Die weitere Analyse 
dieser Zwangsszene zeigt uns dann die Beziehungen zwischen 
diesen beiden Personen. Es stellt sich aus seinen Einfällen 
heraus, daß der eigentliche Sinn der ganzen Aufführung eine 
gleichzeitige Persiflage der Analyse und des eigenen Gewissens 
ist, welches hinter der Koitusphantasie den Inzestwunsch 
erkannte und ihn hierfür mit der Kastration bedrohte. Es 
heißt: „Ich weiß ganz genau, daß es halb zehn ist, und nicht 
halb elf. Der Analytiker bestätigt es ja selbst, das steht also 
über jeden Zweifel. Es ist mithin vollständig unmöglich, daß 
ich während der Zeit der Sitzung (— also zwischen neun 
und zehn Uhr — ) bei einer Prostituierten war und mich 
infizierte. Überhaupt: ebenso wie unbewußte Handlungen 
nicht existieren, sind auch Wünsche, von denen man nichts 
weiß, undenkbar. Die Behauptung des Analytikers, daß ich 
unbewußte Inzestwünsche habe oder gehabt habe, ist ein 



I 
1 

■ 



118 Die Strukluranalyse der Zwanyss^cne 



kompletter Unsinn. Er selbst hat die Unmöglichkeit zugegeben, 
indem er bestätigt, daß es halb zehn sei." Diese ganze > 

Beweisführung gelingt ihm durch einen logischen Trick, 
nämlich dadurch, daß er Handlungen und Wünsche gleich setzt, 
psychische und faktische Realität miteinander identifiziert. 
Er hat zuerst dem zwanghaften Gedankenablauf einen 
Realitätswert gegeben, Gedanken wie wirkUch ausgeführte 
Taten behandelt, — der beste Beweis dafür ist, daß er wirklich 
Angst bekommen hat, — und nachher hat er dann dadurch, 
daß er durch meine Aussage (es sei halb zehn) die Angst 
beschwichtigte, die psychische Realität wieder entwertet. 

Die Strukturanalyse dieser Szene ist sehr umständlich 
und langwierig, doch lohnt es sich, sie zu versuchen, weil sie 
uns den intimsten Aufbau der Neurose enthüllen wird. Ver- 
suchen wir, die Rolle der einzelnen Seelenbestandteile bei 
dieser Zwangsszene anzugeben. Wir sehen, daß die Koitus- ^ 

phantasie mit der Prostituierten den Inzestwunsch in verhüllter :i 

Form darstellt. Um dieser Wunsch phantasie überhaupt einen i, 

Befriedigungswert, eine Illusion zu verleihen, war der Zweifel 
notwendig. Der Zweifel bedeutet das Nachgeben des Ichs 
gegenüber den verdrängten Tendenzen des Es. Das Ich gibt 
dem Es nach, indem es den Zweifel aufkommen läßt, seine 
eigene Wahrnehmungsfunktion bezweifelt, sich also im Augen- 
blick des Zweifels esgerecht benimmt. Auf den Durchbruch 
der verdrängten Estendenzen (Inzestwunsch) reagiert aber das 
Ich mit Angst. Kaum hat es mit dem Zweifel dem Es nach- 
gegeben, bekommt es Angst vor dem so im Bewußtsein 
erscheinenden Feind. Die Angst gilt seinem Über-Ich, welches 
ihn wegen des in der Phantasie begangenen Inzestes zur 
Verantwortung zieht. Die Strafandrohung des Über-Ichs wird 
als Angst empfunden und als Ansteckungsangst rationalisiert. 



Diu lloilc des Über-Idis und des Ichs in der Zwangsszene tl9 

Das Über-Ich hat also den ganzen Spaß ernst genommen und 
verlangt die Strafe. Es hat auch recht, die ganze Sache ernst 
zu nehmen, es hat ja auch sonst nur mit psychischen Reahtäten 
zu tun, es ist ja ein innerpsychisches Gebilde, das über 
Wünsche und Triebregungen herrscht, dessen Aufgabe lediglich 
die Regelung von psychischen Größen ist. Wie das bewußte 
Ich die Motilität beherrscht, so beherrscht das Über-Ich die 
psychischen Triebrepräsentanten des Es, Und wenn das Ich 
den verdrängten Wünschen soweit nachgegeben hat, daß es 
in ihrem Interesse seine eigene Wahrnehmung (meine Antwort, 
es sei halb zehn) bezweifelt und die phantastische Befriedigung 
der Tendenzen des £s soweit mitgemacht hat, so ist ja das Verhalten 
des Über-lchs nur verständlich. Das Ich zweifelt, das Über-Ich 
geht noch weiter, behandelt die Zwangsphantasie als Wirklich- 
keit und verlangt nach Strafe. Das Ich versteht den Sinn der 
Phantasie mit der Prostituierten nicht, das Über-Ich versteht 
ihn aber genau und seine Strafdrohung bezieht sich auf den 
verborgenen Sinn, auf den Inzestwunsch. Das Ich, welches in 
der Zwangsphantasie nichts Schlimmes sehen Icann, reagiert 
zunächst nur mit Angst auf die wahrgenommene Strafdrohung 
des Über-lchs. Es hat Angst, ohne zu wissen warum, und darum 
rationalisiert es die Angst als Ansteckungsangst. In Wirklichkeit 
handelt es sich aber um die Kastrationsangst wegen des in der 
Phantasie begangenen Inzestes. Das Ich erduldet die Ansteckungs- 
angst, nimmt die Strafe des Über-lchs in der Form der eingebildeten 
Syphilis auf sich, läßt aber dafür den Inzestwunsch in der verhüllten 
Form des phantastischen Koitus mit der Dirne befriedigen. Gerade 
durch diese Angstentwicklung macht es das Über-Ich unschädlich. 
Wir sagten ja, daß ein Teil des Ichs gar nicht zweifelt und 
diese ganzen Zwangspsychismen für Unsinn hält, und wir 
sagten auch, daß dieser nicht zweifelnde Teil mit der Entwertung 



N 



120 Tiefere Analyse der Zwangsszene 
— — _ 1 

der Zwangsphantasie und der Angst die gesamte analytische ^l> 
Deutung verwirft und gleichzeitig das Verhalten des Über-Ichs J 

lächerhch macht. Meine Antwort, daß es halb zehn sei, beweist, 
daß die Angst vor dem Über-Ich überflüssig, daß seine Straf- 
drohung lächerlich ist. Das Über-Ich wurde zu einer Strafaktion 
verleitet und diese Strafaktion wurde durch den Analytiker 
selbst desavouiert. Da aber das Über-Ich nur wegen der 
Inzestbedeutung der Phantasie gedroht hat, beweist nun die 
Überflüssigkeit der Angst, — die selbst der Analytiker 
bestätigt, — daß er keinen Inzestwunsch hatte. Den ganzen 
Sachverhalt kurz zusammenfassend, können wir sagen, daß 
die Koitusphantasie mit der Prostituierten gleichzeitig zu 
ernst und zu wenig ernst aufgefaßt wird. Einmal wird 
erklärt, daß diese Koitusphantasie keine Phantasie sei, sondern 
Realität (daher die Angstentwicklung), aber gleichzeitig wird 
auch gesagt, daß ebenso wie diese Phantasie keinen realen 
Hintergrund habe, keine Realität bedeute, seien überhaupt die 
Inzestwünsche irreal, d. h. nicht vorhanden. 

Das Über-Ich wurde also durch den Zweifel zu einer unbe- 
gründeten Strafaktion verfülirt, wurde zum Narren gehalten. 
Es hat dem Ich Angst eingejagt wegen eines Unsinnes; der 
Patient hatte Angst vor Infektion aus einem nicht stattgefundenen 
Koitus gehabt. Damit hat er sein Über-Ich ad absurdum geführt. 
Die Angst hat sich ja durch meine Aussage als überflüssig 
erwiesen. Das überwachsame Über-Ich hat in dieser harmlosen 
unsinnigen Phantasie sofort etwas Verbotenes, Inzestuöses 
gewittert, ebenso wie der Analytiker. „Unsinn! Ebensowenig 
hat die Phantasie eine Inzestbedeutung wie überhaupt eine 
Phantasie mit einer realen Handlung gleichwertig ist." Das 
Ich nimmt am Ende diese Beweisführung an und der Patient 
erklärt auch, daß er überhaupt nur deshalb auf solche Gedanken 



Die Doppelrolle des Idis 121 

verfalle, weil der Analytiker ihm den Unsinn von dem Inzest- 
märchen eingeredet habe. Er führt mich und sein Über-Ich 
genau mit denselben Argumenten ad absurdum. Wir beide 
haben seine Phantasie als inzestuöse aufgefaßt. 

Die Doppelrolle des Ichs besteht darin, daß es beiden 
Herren gleichzeitig diente, sowohl dem Es wie dem Über-Ich: 
dem Es, indem es zweifelt, dem Über-Ich, indem es Angst 
hatte. Mit dem Zweifel hat es die Illusion der Befriedigung 
der Es-Tendenzen ermöghcht, mußte jedoch nachher die 
Konsequenz daraus ziehen und auch die Angst ernst nehmen. 
Von dieser Angst konnte es aber nachweisen, daß sie aus 
einem offenbaren Übergriff des Über-Ichs entstanden ist, indem 
es für eine Tat strafen wollte, die nicht ausgeführt worden 
ist. Durch diesen Übergriff kommt das Ich zu Sinnen, wird 
aufgerüttelt, erklärt die Angst als Unsinn und damit auch die 
Phantasie. Inzwischen hat aber das Es seinen Zweck erreicht 
und die halluzinatorische Befriedigung seiner Tendenzen 
gehabt. Der letzte ökonomische Sinn der Zwangsszene ist 
also: die Befriedigung eines verdrängten Wunsches ohne 
Schuldreaktion. Der Hauptgewinn: das Bezweifeln der 
analytischen Deutungen, die Möglichkeit des Festhaltens an der 
unbewußten Tendenz. Wenn also das Ich auch gleichzeitig 
beiden Herren gedient hat, hat es letzten Endes das Es siegen 
lassen. Dabei half ihm das Über-Ich mit seiner Überstrenge. 

Eine interessante Konsequenz läßt sich aus dieser Darstellung 
ziehen: je mehr man dem Zwangsneurotischen seine Angst als 
unsinnig erklärt, um so mehr dient man seiner Neurose. Damit 
bestätigt man ihm nur, daß sein Über-Ich unrecht hat, wenn 
es hinter den Zwangsvorstellungen Inzestwünsche wittert, Strafe 
verlangt und unsinnige Angst verursacht. Wir können diese 
Verhältnisse am klarsten in folgender Weise forniuheren. 



F 



1 



122 Das Wesen der Zwangsneurose ist ein Antinomiesatz 

Das Wesen der Zwangsneurose besteht in einem Antinomie- 
satz. Einmal heißt es, daß Wunsch und Tat, psychische und \ 
physische Reahtät, gleichwertig sind, gleichzeitig wird aber 
auch das Gegenteil erklärt, daß der Wunsch nicht nur keine 
Tat sei, sondern überhaupt nicht existiere, daß das Psychische 
mit der Realität überhaupt nichts zu tun habe. Wir wissen, 
daß der Zwangsneurotische die Denkvorgänge erotisiert 
und damit seinen Es-Tendenzen dient, die in den Denk- 
vorgängen eine Befriedigung finden. Der erste Teil des 
Antinomicsatzes, der Wünsche und Taten gleichsetzt, steht 
also im Interesse des Es. Hätte der Zwangsneurotische keine 
moralische Instanz, keine Verdrängungsinstanz, so wäre damit 
das ganze Problem der Triebbewältigung erledigt, wie bei dem 
kleinen Kinde, das seine Wünsche in der Phantasie halluzina- 
torisch befriedigt. Der Zweifei ermöglicht diese halluzinatorische 
Befriedigung der verdrängten Tendenzen. Der andere Teil der 
Persönlichkeit, der moralische Teil, der durch das Über-Ich ver- 
treten wird, hindert jedoch diese Befriedigung und verlangt nach 
Strafe. Das Strafbedürfnis wird nun ebenso halluzinatorisch 
befriedigt wie die verdrängten Tendenzen. Die unausweichbare 
Folge ist die Angst. Um dieser Angst Jetzt auszuweichen, dazu 
dient der zweite Teil des Antinomiesatzes: „Der Wunsch ist 
keine Tat, er hat nichts zu bedeuten." Das übereifrige Über-Ich, 
das Wünsche als Taten gewertet hat, wird durch diesen 
Übergriff ad absurdum geführt und unschädlich gemacht, die 
unvermeidbare Reaktion des Gewissens auf die halluzinatorische 
Wunschbefriedigung entwertet. Der Zwangsneurotische braucht 
deshalb diesen komplizierten Mechanismus, weil die verdrängten 
Tendenzen in den Zwangsvorstellungen relativ wenig verhüllt 
sind. Er muß also die unbewußte Bedeutung, d. h. den Sinn 
der Symptome bezweifeln können, die ohnedies überhaupt nicht 




Line andere Zwangsszcne 123 

ins Bewußtsein treten könnten. Bei dem konversionshysterischen 
Symptom ist der Sinn des Symptoms genügend verhüllt, die 
Befriedigung des Wunsches aus den Regionen der Psyche ins 
Körperliche verlegt. - ■ ■ - 

Die ganze Zwangsszene hatte also den Sinn und Zweck, 
eine so unsinnige, eine so absurde Angst entstehen zu lassen, 
welche dann die Ursache der Angst, die Inzestbedeutung der 
Zwangsideen, unsinnig erscheinen läßt. Das ist die Erklärung 
für die unerhört herausfordernde Absurdität des besprochenen 
Zwangssymptoms. Eine ähnliche absurde Zwangsszene ist 
die folgende. 

Derselbe Patient wird von seiner Mutter geschickt, Brot 
zu holen. Er übergibt das Brot und den Rest des erhaltenen 
Geldes der Mutter mit der Frage: „Ist alles in Ordnung, stimmt 
es mit dem Geld?" Die Mutter antwortet mit einem „ja". Nach 
einigen Sekunden fragt er die Mutter, ob sie „ja" oder „nein" 
gesagt habe. Diese Fragerei wird oft mehrmals nacheinander 
wiederholt. Manchmal verlangt er sogar eine schriftliche 
Bestätigung von der Mutter. Dann verlegt er aber den Zettel 
und nun fängt wieder die Fragerei an, ob die Mutter auf den 
Zettel ein Ja oder Nein geschrieben habe usw. Die Angst, die 
ihn zu fortwährendem Fragen veranlaßt, entsteht durch die 
folgende Gedankenkette: Wenn die Mutter nein gesagt hat, 
d. h., daß sie das restliche Geld nicht zurückerhalten hat, so 
ist es möglich, daß er das Geld einer Prostituierten gegeben 
hat, mir der er, während er Brot zu kaufen unten war, 
geschlechtlich verkehrt hat, ohne daß er etwas von Allem 
wußte. Die Angst ist wieder Ansteckungsangst. ■ . 

: Dieses Zwangssymptom enthält einen besonders geistreichen 
Mechanismus. Indem er sich beweisen läßt, daß er das Geld 
nicht der Dirne, sondern der Mutter gegeben hat, schmuggelt 



N 



124 Der Sinn der Zwangsszene 



er die Inzesthandlung gerade in die harmlose Handlung hinein. 
Jemandem Geld geben, ersetzt hier den Geschlechtsakt, der 
Mutter Geld geben, den Inzest. Die Angst richtet sich gegen die 
fingierte Handlung: das Geld der Dirne geben. Aber gerade 
die reale Handlung, — das Geld der Mutter geben, — welche 
die Abwehr der Angst garantiert, hat eine noch vollständigere 
Inzestbedeutung als die verpönte, mit Angst besetzte fingierte 
Handlung. Der fingierte Koitus mit der Dirne ist doch diejenige 
Handlung, die wegen ihrer Inzestbedeutung zur Angstentwicklung 
führt, aber die reale Handlung, das Geld der Mutter geben, 
deren Ausführung gerade den Gegenbeweis liefert, ist der 
eigentliche symbolische Inzest. Dadurch, daß die ganze Angst- 
entwicklung an die fingierte und relativ harmlose Handlung 
geknüpft ist, nämlich „Geld der Dirne geben', wird die 
Aufmerksamkeit von der symbolischen Inzesthandlung „Geld 
der Mutter geben« abgelenkt. Der Standpunkt des Über-Ichs, 
daß die Dirnenphantasie Inzestbedeutung habe, wird durch 
die Unsinnigkeit der Angst nach der Aussage der Mutter 
ad absurdum geführt, und dadurch kann der Inzestwunsch in 
der Symbolhandlung des Geldgebens ungehindert befriedigt 
werden. Ich möchte Sie nur noch daran erinnern, daß Freud 
diesen Mechanismus bereits vor vielen Jahren noch vor seinen 
strukturellen Kenntnissen in seiner frühzeitigen Arbeit „Über 
einen Fall von Zwangsneurose« beschrieben hat. Er formulierte 
diesen Mechanismus so, daß „das Abzuwehrende sich regel- 
mäßig Eingang in das verschafft, wodurch es abgewehrt wird". 
Auch den ganzen Zweifelmechanisraus beschreibt er in derselben 
Arbeit. Das Beispiel vom „Kammeinkauf" ist ein seiner ganzen 
Struktur und seinem Sinne nach mit dem gerade besprochenen 
vollkommen analoger Fall. 

Mit Recht drängt sich uns die Frage auf, was für einen 



Der Fortsdiritt im Verständnis der Zweingsneurose 125 

Gewinn uns denn überhaupt die strukturelle Beschreibung 
gewährt. Wir sind ja scheinbar in dem psychologischen Ver- 
ständnis des Zwangszweifels kaum weiter gekommen seit 
der ersten Darstellung von Freud. Nicht einmal die Ent- 
gegnung, daß wir durch diese Beschreibung den einzelnen 
Tatsachen eine allgemeinere Bedeutung geben können, daß 
wir diese merkwürdigen absurden Zwangspsychismen nicht 
mehr als kuriose kasuistische Einzelfälle zu betrachten brauchen, 
sondern aus ihnen die allgemeine Gesetzmäßigkeit herauslesen 
können, kann geltend gemacht werden. Diese allgemeine 
Gesetzmäßigkeit erblickten wir ja darin, daß der Verdrängungs- 
akt selbst in die Dienste der Triebabfuhr gestellt wird, oder, wie 
wir früher formuliert haben, daß die .verdrängenden Kräfte 
selbst die Befriedigung der verdrängten Wünsche begünstigen. 
Aber diese Gesetzmäßigkeit ist in der eben zitierten 
Freudschen Formulierung bereits voll enthalten. Der einzige 
Fortschritt besteht also vielleicht nur darin, daß wir heute 
sagen können, w i e der Verdrängungsakt selbst in den Dienst 
der Triebabfuhr gestellt wird. Die generelle Bedeutung der 
übermäßigen Verdrängung — der Überstrenge des Über- 
Ichs — und des Strafsystems, das an die Stelle der Trieb- 
hemmungen tritt, ist jene Erweiterung unserer Kenntnis über 
die Beziehung des Verdrängten zum Verdrängenden, die wir 
den strukturellen Vorstellungen verdanken. 

Eine ähnliche Psychologie wie die besprochenen Zwangs- 
vorstellungen haben die überaus häufigen Fälle von hypochon- 
drischen Zwangsgrübeleien. Das Strafbedürfnis, die Strenge 
des Über-Ichs, erscheinen hier als zwanghafte Sucht, Krankheits- 
symptome an sich zu entdecken, und die Reaktion des Ichs 
darauf zeigt sich als Angst vor denselben eifrig gesuchten 
Krankheitssymptoraen. Die Angst vor der Krankheit treibt 



120 Der Sinn der hypodiondrisdien Befürditungcn 

diese Unglücklichen von Arzt zu Arzt, der dann oft in langen, 
einem juristischen Vertrage ähnlichen Erklärungen ihre Gesundr 
heit bestätigen muß. Sobald sie aber diese Bestätigung haben, 
wacht wieder das unbefriedigte Strafbedürfnis auf, das nur 
der Glaube an die Krankheit befriedigen könnte, wacht die 
Angst vor dem straflüsternen Über-Ich auf, und um von dieser 
Angst sich zu befreien, entsteht wieder die Sehnsucht nach 
der Krankheit. Zwischen den beiden Ängsten; vor dem grau- 
samen Über-Ich und vor der Krankheit eingeklemmt, versuchen 
sie sich bald von der einen, bald von der anderen Gefahr zu 
retten. Einer meiner Patienten trug ständig das ärztliche Zeugnis 
bei sich, das seine Gesundheit bestätigte, und mußte sich 
zwanghaft von Zeit zu Zeit von dem Vorhandensein des 
Zeugnisses tiberzeugen. In anderen Momenten wieder hatte 
er aber den Drang, das Zeugnis zu vernichten. Er hat ja nicht 
nur vor der Krankheit Angst gehabt, sondern auch vor der 
Gesundheit. Als Gesunder war er den Straftendenzen seines 
Über-Ichs schutzlos ausgehefert. Der Arzt, der diese gegen die 
eigene Person gerichteten Tendenzen des Neurotischen nicht 
kennt, wird den hypochondrischen Befürchtungen immer ver- 
ständnislos gegenüberstehen, er wird es nie begreifen können, 
warum Menschen mit einer oft erstaunlichen Zähigkeit nicht vor- 
handene Leiden an sich entdecken wollen. Er wird auch ratlos 
in seinem Verhalten, wenn er merkt, daß alle seine Versuche, den 
Hypochonder zu beruhigen, fehlschlagen. Darum nützt es auch in 
der psychoanalytischen Kur so wenig, wenn der Analytiker 
den Kranken durch logische Beweise von der Unsinnigkeit 
seiner Krankheitsbefürchtungen zu überzeugen versucht Jede 
solche Beruhigung steigert nur das Strafbedürfnis und so 
auch die Angst vor dem Über-Ich, die der Kranke dann durch 
andere gegen sich selbst gerichtete Strafmechanismen zu 



Hypochondrie und Strafbedürfnis 127 

beschwichtigen sucht. Nur das Bewußtwerden jener Tendenzen, 
welche das schlechte Gewissen, die Strafdrohungen des Über- 
Ichs verursachen, kann diesem Zustand ein Ende bereiten. 
Nur wenn der Patient darauf verzichtet hat, sich durch sein 
Über-Ich bestrafen, dafür aber die ichfremden Tendenzen un- 
erkannt zu lassen, um diese, wenn auch nur symbolisch, 
befriedigen zu können, ist er geheilt. Solange er an den 
verurteilten Tendenzen festhält, kann man ihm auch seine 
Selbststrafen — seine hypochondrischen Krankheitsbefürchtungen 
— nicht nehmen, weil gerade diese ihm dieses Festhalten 
ermöglichen. 



1 



FÜNFTE VORLESUNG 
Zusammenfassung 

Meine Damen und Herren! Versuchen 'wir, unsere bis- 
herigen Einsichten über die Dynamik der Neurosen- 
bildung zusammenzufassen. Zuerst werden wir die rein 
dynamischen Zusammenhänge zwischen den Trieb- 
Abwehrkräften und den Trieben formulieren, dann den psycho- 
logischen Inhalt dieses Zusammenhanges rekonstruieren 
und endlich die E n t s t e h u n g, und zwar die biologischen 
und die sozialen Wurzeln der neurotischen Triebmecha- 
nismen darstellen. Zum Schluß werden wir die so gewon- 
nenen Einsichten zur Lösung einer Einzelfrage der Neurosen- 
lehre zu verwerten versuchen. 

I) Die dynamische Neurosenformel 

Besonders die letztbesprochenen Fälle der Krankheitsphobien 
zeigen uns klar, wie weitgehend unabhängig die Gewissensangst 
von der Realangst, aus der sie entstand, geworden ist. Die Sucht, 
krank zu werden, bezweckt, die Gewissensangst zu beschwichtigen, 
dem Gewissen als einem rachsüchtigen Gotte die eigene 
Gesundheit zu opfern und damit seine Strafsucht zu befriedigen, 
aber gleichzeitig entsteht dann die Angst vor der Krankheit. 



). 



i: 



Die dynamisdie GrundJagc der Neurosen 129 



Unsere bisherigen Ergebnisse aus dieser Perspektive betracli- 
tendj können wir die neurotische Erkrankung als einen doppelt- 
gerichteten Versuch auffassen, verpönte Tendenzen zu befrie- 
digen und gleichzeitig die darauf realctiv entstehende Gewissens- 
angst zu beschwichtigen. Wir verstanden es, daß das Leiden, 
das in irgend einer Form ein unerläßlicher Bestandteil jeder 
Neurose ist, dazu dient, um den Gewissensansprüchen zu 
entsprechen, Gewissensangst zu vermeiden, die durch die 
noch so gut verhüllte Symptombefriedigung der verdrängten 
Tendenzen erweckt wird. Dieser Gesichtspunkt ist ausnahmlos für 
jede Neurose anwendbar. Nur durch das Leiden wird die Neurose 
zur Krankheit, ohne dieses wäre sie nur Wunschbefriedigung, 
nur Entlastung. Wir sahen aber ferner auch, daß selbst die 
Gewissensreaktion, das Leiden, zur Befriedigung dient, zur 
Befriedigung der immer vorhandenen passiven, masochistischen 
Lustbestrebungen. Neuerdings machte Freud auf die 
Tendenz des Ichs aufmerksam, die Krankheit selbst zur 
Befriedigung werden zu lassen, sich der Krankheit anzupassen 
So verliert häufig mit der Zeit eine chronische inveterierte 
Neurose immer mehr ihren Leidenscharakter und wird ehi 
wesentlicher Bestandteil der Persönlichkeit, der das stationäre 
Gleichgewicht des seehschen Apparates gewährleistet. Und so 
wird uns auch die häufige Erscheinung verständlich, daß selbst 
eine alte chronische Neurose bei Verschlechterung des äußeren 
Schicksals schwinden kann, indem die masochistische Befrie- 
digung in der realen Situation gefunden wird und dadurch die 
selbststrafende Gewissensreaktion überflüssig wird. Es ist wahr- 
haftig das Grundgesetz des unbewußten Gewissens: „Dem Lei- 
denden kann man nichts mehr anhaben." 

Das Streben, Strafbedürfnis und Triebbefriedigung mit- 
einander ins Gleichgewicht zu bringen, ist also die gemein- 



\ 



130 Die dynamisdie Neurosenformel 

same dynamische Grundlage jeder Neurose. Der 
Unterschied zwischen den einzelnen Neurosenfonnen beruht 
auf den verschiedenen Mechanismen, mit denen dieser Gleich- 
gewichtszustand erreicht oder wenigstens angestrebt wird. 
Wir fanden drei große Typen dieser Gleichgewichtsbestre- 
bungen : 

i) Die Gewissensansprüche (Strafbedfirfnis) und Trieb- 
ansprüche werden in einem Akt durch den Doppelsinn des 
Symptoms befriedigt: der konversionshysterische 
Mechanismus. 

2) Gewissensansprüche und Triebansprüche werden zwar 
gleichzeitg, aber durch verschiedene seelische Vorgänge 
befriedigt: der zwangsneurotische Mechanismus. 

3) Gewissensansprüche und Triebansprüche werden in ver- 
schiedenen Zeitabschnitten nacheinander befriedigt: 
der manisch-depressive Mechanismus. 

Dazukommen noch die neurotischen Charaktere, 
bei denen die beiden Tendenzrichtungen nicht in Symptomen, 
sondern in der gesamten Lebensführung zum Ausdruck 
kommen. Triebhaftes Ausleben und unbewußt beabsichtigte 
Selbstschädigungen wechseln bei diesem Menschentyp in der- 
selben Weise ab, wie die manischen und depressiven Perioden 
in der zirkulären Neurose. 

Je weniger eine Neurose mit akuten Angstzuständen ver- 
bunden ist, um so mehr ist das ein Zeichen dafür, daß die öko- 
nomische Aufgabe der Neurose, einen Gleichgewichtszustand 
herbeizuführen, gelöst ist. Das Auftreten der neurotischen 
Angst zeigt an, daß die Gewissensaiisprüche unbefriedigt 
bleiben, ebenso wie der Angsttraum als Zeichen für das Mißlingen 
derTraumarbeit gilt. Die neurotische Angst (Gewisseasangst) führt 
dann zu neuen Triebeinschränkungen, was seinerseits wieder 



■i 

t- 

Ä 



Erotisierung des Stratbedürfhisses 131 



neue Symptom bildung-en veranlaßt: die Neurose zeigt einen 
progressiven Charakter, bedeutet keinen Gleichgewichtszustand. 
Das klassischeste Beispiel hiefür liefern die Phobien, bei denen 
immer mehr Handlungen eine Überbesetzung erfahren, eine 
unbewußte, triebbefriedigende Bedeutung erhalten und deshalb 
wieder angstvoll vermieden werden müssen. Ob und wie weit 
dabei die Angstentwicklung selbst als Befriedigung des Straf- 
bedürfnisses und der passiven Bestrebungen aufgefaßt werden 
darf, bleibt vorläufig eine offene Frage. Ebenso dunkel ist die 
Bedeutung der Angstanfälle bei der Angsthysterie. 

Ein weiterer Unterschied zwischen den verschiedenen neu- 
rotischen Mechanismen beruht auf dem verscliiedenen Aus- 
maß, mit dem die Leidenssymptome selbst zur Triebabfuhr 
benützt werden. Wir wissen von Freud, daß die gegen das 
eigene Selbst gerichtete Aggression des Über-Ichs sowohl zur 
Befriedigung des primären Masochismus des Ichs wie auch für 
die Ableitung von sadistischen, ursprünglich nach außen 
gewendeten Tendenzen benützt werden kann. Jedenfalls steht 
fest, daß das Strafbedürfnis selbst erotisiert und in den Dienst 
der Triebabfuhr gestellt wird. Es scheint mir jedoch, daß die 
Verschiedenheit in der Erotisierung des Strafbedürfnisses 
weniger die Form einer Neurose bestimmt, als vielmehr mit 
dem Alter einer Neurose in Zusammenhang steht. Alle drei 
erwähnten Neurosenformen geben dazu Gelegenheit, aus dem 
Leiden eine masochistische Lust zu ziehen. 

II) Der psychologische Inhalt der neurotischen Mechanismen 

Der Sinn jeder Neurose besteht demnach in dem Streben, 
an einer von dem Gewissen verurteilten Triebbefriedigung 
festzuhalten, was nur dadurch mögHch wird, daß in derselben 

9* 



132 



Die Herkunft des Gewissens 



Zeit die hemmende WirkuDg des Gewissens aufgehoben wird. 
Dies letztere geschieht durch das Leiden, bzw. durch den 
selbstbestrafenden Sinn von Symptomen oder durch asketische 
Charakterzüge. Dabei dürfen wir nicht vergessen, daß die 
Ansprüche des Gewissens nichts anderes als die Ansprüche, 
d. h. die Anforderungen der Sozietät bedeuten, die das Kind 
durch Identifizierung mit den Eltern (die ersten Erzieher) in 
sich aufgenommen hat. Die Gesetze des Gewissens stammen 
also von außen. Die Annahme, die Verinnerlichung dieser 
Gesetze bedeutet soviel, daß das Kind einen Teil der seinen 
ursprünglichen Wünschen sich widersetzenden Tendenzen der 
Realität als seine eigenen anerkennt. Es hat dem triebhemmen- 
den Druck der Realität nachgegeben und unterhält jetzt diesen 
Druck aus eigenen Kräften. Wenn also auch der Inhalt der 
Gewissensvorschriften von außen herrührt, so stammt die 
Kraft, mit der diese Ansprüche in dem seelischen Apparat zur 
Geltung kommen, aus dem Triebreservoir der Psyche, aus 
dem Es. Die Gegenbesetzung, die wir als Gewissenshemmung 
kennen, stammt also aus den ursprünglichen Triebkräften. Sie 
ist wie ein Renegat, der sich nun gegen seine gewesenen 
Bundesgenossen richtet, ähnhch wie in einem kapitalistischen 
Staat die Polizei aus dem Proletariat stammt, gegen das ihre 
hemmende, die Ordnung beschützende Macht sich in erster 
Linie richtet. Mit Recht können wir also mit Rücksicht auf diese 
Herkunft der Gewissensmächte aus dem primitiven Triebleben 
mitRadövon einem G ew issens trieb sprechen, dürfen 
dabei aber nicht vergessen, daß er ein sekundärer, aus den 
ursprünglichen Trieben abgeleiteter Trieb ist. Wir werden 
später, wenn wir die Gewissenskräfte nach der Qualität der 
io ihnen entiialtenen Triebe untersuchen werden, sehen, daß 
sie aus zwei Quellen herstammen; /) aus der ursprünglich 



Ein Grundsdienia des neiirotisdien Mcdianismus 133 

nach außen gewendeten Aggression, die sich an dem Widerstand 
der Realität bricht und gegen das eigene Ich als der Sadismus 
desÜber-Ichs zurückgewendet wird, und 2) aus dem primären 
Masochismus des Ichs. Diese zweite Komponente ist diejenige, 
die dann aus der Neurose eine Befriedigung macht, während 
die erste Komponente direkt aus der Verinnerlichung der 
äußeren Versagung sich herleitet und als innere Versagung aus 
Gewissensursachen erscheint. 

In der Neurose gelingt es den primitiven Triebtendenzen, 
sich trotz des Vorhandenseins des hemmenden Gewissens bis 
zu einem gewissen Grade durchzusetzen. Die reale Befriedigung 
wird zwar verhindert, die Symptome gewahren jedoch eine 
Ersatzhefriedigung. Wir sahen, daß der generelle Mecha- 
nismus, mit dem den Gewissensansprüchen entsprochen und 
dadurch ihre hemmende Wirkung aufgehoben wird, in dem 
Erdulden von Leiden besteht. Im Sinne unserer strukturellen 
Auffassung der Persönlichkeit können wir diese Einsichten zu 
einem Grundschema des neurotischen Mechanismus verwerten. 

Beim Entwerfen dieses Schemas wird es unvermeidlich sein, 
einige unserer bereits früher formulierten Einsichten zu wieder- 
holen. Nachdem die ursprünglich einzig und allein triebhemmende 
Realangst als Gewissensangst verinnerlicht wurde, werden viele 
expansive, gegen die Realität gerichtete Triebtendenzen durch 
die Gewissensangst gehemmt. Zunächst geschieht diese 
Hemmung in der Form eines Gewissenskonfliktes, dessen 
Inhalt der Kampf zwischen der Angst vor dem Gewissen 
und der Versuchung ist. Mit der Zeit werden die Tendenzen, 
die zum Gewissenskonflikt, also zur Gewissensangst führen, 
verdrängt, d. h. unbewußt gehemmt. Das Gewissen hat einen 
unbewußten Vertreter, das Über-Ich, im Unbewußten erhalten. 
In ahnlicher Weise, wie das bewußte Gewissen, nachdem 



134 E,in Gruntlsdiema des neurolisdien Medianismus 

man der Versuchung nachgegeben und eine Sünde begangen f 

hat, Strafe verlangt, womit die Gewissensbisse, die Gewissens- 
angst aufhören, verfährt auch das Über-Ich in der Neurose. 
Es verhängt Strafen, verursacht Leiden, womit die im Symptom 
begangene Sünde wieder gutgemacht wird. So entsteht in s 

der Form des Leidens in der Psyche eine Münze, womit man j 

jegliches Vergehen begleichen kann. Wird einmal diese Münze 
im inneren Reiche der Persönlichkeit als gangbar anerkannt, 
dann ist die Wiederkehr des Verdrängten in der ursprünglichen 
Form gesichert. Das Ich, das, seinem Über-Ich folgend, verdrängt, 
kann nun, anstatt zu verdrängen, das Leiden auf sich nehmen, l 

— damit das Über-Ich abspeisen, — darf aber gleichzeitig dem f 

Es nachgeben, ohne deshalb mit dem Über-Ich in Konflikt 
zu geraten. Nachdem es die Strafe des Über-Ichs auf sich 
genommen hat, ist es gegen die Gewissensangst gefeit. Das 
Über-Ich hat das Leiden in Zahlung genommen, seine Bestechung 
ist gelungen. Wie wir es früher ausgedrückt haben: das Über- 
ich straft, anstatt zu verneinen, und das Ich leidet, anstatt zu 
verzichten. Die Gegenbesetzung des Über-Ichs, womit es das 
Ich zum Verdrängen zwingt, verpufft in der Strafe, in der 
Leidens Verursachung. Fest steht jedenfalls, daß sowohl Ich wie 
Über-Ich am Ende den Tendenzen des Es Vorschub geleistet 
haben. Das Gleichgewicht der Persönlichkeit hat sich in der 
Richtung der Tendenzen des Es verschoben, wenn auch diese 
Tendenzen nur zu Ersatzbefriedigungen in Symptomen und 
nicht zu realen zugelassen werden. 

IIl) Die sozialen und die biologischen Wurzeln der neurotischen 

Straiinechanismcn 

Wir erkennen in jenem Grundsatz der neurotischen Psyche, 
daß durch das Erdulden von Strafe, von Leiden, nicht 



Die Rolle des Leidens in Religion und Erziehung 135 

nur die Absolution von der Sünde, sondern sogar die 
Berechtigung dazu erreichbar ist, die Grundlage aller primitiven 
Religionssysteme, in denen die Opfer — jedes Opfer ist mit 
Entsagung, mit Leiden verbunden — zur Beschwichtigung des 
rachedürstigen Gottes dienen. In der Psyche wird die Angst 
vor dem Gewissen durch das Leiden beschwichtigt. Aber 
selbst in der heutigen Strafjustiz spielt die Vergeltung durch 
Strafe eine größere affektive Rolle, als die Juristen es zugeben 
möchten. Daß die übliche Erziehung — man denke nur an die 
Reinlichkeitsdressur des kleinen Kindes — auf einem Straf- 
system aufgebaut ist, braucht nicht noch einmal hervorgehoben 
zu werden. Wir erkennen im inneren Regime der neurotischen 
Psyche das Spiegelbild jenes Geistes wieder, der die Gnindlage 
der primitiven Gesellschaftsordnung bildet und in der Straf- 
justiz noch heute erhalten geblieben ist. Dieselben Methoden, 
mit denen die äußeren Gesetze die asozialen Triebäußerungen 
zu verhüten trachten, werden zur Aufrechterhaltung des 
seelischen Gleichgewichtes verwendet. Dieselbe Kastrations- 
drohung, womit der Urvater die Söhne vom Inzest zurück- 
gehalten hatte, lebt in der Gewissensangst noch heute weiter. 
Die Behauptung Freuds, — die er heute etwas eingeschränkt 
hat, — daß jede Gewissensangst verinnerlichte Kastrationsangst 
sei, ist der konzentrierte Ausdruck für die Tatsache, daß die 
innere sozial gerichtete Regelung der Triebe durch die Intro- 
jektion der äußeren Gesetze der Gesellschaft entstanden ist. 
Diese Tatsache klingt für uns heute schon ganz selbstverständlich, 
da wir die generelle Anpassungsmethode der Psyche an die 
äußere Realität, die Identifizierung durch Introjektion, aus der 
klinischen Erfahrung so gut kennen. Die Übereinstimmung 
zwischen dem Geist in der Erziehung, dem Geist der sozialen 
Gesetze und dem inneren Regime im Triebleben konstatierend, 



136 l^er Aufbau des Ichs widerspiegelt die Gesellsdiaftsordnung 



I 



Stehen wir vor einer ähnlichen Tatsache, die Leibniz — der 
staunend die Übereinstimmung zwischen Naturgesetzen und . 

Denkgesetzen wahrgenommen hat — zu der Annahme einer 1 

göttlich prästabilierten Harmonie der inneren Gesetze des 1 

Denkens und der äußeren der Natur veranlaßt hat. Nur so * 

konnte er sich, der Entdecker der Infinitesimalrechnung, , 

erklären, daß man, von einer empirischen Tatsache ausgehend, 
auf rein deduktivem Wege durcli die Verwendung der rein 
formalen Gesetze der Logik zu ganz neuen Resultaten kommen ^, 

kann, die dann von der Erfahrung restlos bestätigt werden. 
Daß die logisclien Gesetze aus der Anpassung an die Realität, 
durch Introjektion der empirisch gewonnenen Naturgesetze, 
entstanden sind, — daher die überraschende Übereinstimmung ■ 

der beiden, — daran konnte er, der die Tatsache der Evolution 
noch nicht kannte, nicht denken. Derselbe Vorgang liegt dem 
psychoanalytischen Funde zugrunde, daß die Beziehungen 
zwischen den Bestandteilen der Persönlichkeit, zwischen dem 
Ich, Über-Ich und dem Es die Beziehungen der Menschen in 
der Gesellschaft widerspiegeln. Wenn also früher festgestellt 
werden konnte, daß in dem neurotischen Symptom urmensch- 
liche, der heutigen Gesellschaftsordnung nicht angepaßte Triebe 
zum Ausdruck kommen, so können wir diese Erkenntnis heute 
damit ergänzen, daß der innere Geist der triebregelnden 
Einrichtungen der neurotischen Psyche dem primitiven 
Strafgesetzbuch der Urgesellschaft entspricht. Oder anders 
ausgedrückt: zuerst haben wir in dem Inhalt der neurotischen 
Symptome atavistische Tendenzen erkannt und heute haben 
wir In der Struktur der Neurose die verewigten Reste einer 
primitiven, auf Strafen beruhenden gesellschaftlichen Organi- 
sationsstufe der Menschheit aufgefunden. 

Bei diesen Überlegungen schienen wir ganz daran vergessen 



Die psydiisdie Grimdlagc des Strafsystems in der Cesellsdiaft 137 



ZU haben, daß die Gesellschaft mit allen ihren Einrichtungen 
ein selbstgeschaffenes Werk des Menschen ist. Wenn vvii- 
auch festgestellt haben, wie der Mensch an die von ihm selbst 
geschaffene Gesellschaft — die nach ihrer Erschaffung nach 
ihren eigenen Gesetzen weiterlebt und sich weiter entwickelt 
— sich anpassen mußte, indem er die äußeren Gesetze ver- 
innerlicht hatte, so dürfen wir auch daran nicht vergessen, 
daß er die Gesellschaft nach seinem Ebenbilde erschuf. Wenn 
wir also in den Gewissensgesetzen die äußeren sozialen 
Gesetze wiedererkannten, so taten wir dasselbe, wie ein Mensch, 
der einen Gegenstand, den er selbst versteckte, wiederfindet. 
Die sozialen Gesetze entstanden als Projektion innerpsychischer 
Verhältnisse, die danach durch eine Rückintrojektion, allerdings 
in einer modifizierten Form, wieder in die Psyche zurück- 
gelangt sind. Versuchen wir, diese Perspektive für den Grund- 
satz der Neurosenpsychologie zu verwerten. Wenn wir die 
Grundlage der Neurosenbildung, den Satz, daß durch das 
Leiden das Verbot aufgehoben wird, aus der Introjektion des 
primitiven Straf- und Opfersystems der Urgesellschaft abgeleitet 
haben, so fragen wir nun, wieso dieser Grundsatz zur Grund- 
lage der primitiven Strafjustiz wurde. Welche primitive inner- 
psychische Tatsache fand ihre projizierte Realisierung in diesem 
Strafsystem? 

Ich glaube, es ist unschwer, jene elementaren psychologischen 
Zusammenhänge aufzufinden, die die Grundlage der primitiven 
Straf- und Opfersysteme gebildet haben. Die menschliche 
Psyche hat dabei gewisse Erfahrungen verwertet, die sie bei 
ihrem schwierigen Anpassungskampf an die physikalische 
Realität gemacht hatte. Ich meine die unlustvollen schmerzhaften 
Eindrücke, die solche auf Wunschbefriedigung abzielenden 
Handlungen begleiten, die der Realität noch nicht angepaßt 



t38 Das unvermcidlidic Nadieinander von Lust und Unlust 



X 



sind. Diese schmerzhaften Eindrücke veranlassen den seelischen ^^ 
Apparat, bei seinem tastenden Kampf mit der Außenwelt auf ^K^ 
Unlust verursachende Handlungen zu verzichten oder diese 
solange zu modifizieren, bis sie, ohne Unlust zu erregen, zur 
Befriedigung von Triebansprüchen geeignet werden. Mit einer 
anthropomorphischen Ausdrucksweise könnte man sagen, daß 
die Natur den Menschen durch Verursachung von Leiden dazu 
zwingt, ihre Eigenheiten anzuerkennen und sich danach 
einzustellen. Der Mensch kopiert die unbelebte Natur mit 
seinem Strafsystem, das zur Bändigung und Umgestaltung des 
primitiven Trieblebens dienen soll. Am Idarsten kommt dies 
bei der Reinlichkeitsdressur des kleinen Kindes zum Ausdruck: 
die Strafen folgen automatisch auf jede Übertretung der 
Reinlichkeitsgesetze, bis es dem Kinde eingeprägt ist, daß 
solche Handlungen mit Unlust verknüpft sind. Eine solche 
zwangsmäßige Verknüpfung lustvoller Triebbefriedigungen mit 
darauf folgenden Strafen kann dann auch zu dem paradoxen 
Zustand führen, daß das Unlusterlebnis nicht zur Vermeidung 
der verbotenen Befriedigung führt, sondern einfach als eine 
unangenehme, jedoch unvermeidliche Begleiterscheinung von 
Lustbefriedigung empfunden wird, die man einfach in Kauf 
nehmen muß, wenn man auf die Lustbefriedigung nicht ver- 
zichten will. Jeder solcher funktionelle Zusammenhang, dessen 
Schema der Satz ist: „wenn A geschieht, so folgt darauf 
unvermeidhch 5", ist dazu geeignet, umgedreht zu werden, so 
daß „wenn B geschieht, auch A geschehen muß". Diese Um- 
kehrung des Satzes ist die Grundlage jener Psychologie, die 
das Leiden, die Strafe, als Bedingung, gleichzeitig aber auch 
als Freibrief für verbotene Lustbefriedigungen betrachtet. Die 
tief in die menschliche Seele eingeprägte Erfahrung von dem 
unvermeidlichen Nacheinander von Lust und Unlust ist die 



^ 



Die Selbststrafe verhütet die Strafe von außen 139 



gemeinsame Grundlage aller primitiven Religionen, die' auf 
dem Opfersystem aufgebaut sind, wie auch der Erziehung, 
sogar unserer noch heute gültigen Strafjustiz. Sie bildet aber 
auch die Grundlage der neurotischen Mechanismen. Bei den 
letzteren wird die Unlustverursachung in den eigenen Ver- 
waltungsbetrieb der Persönlichkeit einbezogen, man verursacht 
sich selbst die sowieso für unvermeidbar gemeinte Unlust, man 
bestraft sich selbst, um damit eine von außen kommende 
Unlust oder Strafe zu ersetzen. Die passiv erlittene Unlust 
wird aktiv selbst verursacht, womit die Möglichkeit ihrer 
Milderung und der selbstgefälligen Dosierung gegeben wird. 
Der Vorteil aus dieser Verinnerlichung der Strafe ist derselbe, 
den wir dann genießen, wenn wir von einem einheimischen 
Gericht verurteilt werden, anstatt von einem fremdländischen. 
Wenn der Richter selbst ein Teil unseres eigenen Ichs ist, so 
können wir mit Recht erhoffen, daß die Strafe milder ausfallen 
wird. Wir wissen aber, daß dem Neurotischen sogar mehr 
gelingt, er kann die selbstverhängte Strafe zur Triebabfuhr 
benützen. In diesem Zusammenhange wird uns die tief narziß- 
tische Grundlage der autonomen Strafjustiz der Seele in ihrem 
vollen Umfange klar. Mit Recht behauptet Reik, daß die 
eigenmächtige Befriedigung des Strafbedtirfnisses die größte 
Waffe des Verbrechers gegenüber seinem Richter ist. Durch 
das selbst verursachte Leiden ist er von dem Geständniszwang 
befreit, da er keine richterliche Verurteilung mehr zur Entlastung 
seines Gewissens braucht. Auch der von Freud entdeckte 
Typ des Verbrechers aus Schuldgefühl befolgt dasselbe Ziel 
mit einem etwas verschiedenen Mechanismus, wenn er durch 
kleine Sünden und entsprechend kleine Strafen sich vor der 
quälenden Kastrationsangst zu befreien trachtet. Auch er will 
eine schwerere Strafe durch eine mildere ersetzen, er verleitet 



140 Die biologisdien Wurzeln der Uni ustcr Wartungen 

die Gesellschaft dazu, ihn mild zu bestrafen für Wünsche, die 

sein grausames Über-lch mit der am tiefsten gefürchteten 

Kastrationsdrohung verfolgt. In diesen Fällen wurde das eigene 

Gewissen, das ursprünglich deshalb entstanden ist, um von 

außen kommende Unlust zu ersparen, so grausam, daß es mehr 

als die äußere Strafe gefürchtet wird. Der Neurotische bestraft |n 

sich selbst, um die äußeren Strafen zu vermeiden, der Ver- ^ 

brecher aus Schuldgefühl läßt sich bestrafen, um sich damit 

von der inneren Strafe seines Über-Ichs loszukaufen. j 

Aber nicht nur der Kampf mit der Realität, um Wunsch- 
befriedigungen durchzusetzen, nicht nur der Geist der Erziehung 
und der sozialen Institutionen drängen dem seelischen Apparat 
das unvermeidliche Nacheinander von Lust und Unlust auf, 
sondern auch die biologische Entwicklung des Trieblebens. 
Vor Jahren bereits habe ich versucht, die affektiven Grundlagen 
der auf die kindliche Masturbation folgenden Kastrations- 
erwartung in den affektiven Erfahrungen der ersten Lebensjahre 
zu suchen, die der Erreichungder genitalen Organisation des Trieb- 
lebens vorangehen. Der Anregung Freuds und Jones's folgend, 
die in der notgedrungenen Hergabe der lustspendenden Kotstange 
die anale Voi'stufe der Kastrationserwartung erblickten, ferner 
Stärckes Gedankengang folgend, der in der Abgewühnung 
von der Mutterbrust ein vielleicht noch frühzeitigeres Unlust- 
erlebnis fand, das zur Vorbereitung des Kastrationskomplexes 
einen gefühlsmäßigen Zuschuß liefert, versuchte ich, den 
gemeinsamen affektiven Kern dieser uiilustvollen Erlebnisse 
zu formulieren. In dem Verlust eines lustspendenden 
Körperteils (Kotstange, Brustwarze, die das Kind, wie 
Stärcke es richtig bemerkt, zudem eigenen Körper gehörend 
empfindet) und in dem Nacheinander von Lust und 
Unlust glaubte ich, die affektive Grundlage der Erwartung, 



Die Reihe der biologisdien Traumaia 141 

den in der Onanie lustspendenden Penis zu verlieren, gefunden 
zu haben. Noch weiter in der frühesten Entwicklung suchend, 
nahm ich an, daß das Geburtserlebnis jene primitivste Verlust- 
empfindung ist, die später in anderen Formen bei jedem 
Verlassen einer bereits eroberten Trieborganisationsstufe 
wiederholt wird und so als die früheste affektive Wurzel der 
Kastrationsangst angesehen werden darf. Diese Auffassung 
entsprach Freuds Annahme, daß jedes spätere Angstgefülü 
mit dem Geburtseiiebnis in irgend einem Zusammen- 
hange steht. 

Diese Vermutung fand ihre volle Bestätigung durch die 
letzten Untersuchungen von Freud, die er über die Beziehung 
der Angst zur Symptombildung anstellte. Er kam zu dem 
Ergebnis, daß alle die hier angeführten unlustvollen Eindrücke 
— die Geburt, die oralen und die analen Beeinträchtigungen — 
mit einer Steigerung der Bedürfnisspannung einhergehen, denen 
das Kind zunächst hilflos gegenüber steht. Diese Steigerung 
der Triebspannung macht den Trieb zu einer inneren Gefahren- 
quelle und löst im Ich Angst aus. Ich habe in meiner „Meta- 
psychologische Darstellung des Heilungvorganges" die dyna- 
mische Wirkung der traumatischen Momente der Triebentwick- 
lung dadurch zu kennzeichnen versucht, daß die bereits erlernten 
Triebbefriedigungsarten während des zwangsmäßigen Ver- 
laufes der Entwicklung durch immer neue Befriedigungs- 
mechanismen ersetzt werden müssen, und zwar durch 
solche, die das Kind noch nicht beherrscht. So wird das 
Nahrungs- und Sauerstoffbedürfnis des Kindes nach der Geburt 
an Stelle der intrauterinen Versorgung durch die Blutbahn, 
durch das Saugen an der Mutterbrust und durch Atmen 
befriedigt. Später erfordert das Absetzen von der Brust den 
Übergang zu einer ebenfalls oralen, aber von dem Saugen 



142 Steigerung der Bedürfnisspannunß während der Entwiddung 

Völlig verschiedenen Ernährungstätigkeit. Mit dem Gehenlernen 
wird die rein passive Form der Lokomotion durch Getragen- 
werden von einer aktiven Tätigkeit abgelöst. Bei der 
Reinlichkeitsdressur erfährt die bis dahin ungehemmte 
exkrementeile Lustbefriedigung eine mächtige Einschränkung. 
Und kaum, daß die genitale Organisation erreicht ist, wird die 
kindliche Masturbation mit der Kastrationsdrohung belastet. 
Dasselbe Schicksal erfährt die psychosexuelle Bindung an die 
Mutter als Sexualobjekt, die ebenfalls dem Untergang geweiht 
ist. Nicht einmal bei dem Wiederaufleben der Sexualität in 
der Pubertätszeit findet der Sexualtrieb seine endgültigen 
Objekte. Erst im Mannesalter wird es dem Menschen möglich, 
durch eine exogame Objektwahl eine von der Gesellschaft 
geduldete Form der Sexualbefriedigung zu finden. Jede Etappe 
der geschilderten Triebentwicklung, wenn sie einmal glücklich 
erreicht wird, eignet sich dazu, ein Fixierungspunkt zu werden, 
und jede Forderung, eine bereits erreichte Stufe zu verlassen 
und sie durch eine neue, noch unbekannte Stufe zu ersetzen, 
bedeutet Unlust, die in der Steigerung der Bedürfnisspannung 
beim Übergang zur neuen Stufe besteht. 

Die Steigerung der Bedürfnisspannung ist die Folge davon, 
daß der Seelenapparat die neu erforderte Befriedigungsart 
noch nicht beherrscht und während der tastenden Probe- 
versuche nach Triebabfuhr sich in einem konstanten Reizzustand 
befindet. Diesen hilflosen Reizzustand nennt Freud eine 
traumatische Situation. Diese Betrachtung möchte ich durch 
die Bemerkung ergänzen, daß die größte Schwierigkeit, die 
die Bewältigung dieses traumatischen Reizzustandes hindert, 
darin besteht, daß der Organismus unter dem Wiederholungs- 
zwang noch immer an den altbewährten Befriedigungsmethoden 
festhält und versucht, auch in der neuen Situation die alten, 



Festhalten an alten Uefriedigungsarten 143 



nicht mehr geeigneten Triebbewältigungstechniken anzuwenden, 
das Problem der Reizentspannung nach dem alten Muster zu 
lösen. Da aber diese alten Kenntnisse, die automatisch 
angewendet werden, zur Lösung der neuen Triebbewältigungs- 
probleme sich nicht mehr eignen, entsteht der unlustvolle 
Zustand der ungelösten Triebspannungen. So sehen wir z. B., daß 
manche Neugeborene in dem wohl bekannten Bild des Pyloro- 
spasmus — der mit Recht als ein primäres neurotisches 
Symptom angesehen werden darf — sich der Ernährung durch 
den Mund- und Darmkanal widersetzen. Indem sie die Milch 
weder ausbrechen. Andere Kinder weigern sich, nach dem 
Absetzen von der Brust harte Speisen zu sich zu nehmen, 
wollen weiter nur mit Flüssigkeiten ernährt werden, womit 
sie ihre Fixierung an die wohlbewährte lustvoile Säugetätigkeit 
bezeugen, die sie gegen das Essen durch Kauen nicht opfern 
wollen. Lieber hungern sie. Wir bedürfen keiner weiteren 
Beispiele: das Festhalten an den oralen und analen Befriedigungs- 
arten und an den infantilen Liebesobjekten bildet den Grund- 
stock des gesamten psychoanalytischen Erkenntnismaterials. 
Es ist folglich die unerläßliche Bedingung, um den traumatischen 
Reizzustand beim Verlassen einer niedrigen Organisationsstufe 
überwinden zu können, auf die alten Triebansprüche, deren 
Befriedigung die neue Situation nicht mehr gestattet, zu ver- 
zichten, weil gerade der Versuch, an diesen festzuhalten, und 
die Weigerung, sie durch neue auszutauschen, die Ursache 
des Reizzustandes ist. Diese alten nun nicht mehr zu 
befriedigenden Triebansprüche bedeuten also die innere 
Gefahr, die in ihrer psychologischen Bedeutung der äußeren 
Gefahr gleichzusetzen ist. Diese letztere kann nämlich eben- 
falls zu einem Reizzustand führen, wenn der äußere Reizschutz 
durchbrochen wird. 



144 Die Triebabwehrmcdianismcn im Dienste der Anpassung 



Gegen die gefahrbringenden Triebansprüche, die einer 
verlassenen Organisations stufe angehören und deshalb die 
Anpassung an die neue Situation verhindern, wehrt sich der 
Seelenapparat mit den verschiedensten Methoden der Trieb- 
einscliränkungen und Hemmungen. Sie alle stehen also im 
Dienste der Anpassung an die neue äußere und innere 
Situation. Von diesen Triebabwehrmechanismen haben wir die 
Verdrängung als den bei den Psychoneurosen der Erwachsenen 
ausschlaggebenden Mechanismus kennen gelernt. Die Ver- 
drängung dient dazu, um jene infantilen Triebansprüche, die 
den Anforderungen der Gesellschaft nicht entsprechen, deren 
Ausführung mit Unlust verbunden wäre, nicht nur aus der 
Motilität, sondern sogar von dem Bewußtsein auszuschließen. 
Sie wird vom Ich unter dem Drucke des Über-Ichs vorgenommen, 
welches die hemmenden Anforderungen der Gesellschaft inner- 
halb des seelischen Apparates, ]a sogar im Unbewußten vertritt. 
Ähnlich wie die äußeren Verbieter — die Erzieher und Eltern 
— die Triebeinschränkungen durch Unlustverursachung, durch 
^ Strafe oder Entziehung von Liebe zu erreichen trachten, ver- 
wendet auch das Über-Ich dem Ich gegenüber dieselben 
beiden Methoden. Freud meint, daß bei dem Mann in erster 
Linie die Angst vor Strafe, dessen Urbild die Kastrations- 
erwartung ist, bei der Frau die Angst vor der Entziehung von 
Liebe der Motor der Verdrängung ist. 



IV) Zusammenfassung 

Wenn wir die dargelegte Konzeption von Freud über den 
Mechanismus der Triebabwehrvorgänge mit unserer im Laufe 
dieser Betrachtungen gewonnenen Grunderfahrung über den 
Zusammenhang zwischen Leiden und Symptombildung ver- 



Die drei Kategorien der traumatisdicn Situationen ' 145 

binden, erhalten wir ein einheitliches Bild über das Wesen 
der Neurosenbildung. Der Grundsatz der neurotischen Psyche 
ist, daß sie jede Lustbefriedigung unzertrennbar mit einer 
Unlusterwartung verbindet. Diese Unlusterwartung ist sowohl 
in den affektiven Eindrücken während der Triebentwicklung 
wie in den Unlusterfahrungen, mit denen der Verkehr mit der 
Außenwelt verbunden ist, ferner in den Erfahrungen der Er- 
ziehungsjahre tief verwurzelt. Die drei Kategorien der trauma- 
tischen Situationen, die diesen Unlusterwartungen zu Grunde 
liegen, sind demnach die folgenden: i) Die Steigerung der 
Bedürfnisanspannungen bei dem zwangsmäßigen Verlassen der 
einzelnen Organisationsstufen des Trieblebens während der 
Triebentwicklung bis zur Erreichung der genitalen Stufe. 
(Biologische Traumata.) 2) Traumatische Reizzustände, ver- 
ursacht durch äußere Reize, die bei jeder neuen äußeren 
Situation entstehen, die dem psychischen Apparat mit seinen 
Schutzreaktionen noch nicht angepaßt ist. (Physikalische 
Traumata.) ^) Erzieherische Anfordei-ungen zu sozialem Ver- 
halten (z. B, exogame Objektwahl), die den ursprünglichen 
Triebtendenzen entgegengesetzt sind und die durch Strafen, 
Strafandrohungen und durch Liebesentziehung durchgesetzt 
werden. (Soziale Traumata.) 

Die erste Gruppe der traumatischen Einflüsse wird durch 
den zwangsmäßigen Gang der biologischen Entwicklung ver- 
ursacht, wie durch die Geburt, durch das Absetzen von der 
Mutterbrust, durch das Gehenlernen usw. Die zweite Gruppe 
stammt aus dem Widerstand der leblosen Natur gegenüber 
den Bedürfnissen des Individuums. (Aufschiebung von Bedürfnis- 
befriedigungen wegen räumlicher und zeitlicher VerhältnissCj 
Reizwirkungen durch Änderung der physikalischen Außen- 
verhältnisse usw.) Die dritte Gruppe der Unlusterfahrungen 



■ 



14Ö Das lazestverbot die jüngste Trlebhemmung In der Entwltklung 

Stammt aus den moralischen Anforderungen der sozialen Organi- 
sation, die hauptsächlich gewisse aggressive und genitale 
Tendenzen hemmt. (Vatermord und Inzest.) Das aus der Urge- 
schichte stammende und in der üblichen Erziehung beibehaltene 
wirksame Hemmungsmoment bildet hier beim Manne die 
Kastrationsdrohung, bzw. die Kastrationsangst, bei der Frau 
die Liebesentziehung. Diese letzte soziale Form der Trieb- 
einschränkung ist entwicklungsgeschichtlich die jüngste. Darum 
bietet sie auch für den heutigen Menschen die größte Schwierig- 
keit. Sie fand noch keine automatische Verkörperlichung wie 
die beiden anderen Formen der Triebanpassung. Die bio- 
logischen Entwicklungsphasen des Trieblebens erfolgen in den 
durch die Artgeschichte bedingten und vererbten automatisch 
eintretenden zweckmäßigen Umstimmungenin dem gesamten 
Organismus. Bei der Geburt tritt die Atemtätigkeit automatisch 
in Funktion, die Innervation des Saugens erfolgt reflektorisch, 
die Entwicklung der Zähne schafft eine natürHche Grenze für 
den Übergang zu selbständiger Ernährung, auch das Gehen 
braucht nicht erst pädagogisch beigebracht zu werden. Auch 
das Verhalten zur Außenwelt, das Ausweichen vor typischen 
Gefahrsituationen geschieht zum grüßten Teil durch angeborene 
reflektorische Abwehrmechanismen. Die Überwindung des 
Ödipuskomplexes scheint im Gegensatz zu diesen Triebein- 
schränkungen eine solche Anpassungserscheinung zu sein, die 
jedes Individuum allein aus eigenen Kräften leisten muß, 
wenn auch seine Überwindung durch Verdrängung — wie wir 
es früher bereits eingehend erörtert haben — einen Übergang 
zu den automatischen körperlichen Abwehrvorgängen bildet 
und durch die Urgeschichte vorgezeichnet und vorbereitet ist. 
Es ist jedoch eine noch nicht entschiedene und experimentell 
noch nicht geprüfte Frage, ob die durch die Urgeschichte 



i 




Die Regression als Folge d er Kastrationsangst 147 

bedingte und vererbte Veranlagung ausreichen würde, um 
ohne jede erzieherische Beihilfe die Inzestbindung zu über- 
winden. 

An diesem Punkte d6r sozialen Triebeinschränkungen 
scheitert der Neurotische. An die Ödipussituation fixiert, ist er 
nicht imstande, weder seine aggressiven noch seine erotischen 
Tendenzen in der Realität durchzusetzen. Die Versagung in 
der Realität leitet zunächst die Introversion der Triebe ein 
und von diesem Punkte aus erfolgt auch die regressive 
Bewegung in der Triebbefriedigung, das Zurückgreifen auf 
inzestuös-genitale und darüber hinaus sogar auf prägenitale 
Befriedigungsraechanismen. Die Enttäuschung, die reale Ver- 
sagung, verstärkt die Angst vor der Realität, die beim Manne 
mit der von dem Ödipuskomplex stammenden Kastrationsangst 
zusammenfUeßt und zum regressiven Verlassen der genitalen 
Wünsche zwingt. Doch auch die Regression allein schützt nicht 
vor der Kastrationsangst, die die Schranke bildet, von der die 
regressive Bewegung ausgeht. Alle früheren Unlustmomente, 
die bei der Überwindung der verschiedenen prägenitalen 
Stufen triebeinschränkend gewirkt haben, verdichten sich um 
die Kastrationsangst: sie bilden einen affektiven Komplex von 
Unlusteindrücken, der als Kastrationsangst wirksam ist. Es ist 
nur zu verständlich, warum die regressiv wieder aufgesuchten 
analen und oralen Befriedigungen auch mit Kastrationsangst 
verbunden sind, obzwar bei ihrer ersten Überwindung ursprüng- 
lich die Kastrationsangst noch keine Rolle spielte. Sie erhalten 
nämlich, indem sie die genitalen Inzestbestrebungen ersetzen, 
eine genitale Färbung. Bei dem regressiven Verlassen einer 
bereits erreichten Organisationsstufe drückt diese letztere der 
wieder aufgesuchten früheren Triebtendenz ihre eigene Färbung 
auf. Wir sagten eben, daß die Kastrationsangst, und zwar in 

10* 



148 Die Regression allem sdiützt nidit vor AngSt 

ihrer verinnerlichten Form als Angst vor dem Über-Ich die 
Schranke bildet, die der Beibehaltungstendenz der genitalen 
Inzestbestrebungen und ihrer regressiven Ersätze, der prä- 
genitalen Befriedigungen, entgegenwirkt. Ini ei-sten Moment 
scheint diese Formulierung widerspruchsvoll. Zuerst sagten 
wir, daß die Kastrationsangst die regressive Bewegung, das 
Aufgeben der genitalen Wünsche verursacht, und jetzt 
behaupten wir, daß die regressiv aufgesuchten prägenitalen 
Befriedigungen ebenfalls mit Kastrationsangst verbunden sind. 
Was wäre dann der Sinn der Regression, wenn sie zur Über- 
windung der Kastrationsangst nichts beitritgt? Ein quanti- 
tatives Moment ist hier entscheidend. Gerade weil die „orale 
oder die anale Kastration" weniger gefürchtet wird als die 
echte genitale, entsteht dieses regressive Zurückgreifen auf 
diese Stufen. Indem aber diese prägenitalen Befriedigungen 
Ersatzbefriedigungen von bereits erreichten und wieder 
verlassenen genitalen Wünschen sind, sind sie auch mit einer 
— man könnte sagen — Ersatzkastrationsangst belastet. Diese 
durch die Regression entstandene Angst, die bei anal-erotischen I 

und oral-erotischen Befriedigungen auftritt, bat tatsächlich die 
Qualität der Kastrationsangst erhalten, weil die prägenitalen 
Lustbefriedigungen selbst eine genitale Bedeutung gewannen. 
Die Regression ist zwar eine Flucht vor der genitalen Stufe, 
auf der die stärkste Kastrationsangst lastet, sie schützt aber 
allein nicht vor dem Über-Ich, durch sie kann die Angst allein 
nicht behoben werden. Die hemmende Angst vor dem Über- 
Ich wird bei dem Neurotischen durch die selbstverhängten 
Selbststrafen (symbolische Kastrationsstrafen) aufgehoben. Das 
Ich des Neurotischen, anstatt den Anforderungen des Über- 
Icbs folgend auf gewisse Triebansprüche zu verzichten, nimmt 
die vom Über-Ich angedrohten Strafen auf sich und hat nach 



i 



Nur- die. Strafmedianismen verhüten die Angstentwittlung 149 



dem Erdulden der Strafen keinen Grund mehr, auf die 
Befriedigung der Triebansprüche z]x verzichten. Wenn der 
Triebverzicht im Interesse der Unlustvermeidung geschah, wi^rd 
er sofort überflüssig, nachdem die zu erwartende Unlust bereits 
erduldet wnirde. Die triebhemmende Angst vor dem ÜberTch 
schwindet mit dem Erdulden der Über-Ich-Strafen, die trieb- 
hemmende Angst vor Unlust wird durch die Strafen auf- 
gehoben. Wir sehen also, daß zwar sowohl die Regression wie 
die Selbstbestrafungsraechanismen der Aufhebung der Angst 
vor dem Üher-Ich dienen, die letzteren jedoch den generellen 
Mechanismus^ bilden. Sie werden auch bei der Hysterie ange- 
wendet, bei. r der die genitale Stufe erhalten bleibt. Außerdem 
bilden die Sislbstbestrafungen auch einen wirksameren Schutz 
gegen die Angst, weil die Regression — wie wir eben gezeigt 
haben — die Angst nur zu mildern, doch nicht aufzuheben 
imstande ist. Erst die Selbststrafen ermöghchen es, an den 
verpönten Triebbefriedigungen ohne Angst festzuhalten. Es 
ist andererseits nur zu verständhch, daß ebenso wje die 
Strafen des Über-Ichs keine realen, sondern nur Ersatz- 
strafen sind, auch die neurotischen Triebbefriedigungen nur- 
Ersatzbefqedigungen sind. 

Die Veriiinerlichung der unlustvollen, von außen stammen- 
den Triebhemmungen in der Form eines hemmenden Über-, 
Ichs geschah im Interesse der Unlustvermeidung. Die neuro- 
tische Psyche verinnerlicht aber auch die Unlust, ^ die 
Strafe, — verhängt sie selbständig über sich, wenn auch in' 
einer gemilderten Form, — die symbolische Selbstkastration, 
eines Zwangsneurotikers ist einer echten Kastration doch nicht' 
gleichwertig, — kann dafür aber an realitäts- aind üben-ich-. 
fremden Wunschbefriedigungen festhalten. Die Leidenssymptome' 
des Neurotischen — bei der Zwangsneurose oft aslceüschfe 



tso 



Das Nadieinonder LuKt-Unlust eine kosmisdie Erfahning 



Charaktereigenschaften — haben also, unabhängig davon, ob 
es sich um eine Hysterie, Zwangsneurose oder eine manisch- 
depressive Neurose handelt, im Grunde immer dieselbe 
Bedeutung: sie ersetzen die reale Strafe der Kastration oder 
der Liebesentziehung der Mutter. Ein anderer Teil der Sym- 
ptome — bei der Hysterie dasselbe Symptom — bedeutet 
wieder die Befriedigung der verdrängten Triebansprüche. 
Leiden und Wunschbefriedigimg sind also in der Neurose 
unzertrennlich miteinander verknüpft, das eine bedingt das 
andere. In dieser Verknüpfung kommt die kosmische Erfahrung 
jedes biologischen Lebewesens zum Ausdruck, daß die Ent- 
wicklung einen ewigen Kampf mit der Realität und mit den 
eigenen renitenten Triebansprüchen bedeutet, in dem Lust und 
Unlust sich gegenseitig gesetzmäßig ablösen. Der Neurotische 
zwingt aber dieses zwangsmäßige Nacheinander von Lust und 
Unlust unter die eigene Souveränität, erspart sich den unlust- 
vollen Kampf mit der Realität, verursacht dafür sich selbst die 
Unlust, verzichtet aber auch auf reale Lustbefriedigungen. 
Ersatz für Unlust, aber auch für Lust, ist sein leitendes 
Prinzip, ,-.• "-!■:'; .-t" 

Das unheimliche, nicht nur bei dem Neurotischen, sondern 
auch bei dem Gesunden auftretende Erwartungsgefühl, daß 
gerade nach großen Erfolgen oder wenn das Leben für einen 
Augenblick ein vollkommenes Glück zu gewähren scheint, ein 
unbestimmtes Unglück bevorstehe, beruht auf dieser tief 
begründeten Erfahinmg der Entwicklungsjahre, daß Lust regel- 
mäßig durch Unlust abgelöst wird, daß jede glücklich erreichte 
Organisationsstufe der Triebbefriedigungen bald durch eine 
neue, zunächst unlustvolle abgelöst wird. In dem Schillerschen 
Gedicht wirft Polykrates im Augenblick, als er sich vollkommen 
glücklich fühlt, seinen Ring ins Meer, um mit dieser symbo- 



Das Problem der Angstentwifklung bei den Phobien 151 

lischen Selbstkastration den unglückbringenden Neid der Götter 

abzuwehren. Auch diese Symbolhandlung hat ihren Gegensinn ; 

den Ring wirft er ins Wasser und stellt damit den Wunsch 

nach dem Mutterleib dar. 

„Drum willst du dich vor Leid bewahren, 

So flehe zu den Unsichtbaren, 

Daß sie zum Glück den Schmerz verleihn." 

V) Eine Anwendung der dynamisdien Neurosenformel 

Meine Damen und Herren! Die Brauchbarkeit einer Theorie 
oder einer Formel erweist sich erst bei ihrer praktischen An- 
wendung auf die Einzeltatsachen. 

Die Auffassung der Neurosen, die sie aus der doppelten 
Tendenz erklärt, — erstens, an infantilen Befriedigungsmecha- 
nisnien festzuhalten, und zweitens, die daraus entstehende 
Gewissensangst durch selbstverhängtes Leiden aufzuheben, — 
erlaubt uns, die in der letzten Zeit aufgeworfene und teilweise 
offen gelassene Frage von Freud zu beantworten ; worin der 
Wesensunterschied zwischen den Phobien und den Zwangs- 
neurosen besteht, wieso in den letzteren die neurotische Angst 
mehr oder weniger überwunden wird und in den ersteren gar nicht. 
Wir haben diese Antwort bereits früher angedeutet, wir wollen 
sie noch einmal etwas eingehender ausführen, wobei manche 
Wiederholungen unvermeidbar werden. -.^., .-:_., . .^„.^..„, 

Wir sagten bereits, daß bei den Phobischen die Selbst- 
bestrafung, die Befriedigung der Straftendenzen des Über-Ichs 
fehlt. Das Ich versucht die Flucht vor dem verurteilten Trieb, 
— wie Freud es ausdrückt, — es behandelt diesen wie eine 
äußere Reizquelle. Diese Fluchttendenz äußert sich zunächst 
darin, daß jene Handlungen, die zur Befriedigung des ver- 
pönten Triebes dienen könnten, vermieden und durch andere 



J5? 



I?as Verhältnis Jer Phobie zu den übrigen Neurosen 



Handlungen ersetzt werden, die jedoch alsbald die nämliche 
Überbedeutung erhalten, wie die bereits gemiedenen Hand- 
lungen. Wir haben diesen Vorgang schon besprochen. Um ein von 
Freud erwähntes Beispiel zu zitieren: das Schreiben bekommt 
eine Koitusbedeutung, indem die Feder den Penis, das Tintenfaß 
die Vagina und die Tinte die befleckende Flüssigkeit bedeutet. 
Wegen dieser Überbesetzung wird aber auch diese Handlung 
vom Über-Ich, das ihre unbewußte Bedeutung erkennt, mit 
Kastrationsdrohung verfolgt. So weit läuft der phobische 
Mechanismus^ mit dem zwangsneurotischen parallel. Auch bei 
dem letzteren bekommen harmlose Handlungen eine symbo- 
lische Überbedeutung. Während aber der Zwangsneurotische 
das angsteinflößende Über-Ich dadurch zum Schweigen bringt, 
daß er auch andere Handlungen ausführt, — oder über' 
moralische Charakterzüge annimmt, — welche den Straf tendenzen 
des Über-Tchs entsprechen, und so die Symbolhandlung ohne 
Angst ausführen kann, kennt der Phobische diese Bestechungs- 
manöver noch nicht. Er nimmt sein Über-Ich noch zu ernstj 
läßt die Handlung fallen und versucht, die Triebentspannungen 
durch neue Symbolhandlungen zu befriedigen. Und so geht 
die endlose^ erfolglose Flucht weiter. In diesem Lichte erscheint 
uns die Phobie als eine unvollkommene Zwangsneurose : die 
erste Hälfte einer Zwangsneurose. Bekräftigt wird diese Auf- 
fassung durch die fast immer vorhandene, wenn auch mildere 
phobische Angst bei der Zwangsneurose und überhaupt durch 
die so häufige Kombination der beiden Krankheitsbilder. Dies 
erklärt sich daraus, daß es dem Neurotischen erst allmählich 
gelingt^ immer mehr von seiner phobischen Angst mit zwangs- 
neurotischen Mechanismen zu überwinden. Wahrscheinlich erfolgt 
in gewissen Fällen auch eine konversionshysterische Bindung* 
der phobischen Angst. In diesem Lichte erscheint uns die. 



Am Anfang jeder Neurose steht die'pbobisdie Angst 153 



Phobie als ein Anfangszustand, die Zwangsneurose und die 
Konversionshysterie als ein Endzustand. E^ ist die Aufgabe 
der empirischen Forschung, zu entscheiden, ob tatsächlich jede 
Zwangsneurose und jede Hysterie durch eine Phobie — : die 
gar nicht zur vollen Entwicklung zu kommen braucht — ein- 
geleitet, wird; Wie wir schon früher hervorgehoben haben, 
spricht sehr für die Richtigkeit unserer Auffassung, daß die 
Phobie die typische Neurose des frühesten Kindesalters ist.. 
Es mag sich vielleicht auch so verhalten, — und dafür sprechen 
meine Erfahrungen, — daß die später auftretende Zwangsneurose 
nur die Fortsetzung einer frühinfantilen Phobie bildet. 

Es ist also naheliegend, anzunehmen, — und die klinische 
Erfahrung spricht sehr für diese Annahme, — daß am Anfang 
jeder Neurose die phobische Angst stellt. Die verschiedenen 
neurotischen Mechanismen sind verschiedene Versuche, die 
Angst zu binden und damit die Hemmung der Befriedigung 
aufzuheben. Z. B. der Übergang der phobischen Hemmung in 
eine Zwangsneurose geschieht dadurch, daß die Überwindung 
der Angst zu gewissen zwanghaften Vorschriften geknüpft 
wird. So, entsteht das Zwangszeremoniell. Auch die thera- 
peutische Erfahrung bekräftigt diese Auffassung. Gelingt es in 
der Kur, die angstbindenden Selbstbestrafungsmechanismen 
aufzuheben,: so tritt die nackte phobische Angst wieder in- 
Erscheinung, dieselbe Angst, die der Kranke am Anfang seiner 
Erkrankung hatte und durch die neurotischen Leidensmecha- 
nismen binden konnte. • ■ .'v .■ ' ■ 

-Wir dürfen es nicht verhehlen, daß das, was wir bis jetzt 
über die Phobien gesagt haben, in erster Linie für die Phobien 
der Erwachsenen gilt. Wir müssen die kindlichen Phobien von 
diesem Gesichtspunkte aus gesondert untersuchen. Nur früher^ 
eine Bemerkung noch über die Zwangsneurose. ■■ :.>v 



154 E)ic infantile Phobie 



Noch ein anderer Mechanismus steht dem Zwangsneurotischen 
zur Verfügung, um seine bereits in das Bewußtsein gelangten 
Tendenzen -— die früher einmal verdrängt waren, die Ver- 
drängungsschranke aber wieder durchbrochen haben — sekundär 
abzuwehren und so Angstentwicklung zu vermeiden. Erst in 
der allerletzten Zeit beschrieb Freud diesen Mechanismus 
und nannte ihn Isolierung. Sie dient dazu, um Bewußtseins- 
inhalte aus ihrem Zusammenhange zu lösen, diese voneinander 
zu trennen und damit ihren Sinn zu verhüllen. Es scheint mir 
jedoch, daß die Isolierung nur ein Hilfsmechanismus der 
Abwehr ist und nur für die sekundäre Unschädlichmachung 
bereits in das Bewußtsein hineingelangten, früher ver- 
drängten Tendenzen eine Bedeutung hat. Den Durchbruch 
der Verdrängungsschranke müssen wir — glaube ich — 
m jedem Falle mit dem generellen Mechanismus der Hem- 
mungenaufhebenden Wirkungder Selbstbestrafungsmechanismen 
erklären. 

Bei den infantilen Phobien sehen wir eine etwas andere 
Form des Fluchtversuches des Ichs vor den verdrängten Trieb- 
regungen wie bei den typischen Phobien der Erwachsenen. 
Hier behandelt das Ich die innere Gefahr — wie Freud es 
neuerdings so eindeutig klar beschrieben hat ■— wörtlich 
als eine äußere Gefahr, und zwar durch den Projektions- 
mechanismus. Aus der Analyse der Pferdephobie des kleinen 
Hans ersehen wir, daß die eigene vatermörderische Tendenz, 
— • die eigentliche Gefahrquelle, — zu der Angst vor dem 
den Vater totemistisch vertretenden Pferde führt. Dieser Angst 
liegt nach Freud die Erfahrung des Kindes zugrunde, daß 
seine aggressiven Handlungen zu Repressalien seitens der 
angegriffenen Personen zu führen pflegen. An Stelle der Flucht 
vor der eigenen gefahrbringenden Aggression flüchtet das 



Unterfidlied zwisdien Phobien der Kinder und der Erwadisenen 155 

Kind vor dem Pferde, das den geliaßten Vater vertritt. Die Haß- 
tendenz wird nicht aufgegeben, nur die Angst vor ihr nach 
außen — als Angst vor dem Pferd — projiziert. Ich meine, 
dieser Mechanismus hat fast mehr Ähnlichkeit mit dem para- 
noischen als mit dem phobischen Mechanismus der Erwachsenen. 
Bei den typischen Phobien der Erwachsenen scheint die Pro- 
jektion nicht mehr eine so wichtige Rolle zu spielen wie bei 
den Kinderphobien. So z. B. bei dem früher besprochenen 
Fall von Straßenphobie hat die sonst harmlose Handlung „auf 
der Straße zu gehen**, die Überbedeutung bekommen, wie eine 
Prostituierte auf der Straße „auf Strich zu gehen". Diese 
Überbedeutung machte sie verpönt imd deshalb wurde sie 
angstvoll vermieden. Gemeinsam bei den Phobien der Erwach- 
senen und des Kindes ist die Flucht vor der verpönten 
Tendenz, wie vor einer äußeren Reizquelle, im gemeinsamen 
Gegensatz zu dem zwangsneurotischen und zu dem hyste- 
rischen Mechanismus, bei denen die verpönte Tendenz in den 
Symptomen befriedigt, aber gleichzeitig die Angst durch 
Leidenssymptome aufgehoben wird. Der Unterschied zwischen' 
der infantilen Phobie und den typischen Phobien der Erwach- 
senen besteht darin, daß das Kind aus der inneren Gefahr 
durch Projektion eine äußere macht und nun diese äußere 
Gefahrquelle meidet, während dem Erwachsenen eine solche 
Projektion meistens nicht mehr gelingt: er flüchtet vor der 
inneren Gefahrquelle, indem er diejenigen Handlungen ver- 
meidet, die durch symbolische Überbedeutung zur Befrie- 
digung der verdrängten Regungen dienen sollten. Daß die 
symbolische Einkleidung vor der zensurierenden Wirkung 
des Über-Ichs nicht schützt, ist der beste Beweis dafür, 
daß das Über-Ich eine innere Wahrnehmungsfunktion hat, 
die durch die von uns gekannten Verhüllungsmechanismen 



156 ; Eine Revision der Theorie der SymptomMIdung 

nicht zu betrügen ist, weil es den latenten Sinn dieser Hand- 
lungen trotz der, Verhüllung versteht. '■ ' ■" . 

Diese Tatsache, ebenso wie die des unbewußten Straf- 
bedürfnisses zwingen uns zu einer Revision unserer bisherigen 
Vorstellung über die Symptombildung. Unsere bisherige Auf- 
fassung war die, daß die symbohsche oder anderweitige Ver- 
hüllung des verborgenen Sinnes genügt, um die Symptom- 
bildung zu erklären. Wir sehen aber jetzt, daß die Verhüllung 
des Sinnes eigentlich nur für das Bewußtsein von Belang ist 
und nur dazu dient, die verurteilte Tendenz vor der Ablehnung 
des bewußten Ichs zu schützen. Für die unbewußte Zensur, 
für das Ober-Ich, ist die Verhüllung ohne Bedeutung. Der 
beste Beweis dafür ist, daß trotz Verhüllung des Sinnes Angst 
und Schuldgefühle auftreten. Das Über-Ich kennt die Sprache 
des Unbewußten und läßt sich nicht irreführen. Es verhängt 
ja Strafen für Wünsche, die ins Bewußtsein nur verkleidet 
oder überhaupt nicht eintreten können. Ohne die Annahme 
einer moraUsehen Instanz, die eine direkte Fühlung mit dem 
Unbewußten hat, wird weder die phobische Angst noch das 
unbewußte Strafbedürfnis verständlich. Diese Instanz ist durch 
keinerlei Verhüllungsmechanismen irrezuführen, sie muß mit 
Leiden bestochen werden. Da diese Bestechung bei 
den Phobien unterbleibt, entsteht die Angst. Wir können die 
Phobie als mißlungene oder noch nicht voll ent- 
wickelte Neurose betrachten, der es noch nicht gelungen 
ist, das seelische Gleichgewicht, wenn auch in einer patho- 
logischen Form, herzustellen, d. h. beiden Tendenzrichtungen, 
sowohl den verdrängten, verurteilten, wie den moralischen 
Ansprüchen des Über-Ichs gleichzeitig zu entsprechen. 

■Wie sehr auch diese dynamisch-ökonomische Betrachtung' 
uns eine^ einfache Übersicht der Neurosen liefert, wie weit- 



i 



iLinordoung der dynamisdien Neurosenformel 



isr 



gehend auch sie uns unsere empirischen Erfahrungen in eine 
relativ einfache Formel zusammenzufassen erlaubt, es muß an 
sie noch die Anforderimg gestellt werden, daß sie sich 
mit unseren Anschauungen über die Neurosen-Ätiologie ver- 
einigen lasse. 



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SECHSTE VORLESUNG 
Das ätiologisdie Problem der Neurosen 

Die Sublimierungen 

Meine Damen und Herren ! Die dynamische Neurosenformel, 
die wir als Endergebnis unserer bisherigen Unter- 
suchungen gewonnen haben, führt die Neurose auf eine 
Gleichgewichtsbestrebung zwischen den Abwehrkräften und 
den abzuwehrenden Triebkräften zurück. Sie ist aber nicht 
ohne weiteres geeignet, auf die Frage der Ätiologie der Neu- 
rosen eine Antwort zu geben. Es ist sicher, daß das neurotische 
Symptom die Folge von Triebeinschränkungen ist. Aber alle 
die unlustvollen Eindrücke der Entwicklungsjahre, die bei dem 
Mann besonders deutlich in die Kastrationsangst münden — 
diese letztere teilweise affektiv vorbereiten, teils direkt ver- 
ursachen — und die alle zusammen als Quellen der Trieb- 
abwehr anzusehen sind, wirken sowohl auf den Normalen wie 
auf den Neurotischen. Die biologischen Triebein- 
schränkungen von der Geburt an bis zu der Reinlichkeits- 
dressur muß jeder Mensch sich gefallen lassen. Und ebenso 
die späteren sozialen Einschränkungen des Trieblebens. 
Es steht also über jedem Zweifel, daß für die Erklärung der 
Neurosen nur quantitative Momente verantwortlich zu 
-machen sind, wie Freud es vor kurzem wieder ausdrücklich 



-V 




Die Neu rosen-Ätiologie ist ein quantitatives Problem 159 

hervorgehoben hat. Es ist auch sicher, daß alle die angeführten 
Triebeinschränkungen die verschiedenen Individuen mit ver- 
schiedener Intensität und bis zu einem gewissen Grade 
auch in verschiedenen Zeitpunkten der Entwicklung 
treffen können. Das Absetzen von der Mutterbrust kann zu 
verschiedenen Zeitpunkten erfolgen, ebeno kann die Reinlichkeits- 
dressur früher oder später, mit mehr oder weniger drastischen 
Mitteln, durchgeführt werden. Femer kann das Verhalten 
gegenüber der kindlichen Onanie von einem völligen Gewähren- 
lassen bis zu drastischen Kastrationsdrohungen die verschiedensten 
Formen annehmen. Noch größer sind die Unterschiede — und 
wahrscheinlich für die Neürosenbildung nicht weniger 
verhängnisvoll — in den späteren Erziehungsmethoden. Auch 
das erste Trauma, die Geburt, kann Je nach Früh- und Spät- 
geburten in verschiedenen Zeitpunkten das intrauterine Leben 
unterbrechen und sie kann — worin Rank ein besonders 
wichtiges, ja allein ausschlaggebendes Moment sieht — leichter 
oder schwerer verlaufen. Es ist also ohne weiteres klar, daß 
Neurosen-Ätiologie ein quantitativesProblem bedeutet. 
Es ist ja mit Sicherheit zu erwarten, daß die Intensität der 
verschiedenen traumatischen Triebeinschränkungen und der 
Zeitpunkt, je nachdem sie auf einen mehr oder weniger 
v/i der standsfähigen Organismus wirken, die Intensität der 
Triebverdrängungen bedingen. Und gerade die Intensität der 
Verdrängungen spielt bei der Neurosenbildung eine ent- 
scheidende Rolle, da es über allem Zweifel steht, daß bei den 
Neurotischen das reale Ausleben der Triebe durch übermäßige 
Verdrängungen mächtig eingeschränkt ist. Es besteht ja mehr 
oder weniger nur in Ersatzbefriedigungen, die die Symptome 
gewähren, Dies ist das Grundmerkmal der echten Neurosen. 
Theoretisch ist also zunächst anzunehmen, daß jede der 



n 



160 Die Rolle der typisdien Traumata 

typischen traumatisch wirkenden Trieb einschränkungen bei 
einer Intensitätszunahme die Ursache übermäßiger Ver- 
drängungen und so die Quelle von Syraptombildungen werden 
kann. Dazu kommen noch akzidentelle atypische traumatische 
Einwirkungen, infantile Verführungen, atypisch grausame 
Behandlung usw. in Frage, die Freud besonders am Anfang 
seiner Entdeckungen in erster Linie für die Neurosenbildung 
verantwortlich machen zu können glaubte. Seitdem wurde 
unser Interesse immer mehr auf die typischen traumatischen 
Entwicklurigsmomente gelenkt, ohne daß deshalb die pathogene 
Wirkung einzelner akzidenteller Traumata zu bezweifeln wäre. 
Je mehr unsere Erkenntnis der gesamten Triebentwicklung sich 
erv^^eiterte^ um so unwahrscheinHcher wurde, daß eines dieser 
typischen Momente die alleinige Verantwortung für die Neu- 
roöenbildung zu tragen hätte. Dagegen spricht schon die große 
Mannigfaltigkeit der verschiedenen Krankheitsformen. Ich kann 
deshalb die vollständig unwahrscheinliche Theorie von Rank 
über das Geburtstrauma — die von selten Freuds eine 
eingehende aber überaus nachsichtige Beurteilung fand — 
beiseite lassen. Es ist leicht denkbar, — ist sogar wahrscheinlich, 
— daß auch eine atypische Verkürzung oder Verlängerung 
des Fötallebens, wie vielleicht auch die Schwere des Geburts- 
vorganges eine neurotische Veranlagung, d. h. eine spätere 
größere Bereitschaft zu Triebeinschränkungen und Ver- 
drängmigen vemrsachen kann. Aber es ist vollständig undenk- 
bar, daß dies die alleinige generelle Ursache aller 
späteren Neurosen sei. Wenn also Rank mit dem Hinweis 
auf das Geburtstrauma auf einen bis jetzt zwar noch durch 
keine empirische Tatsache bewiesenen, aber durchaus möglichen 
und denkbaren pathogenen Faktor, der neben anderen r 

auch eine Rolle spielen kann, aufmerksain gemacht 



Die üljermäßige Einsdiränkimg des Trieblehens idt 



und damit der empirischen Forschung ein neues Untersuchungs- 
gebiet eröffnet hat, so setzte er sich mit der Betonung der 
Ausschließlichkeit dieses Faktors fast über das ganze 
wohlgesicherte Erfahrungsmaterial der psychoanalytischen 
Wissenschaft hinweg. Die pathogene Wirkung der späteren 
Eindrücke stellt ja fest, und es ist mit Sicherheit anzunehmen, 
daß z. B. eine schwere traumatische Einwirkung im Kriege auch 
bei einem Menschen eine traumatische Neurose hervorrufen 
konnte, dessen Geburt ganz normal verlaufen ist. Unter genügend 
starken traumatischen Einwirkungen kann der bis dahin 
Gesündeste an einer Neurose erkranken. 

Es bleibt uns nichts anderes übrig, als auf die khnische 
Erfahrung zurückzugreifen und zu versuchen, die verschiedenen 
bekannten pathogenen Momente nebeneinanderzustellen und 
mit unserer dynamischen Neurosenformel zu konfrontieren. 

Unsere erste und wohl auch die sicherste Einsicht ist, daß 
das neurotische Symptom eine Reaktion des übermäßig 
eingeschränkten Trieblebens, also ein Entlastungsversuch ist. 
Wir sahen ferner, daß die Triebeinschränkungen zwar auf die 
Anforderungen der Realität hin erfolgen, bei den Neurosen 
aber bedeutend weiter gehen, als die reale Situation es 
verlangen würde. Das Über-Ich, das die sozialen Einschrän- 
kungen im Innern des seelischen Apparates vertritt, verlangt 
beim Neurotischen eine größere Einschränkung als die 
Realität. Wir bezeichneten diese Eigenschaft des Neurotischen als 
die Überstrenge seines Über-Ichs. Die Einschränkung des 
Trieblebens ist sowohl bei dem Neurotischen wie bei dem 
Normalen vorhanden, der Unterschied ist nur ein quantitativer. 
Der zweite wichtige Unterschied zwischen den neurotischen 
und normalen Vorgängen besteht in der Art der Reaktion des 
Trieblebens auf die erforderten Einschränkungen. Wir sagten 



102 ' Symptom und Sublimieruug 



früher, daß die normale Reaktion in der Modifizierung 
der der Realität nicht angepaßten Triebe besteht, in einer ^ 

Modifizierung, die wir S u b 11 m i e r u n g nannten. Charakte- 
ristisch für die Sublimierung ist erstens, daß sie nach außen 
gerichtete vollwertige Handlungen darstellt, mit Triebzielen, die 
außerhalb der Persönlichkeit liegen, und zweitens ihre soziale 
Note. Demgegenüber erseUt das neurotische Symptom die 
nach außen gerichtete Handlung entweder durch Innervationen, 
die nur einen subjektiven Sinn haben, oder durch Hand- 
lungen des Alltags, die die PersönHchkeitsgrenze wesentlich 
nicht überschreiten, oder durch rein psychologische Größen der 
Phantasietätigkeit, Das neurotische Symptom richtet sich im 
Gegensatz zu realen Handlungen nicht auf Veränderung der 
Außenwelt ; die Veränderung betrifft nur die eigene Person. ^ 
Der andere wesentliche Unterschied des Symptoms gegenüber ' 

den Sublimierungen besteht darin, daß der ursprüngliche, der 
Realität nicht angepaßte Trieb in seinem Inhalte nicht T 

verändert, sein ursprünglicher Inhalt nur in einer für das 
Bewußtsein unverständlichen Form verhüllt wird. Das 
Wesen dieser Unterschiede gegenüber den Sublimierungen 
läßt sich also dahin zusammenfassen, daß bei der neurotischen 
Trieb einschränkung die reale Befriedigung aufgegeben wird, 
an ihre Stelle die Ersatzbefriedigung — das Symptom — tritt 
mit der Beibehaltung des ursprünghchen psychologischen 
Inhaltes der verpönten Triebbestrebung. An Stelle der trieb- 
befriedigenden Veränderung der Außenwelt tritt die Verände- 
rung des eigenen Selbst, der Sinn dieser Veränderung ist 
jedoch derselbe, wie der Sinn jener Handlung gewesen wäre, 
die ohne Vorhandensein der Triebeinschränkung zur Aus- 
führung gekommen wäre. Diese Erkenntnis fand in jener 
Formulierung Freuds ihren Ausdruck, daß die Grundlage 



Das Symptom Folge übermäßiger Triebeinsclwränkung 163 

des neurotischen Symptoms jene unbewußten Wünsche sind, 
welche bei dem Perversen — und setzen wir hinzu : auch bei 
dem Kriminellen — real befriedigt zumindest bewußt werden. 
Bei den SubUmierung"en geschieht ganz etwas anderes : die 
reale Befriedigung wird nicht aufgegeben, 
die Triebzelle, — die Inhalte der Bestrebungen, — werden 
hingegen weitgehend verändert, und zwar in einer Weise, daß | 
ihre Befriedigung auf keinen Widerstand mehr in der Außen- 
welt trifft. Kurz ; die n e u r o t i s c h^^^JIViebeinsclirmikung 

hemmt die H an^d 1 u nj;:^,j[äie„jLPXO?J^le. verändert den 
Inh alt der^ Bestrebung. Aus dieser Überlegung geht klar 
hervor, daß das ätiologische Problem der Neurosen ohne einer 
vergleichenden Untersuchung des gesunden Seelenlebens nicht 
zu lösen ist. Die zu beantwortende Frage ist ja, warum die 
Triebeinschränkungen nicht zu Sublimierungen, sondern zu 
Symptorabildungen geführt haben. 

Der erste der beiden bisher gefundenen Unterschiede zwischen 
den neurotischen und normalen Triebabfuhrvorgängen betraf 
die Größe der Triebeinschränkung selbst, — bei den 
Neurotischen ist die Trieb einschränkung gewaltsamer, — der 
zweite betraf die Art der Reaktion auf die Triebeinschränkung: 
die Art der Triebentlastungen. Es ist naheliegend, zunächst 
daran zu denken, ■ daß zwischen diesen beiden Momenten ein 
kausaler Zusammenhang besteht, und zwar so, daß das Symptom 
die Folge der übermäßigen Trieb einschränkung ist, und die 
Sublimierung die der normalen. Diese etwas grobe Auf- 
fassung deckt sich mit der allerersten Vorstellung von Freud 
über die Ursachen der Neurosenbildung, daß nämlich die über- 
mäßige Einschränkung des Sexuallebens die allgemeinste Ur- 
sache der Neurosen ist. Gerade weil die Sexualität die größten 
Einschränkungen im ganzen Triebleben erfährt, erhält sie ihre 



l64 Latenzperiode und Erzichunfj; 

eminente Rolle in der Neurosen-Ätiologie. Den Vorwurf, den 
man so häufig gegen die Psychoanalyse geltend macht, daß sie 
bei der Erklärung pathologischer Seelenzu stände die sexuellen 
Motive übermäßig hervorhebt, müßte die Gesellschaft gegen 
ihre eigene unaufrichtige und überstrenge Sexuahnoral erheben. 
Die übermäßige Rolle der Sexualität bei der Verursachung von 
neurotischen Erkrankungen ist nur die Folge ihrer übermäßigen 
Verdrängung. 

Diese erste Einsicht fand dann durch eine neue Entdeckung 
von Freud ihre Bestätigung, gleichzeitig aber auch ihre Er- 
weiterung. Die Unterbrechung in der Entwicklung des Sexual- 
triebes durch die Latenzperiode, die die infantile Sexuahtät 
von der in der Pubertät wieder erwachenden trennt, bedeutet 
eine von der Erziehung mehr oder weniger unabhängige 
phylogenetisch bedingte Triebeinschränkung. Die infantile 
Sexualität ist schon wegen der Unfertigkeit der sexuellen Aus- 
führungsorgane dem Untergang geweiht. Diese Unterbrechung 
bietet einen Angriffspunkt für äußere schädliche Einflüsse, vor 
allem der falschen Erziehung, die eine übermäßige Einschüchterung 
der sexuellen Bestrebungen verursachen können. Je nach diesen 
pathogenen Einflüssen wird der Verlauf der Latenzperiode, der 
Zeitpunkt ihres Einsetzens, ihre Dauer und hauptsächlich ihr 
psychologischer Inhalt verschieden. Sowohl das übermäßige 
Gewährenlassen der infantilen Sexualität ■ — die selten bewußte, 
aber um so häufigere unbewußte Verführung seitens der Er- 
ziehungspersonen — wie ihre drastische Einschüchterung, — 
wie z. B. durch Kastrations drohung wegen der infantilen 
Onanie, — führen zu pathologischen Formen der Verdrängung, 
verhindern die Sublimierungen und fördern die Sj'mptom- 
bildung. Das übermäßige Gewährenlassen macht die Sublim 
mierungen zunächst überflüssig, später erfordert es gewalt- 



Verwöhniing und Überstrenge hemmen die Sublimierungen 165 

saniere Formen der Verdrängung, da die infantile Sexualität 
aus Mangel an Realisierungsmöglichkeiten früher oder später 
doch aufgegeben werden muß. Wie paradox es auch im ersten 
Moment klingt, führen also sowohl die Verwöhnung, das über- 
mäßige Gewährenlassen wie die übermäßige Einschränkung 
regehiiäßig zu gewaltsameren Verdrängungsmechanismen, för- 
dern die pathologische Überstrenge des Über-Ichs, wenn auch 
die von ihnen verursachten Neurosenbilder recht verschieden 
ausfallen werden. Auch die drastischen Einschüchterungen 
hemmen die Subliniierungsmöglichkeit. Man würde vielleicht 
erwarten können, daß die durch die erzieherischen Einschüch- 
terungen eingeschränkten Sexualbestrebungen auf die Ersatz- 
bahnen der Sublimierungen gedrängt werden. Nichts dergleichen 
ist der Fall. Die Kastrationsangst greift — dem phobischen 
Mechanismus ähnhch — auf die Abkömmhnge der Sexualität, 
auf ihre sublimierten Formen über, und der einzige Ausweg 
der Triebentspannung bleibt die neurotische Symptombildung, 
bei der die hemmende Wirkung der Kastrationsangst durch 
Selbstbestrafungsmechanisraen — durch symbolische, spontan 
auf sich genommene Strafen, die als Ersatz für die gefürchtete 
Kastration dienen — ■ aufgehoben wird und so die Befriedigung 
in Symptomen möglich wird. ■ '■ .-. ■- ■■■. •■: 

Eine weitere Entdeckung Freuds führte zu einem noch 
tieferen Verständnis. Die Feststellung, daß der Ödipuskomplex 
den Kernkomplex aller Psj'choneurosen darstellt, bestätigte und 
ergänzte die prinzipielle Richtigkeit der ersten Eindrücke. Die 
Überwindung der Inzestbindung und des Vaterkonfliktes ist 
jene entwicldungsgeschichtUch jüngste Anpassungsanforderung 
an das Triebleben, an der der künftige Neurotische scheitert 
Die pathologische Form ihrer Bewältigung führt zu der kli- 
nischen Erscheinung, die wir als Überstrenge des Über-Ichs 



l66 Zusammenfassung der triebeinsdiränkcndcn Takloren 



beschrieben haben. Sie äußert sich erstens in der übermäßigen 
Einschränkung der realen Befriedigungen und zweitens in den 
ausführlich beschriebenen und an vielen Beispielen demon- 
strierten Selbstbestrafungssystenien, die die Beibehaltung 
der Ödipustendenzen, — und zwar sowohl der aggressiven 
wie der erotischen Tendenzen — und ihre Ersatzbefriedigung 
durch Symptome gestatten. 

Im Lichte dieser Ausführungen reduziert sich das ätiologische 
Problem auf die Untersuchung sämtlicher Einwirkungen, die 
zur übermäßigen Triebeinschränkung, zur Bildung eines über- 
strengen Über-Ichs führen. Da wir alle die uns bekannten 
Momente mit Ausnahme des konstitutionellen Faktors bereits 
eingehend besprochen haben, genügt eine systematische Zu- 
sammenfassung. 

T) Als vorbereitende Momente einer späteren pathologischen 
Über-Ich-Bildung können wir alle jene Einflüsse auf die prä- 
genitale Triebentwicklung in den allerersten Lebensjahren 
bezeichnen, die Freud in seiner ätiologischen Gleichung als 
dispositionellen Faktor zusammenfaßt. Am besten bekannt 
sind uns jene biologischen Triebeinschränkungen, die die früh- 
infantile orale und anale Erotik betreffen, und die je nach der 
Unterstützung, die sie durch eine unpsychologische Kinder- 
pflege erfahren, mehr oder weniger traumatisch wirken können. 
So finden wir häufig die dispositionelle Grundlage eines 
späteren überstrengen Über-Ichs in den während der Reinlich- 
keitsgewöhnung erworbenen regulativen Innervationen der 
exkrementeilen Funktionen, die Ferenczi überaus bezeichnend 
Sphinktermoral genannt hat. Diese Sphinktermoral des 
kleinen Kindes zeigt in der Tat häufig eine so weitgehende 
Übereinstimmung mit der Moral des zwangsneurotischen Über- 
Ichs, daß der genetische Zusammenhang offenbar wird. So wie 



> 



n 



i 



I 



Au<h Verwöhnung führt zu übermäßigen Triehhcmmungea I67 

bei dem Kind oft die erduldeten Strafen nicht zur Hemmung, 
sondern mit der Verstärkung der masochistischen Komponente 
zur Übertretung der Reinlichkeitsanforderungen führen, dienen 
die späteren Selbststrafen des Zwangsneurotischen als Freibrief für 
die Befriedigung des Verbotenen und gleichzeitig zur feminin- 
masochistischen Befriedigung. 

IJ) Die chronologisch nächste Gruppe der Triebeinschrän- 
kungen fällt in die L a t e n z p e r i o d e. Diese haben noch 
immer eine phylogenetische Unterlage, aber die äußeren Ein- 
wirkungen durch die Erziehung erhalten in dieser Zeit eine 
noch größere Bedeutung. Diese Einschränkungen wirken schon 
auf solche infantile Sexualstrebungen, die bereits die phallische 
Phase erreicht haben. Sie bestimmen den Verlauf der Latenz- 
periode. Die Überwindung des Ödipuskomplexes durch die 
Bildung des Über-Ichs ist das Ergebnis dieser Entwicklungs- 
periode. Die beiden Haupttypen der pathogenen Erziehungs- 
methoden, die Überstrenge und die Verwöhnung, haben wir 
eben besprochen. In dem bahnbrechenden Werke von Aich- 
horn „Verwahrloste Jugend" fanden diese beiden patliogenen 
Erziehungsmethoden zuerst eine systematische Würdigung. 

An diesem Punkte angelangt, möchten wir die bereits kurz 
gestreifte Tatsache, daß die beiden entgegengesetzten Formen 
der falschen Erziehung zur Bildung eines überstrengen Über- 
Ichs zu führen pflegen, wegen ihrer großen ätiologischen Wichtig- 
keit eingehender beleuchten. Nicht nur der überstrenge Vater 
disponiert zu übermäßigen Triebeinschränkungen, sondern auch 
ein übermäßig weicher und nachsichtiger. Die aus dem Ödipus- 
komplex stammenden Haßtendenzen führen, wenn der Vater 
übergut ist, zu noch lebhafteren Schuldgefühlen, als wenn die 
Strenge des Vaters eine Rationalisierung der Haßtendenzen 
erlaubt und diese berechtigt erscheinen jäÖt. Die lebhaften 



\ 



4 



l68 Bildung von ^berstrengem Übcr-Idi bei milder Erziehung 

Schuldgefühle verursachen ein starkes Strafbedürfnis, dessen 
übermäßige Befriedigung eine Erleichterung des schlechten Ge- 
wissens gegenüber dem überguten Vater verschafft. Zu diesem 
Zwecke, um von den Gewissensbissen befreit zu werden, wird 
die fehlende äußere Strenge des Vaters durch die innere Über- 
strenge des Über-Ichs ersetzt. Eine früh einsetzende drastische 
Reinlichkeitsdressur im Säuglingsalter und später die Ver- 
wöhnung seitens eines überweichen Vaters scheinen für die ^^ 
Bildung der Zwangsneurose des Mannes geradezu bestimmend ^^ 
zu sein, wenn auch andere Kombinationen von Faktoren zum 
nämlichen Kranldieitsbild führen können. Die Strafen der 
Reinhchkeitsgewöhnung führen zur Entstehung der ersten 
primitiven Schuldgefühle. Bald lernt das Kind aber — wie 
früher bereits ausgeführt wurde — die Strafen der Erzieher 
zur Aufhebung der Schuldgefühle zu verwerten und aus ihnen 
eine masochistische Lust zu gewinnen. So gelingt es dem Kind i 

zum ersten Male, durch das Erdulden von Strafen nicht ^ 

nur von Angst und Schuldgefühlen befreit zu werden, sondern 
auch Lust zu gewinnen. Diese Form der Erledigung des Schuld- 
konfliktes bleibt dann vorbildlich und wird auch zur Lösung 
des Vaterkonfhktes verwendet. Indem aber der gütige, weiche 
Vater das Straf bedürfnis nicht befriedigt, muß die fehlende 
Strenge des Vaters autoplastisch durch die Bildung eines 
überstrengen Über-Ichs ersetzt werden. Das an die strenge 
Reinlichkeitsdressur, an die strenge Sphinktermoral angepaßte >' 

Seelenleben des Kindes steht bei der Lösung des Ödipus- ,,. 

komplexes dem gütigen Verhalten des Vaters ratlos gegenüber. 
Da seine; ersten Angst- und Schuldgefühle durch Strafen be- 
schwichtigt wurden, kennt es nur diese Form der Entlastung. / 
Wenn die Realität nun in diesem Punkte später nicht ent- |* 
gegenkommt,' ersetzt es die \'ermißte Strenge durch die ^ 



Wirkung des späteren Lebenssdiidcsals 169 



Aufstellung eines gi-ausaraen Über-Ichs. So wird in der Tat 
die Sphinktermoral vorbildlich für alle seine späteren moralischen 
Hemmungen. 

Wenn auch ein abschließendes Urteil über die relative 
Wirksamkeit der verschiedenen pathogenen Faktoren heute 
noch nicht möglich ist, so scheinen doch die erzieherischen 
und akzidentellen Eindrücke der Latenzperiode in der Ver- 
ursachung von Neurosen die quantitativ größte Rolle zu spielen. 

Diese systematische Übersicht der traumatischen Triebein- 
schrünkungen verlangt nach zwei Richtungen eine Vervoll- 
ständigung. Wir sollten einerseits noch die allerfrühesten Ein- 
wirkungen wälirend des Fötallebens und der Geburt und 
außerdem die Konstitution berücksichtigen. Die Vervoll- 
ständigung unserer Übersicht in der anderen Richtung betrifft 
das spätere Schicksal des Menschen nach der Pubertätszeit. 
Wenden wir uns zunächst dem letzteren Problem, von dem 
wir mehr wissen, zu. ; . 

III) Hat sich in dem Kinde bereits durch die Bildung eines 
überstrengen Über-Ichs eine größere Verdrängungsbereitschaft 
ausgebildet, so bietet das spätere Leben eine reiche Quelle zur 
Verschärfung des Konfhktes zwischen Triebansprüchen und 
Abwehrkräften. Die durch die übermäßige Triebeinschränkung 
bedingte Minderwertigkeit im Lebenskämpfe führt zu einer 
Verschärfung der aggressiven Einstellung gegenüber den Kon- 
kurrenten, züchtet immer wieder Neuauflagen des Vater- 
konfhktes und wird so die Quelle immer neuer Strafbedürf- 
nisse. Die Befriedigung der letzteren gestattet immer neue 
Regressionen zu den vom Über-Ich verurteilten Tendenzen. Einem 
inkonipensierten Herzfehler ahnlich nimmt die Neurosenbildung 
eine immer weitere Ausbreitung. Die durch die eingeschränkte * 
Aktivität zwangsmäßig bedingten Mißerfolge und Versagungen 



170 Die frühzeitigsten Triebbeeinträditigungen 

helfen die Realität zu entwerten, führen zur regressiven Wieder- 
besetzung der infantilen Triebbefriedigungsineclianismen, die 
der Erwachsene aber nunmehr nur autoplastisch in Form von 
Symptomen realisieren kann. 

Wie weit überaus harte Schicksalswendungen im späteren 
Leben, die mit Einschränkungen der normalen Triebbefriedigungen 
einhergehen, selbst beim bis dahin gesunden Menschen neurotische 
Erkrankungen verursachen können, wie weit sie auch ohne eine 
neurotische Vorgeschichte ganz allein zum Ausbruch einer 
Neurose führen können, ist eine schwer zu entscheidende Frage. 
Auch hier wie auf der ganzen Linie der Neurosenätiologie gilt 
der Satz von Freud, daß Konstitution, Disposition und 
spätere pathogene Eindrücke eine Ergänzungsreihe bilden: je 
größer der eine dieser Faktoren ist, um so kleiner braucheij,.. 
die an deren zu sein, um eine Neurose auszulösen.,^ 

JV) Ob der anormale Verlauf der Geburt und des Fötal- 
lebens eine sehr frühzeitige Disposition zu späteren übermäßigen 
Triebeinschränkungen bedingt, ist eine empirisch völlig 
unaufgeklärte Frage. Die an Psychotischen gemachten 
analytischen Beobachtungen von Tausk und Nunberg, 
ferner meine Analyse der künstlichen schizophrenen Zustände 
in den Endstadien der buddhistischen Versenkungsübungen 
scheinen darauf hinzuweisen, daß eine frühzeitige Weigerung 
des Neugeborenen gegenüber dem Extrauterinleben eine 
übermäßig starke Regressionstendenz zum Intrauterinzustand 
bedingen kann, die die Grundlage späterer Psychosen bilden 
könnte. Der völligen Ablehnung jeder Objektbeziehung bei 
manchen Psychotischen, vornehmlich in den Endstadien der 
schizophrenen Demenz, entspricht tatsächlich nur der Zustand 
in der frühesten Entwicklungsphase. Das völlige Sichabschließen 
von der Außenwelt, das völlig passive Benehmen dieser 



I 



r 



Die Ätiologie der Kriminalität 17I 

Kranken, das so weit geht, daß selbst die spontane Nahrungs- 
aufnahme verweigert wird, macht tatsächlich den Eindruck, als 
ob sie die Abgeschlossenheit und Passivität des Intrauterin- 
daseins wieder herstellen würden. Welche Momente für eine 
solche übermäßige Weigerung gegen das Extrauterinleben ver- 
antwortlich zu machen sind (Frühgeburt? — oder nur konsti- 
tutionelle Momente?), kann aus Mangel an empirischen Kennt- 
nissen nicht beantwortet werden. Daß auch bei Vorhandensein 
solcher frühzeitiger traumatischer Momente oder konstitu- 
tioneller Faktoren der mehr oder weniger günstige Verlauf der 
späteren Entwicklung entscheidend sein wird, folgt als Selbst- 
verständlichkeit aus der ätiologischen Gleichung von Freud. 

Die noch völlig unbekannten konstitutionellen Faktoren fallen 
aus dem Rahmen einer psychoanalytischen Untersuchung. 

Eine interessante und wichtige Ergänzung der ätiologischen 
Untersuchungen bietet das Studium der Kriminellen. Es ist 
offenbar, daß bei den letzteren die Trieb ei nschränkungen nicht 
nur schwächer als bei den Neurotischen, sondern sogar 
schwächer als bei den Normalen sind. Natürlich sind Trieb- 
hemmungen auch bei dem Verbrecher vorhanden — das Ur- 
verbrechen ist ja ein äußerst seltenes Vorkommnis, die meisten 
Verbrechen sind nur Ersatzhandlungen für das letztere. Den 
Übergang zu den Neurotischen bilden jene neurotischen Ver- 
brechertypen, bei denen das StrafbedCüfnis und kriminelle 
Tendenzen nebeneinander wirken. Bei dem Verbrecher aus 
Schuldgefühl bildet sogar das Straf bedürfnis das Motiv der 
kriminellen Handlung. Es ist jedenfalls noch ein fast unauf- 
geklärtes Problem, — der erste Klärungsversuch stammt von 
Aichhorn, — welche konstitutionellen Faktoren und welche 
späteren, in erster Linie erzieherischen Einwirkungen die 
kriminelle Charakterbildung im Gegensatz zu der neuro- 



172 Alle Triebeintidirünkungea können traumatisdi wirken 

tischen bedingen. Doch mehr als ein kurzer Hinweis auf 
dieses aufschlußreiche Gebiet würde über den Rahmen unserer 
Untersuchung hinausgehen. 

Das Ergebnis unserer ätiologischen Überlegungen läßt sich 
mit kurzen Worten zusammenfassen. Alle Triebeinschränkungen, 
sowohl die durch den zwangsmäßigen Verlauf der Entwicklung 
erforderten biologischen wie auch die späteren sozialen, 
können traumatisch wirken, d. h. den seehschen Apparat in 
einen Zustand der Hilflosigkeit gegenüber den eigenen Trieb- 
ansprüchen bringen. Die Folge solcher traumatischen Situa- 
tionen ist die gesteigerte Triebabwehr und das regressive 
Wiederaufsuchen früherer Triebbewältigungsnxechanismen. Der 
für den heutigen Menschen typische Punkt des Scheiterns ist 
das Aufgeben der Inzestbindung. Die traumatische Wirkung 
dieser Anforderung kommt in der Überstrenge des Über-Ichs 
zum Ausdruck. Die früheren traumatischen Erlebnisse bei der 
Überwindung der prägenitalen Strebungen haben eine vor- 
bereitende RoUe, sie schaffen eine Disposition zum Mißlingen 
der Überwindung des Ödipuskomplexes. In seinem letzten 
Werke wies Freud auf zwei spezifische für die Trieb- 
entwicklung des Menschen typische Umstände hin, die — man 
könnte sagen — eine besondere Angriffsfläche für traumatische 
Einwirkungen abgeben, auf zwei Achillesfersen der mensch- 
hchen Entwicklung. Die erste Angriffsfläche bietet die „lang 
hingezogene Hilflosigkeit und Abhängigkeit des kleinen 
Menschenkindes", das unfertiger als die meisten Tiere in die 
Welt geschickt wird. Seine intrauterine Existenz ist relativ 
abgekürzt. Eine richtige Säuglingsfürsorge müßte hier das 
fehlende Stück Entwicklung im Mutterleib ersetzen. Es stellt 
sich heraus, daß der Mensch diese Aufgabe viel unvollständiger 
löst als die Natur. Die Bekämpfung der dispositionellen Fak- 



Die zwei Angriffsflädien für traumatisdie Einflüsse 173 



toren ist also das Problem, das die Säuglingspflege der 
Zukunft zu lösen hat. Die Weisheit der Natur wird nur das 
Wissen ersetzen können; die genaue Kenntnis der Gesetze 
der Trieb ent Wicklung, Auch auf diesem Gebiet war der Instinkt 
der Wissenschaft vorausgeeilt und schuf mit dem Wickel, mit 
der Wiege, die das Ballotieren im Fruchtwasser nachahmen 
soU, einen künsdichen Ersatz für den zu früh verlassenen 
Mutterleib. Eine richtige Dosierung vom Gewährenlassen 
und Einschränken wird das Grundprinzip der künftigen 
wissenschaftlichen Säuglingspflege werden. 

Die zweite Angriffsfläche für traumatische Wirkungen bietet 
die bereits eingehend besprochene Latenzperiode. Diese phylo- 
genetisch bedingte große Periode der Trieb ei nschränkungen 
bietet der Erziehung, die fördernd mithelfen sollte, viele 
pathologische Einflußmöglichkeiten. 

Den dritten Faktor für die Neurosenbildung sieht Freud 
in der Differenziemng des seelischen Apparates in ein Ich und 
ein Es. Die Folge dieser Differenzierung ist, daß das der 
Realität angepaßte Ich die nicht angepaßten Bestrebungen des 
Es als innere Gefahren wertet, da ihre reale Befriedigung zu 
Unlust führen würde. Es hilft sich gegen diese innere Gefahr 
mit Triebeinschränkungen, deren patliologische Folge die 
Ersatz befriedigung durch Sj'mptombildung ist. Die eingehende 
dynamische und strukturelle Beschreibung jener Vorgänge, die 
aus dieser Differenzierung des Seelenapparates folgen, war die 
Aufgabe dieser Vortragsreihe. Dabei kamen wir zu der Ein- 
sicht, daß die neurotische Reaktion auf die von der Realität 
erforderten Triebeinschränkungen durch ein quantitatives 
Moment bedingt ist, durch die übermäßige Einschränkung. 
Den konstitutionellen- Faktor haben wir allerdings wegisn unserer 
Unkenntnis vernachlässigen müssen. Es ist aber nur selbst- 



174 Verzidit auf reale Befriedigung — Zeichen der „Sdiwädie" 



verständlich, daß der Begriff „übermäßig" ein relativer ist^ daß 
auf konstitutionell geschwächte Triebe normale Anforderungen, 
normale Einschränkungen eine übermäßige, eine trauma- 
tische Wirkung haben. 

Als letztes Ergebnis bleibt uns die Feststellung, daß der 
Neurotische dem Widerstand, den die Realität in der Form 
der Anforderungen des Über-Ichs seinen Triebansprüchen ent- 
gegenstellt, in einem höheren Maße nachgibt, den Kampf mit 
der Realität schneller aufgibt, als der Normale, mag dieses 
sein Nachgeben durch angeborene Schwäche seines Trieblebens 
oder durch später erlittene traumatische Einschüchterungen 
bedingt sein. Als kärglicher Ersatz für die aufgegeben realen 
Befriedigungen bleibt ihm das neurotische Symptom, und es 
ist nicht zu verwundern, wenn er jene Periode seines Daseins 
in diesen phantastischen irrealen Befriedigungen wieder her- 
stellt, in der er sich am glücklichsten gefühlt hat. Je früher 
die Verneinung der Weiterentwicklung geschieht, um so tiefer 
wird die neurotische Regression sein. 

Wir können das ätiologische Problem nicht verlassen, ohne 
das bereits öfter angeschnittene Gebiet der Subliinierungen 
noch einmal kurz zu berücksichtigen. Wir sagten früher, daß 
ohne die Kenntnis der Bedingungen des Sublimierungs Vorganges 
das Problem der Symptombildung nicht restlos verständlich 
werden kann. Die beiden sind ja Parallelerscheinungen, die 
Folgen der Triebeinschränkungen. Wir müßten angeben können, 
unter welchen Bedingungen die eine und unter welchen die andere 
Erscheinung entsteht. So drängt sich am Schlüsse dieser Aus- 
führungen ein Problem auf, das bisher von der Psychoanalyse 
stiefmütterlich behandelt wurde: das Problem der Gesundheit. 
Wir wissen ja, daß alle unsere Handlungen im Grunde 
Äußerungen, wenn auch modifizierte Äußerungen des Es sind, 



Das Problem der Gesundheit 175 



daß unsere Sublimierungen aus dem Ödipuskomplex stammen, 
und daß die verdrängende Instanz — wie ausgeführt — über 
diesen Punkt nicht zu täuschen ist. Sie erkennt die am besten 
verkleidete Schmuggelware und verlangt Zoll dafür. Wieso 
kommt es, daß die Sublimierungen und die sogenannten 
normalen Handlungen keine Schuldgefühle erregen, daß man 
für diese nicht mit Leiden bezahlen muß? Oder die Frage aus dem 
Gesichtspunkte der Therapie formuliert; Wie ist die Änderung 
im Triebleben, die wir — oder besser gesagt: das Gewissen 
des Patienten — von ihm verlangen? Wie soll das Triebleben 
gestaltet sein, um keine Schuldgefühle zu erregen? Es ist klar, 
daß diese Frage eigentlich nichts anderes als die Psychologie 
der Moral bedeutet. Darüber hat Freud bereits das Wesent- 
Hche gesagt, und zwar, daß der Inhalt der Neurosen mit der 
Änderung der moralischen Begriffe der Gesellschaft sich eben- 
falls ändei-n wird. Inhalthch ist also nicht viel darüber zu sagen. 
Ihrem Inhalt nach ist die ichgerechte Änderung des Trieb- 
lebens von den Vorurteilen und Überzeugungen, kurz von der 
jeweiligen Organisationsstufe der Gesellschaft abhängig und 
geht als nicht eigentlich psychologisches Problem den Thera- 
peuten nichts an. Die Frage der Sublimierungen läßt sich aber 
ohne Berücksichtigung dieser Inhalte nicht klären. Ich möchte 
versuchen, dieses Problem zwar nicht zu lösen, doch wenigstens 
zu beleuchten. 

Für das unsublimierte Triebleben ist die Antwort leicht und 
uns allen gut bekannt. Wir sehen immer wieder, daß die 
Erreichung der genitalen Stufe, die positiv-erotische Beziehung 
zu den Objekten, und zwar zu exogamen Objekten, die 
Lösung der Schuldgefühle und die Zustimmung der tiefsten 
unbewußten Schichten des Gewissens bedeutet. Nicht so 
einfach läßt sich die Frage auf dem Gebiete der sozialen 



17Ö Die soziale Wirkung hebt die Sdiuldßefüble auf 



Beziehungen, der Sublimierungen, beantworten. Der Anregung 
von Freud folgend, hat Sachs mit einem sehr wert- ; 

vollen Gedankengang das Problem für die Dichtkunst zu 
lösen versucht. Nach seiner Auffassung ist es das soziale 
Moment, das Dichtkunst und Phantasieren voneinander unter- 
scheidet, und gerade dieses soziale Moment, die Mitteilung, das 
Überschreiten der Persönlichkeitsgrenze, ist es, das die 
Schuldgefühle aufhebt; die Tatsaclie der Wirkung auf andere 
im positiven Sinne. Ich glaube, daß dieser Gedanke eine viel , 

allgemeinere Gültigkeit hat, sich nicht nur auf die Dichtkunst 
beschränkt, sondern für jede kulturelle Leistung gilt, für jede | 

Sublimierung, die eine soziale Beziehung hat. Ich erblicke in ; 

der sozialen Wirksamkeit den Abkömmling der GenitaUtät, ich 
sehe in ihr das erotische Moment im Sinne Freuds, das | 

Erosprinzip, das die Einzelwesen in größere Einheiten, die k 

Menschen zur Gesellschaft vereint. Wenn Rank von einem * 

biologischen Schuldgefühl spricht, das die Ansprüche der 
Gattung vertritt, so würde ich dem sozialen Gewissen, das wir 
psychologisch leichter erfassen können, die Aufgabe zusprechen, 
dafi es über das soziale VerhaUen, über die subhmierten Trieb- 
kräfte wacht, indem es den erotischen Beziehungen zustimmt 
und auf die destruktiven mit Schuldgefühlen reagiert. In dem 
Sinne, wie Abraham vom genitalen Charakter spricht, 
können wir auch in dem sozialen Verhalten von einer genitalen 
Stufe sprechen. Und wir sehen tatsächlich bei den Produktions- 
hemmungen der Künstler, wie das Interesse, das dem Werk 
gelten sollte, durch andere, mehr narzißtisch gefärbte Regungen, 
wieKonkurrenzeinstellung, Prestigefragen, technische Grübeleien, 
Minderwertikeitsgefühle ersetzt wird, wie die genitale Färbung 
der Produktion durch den Symptomkoraplex des Vaterkonfliktes 
verdunkelt wird. Die sozialeLeistung bring t dieSchuldgefühlezam 



Das Urgesetz des Gewissens 177 



Schweigen und sie hat bei dem Gesunden eine ähnliche 
Ölionomische Rolle, wie das Leiden bei den neurotisch Erkrankten. 
Der Neurotische zahlt aber mit einer Münze von narzißtischem 
Wert, mit dem Leiden, aus dem er masochistische Lust ziehen 
kann, während die sozial gerichtete Tat eine aktive Leistung 
ist, die den anderen zugute kommt. Das neugeschaffene Werk, 
auf welchem Gebiet es auch geleistet wird, stellt das neue 
Leben dar, die Schöpfung des Eros, wofür sogar das Urver- 
brechen vergeben wird. Ich muß an das Tannhäuser-Motiv 
denken, das in einer afrikanischen Novelle der F r o b e n i u s'schen 
Sammlung in seinem ursprünglichen Sinn wiederkehrt. Dem 
Mörder, der den Inzest begangen hat, vergibt der Richter unter 
der Bedingung, daß der verdorrte Ast, mit dem er gemordet 
hat, — das Symbol des vom Eros ganz entkleideten Destruktions- 
triebes, - wieder neue Zweige tieibt. In diesem Richterspruch 
ist das Urgesetz des menschhchen Gewissens enthalten; daß 
ausgelöschtes Leben nur durch neues Leben gesühnt werden 
kann. Und diesem Gesetz entsprechend folgt der Erostrieb 
dem Destruktionstrieb, der nach Freud sein Wegweiser ist, 
um sich mit ihm zu mischen und seine Zerstörungen 
w^ieder gutzumachen. 



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% 



ZWEITER TEIL 

Die Triebgrundlagen der Neurosen 
und der Perversionen 



E^ 



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^ 



SIEBENTE VORLESUNG 
Triebmisdiungen — Ein Fall von masochistisdiem 

Transvestitismus 

"1 ^eine Damen und Herren ! Bei der Aufklärung der Struktur- 
-'■*■'■ Verhältnisse der Neurosen genügte es zur ersten An- 
näherung, wenn wir die aus den einzelnen Seelenbestandteiien aus- 
gehenden Kräfte nur in ihren dynamischen Wirkungen untersucht 
haben. Wir konnten zunächst ihre Qualität und Herkunft unberück- 
sichtigt lassen. Wir betrachteten die zentrifugalen Entspannungs- 
tendenzen der Triebe und den zentripetalen Druck der ver- 
drängenden Kräfte — oder um den von Freud in der letzten 
Zeit bevorzugten allgemeineren Ausdruck zu benützen — der 
Abwehrkräfte. Wir versuchten die Beziehungen zwischen diesen 
beiden antagonistischen Kraftrichtungen zu formulieren. Als 
Wegweiser diente uns immer die Vorstellung von Freud über 
den Aufbau des seelischen Apparates. Mit Hilfe dieser Vor- 
stellungen gelang es, eine mit unseren Kenntnissen vereinbare 
und allgemeingültige Formulierung der neurotischen Störungen 
in den Beziehungen zwischen den verdrängten und verdrän- 
genden Kräften zu finden. Als Ausgangspunkt diente uns dabei 
die alte befestigte Erkenntnis, daß das neurotische Symptom 
eine verhüllte, autoplastische Triebbefriedigung ist, die 
Wiederkehr des Verdrängten, und wir fragten, wieso dieseWieder- 
kehr möglich wurde, warum die Verdrängungsleistung mißlungen 



182 



Die Theorie der Symptomblltlung 



ist. Die bisherige Antwort, daß durch die Verhüllung des Sinnes der 
verdrängten Tendenz die Zensur hintergangen und deshalb die 
Triebabfuhr möglich wird, ist mit unseren heutigen Erkenntnissen 
nicht mehr restlos vereinbar. Die Verhüllung des Sinnes kann nur 
als einer der Faktoren der Symptombildung angesehen werden. 
Die Tatsache des unbewußten Strafbedürfnisses zwingt uns zur 
Annahme einer nach moralischen Rücksichten zensurierenden 
Instanz, die selbst unbewußt ist und die mit der Verhüllung der ver- 
pönten Tendenz nicht betrogen werden kann. Sie reagiert ja auch 
auf Tendenzen, die verkleidet im Bewußtsein erscheinen. Sie ist 
ein Organ der inneren Wahrnehmung und hat eine direkte 
Fühlung mit dem Triebleben. Da diese zensurierende Instanz 
selbst die verhüllten Tendenzen verurteilt, muß nach einer 
anderen Bedingung gesucht werden, die es doch ermöglicht, 
daß Tendenzen mit ichfremdem Inhalt zur Symptombildung, 
zur Abfuhr gelangen können. Ich fand dieses Moment als ein 
ökonomisches in der Abschwächung der verdrängen- 
den Tendenzen und in der gleichzeitigen Steigerung 
der expansiven Spannung im Es. Sie wissen schon, daß 
die Abschwächung der Wirksamkeit der verdrängenden Kräfte 
durch die Selbstbestrafungsmechanismen entsteht. Die ver- 
neinende Gegenbesetzung des Über-Ichs verpufft in der Strafe 
und gleichzeitig fällt mit dem Erdulden der Strafe das Motiv 
der Verdrängung, die Angst des Ichs vor dem Über-Ich — die 
Gewissensangst — weg. Die Steigerung der Triebspannung im 
Es ist die Folge der übermoralischen Strenge des Über-Ichs, 
seiner übermäßigen Anforderung zu Triebeinschränkungen. 
Kurz: der Durchbruch der verpönten Tendenzen in der Form 
von Symptomen ist die Folge der Überstrenge des Über- 
Ichs und des neurotischen Strafsystems. Wir sahen, 
daß im Gegensatz zu den neurotischen Triebentspannungen 



1 



^jjuA^^-t 



Zusammenfassung der Neurosen-Dynamik 183 

bei den Sublimierungen die ursprünglichen Triebe im sozialen 
Sinne modifiziert und so überich-gerecht werden. Die moralische 
Gegenbesetzung des Über-Ichs führt bei den Normalen zur 
Modifizierung des Triebes — zu seiner Domestizierung — bei 
den Neurosen verpufft sie in Strafen. Die Befriedigung der 
Straf tendenzen führt zur Schwächung der „moralischen 
Spannung". Wir müssen das Strafbedürfnis — die moraUsche 
Tendenz — als eine ebensolche dynamisch wirkende Spannung 
ansehen wie die Triebspannung, welche ebenso nach ihrer 
Befriedigung abnimmt, wie die Triebspannung nach der Trieb- 
befriedigung. 

Da ich diese Verhältnisse bereits durch Beispiele und ein- 
gehende Untersuchung der einzelnen Neurosenformen genügend 
beleuchtet habe, möchte ich nach dieser kurzen Zusammen- 
fassung der Neurosen-Dynamik gleich auf die in Aussicht 
gestellte Untersuchung der Triebqualitäten übergehen, die an 
dieser dynamischen Gleichung teilnehmen. Denken Sie aber, 
bitte, nicht, daß mit diesen allgemeinen Einsichten alle die 
dynamischen Probleme der Neurosenlehre erschöpft sind. Die 
spezifischen Verhältnisse bei den einzelnen Neurosen harren 
noch in vieler Hinsicht der Aufklärung. Noch weniger erforscht 
ist aber das Problem unserer folgenden Untersuchungen, näm- 
lich, die Verbindung der Triebtheorie mit der Strukturlehre. 
Unsere Aufgabe ist jetzt, die verdrängenden und verdrängten 
Kräfte nach ihrer Qualität zu untersuchen. 

Wir wollen mit der Feststellung von Freud beginnen, nach 
der die Tendenzen des neurotischen Über-Ichs sadistisch sind. 
Die sadistische Färbung der Moral ist besonders in ihren 
verzerrten, übertriebenen Formen, z. B. in der Askese, 
augenfällig. Man würde sich also leicht zu der Annahme 
verleiten lassen, daß die triebhemmende Besetzung eine 



l84 Die gadistisdie K.oini)oiienic der Moral 

sadistische sei. Freud leitet die Moral tatsächlich, wie Sie 
wissen — in seinem Aufsatz „Das ökonomische Problem des 
Masochismus" — von der nach außen gehemmten Aggression ab. 
Allerdings weist die moralische Triebhemmung diesen sadi- 
stischen Zug in der normalen Psyche weniger auf, während 
gewisse Grenzfälle von moralischem Masochismus, bei denen 
der Selbstmord einen häufigen Ausgang bildet, diese grausamen 
Züge geradezu in einer extremen Weise verraten. So scheint 
also die Grausamkeit, die sadistische Färbung der trieb- 
hemmenden Kräfte, eine Skala zu bilden : von einer schonenden 
Milde bei den Normalen bis zu der krassesten Selbstzerstorung 
mancher moralischer Masochisten. Eine besonders interessante 
Stelle in dieser Skala nimmt die masochistische Perversion 
ein, bei der — um das Resultat späterer Untersuchungen vor- 
weg zu nehmen — der Sadismus des Über-Ichs durch eine 
starke Ubidinöse Beimischung gebunden und dadurch relativ 
harmlos wird. Es liegt also die Annahme sehr nahe, — die 
geschilderten Abstufungen in der Strenge und Grausamkeit 
des Über-Ichs machen diese Annahme äußerst wahrscheinlich, — 
daß die triebhemmende Gegenbesetzung, die verdrängende 
Kraft selbst ein Mischungsergebnis ist, aus einer rein 
sadistischen (Destruktionstrieb) und aus einer rein erotischen 
Komponente bestehend. Diese Gegen besetzung, die von dem 
Über-Ich ausgeht, wird vom Ich als Verdrängung gegen das 
Triebleben weitergeleitet. Je nach der Quantität der erotischen 
Komponente in der Gegenbesetzung sehen wir die Übergänge 
von den extremen Fällen des moralischen Masochismus bis 
zur Normalität, die einer glücklich dosierten Mischung ent- 
spricht, ähnlich wie es auch verschiedene Formen der Er- 
ziehung gibt: eine milde auf Liebe und eine strenge auf 
Strafen beruhende. Unser bisheriges Ergebnis wäre demnach, 



Die moralisdie Hemm ungs kraft stammt von den beiden Grundtrieben 185 

daß alle die inneren triebheramenden Kräfte — also auch die 
verdrängenden Kräfte — Mischungsergebnisse der beiden 
Trieb quäl i täten, des Eros- und des Todestriebes, darstellen. 
Ein gar nicht unerwartetes Resultat, da wir bereits früher 
festgestellt haben, daß die triebhemmende Wirkung des 
Gewissens im Gegensatz zu den äußeren Hemmungen eine 
Selbsthemmung ist. Sie kann also nur durch die beiden vor- 
handenen Triebkräfte des seelischen Apparates unterhalten 
werden. 

Zur Untersuchung des Mechanismus der Triebmischungen 
wählen wir den extremen Fall der masochistischen Perversion, 
bei der der Sadismus des Über-Ichs nicht zu seiner ursprüng- 
lichen Aufgabe der Triebhemmung verwendet, sondern in die 
erotischen Beziehungen zum Objekt aufgenonmien wird und 
diesen Objektbeziehungen ihre masochistische Färbung verleiht. 
Durch die Beimischung eines Quantums des Destruktionstriebes, 
das vom Gewissen herstammt, erhält die Objektbeziehung ihre 
masochistische Verzerrung. 

Meine Damen und Herren! Diesmal versuche ich eine andere 
Form der Darstellung. Wir versuchten bis jetzt, die theore- 
tischen Vorstellungen vorausschickend, diese durch Anwendung 
auf Einzelfälle zu erläutern. Diesmal habe ich die theoretischen 
Vorstellungen nur gestreift, die Auffassung Freuds über die 
beiden Triebqualitäten als bekannt vorausgesetzt, sie aber 
systematisch noch nicht behandelt, und beginne gleich mit der 
Darstellung von einigen Einzeltatsachen der klinischen Beob- 
achtung. Aus diesen Beobachtungen werden wir zur systema- 
tischen Darstellung der Trieblehre vorschreiten und dann zu 
unserem eigentlichen Problem, zur Verbindung der Trieblehre 
mit der dynamisch-strukturellen Auffassung des Ichs und der 
Neurosen zurückkehren. 



l86 Ein Fall vom Transvestitismus 



I,- 



Ein vierzigjähriger Transvestit findet seine sexuelle Lust- 
befriedigung' dann, wenn er als Dienerin verkleidet einer strengen 
Herrin dienen kann. Doch im Gegensatz zu dem Helden von 
Sacher-Masoch, vor dem er in seinen phantastischen 
Liebesromanen kaum zurücksteht, verlangt er nicht Schläge, 
sondern vornehmlich analerotische Erniedrigungen. Die Herrin 
muß ihm in erster Linie das Sich- Waschen verbieten, bis seine 
Hände vor Schmutz ganz schwarz werden. Die Vorstellung 
von vor Schmutz schwarzen Händen ist ihm schon an sich 
besonders lustvoll und bildet den Kern der masochistischen 
Phantasien. Ganz besonders lustvoll wirkt auch, wenn die 
Herrin das Aufsuchen der Toilette verbietet und den Befehl 
gibt, die Exkremente solange wie möglich zurückzuhalten, um 
sie dann auf jeden beliebigen Ort fallen zu lassen, wenn das 
Bedtlrfnis nicht mehr aufschiebbar ist. 

Von einem sehr aufschlußreichen Erinnerungsmaterial von 
Jugenderlebnissen — das teils während der Analyse auftauchte, 
teils in die Analyse mitgebracht wurde — möchte ich nur die 
wichtigsten Erlebnisse mitteilen, die für die Ausbildung der 
Perversion eine ausschlaggebende Bedeutung gewonnen haben. 

Eine seiner frühesten Erinnerungen ist, wie eine sehr strenge 
Erzieherin ihn wegen einer Missetat in einen Kamin einsperrt. 
In seinem Gefängnis wird sein weißer Anzug schmutzig, und 
erinseinerohnmächtigen Wutbeschmiert seineHände, sein Gesicht 
und den weißen Anzug noch mehr mit Ruß und befindet sich, 
als er herausgelassen wird, in einem unglaublich schmierigen 
Zustand. Bald danach fängt ein lebhaftes Interesse für Kamin- 
feger an. Dieses Interesse steigert sich später zu einer aus- 
gesprochenen Liebe zu einem Kaminfegerburschen, den er 
öfters bittet, seine Kleidung ihm zu überlassen. Dann steigt er 
in den Kamin und kommt so schwarz zurück, daß selbst der 



r 



Jugenderinnerungcn I87 



Kaminfeger erklärt, es sei überflüssig, so schwarz zu werden. 
Mit sieben, acht Jahren beschmiert er sich öfters mit Kot 
und masturbiert in diesem Zustande. 

Sehr interessant ist eine andere viel spätere Erinnerung an 
sein erstes transvestitisches Verlangen. In dieser Zeit lebte in 
der elterlichen Wohnung eine Krankenschwester, die er und 
seine Geschwister besonders verehrt hatten. Sie trug eine 
schwarze Schwesterntracht. Er bat sie einmal, ihre Kleider 
anziehen zu dürfen, und geriet in die größte sexuelle Erregung 
bei dieser Vorstellung. Erst drei Jahre später führte er die 
erste Transvestition aus, als er die Kleider der Erzieherin 
anzog. Die Kleider der Mutter anzuziehen, verhinderte ihn 
ein mit Verlangen gemischter Abscheu. 

Eine etwas spätere Erinnerung aus den ersten Gymnasial- 
jahren ist ebenfalls von großer Wichtigkeit. In seinem Heimats- 
ort lebte ein Dorfjunge, ein Altersgenosse von ihm, der starke 
koprophile Tendenzen hatte und sich gerne auf dem Misthaufen 
herumwälzte. Seine Mutter verbat ihm den Verkehr mit diesem 
Jungen. Im Gymnasium erzählte er aber seinen Kameraden, 
daß er eine schlimme und strenge Mutter habe, die ihn oft 
damit bestrafe, daß er in dem Misthaufen begraben werde. 
Diese phantastische Lüge war gleichzeitig eine seiner Mastur- 
bationsphantasien, vielleicht die erste mit ausgesprochenem 
masochistischem Inhalt. Während der Analyse erinnerte er sich 
an eine noch frühere masochis tische Erregung, die entstand, 
als die Erzieherin der Mutter erklärte, daß man nur „einmal 
das Rückgrat eines trotzigen Kindes brechen müsse, um es 
für immer gefügig zu machen". 

Der Zusammenhang zwischen diesen Erinnerungen und Erleb- 
nissen ist im großen und ganzen bereits erkennbar, doch die 
Rekonstruktion der affektiven Verbindungen wird erst dann 



188 Die Wirkung der Todesnadiridit 



möglich, wenn ich das wichtigste Ereignis seiner frühesten 
Jugend erwähne. Sein Vater starb, a]s er acht Jahre alt war, ^ 

durch einen Unfall. Er kann sich noch gut an den Gewissens- 
konflikt erinnern, den die Todesnachricht in ihm ausgelöst hat. ', 
Seine Traurigkeit wurde von Gedanken gestört, wie: „Es ist doch i 
gut, daß er gestorben ist" und durch ähnliche. Darauf folgten 
Gewissensbisse und Verzweiflungsausbrüche. Nach dem Tode 
des Vaters folgte die traurige Periode einer stark religiösen, 
strengen, ja asketischen Erziehung, die die Mutter und die 
Erzieherin mit der größten Konsequenz durchsetzten. 

Die Krankengeschichte und das Traumleben dieses Patienten 
sind die aufschlußreichsten, die ich kenne. Sie sind wohl ge- 
eignet, zur Genese des Masochismus manche wichtige Auf- 
schlüsse und Ergänzungen beizutragen. Wir wollen sie jedoch 
heute nur für das uns interessierende Problem der Trieb- 
mischungen verwerten. 

Es ist nicht schwer, aus den bereits bekannten Daten die 
Entstehung der ersten bewußten masoch istischen Masturbations- 
phantasien — „die Mutter steckt ihn als Strafe in den Mist- 
haufen" — zu rekonstruieren. Die Phantasie selbst ist analytisch 
leicht deutbar. Sie ist eine Mutterleibsphantasie, die aber den 
inzestuösen Koitus bedeutet. Diese Koitusphantasie hat eine deut- 
lich masochistische (Strafe) und gleichzeitig analerotische 
Färbung (Misthaufen). Lehrreicher noch und interessanter ist 
aber ihre Entstehungsgeschichte. 

Die real erlebte Strafe, als die Erzieherin ihn in den Kamin 
sperrte, enthielt zwar ohne bewußte Absicht der Erzieherin als 
wichtigstes Merkmal die Beschmutzung. Die Beschmutzung war 
hier ein zufälliges Nebenprodukt der aus moralischen Motiven 
verhängten Gefängnisstrafe, sie bedeutete aber die Befriedigung 
der alten, frühinfantil verbotenen und dann verdrängten anal- 



Die Strafe wird erotisiert iSp 

erotischen koprophilen Tendenzen. Dadurch, daß die Be- 
schmutzung- diesmal zur Strafe gehörte, durch die Mitwirkung 
der Erzieherin erfolgte, war die Möglichkeit für den Durch- 
bruch der verdrängten analen Tendenzen gegeben. Die Er- 
zieherin führte die Anforderung zur Reinlichkeit durch ihre 
grausame Strafe ad absurdum. Er regredierte in seiner ohn- 
mächtigen Wut auf diese bereits verlassene Stufe, auf der das 
Sich-Beschmieren noch lustvoll war. Nichts stand dieser Re- 
gression mehr im Wege, weil die Beschmutzung zur Strafe 
■ gehörte und die Strafe doch den Standpunkt der Moral vertritt. 
Wir können die Gedankenkette im Unbewußten des Knaben 
etwa in folgender Weise darstellen. „Du sperrst mich in einen 
Kamin, wo ich ganz schmutzig werde, aber sonst schimpfst 
du auf mich, wenn ich mich schmutzig mache! Was für eine 
Konsequenz ist das? Wenn es mir paßt, darf ich mich nicht 
schmutzig machen, wenn es aber dir paßt, dann kann ich 
schmutzig werden! Dann pfeife ich auf deine Reinlichkeits- 
predigten und beschmiere mich nach Herzenslust!" So wurde 
durch die Überstrenge und Grausamkeit der Erzieherin die 
Beschmutzung gleichzeitig zur Strafe, aber sie behält dabei 
ihren analerotischen Lustcharakter. Und so wurde die Strafe 
zumerstenMaleerotisiert. 

Es entstand das paradoxe Bild, daß etwas zum Inhalt einer 
Strafe wurde, was einmal selbst verboten und strafbar war: 
das Sich-Beschmieren. Die Strafe erlaubte also eine unein- 
geschränkte Zurückeroberung der mit der Reinlichkeitsdressur 
aufgegebenen analerotischen Freiheiten. Wir sehen hier 
denselben Mechanismus in seiner realen Entstehung, den wir 
bei den Neurotischen so häufig beobachtet haben, daß die 
Überstrenge des Über-lchs gerade die Befriedigung des Ver- 
botenen begünstigt. Das Geheimbündnis zwischen Über-Ich 



190 Die Strafe als Maske für Lustbefriedigiingen 

und Es entsteht immer auf einer ähnlichen Grundlage. In 
unserem Falle wird die Befriedigung dadurch, daß eine ver- 
botene Lustquelle — das Sich-Beschmieren — dem Ich als 
Strafe präsentiert wird, nicht nur bewußtseinsfähig, sondern 
sogar realisierbar. 

Wir sehen in den späteren niasochistischen Praktiken des 
Patienten, daß die Strafen der strengen Herrin gleichzeitig die 
Befriedigung von lauter infantilen koprophilen Tendenzen be- 
deuten : wie Hände schmutzig machen, Kot zurückhalten, ihn 
dort fallen lassen, wo man will usw. Man bekommt also den 
berechtigten Verdacht, als ob die ganze Strafkomödie nur eine 
äußere unaufrichtige Maske wäre, um die koprophilen, ver- 
botenen Tendenzen befriedigen zu können. In ähnlicher Weise 
bedeutet die phantasierte Strafe der Mutter „in den Misthaufen 
stecken" eine ursprüngliche Wunschbefriedigung, und zwar 
den analerotisch gefärbten Inzest. 

Diese in der frühesten Jugend erlernte Erotisierung der 
Gewissensansprüche wurde dann für ihn in seinem ganzen 
Leben zur Lösung von Gewissenskonflikten vorbildlich. Von 
einer für seine ganze spätere Entwicklung entscheidenden Wir- 
kung war der Tod des Vaters. Die nach diesem Ereignis auf- 
tretenden schweren Schuldgefühle boten ihm die erste groß- 
artige Gelegenheit dazu, den infantilen Mechanismus der Ero- 
tisierung der Gewissensansprüche anzuwenden. Erst von diesem 
Zeitpunkt an kann man eigentlich den Anfang seines Masochismus 
rechnen. Der Gewissenskonflikt nach dem Tode des Vaters 
wird nach demselben Muster gelöst wie der frühinfantile Kon- 
flikt bei der Reinlichkeitsdressur. Das Strafbedürfnis, das bei 
der Realisierung des Todeswunsches gegen den Vater, bei 
dessen Tode, so mächtig wurde, fand seine Befriedigung in den 
masochistischen Phantasien. Die Strenge der Mutter förderte 



h 1 

I 



Analyse der Perversion 191 



nur diesen Prozeß. Für die Todeswünsche gegen den Vater 
suchte er die Strafe bei der Mutter, benützte jedoch diese 
Strafen gleichzeitig zum passiven analerotisch gefärbten Lust- 
gewinn. So bilden die Strafphantasien, daß die Mutter ihn in 
den Misthaufen steckt, eine neue Belebung der realen „Kamin- 
strafe" der Kindheit und die Grundlage der späteren Per- 
version, in der das Sich-ßesch mutzen eine so vornehme Rolle 
spielt. 

Es ist deutlich zu sehen, daß in der masochistischen Be- 
ziehung zu der Mutter gleichzeitig die passiv-homosexuellen 
Wünsche zum Vater, die unter dem Drucke des Schuldgefühls 
nach dem Tode des Vaters so mächtig anvirachsen, enthalten 
sind. Eine Reihe von Träumen zeigte uns in zweifelloser Klar- 
heit, daß seine passiv-homosexuellen Wünsche, die eine stark 
masochistische Färbung hatten, von dem Manne auf die Frau, 
auf die strenge Herrin — die nichts anderes als ein maskierter 
Mann ist — übertragen wurden. Doch den trefflichsten Be- 
weis für die Richtigkeit dieser Auffassung liefert seine trans- 
vestitische Neigung. Er ist ja nicht der Sklave, sondern 
die Sklavin der Frau. Es ist daraus klar ersichtlich, daß die 
masochistische Beziehung zur Frau gleichzeitig die feminine 
Rolle bedeutet. Seine Perversion bedeutet also eine gleich- 
zeitige Befriedigung erstens des Strafbedürfnisses, das aus dem 
Vaterkonflikt stammt, — daher die masochistische Färbung, — 
zweitens der passiv-homosexuellen Wünsche, — daher der 
Transvestitismus, — drittens der früh infantilen analerotischen 
Tendenzen. Die Genese dieser Perversion im groben Durch- 
schnitt ist also etwa die folgende: Eine stark analerotische 
Disposition ( — Vorherrschen der passiven Bestrebungen — ), 
welche zu einem überaus stark passiv-homosexuell gefärbten 
Ausgang des Ödipuskomplexes führt. Der Tod des Vaters er- 



192 Der Masodiismus als I'>gei)nis einer Triebmisdiung 

folgt gerade in der Zeit der Bildung des invertierten Ödipus- 
komplexes, in jener Zeit, ^vo die starken Schuldgefühle gegen 
den Vater die femininen Bestrebungen sowieso begünstigen. 
Ein noch stärkeres Anwachsen der Schuldgefühle ist die Folge 
des Todesfalles und als Reaktion darauf eine weitere Ver- 
stärkung der passiv-femininen Wünsche. Die strenge Mutter, 
anscheinend mit manifest-sadistischen Charakterzügen, begünstigt 
die Übertragung der passiven und masochistischen Wünsche 
auf ihre Person. Auch die Schuldgefühle gegenüber der Mutter, 
die in den femininen Bestrebungen zum Vater Rivalin 
geworden ist, fördern diese Verschiebung. 

Doch nicht die gesamte Genese des Masochismus ist die 
Frage, die uns jetzt interessiert. Wir haben in diesem Fall 
ein glänzendes Beispiel für die Triebmischung. Die ursprüng- 
lich sadistischen Gewissensansprüche mit einer vorwiegend 
destruktiven Triebgrundlage werden erotisiert oder genauer: 
passiv sexualisiert. Aus der Mischung des Sadismus des 
Gewissens mit den passiv-femininen Bestrebungen des Ichs 
entsteht als Ergebnis der Masochistnus. Die transvestitische 
Neigung verrät die passiv-feminine erotische Komponente — das 
Strafzeremoniell, das Sklavenspielen stammt aus dem Sadismus 
des Gewissens, aus dem Destruktionstrieb. 

Das spätere Schicksal dieses Menschen zeigte mir dann, 
wie wichtig für seine Existenz die Erotisierung des grausamen 
Gewissens war, wodurch es wenigstens relativ harmlos wurde. 
In seinem verzweifelten Kampf gegen seine Perversion hatte 
er vor seiner Analyse zwei überaus bezeichnende Versuche 
gemacht, um sein Triebgleichgewicht ohne Ausübung der 
Perversion herzustellen. Beide Versuche gefährdeten seine 
gesamte Existenz. Der erste war, daß er in einen 
Orden eintrat und sich den grausamen Selbstzüchtigungen 



Die Perversion als Sdiutz vor der Selbsfzcrsiörung 19^ 



unterwarf, die bei jenem Orden vorgeschrieben sind. So 
gelang es ihm jahrelang, ohne sinnlich masochistische Befriedi- 
gungen und Phantasien auszukommen. Die Gewissensansprüche 
wurden nun fast ohne erotische Beimischung nackt sadistisch 
durch Fasten, durch ständiges Schweigegebot, in blutigen 
Selbstzüchtigungen und in den seelischen Demütigungen vor 
den Vorgesetzten befriedigt. Den einzigen Trost bildete die 
Möglichkeit einer analerotischen Befriedigung der Tendenzen 
nach Sich-Beschmutzen, da die Einschränkung des Waschens, 
des Wäschewechseins zu den Vorschriften des Ordens gehört. 

Der zweite Versuch war eine phantastische Mission in eine 
der wildesten und unzivilisiertesten Gegenden der Erde. 
Die Lebensgefahren, die Einschränkungen dieser selbst auf- 
erlegten Exiljahre traten hier an die Stelle der Perversion. 

Es ist deutlich sichtbar, daß in der sexuellen Perversion die 
Grausamkeit der gegen das eigene Selbst gerichteten Tendenzen 
durch die erotische Beimischung bedeutend abgeschwächt ist. 
Wird dem Gewissen diese erotische Beimischung versagt, so tritt 
seine zerstörendeWirkung nackt hervor und gefährdet das gesamte 
Leben des Menschen. Die Perversion ist also ein natürlicher 
Schutz gegen die Grausamkeit des Über-Ichs. Durch die 
Sexualisierung der Gewissenstendenzen wird ihre selbst- 
zerstörende Wirkung auf das Gebiet der Sexualität beschränkt, 
in die Beziehungen zu der Frau eingekapselt, doch wird die 
übrige Persönlichkeit von der Destruktion verschont. In den 
Zeiten, in denen er seinen perversen Neigungen nicht nachgab, 
mußte die Ableitung der Selbstzerstörungstendenzen auf anderen 
Bahnen erfolgen. In diesem Falle haben wir eine experimentelle 
Bestätigung für die Annahme von Freud, daß der Masochismus 
in allen seinen Formen als die Erotisierung des gegen die 
eigene Person gewendeten Destruktionstriebes, der sich in 

>3 



194 i^'^ Perversion nls Selbstheilungsversuch 

den Grausamkeiten des Über-lchs zeigt, aufzufassen ist. Wir 
haben hier ein selten deutliches Beispiel dafür, wie sich die 
masochistische Perversion durch Entziehung von erotischen 
Quantitäten in moralischen Masochismus umwandeln kann und 
umgekehrt. , 

So dürfen wir also in diesem Falle die Erotisierung der 
Gewissensansprüche in der Form der masochistischen 
Perversion als einen Selbstheilungsversuch auffassen, als 
den Heilungsversuch gegen eine Krankheit, die bei dem 
Tode des Vaters einsetzte. Die Krankheit bestand in einer 
völligen Zerstörung des Gleichgewichtes im Triebleben durch 
das Anwachsen des Strafbedürfnisses. Die Wurzeln der Krank- 
heit gehen aber weiter zurück, sie bestehen in einer über- 
mäßigen Triebentmischung bei der Bildung des Über-lchs, das 
in seiner Grausamkeit der Erbe — und zwar ein pathologischer 
— des primären Ödipuskomplexes war. 



ACHTE VORLESUNG 

Triebmisdiungen und TrieLriditungen — Eine allgemeine 

Krankheitstheorie auf der Grundlage der 

Trieblehre von Freud 

■my|eiiie Damen und Herren! Unsere Absicht war, die Lehre 
J-*-*- von den beiden Triebqualitäten mit der dynamischen 
Neurosenformel zu vereinigen. Wir gingen dabei von der 
Annahme aus, daß jeder seeHsche Vorgang das Mischungs- 
ergebnis der beiden ursprünglichen Triebqualitäten, des Eros 
(Lebenstrieb) und des Destruktionstriebes (Todestrieb), ist. Die 
Unterschiede zwischen den einzelnen Seelenvorgängen wären 
dann von den verschiedenen Mischungsverhältnissen abzuleiten. 
In einem untersuchten Fall sahen wir, daß bei der masochi- 
stischen Perversion zwar der Destruktionstrieb in einem 
stärkeren relativen Verhältnis zum Erostrieb vorhanden ist, 
als in der normalen genitalen Sexualität, jedoch ist die erotische 
Beimischung unverkennbar. Gerade die erotische Beimischung 
mildert die zerstörende Wirkung des Todestriebes durch eine 
Art Neutralisierung und bringt erst das Liistmoment mit 
sich. Es ist auch ohne Frage, daß in ähnlicher Weise in der 
sadistischen Perversion die erotische Komponente vorhanden 
ist, die das Leben des Sexualpartners schont. Wir müssen die 
Fälle von Lustmord als Grenzerscheinungen betrachten, in 



196 Triebquiilitäten und Triebriditungen 

denen die erotische Beimischung äußerst gering ist. Jedenfalls 
haben wir gute Gründe zu der Annahme, daß in dem genitalen 
Trieb die erotische Komponente im Verhältnis zum Todestrieb 
in einem einzigartig hohen Maße vertreten ist, in 
einem höheren Maße als in allen prägenitalen Triebäußerungen. 
Bei der Verfolgung der Triebmischungen tritt uns eine neue 
Komplikation dadurch entgegen, daß die Triebe verschiedene 
Richtungen haben. Und zwar sind sie entweder nach außen 
oder gegen das Individuum selbst gerichtet. Anders ausgedrückt, 
entweder sind ihre Objekte in der Außenwelt oder das Indi- 
viduum bildet selbst das Objekt der Triebe. Eine systematische 
Trieblehre hat also zwei verschiedene Faktoren zu berück- 
sichtigen, nämlich die Qualität und die Richtung der Triebe, 
die vier verschiedene Triebäußerungen bedingen. So können 
wir unterscheiden: 

i) Den nach außen gerichteten Destruktions- 
trieb, den wir in verschiedenen Triebmischungen kennen; 
er bildet einen Bestandteil des Genitaltriebes, in welchem er 
durch eine ebenbürtige erotische Beimischung neutralisiert 
wird und erst nach gründlicher Analyse herauszufinden ist. In 
relativ stärkerem Verhältnis nimmt er an der sadistischen Per- 
version teil. In seinen sublimierten Formen bildet er einen 
wichtigen Bestandteil jeder aktiven Leistung. (Forschungs- 
trieb, soziales Wirken, Sport usw.) 

2) Den nach innen gerichteten Sadismus, der in 
allen Triebhemmungen, in dem kategorischen Imperativ des 
Über-Ichs — allerdings immer mit erotischer Beimischung — 
eine wichtige Rolle spielt. In seinen pathologischen Mischungen 
kennen wir seine Rolle sowohl in dem moralischen Maso- 
chismus wie in der masochistischen Perversion. 

3) Den nach außen gerichteten Erostrieb. Seine 



Eine sdiematisdie Übcrsidit igj 



wichtigste Äußerung ist die Objektlibido oder der Genitaltrieb; 
er ist immer mit destruktiven Elementen gemischt. 
^ 4) Den nach innen gerichteten Erostrieb kennen 
wir am besten als Narzißmus. Seine vornehmste Aufgabe ist 
die Bindung des im Organismus verbliebenen Destruktions- 
triebes. Die Bildung eines einheitlichen Systems, das wir Ich 
nennen, ist sein Werk. 

Meine Damen und Herrenl So ungern ich mich auch zu 
einer rein theoretischen Erörterung entschließe, so glaube ich 
doch, daß wir ohne eine klare zusammenfassende Darstellung 
unserer Annahmen und Kenntnisse kaum in diesem schwierigen 
Gebiet vorwärtskommen können. 

Sie sehen aus dieser Darstellung, daß aus den beiden 
Trieben und den beiden Triebrichtungen sich vier Kombinadonen 
ergeben: die zwei Qualitäten — der Eros- und der Todestrieb — 
können beide zwei verschiedene Richtungen haben. Außerdem 
können sie natürlich in verschiedenen Mengen miteinander 
gemischt sein. Gesundheit und Krankheit können von diesem 
Gesichtspunkt aus als gelungene oder mißlungene Mischungen 
aufgefaßt und außerdem von den verschiedenen Verhältnissen 
der nach außen und nach innen gewendeten Triebe abgeleitet 
werden. Versuchen wir zunächst, die Krankheitserscheinungen 
von diesem Gesichtspunkte aus zu untersuchen. 

Jeder krankhafte Prozeß kann zunächst dadurch charak- 
terisiert werden, daß der Destruktionstrieb im Übermaß nach 
innen gewendet und dann in dieser introverderten Form mehr 
oder weniger durch Eros neutralisiert ist. Das zweite wichtige 
Merkmal des kranken Zustandes besteht in dem Verlust an 
Objektiibido. Das zur Neutralisierung des nach innen gewendeten 
Todestriebes notwendige Quantum von Eros wird den Objekt- 
beziehungen entzogen. So entsteht die Verarmung an frei ver- 



IpS Eine allgemeine Krankheitstheorie 



■wendbarer Objektlibido bei jedem Krankheitsprozeß. Jeder 
Kranke, gleich, ob er an organischer oder an seelischer Krank- 
heit leidet, wird narzißtisch auf Kosten seiner Objektbeziehungen. 
Mögen wir auch zwischen Übertragungsneurosen und narziß- 
tischen Neurosen unterscheiden, so drücken wir damit nur 
einen quantitativen Unterschied aus, da jede Neurose gegen- 
über der Gesundheit eine narzißtische Regression bedeutet, die 
Verwendung von solchen Libidoquanten innerhalb des seelischen 
Apparates, die sonst an Objekte gebunden waren. 

Die Rückwendung des Destruktionstriebes gegen das eigene 
Selbst und die Einziehung von Objektlibido zur Neutralisierung 
der Zerstörungsvorgänge sind also die beiden Bedingungen 
ebenso der Neurosenbildung wie der organischen Erkrankungen. 
Bei den letzteren steht aber häufig an Stelle des endogenen 
Selbstzerstörungsvorganges eine von außen stammende, durch 
äußere Kräfte hervorgerufene Zerstörung, wie z. B. eine Infek- 
tion oder eine Verletzung usw. Diese Beschreibung ist gleich- 
bedeutend mit unserer früheren Behauptung, daß jede Neurose 
eine autoplastische Triebabfuhr bedeutet, die Entspannung der 
beiden Triebtendenzen innerhalb des Organismus, d. h. ihre 
Entspannung durch Vorgänge, die nur den Organismus selbst 
und nicht die Außenwelt verändern. 

Versuchen wir, die dynamische Neurosenauffassung von diesem 
Gesichtspunkte aus noch einmal zu betrachten. Der nach innen 
gewendete Destruktionstrieb äußert sich am auffallendsten in 
der Strenge des Über-Ichs. Diese bildet die Parallelerscheinung 
zu der Äußerung des Todestriebes in organischen Zerstörungs- 
vorgängen. Es liegt die Annahme sehr nahe, — und sie wird 
durch immer häufigere empirische Beobachtungen gestärkt, — 
daß die Konversion des Straf bedürfnisses in organische Zer- 
störungsprozesse ein häufiges ätiologisches Moment der körper- 



•1 



Das Symptom als Heilungsversudi igg 



liehen Erkrankungen bildet. So müssen wir uns etwa die 
psychogene Entstehung organischer Erkrankungen vorstellen. 
Die früher erkannte Erotisierung im erkrankten Organ wäre 
dann der sekundäre Vorgang der Heilung. Schon frühzeitig 
hat Ferenczi auf diese heilende Rolle der Entzündungs- 
erscheinungen im erkrankten Organ hingewiesen und ihre 
erotische Grundlage an der Ähnlichkeit der Entzündungs- 
prozesse und der Erektion erkannt. Einen ähnlichen Mecha- 
nismus zeigen die Neurosen. Hier entspricht dem Entzündungs- 
prozeß das neurotische Symptom als Reaktion auf die Wirkung 
des Destruktionstriebes, als neurotische Befriedigung. Wir 
haben das Symptom im ersten Teil unserer Untersuchungen 
tatsächlich als die Reaktion auf die übermäßige Triebein- 
schränkung aufgefaßt. So kämen wir zu der Ansicht, daß auch 
bei den Neurosen die lärmenden Vorgänge der Symptom- 
bildung den sekundären Heilungsvorgang darstellen und daß 
der primäre Krankh ei ts Vorgang die Wendung des Todestriebes 
gegen das eigene Selbst in der Form der Überstrenge des 
Über-Ichs sei. Sie sehen, daß diese Annahme unseren ätio- 
logischen Ergebnissen vollständig entspricht. Wir fanden ja 
die ätiologischen Momente der Neurosenbildung in allen jenen 
Einwirkungen, die zur Bildung übermäßiger Triebein- 
schränkungen disponieren. 

Wir gelangen so zu der grundlegenden Frage, ob wir die 
Rückwendung des Todestriebes als den primären Vorgang und 
die Einziehung von Objektlibido als den darauf folgenden Ver- 
such einer lebensrettenden Neutralisation auffassen dürfen oder 
ob wir den beiden Vorgängen — der Rückwendung des Todes- 
triebes und der Einziehung der Objektlibido — eine gewisse 
gegenseitige Unabhängigkeit zuschreiben sollen. Die letztere 
Annahme würde soviel bedeuten, daß die Libidostauung als 



w 



200 Die Rüdiwenduii" des Todestriebes die Grundlage der Neurosen 



selbständiger Vorgang auch ohne vorangehende Rückwendung 
des Todestriebes — etwa als die Reaktion auf Objektverluste r 

— zur Neurosenbildung führen kann. Die erste Auffassung 
steht zwar mit den Ergebnissen unserer dynamischen Unter- 
suchungen in besserer Übereinstimmung, sie weicht jedoch von 
der bisher üblichen Auffassung ab. Die erotische Seite der 
Neurosen war uns ja viel früher bekannt, die unsichtbare Wir- 
kung des Todestriebes ist die zeitlich späteste Entdeckung von 
Freud. Die Grundlage aller unserer psychoanalytischen Ein- 
sichten über die Neurosen bildete der Satz, daß das neurotische 
Symptom eine Triebbefriedigung bedeutet. Weniger gewürdigt 
war die Tatsache, daß das Symptom die Reaktion auf über- 
mäßige Triebeinschränkungen ist. Auch diese Tatsache ist 
nicht neu, nur ihre Bedeutung war uns weniger klar. Wir 
möchten jetzt die übermäßige Triebeinschränkung, die khnisch 
in der Überstrenge des Über-Ichs zum Ausdruck kommt, von 
der Wendung des Todestriebes gegen das eigene Selbst ab- 
leiten, in Übereinstimmung mit dem Gedankengang von Freud, 
den er in der Arbeit „Das ökonomische Problem desMasochisnius" 
dargestellt hat. So wäre die allgemeine Ursache der Neurosen 
die Rückwendung des Todestriebes. Diese Auffassung steht 
auch mit der Annahme von Freud in Übereinstimmung, daß 
der Todestrieb der Wegweiser für den Eros ist, wir müßten 
nur hinzusetzen: der Wegweiser nicht nur bei der Wendung 
des Todestriebes nach außen, sondern auch in seiner Rück- 
wendung gegen das eigene Selbst. Die Ablösung der Libido 
von den Objekten und ihre Introversion wären die Folge der 
Introversion des Todestriebes und diese wieder narzißtisch 
gewordene Libido würde die dynamische Grundlage der Sym- 
ptome bilden. Der erste Teil dieses Satzes, daß der eigentliche 
Krankheitsprozeß ein destruktiver Vorgang, also die Äußerung 



Die Bildung des invertierten Ödipuskomplexes 201 



des Todestiiebes ist, ist fast eine Selbstverständlichkeit. Den- 
noch kann als empirischer Beweis für die Richtigkeit dieser 
Krankheitstheorie nur der Nachweis dienen, daß tatsächlich in 
jedem Falle der erste Vorgang in der Neurosenbildung die Rück- 
wendung des Destruktionstriebes ist. Wenn wir unsere Er- 
fahrungen von diesem Gesichtspunkte aus untersuchen, so 
können manche wichtige Tatsachen zur Unterstützung dieser 
Annahme herangezogen werden. 

Schon unsere Grundthese, daß der Ödipuskomplex als Kern- 
komplex jeder Neurose anzusehen ist, spricht sehr für die 
Richtigkeit unserer Auffassung. Unsere Ansicht ist ja die, daß 
die aus dem Vaterkonflikt stammende Kastrationsangst das 
Hindernis ist, an welchem die Aggression des Kindes bricht, 
dann sich nach innen wendet und so die Grundlage des trieb- 
hemraenden Gewissens wird. Die Kastrationsangst, später die 
Gewissensangst, verhindert die Beibehaltung der ersten geni- 
talen Objektbeziehung zu der Mutter. Die Zurückwendung des 
Todestriebes als Gewissenshemmung verursacht also die Libido- 
introversion. Es folgt die Einziehung der Inzestbestrebungen 
und das Ersetzen der bisherigen Objektliebe durch eine nar- 
zißtische, indem die Mutter durch Identifizierung zu einem Teil 
der eigenen Persönlichkeit wird. Aber gerade dieser Vorgang 
bedeutet nichts anderes als die Erotisierung des rückgewendeten 
Todestriebes, der als die Grausamkeit des Gewissens gegen 
das eigene Selbst sich wendet. Durch die Identifizierung mit 
der Mutter wird aus der Kastrationsdrohung des Vaters und 
aus ihrer innerpsychischen Fortsetzung, aus der Selbstbestrafungs- 
tendenz, eine feminin-erotische Beziehung zum Über-Ich. Kurz: 
die Bildung des umgekehrten Ödipuskomplexes besteht aus 
zwei Phasen. I) Die Aggression gegen den Vater wird durch 
Rückwendung gegen sich selbst zur Selbstzerstörungstendenz. 



rT 



202 Die Ncuroscnformcl im Lidile der Trieblehrc 

:3^ Diese Selbstzerstörungstendenz wird durch die Identifizierung 
mit der Mutter — die die Einziehung der Objektlibido be- 
deutet — erotisiert und dadurch in ihrer selbstzerstörenden 
Wirkung gemildert. Aus der nackten Selbstzerstörungstendenz 
wird so eine feminin-masochistische Bestrebung. Die beiden 
Triebarten werden also introvertiert. Aus dem nach außen 
gewendeten Todestrieb wird Selbstzerstörungstendenz, aus der 
Objeküibido narzißtische Libido, die geeignet ist, den Selbst- 
zerstörungstrieb zu binden. Dieser Vorgang als Folge der 
Odipussituation ist sowohl bei Gesunden wie bei Neurotischen 
allgemein vorhanden. Die Krankheit entsteht erst durch quan- 
titative Momente, und zwar dann, wenn der Destruktionstrieb 
in einem abnorm hohen Grade introvertiert wird. In dem ersten 
Teil unserer Untersuchungen haben wir diese übermäßige 
Rückwendung des Todestriebes in seinen klinischen Äußerungen 
als die Überstrenge des Über-Ichs erkannt, und es gelang uns 
auch, alle Neurosenformen davon abzuleiten. Ich erinnere Sie 
an die drei Grundmechanismen der Neurosenbildung, durch 
die der Sadismus des Über-Ichs gebunden wird: /) an den 
hysterischen, 2) an den zwangsneurotischen, ß)an den manisch- 
depressiven Mechanismus. Erst jetzt verstehen wir die Be- 
deutung unserer damaligen Behauptung, daß in dem kon- 
versionshysterischen Mechanismus die Triebmischung am voll- 
kommensten ist, in dem zwangsneurotischen unvollständiger 
und am wenigsten geglückt in dem manisch-depressiven. In 
dem konversionshysterischen Symptom werden ja in einem 
Akte die beiden Tendenzen — die Straftendenzen des Über- 
Ichs, d. h. der Todestrieb und die erotischen Tendenzen — 
befriedigt. Diese gut gelungene Mischung äußert sich in dem 
Doppelsinn des Symptoms und sie entspricht der genitalen 
Stufe. In der Zwangsneurose sehen wir die beiden Triebquali- 



Objtiktverlust als ätiolottisdier Faktor 203 

täten nebeneinander bestehen, in der manisch-depressiven 
Erkrankung sind sie sogar zeitlich getrennt» bald die eine, 
bald die andere beherrscht das Bild. Die Gefährlichkeit der 
Selbstzerstörungstendenz in der Melancholie ist deshalb auch 
viel größer, wie die häufigen Selbstmord fälle bezeugen. Die 
Neutralisierung des Todestriebes durch Eros ist in dieser 
letzteren Krankheit am wenigsten gelungen. 

Wenn wir also die Neurosen als verschiedene Reaktionen 
auf den Ödipuskomplex betrachten, so wird unsere Annahme 
über die primäre ätiologische Rolle der Rückwendung des 
Todestriebes bekräftigt. Ich empfinde jedoch diese Beweis- 
führung noch als zu allgemein. Sie muß an den Einzeltatsachen 
bekräftigt werden. 

Eine allgemeine und stark befestigte Erfahrung der Neurosen- 
lehre scheint im ersten Augenblick mit unserer Annahme in 
Widerspruch zu stehen. Ich meine die Erfahrung, daß der 
Verlust von Liebesobjekten — sei es aus äußeren oder inneren 
Gründen — den häufigsten Anlaß für den Ausbruch einer 
Neurose bildet. Das Ersetzen des Objektes durch Identifizierung 
und damit die Verwandlung der bisherigen ObjekLlibido in 
narzißtische geschieht zwar bei der Melancholie am voll- 
kommensten, sie erfolgt aber bis zu einem gewissen Grade 
bei jeder Neurose, also auch bei den Übertragungsneurosen. 
Wir haben bereits hervorgehoben, daß die Bezeichnung „Über- 
tragungsneurose" nur den Umstand zum Ausdruck bringt, daß 
diesen Kranken ein größerer oder kleinerer Rest von Liebes- 
fähigkeit erhalten bleibt. Das „Neurotische" an ihnen ist aber 
immer ein narzißtischer Vorgang. Jedenfalls scheint es aber, als 
ob man in solchen Fällen von Objektverlust die Neurosen- 
bildung einfach aus der Einziehung der Objektlibido nach 
dem Objektverlust ableiten könnte, indem man die Symptome 






204 Analyse der Wirkung vom Objektverlust 

als Ersatz für die verlorenen Objektbeziehungen ansieht. Bei 
der ersten Betrachtung erscheint es also nicht notwendig, die 
Rolle des Todestriebes in diesen Fällen näher zu erörtern. 

Die Schwäche dieser Einwendung wird uns aber sofort 
klar, wenn wir bedenken, daß in den meisten Fällen der 
Verlust des Objektes eine Vorgeschichte hat und durch 
subjektive Momente bedingt ist. In jenen Fällen, in denen der 
Objektverlust ein schicksalsraäßiger von außen bedingter ist, 
ist wieder die Reaktion auf ihn in der Vorgeschichte des 
Individuums begründet. In beiden Kategorien der Fälle weist 
die Analyse eine pathologische Erledigung des Ödipuskomplexes 
auf, und zwar in dem eben beschriebenen Sinne. Der Objekt- 
verlust, der aus subjektiven Gründen erfolgt, ist immer die 
Folge einer schwachen, nicht tragfähigen Objektbeziehung. Es 
erweist sich, daß die gesamte Sexualität durch die aus dem 
Vaterkonflikt stammenden Schuldgefühle belastet ist. Mit 
anderen Worten, der Neurotische ist immer bereit, bei der 
kleinsten äußeren Schwierigkeit seine Objektbeziehung ebenso 
aufzugeben und narzißtisch zu verwenden, wie er das mit der 
Inzestbeziehung getan hat. Er behandelt also jede spätere 
Liebesbeziehung so, als ob diese die alte Inzestbeziehung 
wäre. Die äußeren Schwierigkeiten wirken hier in demselben 
Sinne, wie die Kastrationsangst vor dem Vater gewirkt hat: 
sie verursachen Introversion von Libido. Die kleine Wider- 
standsfähigkeit der Objektbeziehungen gegen äußere Schwierig- 
keiten ist aber die Folge der vorgebildeten starken 
Kastrationsangst. Die Realangst addiert sich zu der aus dem 
Ödipuskomplex stammenden Gewissensangst und wirkt so 
stärker als beim Normalen. Der Normale hat zur Überwindung 
der äußeren Schwierigkeiten den nach außen gewendeten 
Destruktionstrieb zur Verfügung, der bei dem Neurotischen 



Prüfung der Melandiolie aus dem Gesiditspunkte der Trieblehre 205 

als überstarke Gewissenshemmung gegen das eigene Trieb- 
leben gerichtet ist. Die primäre Rolle des Todestriebes ist also 
klar ersichtlich. 

Eine Ausnahme scheint aber die Melancholie zu bilden, 
insbesondere in den Fällen, in welchen sie als Reaktion auf 
den Tod einer geliebten Person auftritt, als pathologische 
P'ortsetzung der Trauer. Hier erscheint tatsächlich das 
Anwachsen der gegen sich selbst gerichteten destruktiven 
Tendenzen als Folge des Objektverlustes und nicht umgekehrt. 
Die Allgemeingültigkeit unserer Auffassung scheint von dieser 
Seite ernstlich bedroht zu sein. In der Tat werden wir gleich 
sehen, daß der melancholische Mechanismus eine Ergänzung 
unserer Formulierung verlangt. 

Der scheinbare Widerspruch schwindet sofort, wenn wir 
unsere Frage etwas anders stellen. Wir sagten früher: eine 
übermäßige Rückwendung des Todestriebes gegen das Selbst 
leitet jede Neurose ein. Gehen wir jetzt in unserer ätiologischen 
Neugierde einen Schritt weiter und fragen wir, welche Faktoren 
dafür maßgebend sind, daß eine solche Rückwendung der 
Aggressionen erfolgt. Einen Faktor haben wir bereits eingehend 
besprochen. Es war die Angst vor dem Vater in der Kindheit 
und später die entsprechende Angst vor der Rivalität, welch 
letztere aber schon die Folge überstarker infantiler Schuld- 
gefühle ist. Die Melancholie zeigt uns nun ein anderes Moment, 
das die Rückwendung von Aggressionen bedingen kann. 
Dieses Moment besteht in der T r i e b e n t m i s c h u n g, die 
beim plötzlichen Objektverlust entsteht. Die erste Reaktion 
des seelischen Apparates, bei dem gewaltsamen plötzlichen 
Verlust eines geliebten Objektes, besteht in dem krampfhaften 
Versuch, das bis jetzt an das Objekt gebundene Quantum 
Libido irgendwie unterzubringen. Er versucht es durch eine 



206 Die Verarmung an ObjcktUbido in der Meiandiolie 

plötzliche Einziehung des gesamten Libidobetrages, der an das 
introjizierte Liebesobjekt narzißtisch gebunden wird. So entsteht 
für eine kurze Zeit ein Zustand, welcher jenem infantilen 
Zustand entspricht, in dem die gesamte Libido narzißtisch 
verwendet wird und nach außen nur der Todestrieb wirksam 
ist. Die Reaktion auf den Objektverlust besteht in einer 
plötzlichen übermäßigen Libido-Introversion, und diese führt 
zu einer völligen Verarmung an Objektlibido. Die Beziehung 
zu der Außenwelt steht also nach der Libido-Introversion ganz 
im Zeichen des Todestriebes, der jetzt, jeder erotischen Bei- 
mischung beraubt, in seiner nackten Düsterkeit das Feld allein 
beherrscht. Der so übermäßig narzißtisch gewordene Mensch 
kann die Welt nur mehr hassen. In der Tat kann die analy- 
tische Untersuchung in jedem Falle von IVauer und 
Melancholie am Beginn eine kurze Periode der Verbitterung 
und der Auflehnung gegenüber der gesamten Außenwelt 
aufweisen. Dieser narzißtische Zustand der grenzenlosen Selbst- 
hebe und des Hasses nach außen kann nicht aufrecht erhalten 
werden. In der normalen Entwicklung wird der Haß nach 
außen durch erotische Beimischung neutralisiert und dadurch 
überwunden. Der Mensch hat während seiner gesamten 
Erziehung gelernt, daß der Standpunkt des Hasses nicht 
durchführbar ist. Auf die Aggression nach außen erfolgt die 
Reaktion des Gehaßtwerdens. Die Aggression führt zum 
Angegriffen wer den. Aus dem Haß entsteht Angst. Für die 
Überwindung des Hasses, also auch der Angst, die aus dem 
Hassen entsteht, gibt es nur zwei Methoden: entweder muß 
narzißtische Liebe zur Bindung des Hasses geopfert werden, — 
der Haß wird durch Herausströmen von Eros gebunden und 
neutralisiert, — oder der Haß muß gegen das eigene Selbst 
zurückgewendet werden und den Hasser selbst zerstören. 



Die Rüdvwenduny des Masses in der Melandiolie 207 



Wir sehen, daß der Melancholische diesem letzteren Vorgang 
unterworfen ist. Er ist unfähig zu lieben, weil er das Liebes- 
objekt verloren hat und versucht, diese Wunde durch narziß- 
tische Introversion seiner gesamten Liebesfähigkeit zu heilen. 
Er hat ja die gesamte Beziehung zur Außenwelt jeder Liebe 
beraubt, er kann nur noch hassen. Zur Neutralisierung dieses 
Hasses hat er keine Objektlibido mehr übrig. Denn dies hieße 
ja die ganze eben erfolgte Libido-Introversion rückgängig 
machen. Dazu ist er unfähig, und so muß der Haß gegen das 
eigene Selbst zurückgewendet werden. Dieser Zustand des 
schrankenlosen Hassens führt zu den Schuldgefühlen, zu den 
Selbstbeschuldigungen, die der Melancholiker erbarmungslos 
gegen sich selbst laut werden läßt. So gewinnen seine Selbst- 
beschuldigungen für uns einen Sinn. Die Frau, die nach dem 
Tode ihres geliebten Mannes der Melancholie verfällt und in 
ihrer Krankheit sich des Mordes ihrer Kinder bezichtigt, sagt 
die reinste psychologische Wahrheit. Nachdem sie sich nach 
dem Tode ihres Mannes mit ihm identifiziert hatte und ihn 
nun in dieser narzißtischen Form weiter liebt, hat sie sogar 
die Liebe von ihren Kindern zur narzißtischen Verwendung 
abgezogen und empfindet für die letzteren nur mehr Haß. 
Sie hat recht, wenn sie sich anschuldigt, ihre Kinder ermordet 
zu haben. Hassen und Morden ist für das Gewissen ein und 
dasselbe. Das Gewissen kümmert sich nicht um Taten, sondern 
nur um die psychische Realität. 

Die andere grundlegende Tatsache des melancholischen 
Mechanismus, daß die gegen sich selbst gewendeten Anschuldi- 
gungen des Kranken hauptsächlich dem geliebten verlorenen 
und nach dem Verlust introjizierten Objekt gelten, steht in 
gutem Einklang mit dieser Auffassung. Wir nahmen ja an, 
daß bei der Introjektion der erotischen Komponente der 



•1 



208 Triebentmisdiunf; und Introversion von Haß 

Objektbeziehung eine Triebentmischung, d. h. das Frei- 
werden der destruktiven Komponente erfolgt. Nachdem die 
Haßkomponente ebenfalls introjiziert wird, entsteht keine neue 
Mischung der beiden Komponenten; sie bestehen nebeneinander 
in der Form einer ambivalenten Bindung zu dem früher realen, 
jetzt introjizierten Objekt. Gut im Einklang steht damit auch 
die klinische Tatsache, daß, je ambivalenter die Objektbeziehung 
vor der Erkrankung war, um so leichter die melancholische 
Triebentmischung bei dem Objektverlust erfolgt. Mit anderen 
Worten: Menschen mit besonders ambivalenten Objekt- 
beziehungen neigen zur melancholischen Erkrankung. 

Der eigentliche Krankheitsprozeß besteht also auch hier in 
der Wendung des Todestriebes gegen das eigene Selbst. Die 
Ursache der Rückwendung ist aber in diesem Falle die Trieb- 
entmischung, die Beraubung der Beziehung zur Außenwelt von 
jeder erotischen Beimischung. Der beste Beweis, daß wir von 
Erkrankung erst bei einer besonders starken Rückwendung des 
Todestriebes sprechen können, ist, daß die normale Trauer 
gerade in diesem quantitativen Moment sich von der echten 
Melancholie unterscheidet. Derselbe Mechanismus der Intro- 
jektion des Liebesobjektes mit Einziehung der Objektlibido und 
auch die gleiche Wendung der Aggression gegen sich selbst 
spielt sich bei der Trauer ab, mit dem einzigen Unterschied, daß 
der letztere Vorgang weit weniger intensiv ist. Die Bindung 
des Todestriebes durch Eros kann hier erfolgen, was dem 
Melancholischen nicht mehr gelingt. 

Jedenfalls mahnt uns aber der melancholische Mechanismus, 
unsere Behauptung über die primäre Rolle des Todestriebes 
bei der Krankheitsverursachung vorsichtiger zu formulieren. 
Daß der eigentliche Krankheitsprozeß in der Wendung des 
Todestriebes gegen das eigene Selbst besteht, ist nirgendwo 



n 



Ergänzung dei- allgemeinen Krankheitstheorie 



2ÜQ 



klarer als bei der Melancholie. Die manische Periode ist der 
Versuch zur Wiederherstellung des gestörten Triebgleich- 
gewichtes. Sie gelingt nicht, weil die Triebentmischung zu weit 
fortgeschritten ist. Die expansiven Triebäußenmgen des 
Manischen stehen vornehmlich im Zeichen der Aggression, 
wenn auch häufig deutliche hemmungslose erotische Äußerungen' 
vorkommen. Eine neuerliche Wendung der beiden Triebe 
nach au6en ist jedenfalls das Charakteristische für die Manie, 
ohne daß dabei die Mischung der beiden Triebqualitäten im' 
normalen Verhältnisse erfolgen würde. Wenn also die vornehme 
Rolle des Todestriebes bei der Melancholie über allem Zweifel 
steht, so sehen wir, daß die Veranlassung zu seiner Rück- 
wendung die plötzliche Einziehung der Objektlibido ist Der so 
frei werdende Haß kann sich nicht in seiner Wendun- 
nach außen behaupten, er muß an dem Widerstand der 
Realität und an den eigenen Schuldgefühlen brechen und 
iiitrojiziert werden. , . ,■,,"- .■^,- . = ■■ 

Wir müssen also unsere Vorstellung über die Entstehung 
der Krankheitsprozesse ergänzen. Die Wendung des Todes- 
triebes gegen das eigene Selbst kann durch zwei Momente 
bedingt sein. Der erste einfachere Vorgang ist der, daß die 
aggressive Einstellung nach außen an dem Widerstand der 
Reahtät scheitert, zur Angst führt und rückgewendet wird. 
Das uns bestbekannte Beispiel dafür ist die Beobachtung, wie 
die Aggression gegen den Vater durch die Kastrationsandro- 
hungen zur Kastrationsangst, dann zur Gewissensangst führt, 
\-om Vater gegen das Ich gewendet wird und sich in den 
Sadismus des Über-Ichs verwandelt. Aus dem Haß gegen den 
Vater entsteht so die Selbstzerstörungstendenz. Derselbe Vor- 
gang — und hier kommt die Ergänzung zu der bisherigen 
Beschreibung - kann auch so erfolgen, daß der bereits durch 



210 



Die Rolle der Libidointroversioa in der Melandiolie 



Eros neutralisierte Haß, der durch die Neutralisierung vor der 
Rückwendung verschont wurde, nachträglich — wie bei dem 
melancholischen Mechanismus — infolge der Einziehung von 
Objektlibido wieder e n t e r o t i s i e r t und nunmehr seine Rück- 
wendung unausweichbar wird. Wir müssen also feststellen, 
daß in diesen Fällen die Einziehung der Libido die unmittel- 
bare Veranlassung zur Erkrankung war. In diesen Fällen folgt 
der Todestrieb dem Erostrieb in seiner Rückwendung gegen 
die eigene Person. Wir müssen aber gleichzeitig feststellen, 
daß in diesen FäUen die Rückwendung des Todestriebes ein 
relativ unabhängiger Vorgang ist: er könnte ja weiterhin gegen 
die Außenwelt gerichtet bleiben, wäre das Individuum stark genug 
der ganzen Welt zu trotzen. Andererseits erfolgt die für die 
MelancholietypischeReaktionauf den Objektverlust, die plöUliche 
Einziehung der Objektlibido nur dann in einem pathologischen Aus- 
maß, wenn die Objektbeziehung schon von vornherein schwach 
(ambivalent) war. Wir haben bereits gesagt, daß solche schwache 
Objektbeziehungen die Folgen der bei der Erledigung des Ödipus- 
komplexes entstandenen übermäßigen Triebeinschränkungen 
~ Gewissenshemmungen — sind, und daß die Gewissens- 
hemmungen gerade als Rückwendung des Destruktionstriebes 
entstanden sind. Wenn wir also nicht nur die akute Veran- 
lassung der Melancholie, sondern das gesamte Vorleben des 
Individuums berücksichtigen, so behält unser Satz seine Gültig- 
keit, daß die übermäßige Introversion des Todestriebes die 
Ursache — oder Vorläufer — der Libidointroversion, also der 
primäre Vorgang in der Neurosenbildung ist. 

Das letzte Mal konnte ich Ihnen einen Fall darstellen, 
bei dem die Genese der masochistischen Perversion unsere 
Annahme über die Rolle des Todestriebes gut bestätigte. 
Hier konnten wir mit Recht behaupten, daß die nach 



Moralisierung der Sexualität im Masodiismus 



211 



dem Tode des Vaters einsetzende Gewissensreaktion die 
kindliche Seele mit großen Mengen von Selbstzerstörungs- 
tendenzen überflutete. Nur eine starke erotische Beimischung 
konnte die zerstörende Wirkung des Todestriebes neutrali- 
sieren. Diese Mischung äußerte sich in der Erotisierung des 
Straf bedürfnisses, die die Grundlage der masochistischen 
Perversion wurde. Eine zweifellose Bestätigung der Richtigkeit 
dieser Auffassung lieferte uns die ho'chst interessante Tatsache 
daß, sobald der Patient die masochis tische Befriedigung der 
Selbstbestrafungstendenzen aufzuheben versuchte, vikariierend 
andere Selbstzerstörungstendenzen auftraten, die aber an 
erotischer Beimischung ärmer waren und deshalb die gesamte 
Existenz des Kranken gefährdeten. Allerdings erfolgte hier die 
Neutralisierung der Selbstzerstörungstendenz auf einem anderen 

Wege wie bei den Neurosen. Dieser Unterschied ist außerordentlich 
aufschlußreich und ist imstande, uns manche wichtige Hinweise 

über jene verschiedenen Bedingungen zu geben, die einerseits 
zu einer Neurose, andererseits zu einer Perversion führen. 
Versuchen wir in das Wesen dieses Unterschiedes näher ein- 
zudringen. 

Das Strafbedürfnis wurde in unserem Falle in die hetero- 
sexuelle Beziehung aufgenommen und verlieli durch diese Auf- 
nahme der Objektbeziehung ihre masochistische Färbung. Im 
strengen Sinne des Wortes sollten wir hier nicht, wie ich 
früher sagte, von einer Erotisierung der Moral, 
sondern von einer Moralisierung der Sexuahtät 
sprechen, deren Inhalt ja ein morahscher Begriff, nämlich die 
Strafe, wurde. Die sexuelle Befriedigung bestand in einer Straf- 
szene anstatt in der Begattung. Schon rein phänomenologisch 
dürfen wir also sagen, daß hier das Strafbedürfnis der 
wichtigste Bestandteil der sinnlichen Objektbeziehung geworden 



!^R| 



14^ 



212 Bedingungen der Neurosen- und de r Perversionsbildung 

ist. Vielleicht gehen wir nicht felil, wenn wir die Vermutung 
aussprechen, daß eine starke tragfilhige ObjeUt- 
beziehung — eine bereits feste Verankerung der Libido in 
der Außenwelt — es ermöglichte, daß der im pathologischen 
Maßstabe zurückgewendete Todestrieb in der Form des patho- 
logisch gesteigerten Strafbedürfnisses in diese Objektbeziehung 
aufgenommen wird und diese zwar verfärbt und modifiziert, 
und so eine masochistische Perversion verursacht, daß jedoch 
durch diese Aufnahme in die sinnliche Sexualität eine Introversion 
der destruktiven Tendenzen vermieden wird. Der zurück- 
gewendete Todestrieb führt also hier nicht zur Steigerung des 
Sadismus des Über-Ichs, erscheint nicht als Zerstörungstrieb 
innerhalb der Persönlichkeit, sondern beeinflußt nur den 
psychologischen Inhalt der Objektbcziehungen. Der Masochist 
steht ja in einer festen Beziehung zu dem Liebesobjekt, er liebt 
es einfach fem in in-masoch istisch. Die Wirkung der Steigerung 
des Strafbedürfnisses besteht also hier lediglich darin, daß aus 
einer aktiven männlichen Objektbezichung eine feminin- 
masochistische wird. Je nach dem Grad der Heimischung des 
Todestriebes zu der Objektbeziehung sehen wir die Über- 
gänge von den etwas passiv-feminin gefärbten, im ganzen aber 
normalen Liebesbeziehungen zu den extremen Fällen des 
Masochismus, in denen die Strafe, die Erniedrigung, das Bild 
beherrscht. 

Diese Einsichten legen uns die Vermutung nahe, daß viel- 
leicht die Stärke der bereits bestehenden Objektbeziehung 
dafür verantwortlich ist, ob der pathogene Ausgang des 
Ödipuskomplexes zu einer Perversion oder zu einer Neurose 
führt. Wo die Objektbeziehung genügend stark ist, kann sie 
zwar durch den zurückflutenden Destruktionstrieb, der aus 
dem Vaterkonflikt stammt, pervers modifiziert werden, 



Die Rolle der Stärke der inlantilen Objektbeziehungen 213 



aber eine weitere Introversion des Todestriebes wird damit 
verhütet. So entsteht eine Objektbeziehung, in der die 
Mischung der beiden Tri ebquali täten nicht mehr dem geni- 
talen Mischungsverhältnis, sondern einer prägenitalen Stufe 
und iswar der sadomasochistischen entspricht. Durch diese 
Aufnahme in die Objektbezjehung wird der Todestrieb ge- 
nügend neutralisiert und nur der genitale Charakter der 
Objektbeziehung fallt diesem Vorgang zum Opfer. Ist aber 
die Objektbeziehung noch nicht stark genug, um den Destruk- 
tionstrieb zu binden, welcher beim pathologischen Ausgang 
des Ödipuskomplexes in einem übergroßen Maße frei wird 
so wird der Destruktionstrieb introvertiert. Und jetzt folgt ihm 
der Erostrieb, der auf Kosten der Objektbeziehungen eben- 
faUs introvertiert wird, um den nach innen gewendeten Destruk- 
tionstrieb neutralisieren zu können. Und so wird die Objekt- 
beziehung selbst — die in ihr enthaltene Erosmenge — zur 
Bindung des Todestriebes geopfert. Kurz: bei der Perversion 
wird eine bestehende Objektbeziehung modifiziert, bei der 
Neurose verarmt die Objektbeziehung an Eros infolge der 
Introversion der Libido. 

Ein ähnlicher Vorgang, wie der beschriebene, mag auch der 
sadistischen .Perversion zugrunde liegen, bei der die Verhält- 
nisse etwas einfacher liegen. Hier wird die Aggression gegen 
den Vater noch vor ihrer Rück Wendung gegen die 
eigene Person in die erotische Objektbeziehung auf- 
genommen, wodurch diese ihre sadistische Färbung erhält. 
Der Todestrieb bleibt al§o weiter nach außen gewendet, nimmt 
nur einen größeren Anteil an der Objektbezichung, als bei der 
normalen genitalen Einstellung. _ _ ..;.-. 

' Wie weit diese genetische Auffassung auf die nichtsado- 
masochistischea Perversionen anwendbar ist, ob sie über- 



214 Nahe Beziehung des Masodjismus zur Homosexualität 

haupt verwendbar ist, möchte ich an dieser Stelle nicht 
weiter erörtern. Die nahe Verwandtschaft der passiven 
Homosexualität zu dem Masociiismus macht es wahrschein- 
lich, daß wenigstens bei dieser letzteren ähnliche Mecha- 
nismen eine Rolle spielen können. Wir sahen ja, daß auch 
in unserem Falle die transvestitische Komponente dos Maso- 
chismus auf seine nahen Beziehungen zu den passiv-homo- 
sexuellen Bestrebungen hinwies. Wir haben den Sinn der 
perversen Bestrebungen unseres Patienten früher dahin 
zusammengefaßt, daß er sein schlechtes Gewissen 
gegenüber dem Vater durch von der Mutter 
erlittene Strafen beruhigen wollte. Er zog es vor, 
wegen seiner Sünden gegen den Vater von der 
Mutter bestraft zu werden. Es ist klar, warum. So 
rettete er die Beziehung zu der Mutter und opferte nur 
den genitalen Charakter dieser Beziehung. Wenn er schon 
bestraft werden muß, so lieber von der Mutter. Sein Traum- 
leben zeigte uns klar, wie er die väterlichen Strafen befürchtete, 
"Während er die mütterlichen begehrte. Einer seiner inter- 
essanten, immer erinnerten Jugendträume war, daß der Vater 
ihn zur Strafe der Mutter aushefere. Dieser Traum beweist 
klar, daß das mit übermaßiger Kastrationsangst verbundene 
Strafbedürfnis von dem Vater einfach auf die Mutter ver- 
schoben wurde. Wo diese Verschiebung nicht geschieht, 
sondern das masochistische Strafbedürfnis gegenüber dem 
Vater durch größere erotische Beimischung von der sado- 
masochistischen Stufe zur feminin-gcnitalen erhoben und dadurch 
die Grausamkeit der Beziehung vermindert wird, entsteht die 
passive Homosexualität. Werden die Schuldgefühle gegen die 
Mutter, die aus der passiv-femininen Beziehung zum Vater 
entstehen, besonders stark, indem nun die Mutter die Kon- 



Das homosexuelle Motiv bei Sacber-Masodb 



215 



kurrentin in den weiblichen Bestrebungen wird, so fördern sie 
die Verschiebung des Strafbedürfnisses vom Vater auf die 
Mutter. 

Es ist höchst interessant, daß Sache r-Masoch diese 
Beziehung des Masochismus zur Homosexualität in seinem 
Roman „Venus im Pelz" intuitiv erraten hatte. Die Heldin des 
Romans, die ihren Sklaven normal- weiblich begehrt, versucht 
ihn zunächst vergeblich dadurch zu heilen, daß sie die Strafen 
immer grausamer werden läßt. Dies nützt aber gar nicht; die 
Bindung des Sklaven wird immer nur stärker. Die Heihing 
gelingt ihr erst dadurch, daß sie ihn von ihrem Geliebten aus- 
peitschen läßt. Diese Schlageszene macht den Helden des 
Romans gesund. Dieser phantastischen Therapie liegt die 
unbewußte Ahnung zugrunde, daß die ganze Perversion dazu 
diente, um das Straf bedürfnis gegenüber dem Vater in einer 
milderen Form befriedigen zu können. Erlebt er einmal die im 
Unbewußten am tiefsten gefürchtete, aber gleichzeitig am 
stärksten begehrte Szene, von dem Rivalen verprügelt zu 
werden, so wird nachher die Perversion sinnlos und überflüssig. 
Ohne daß wir diese etwas naiv erdachte therapeutische 
Phantasie des Autors ernst nehmen wollten, erscheint es uns 
überaus interessant, daß den Höhepunkt des Romans die 
Schlageszene bildet, in der der Held nicht von der Frau, 
sondern von dem männlichen Rivalen gezüchtigt wird. An die 
Heilung glauben wir allerdings nicht, erkennen aber hinter 
dem manifesten Masochismus des perversen Autors in 
seinem Unbewußten die latente Homosexualität, die stark 
verdrängte Wunschvorstellung, von den Rivalen gezüchtigt, 
d. h. koitiert zu werden. Die Verschiebung dieses Wunsches 
auf die Frau sowie das Hervortreten der masochisti sehen 
Färbung gegentiber der feminin-genitalen ist ein sekundärer 



2l6 



Masodüsiiius und latt-nle llomüsexualitiil 



Vorgang. Es mag sich also so verhalten, daß bei der Über- 
windung des' primären Ödipuskomplexes die Folge des 
Gewissenskonfliktes, das Strafbedürfnis, zunächst in jedem Falle 
durch Erotisierung -^ d: h. durch Identifizierung mit der 
Mutter — zu einem passiv-homosexuellen Wunsch zum Vater 
führt. Dies ist ja die Grundlage des umgekehrten Ödipus- 
komplexes. Wird diese feminine Einstellung übermäßig stark, 
so ist die Bedingung zu pathologischen Vorgängen gegeben. 
Einer dieser pathologischen Ausgänge ist die passive Homo- 
sexualität, wenn sich das Ich zu der femininen Rolle bekennt. 
In anderen- Fällen bleibt ;die passiv-homosexuelle Tendenz 
unbewußt und die passive Bestrebung wird vom Vater weiter 
auf die Mutter verschoben. Die masochistische Perversion wäre 
dann eine Erledigungsform der unbewußten passiv-homo- 
sexuellen Strebungen, die^ bei der Überwindung des Ödipus- 
komplexes entstehen. Warum in manchen Fällen die passiv- 
homosexueUe Bestrebung bewußt und behalten wjrd, in anderen 
wieder das weitere Schicksal der. Verwandlung in Masochismus 
erfährt, läßt: sich vorläufig nicht voUgühig beantworten. Zwei 
Faktoren, habe ich bereits angedeutet. Der eine wäre die über- 
starke. Angst; vor dem Vater und der andere die Schuldgefühle 
gegenüber der Mutter, die aus der femininen Bindung zum 
Vatjer entstehen. Diese Schuldgefühle verursachen den Zufluß 
neuer, gegen sich selbst gewendeter Destruktionstendenzen, 
die zu den genital-femininen Bestrebungen hinzukommen und 
der Objektbindung von neuem die masochistische Färbung 
verleihen. Wurde ^der introvertierte Todestrieb bei der Bildung 
der homosexueilen: Bestrebungen zum Vater durch Identifi- 
zierung mit .der, Mutter erotisiert und so von, der maso- 
chistischen,,zu der genitalen Stufe erhoben,, so geht durch den 
neuerlichen Zufluß van destruktiven vTendeiizen — die aus 



Empirische Bestätigung der Tlieorie des Masodiismus 



217 



Schuldgefühlen gegenüber der Mutter entstehen ^ — die genitale 
Färbung wieder verloren. Das Strafbedürfnis gegenüber der 
Mutter wird : durch die masochistische Rolle bei Frauen 
befriedigt. Die passive Homosexualität befriedigt das Straf- 
bedürfnis gegenüber dem Vater und ihre abgewandelte Form, der 
Masochismus, das Straf bedürfnis beiden Eltern gegen- 
über. In der passiven Homosexualität ist der Todestrieb 
vollständiger erotisiert als in dem Masochismus. Der letztere 
entstand ja dadurch, daß sich neue Mengen von Todestrieb 
gegen das Ich gewendet haben, 

An einem Falle von Masochismus konnte ich manche 
Beobachtungen machen, die für die Richtigkeit dieser 
Konstruktion sprechen. Die ersten niasochisti sehen Wünsche 
als Vorläufer der späteren Beziehungen zu Frauen richteten 
sich bei diesem Patienten in der frühen Kindheit gegen 
männliche Spielgenossen. Die allerfrühesten erinnerten sinn- 
lichenErregungen waren jedochnochohnedeutlichemasochistische 
Färbung. Der Patient legte sich als fünf- bis sechsjähriges Kind 
auf den Bauch und verlangte, daß seine gleichaltrigen Spiel- 
genossen sich auf seinen Rücken drauflegten. Die Darstellung 
des Goitus a tergo. Die Lust bestand hier nur in der Emp- 
findung des Gedrücktwerdens. Das ganze Spiel hat noch viel 
mehr einen passiv-homosexuellen als masochistischen Charakter. 
Erst später als die sinnlichen Bestrebungen allmählieh auf das 
andere. Gesclilecht übertragen wurden, kam immer deutUcher 
die masochistische Färbung zum Vorschein. Eine klare 
Bestätigung, daß der spätere Masochismus aus passiv-homor 
sexuellen Tendenzen durch Verschiebung auf die Frau und 
durch Zufluß von neuerlichen destruktiven Komponenten 
entstanden ist/Die passive Homosexualität entsteht im Sinne 
dieser Auffassung aus der. ausgiebigen Er.otisierung; .t-\ bis. zur 



•r 



218 



Der (lewinn ans der Tricblelire 



feminin-genitalen Stufe — der masochistischen Einstellung zum 
Vater, und die masochistische Perversion daraus, daß die 
passive Homosexualität durch Zufluß neuer destruktiver 
Tendenzen den genitalen Charakter wieder verliert. 

Meine Damen und Herren! Sie sehen, daß die Einführung 
der beiden Triebqualitäten uns interessante neue Gesichts- 
punkte für das Verständnis der Krankheit überhaupt, und 
besonders der Neurosen- und Perversionbüdung bietet. Ich 
fürchte aber, daß Sie bei der großen Anzahl der Einzel- 
tatsachen und einzelnen Annahmen, die wir bezüglich der Triebe 
qualitäten angeführt haben, die Übersicht in diesem schwierigen 
und neuen Gebiet verlieren werden. Ich möchte das Bedürfnis 
nach einem zusammenfassenden Rückblick dazu benützen, zum 
Schluß die Vorstellungen von Freud über die Rolle der 
beiden Grundtriebe in den Lebens vorgangen zusammenhängend 
darzustellen. Diese Aufgabe ist deshalb nicht leicht, weil 
Freud seine diesbezüglichen Ideen seit dem Erscheinen des 
Jenseits des Lustprinzips" weiter entwickelt, jedoch nur 
zerstreut geäußert hat. Ich möchte aus diesen zerstreuten 
Äußerungen von Freud ein zusammenhängendes Bild über 
das Verhältnis der beiden Triebarten zueinander zu entwerfen 
versuchen. Ich hoffe mit diesem Versuch, selbst wenn er 
unvollständig bliebe, einen guten Dienst zu leisten : das 
Verständnis der äußerst konzentrierten Bemerkungen von 
I* r e u d über Triebraischungen und -entmischungen zu fördern. 
Mit Hilfe dieser Vorstellungen werden wir wenigstens 
annähernd die Mischungsverhältnisse der beiden Triebe bei 
den verschiedenen Neurosenformen angeben können. 
■ Mit der Vervollständigung unserer Erkenntnisse und Begriffe 
über die Triebmischungen sind wir am besten Wege, zu einem 
neuen Zweig unserer Psychologie zu gelangen, der eine große, 



Anfänge einer quantitativen Psydiologic 



219 



vielleicht nicht nur formale Ähnlichkeit zu der physikalischen 
Chemie verrät. Wir werden die große Mannigfaltigkeit der 
seelischen Phänomene aus den quantitativen Mischungs- 
und Richtungsverhältnissen der beiden Grundtriebe ableiten 
können. 



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NEUNTE VORLESUNG 

Die Triebgi-uncllagen der Neurosen 

|eine Damen und Herren! Freud nimmt an, daß die 
dynamische Grundlage aller Lebensvorgänge zwei elemen- 
tare Triebe bilden: der Eros (Lebenstrieb) und der Destruk- 
tionstrieb (Todestrieb). Sie sind antagonistisch gerichtet: während 
der Eros biologische Einheiten zu höheren Systemen zu ver- 
einigen trachtet, wirkt der Todestrieb in der entgegengesetzten 
Richtung, indem er biologische Einheiten zerspaltet. Eine der 
elementarsten Äußerungen der beiden Triebarten wäre der 
Stoffwechselvorgang mit seinen gleichzeitigen anabolischen und 
katabolischen Prozessen. Während des Wachstums sind die 
anabolischen Prozesse im Übergewicht (in der ersten Lebens- 
periode überwiegt die Wirkung des Eros), in den mitüeren 
Jahren halten die beiden Triebe das Gleichgewicht, die Periode 
des Alterns steht im Zeichen des Todestriebes. 

Freud erklärt die Entstehung eines komplizierten mehr- 
zelligen Systems aus der teilweise erfolgten Ablenkung des 
Todestriebes nach außen. Damit wird seine zerstörende 
Wirkung vom eigenen System nach der Außenwelt abge- 
wendet. Ein Rest der selbstzerstörenden Kraft bleibt jedoch im 
Organismus zurück und wird durch Eros neutralisiert, bis er 
im Alter allmähHch wieder mehr zum Vorschein kommt. 



Der Destiuküonstricb im Dienste der Idibilduäg 



221 



Diesen erotisierten, im Organismus zurückgebliebenen Rest 
des Destruktionstriebes nennt Freud primären Maso- 

c h i s m u s. ' ■ 

Der Aufbau des seelischen Apparates — der. Persönlichkeit 
— ist ebenfalls das gemeinsame Werk des Eros- und des 
Todestriebes. Auch hier spielt der Eros eine zusammenfassende 
Rolle und führt zur Bildung des Ichs, dessen am frühesten 
entstandenen Kern der primäre Narzißmus bildet. Dem Destruk- 
tionstrieb kommt — wie wir bereits gesehen haben — bei der 
Verdrängung, überliaupt bei den Triebabwehr Vorgängen, eine 
wichtige Rolle zu. Es muß aber hervorgehoben werden, daß 
nach Freuds Auffassung die beiden Triebqualitäten immer 
in gemischter Form, — ^ wenn auch in verschiedenen Verhält- 
nissen zueinander, — aber nie rein und ungemischt vorkommen. 
Bei der Persönlichkeitsbildung kommt der .Destruktionstrieb 
am klarsten in der Bildung des Über-Ichs zum Ausdruck. Seine 
Wirkung innerhalb der Persönlichkeit ist deutlich zerspaltend. 
Gerade durch die Verdrängung vi'ird die Persönlichkeit in 
zwei Teile gespalten, indem der Destruktionstrieb sich gegen 
das Es wendet und manche Tendenzen des letzteren so wie 
einen äußeren Feind behandelt und einen Teil der Es-Ten- 
denzen aus dem Ich ausschließt. Damit trägt er aber zu der Einheit 
des Ichs bei, dem auf diese Weise alle fremden Impulse fern- 
gehalten werden. Er wird in der Persönlichkeitsbildung ähn- 
lich benützt, wie die Soldaten gegen den Feind verwendet 
werden. Während das Solidaritätsgefühl die Mitglieder einer 
Nation zu einer Einheit verbindet, wird die Aggression der 
Bewohner als Schutz sowohl gegen den äußeren Feind -- als 
Militär — wie gegen die inneren aufrührerischen Elemente — als 
Pohzei und Gesetzgebung ~ zur Aufrechterhaltung der Staats- 
ordnung verwendet. In ganz ähnlicher Weise wird ein Teil des 



222 Die beiden Grimdtriebe und die Persönlidikcitsbildung 



Destruktionstriebes in dem Einzelindividuum gegen die Außen- 
welt gelenict und ein anderer Teil in der Form von Trieb- 
abwehr gegen ichfeindliche Regungen nach innen, gegen das 
eigene Es gewendet. In jedem Fall zerstört seine innere Verwen- 
dung die Einheit der gesamten Persönlichkeit, schützt 
aber die Einheit des Ichs. Die Bildung eines einheitlichen Ichs ist 
also sowohl an die zusammenfassende Wirkung des Eros wie 
auch an die Schutzwirkung des Todestriebes geknüpft, die 
sich ebenso gegen das Es wie gegen die Außenwelt richtet. 
Die Spaltung der Persönlichkeit als Wirkung des Todestriebes 
erreicht aber erst in den Neurosen einen pathologischen Maß- 
stab, In den Neurosen kommt der sadistische Zug des Über- 
Ichs am deutlichsten zum Ausdruck, wenn er auch — abge- 
sehen von den extremen Fällen des Selbstmordes — durch 
erotische Beimischung gemildert wird. Bei den Normalen sehen 
wir diesen nach innen verwendeten Destruktionstrieb in einer 
optimalen Mischung mit Eros. Das Über-Ich wird durch diese 
erotische Besetzung in die Einheit des Ichs aufgenommen und 
von seinem in den Neurosen so auffaUenden Sonderdasein ist 
nichts zu merken. 

Im Laufe der individuellen Entwicklung, nach der Sättigung 
des seelischen Systems mit narzißtisch verwendetem Eros, 
wird dieser nach außen gewendet und führt zur Herstellung 
höherer Einheiten. Zunächst werden in der Form der genitalen 
Sexualität die beiden Geschlechter im Zeugungsakt vereinigt. 
In seinen sublimierten Formen führt der Eros zur Familien- 
und dann zur Gesellschaftsbildung. ■ ■ - 

Doch noch früher — noch vor der Wendung des Eros nach 
außen — erfolgt die Wendung des Destruktionstriebes nach 
außen, wodurch die vereinigende, aufbauende Wirkung des 
Eros innerhalb des seelischen Apparates erleichtert wird, da 



Entwidiluiigsgesdiithte der beiden Triebe 223 



dieser nach der partiellen Ablenkung des Todestriebes nach 
außen nur noch gegen ein vermindertes Quantum von Todes- 
trieb zu kämpfen hat. In diesem Stadium, welches der ersten 
Periode des Narzißmus entspricht, liebt das Individuum haupt- 
sächhch sich selbst allein und haßt die gesamte Außenwelt. j 

Allerdings gilt dieses schematische Bild nur in der aUergröbsten 
Annäherung. Schon sehr frühzeitig erfolgt in schwachen 
Strömen die Wendung des Eros nach Außen und seine Mischung 
mit dem nach Außen gelenkten Todestrieb. Selbst in der 
primitivsten Form der Objektbeziehung, in der oral-sadistischen 
Beziehung zur Mutter, ist bereits die erotische Beimischung 
vorhanden. Von dieser frühesten Phase entwickelt sich das 
Kind zunächst über die von Abraham entdeckte erste 
Phase des Anal-Sadismus mit allmählicher Zunahme der 
erotischen Beimischung zu der zweiten Phase des Anal- 
Sadismus, bei der die zerstörende Tendenz des Todestriebes 
bereits durch eine starke erotische Komponente mit konser- 
vierender Tendenz neutralisiert ist. In dieser zweiten Phase 
des Sadismus wird das Objekt nicht mehr zerstört, sondern 
nur beherrscht und ausgenützt. Vielleicht entspricht diese Phase 
derjenigen in der sozialen Entwicklung, in der das fremde 
besiegte Volk nicht mehr vernichtet, sondern nur versklavt — 
oder noch später — kolonisiert wird. ■ ". •■ ■■ 

Erst in der Genitalität überwiegt die Wirkung des Eros 
und steht im Dienste der Fortpflanzung, wobei aber dem 
Destruktionstrieb, besonders in der männlich-aktiv gerichteten 
Genitalität, bei der Besitzergreifung des Weibchens eine 
wichtige Rolle zukommt. Es scheint sogar, daß es auch innerhalb 
der genitalen Stufe je nach dem IVIischungs Verhältnis der bei- 
den Triebarten — also ganz ähnlich wie in der anal-sadistischen 
Stufe — zwei verschiedene Perioden gibt; die Geschlechts- 



^^J^!^^^t^^:^^^_dcrGriindtnchG 



beziehung entwickelt sich „.t .n,„e. .unel,.„ender Beteil.. 
^ng der erofschen Kon,po„ente von dem Kamp, d 
Geschlechter zur Verliebtheit • 

der'^A jr ^""'"-■■-^ d- Geschlechtstriebes besteht in 

Se^sSt.x.n^rr'^— ™"^-^'- 

%e der FamilienbilZp. T ^°"P°"^"'^ '^' ^ie Gruad- 
Hasses ..e,en d „ ^ te .' d T' n" ""' ^^"'-''-™n.' des 
Überwindung de ödh 1 ", '""' ''"''^^"S- ''^''^"" die 

GesellschaftslildirOie dZ "r- ""V"^ "■^"=" S-^""" -'■ 
Vater auf die Bruder^eselt TT * ^"'^ """*^ ^P*'-" ™'" 
Staatsbildung Wenn au ' "'"''""' ""' '"'"■' ^° -■ 

der GesellscLlrunT ie^e Beirr' '^^ '^--'™'-^-.e 
können wir sagen daß di! ' K '^''''"P'™«^ "'^^t viel bedeutet, 
^-r akrosL:.^^;.^^^^^^^^^^^^^ 

d.e Bildung größerer Staatseinheiten njl ^="-'ß>»us - und 
Staaten die Zukunftsaufgabe j *"'"'':='■ ^ """-«" verein.gten 

Diese Schilderung der Tr.VK '^'' 

schön, utn wahr .u sem Ü^Jy' ''"' '^' ■^''«- '^^ ^ 
Entwicklung entstehen bei jeder' t" ,'". *''"' P"«''«^^'™" 
mehrere Einheiten: bei iede, c " ' ™"^ *^ '^™^ ^"^ 
stammt von der bei ieder s'br "'™"'- '''' ^'^"'"' 

entmischung, und .wa t/l "bTJ T''''''" ^"''^ 
werdenden Todestrieb n, H m E««"schung frei- 

einer nicht übenvund n ■ ü' ^^"«^»^Idung der Erfolg 

Punkt Z ZZ Tl ^"^^"'"■'■-l-"»- -t, verdient d.ese: 

können chTeXrr™"" , ^^ ^''^ ^*" -■■''-■ 
Kla^.ni, ( '^ ''°^'''^™ Revolution und des 

Klassenkampfes aus diesen Überlegungen manches lernen 

der;^"^^'""''"'""""" -'"^ ™™ -ehschen Appa :■ hei 
der Uberwmdung der Odipussituation erfordert.- UnLsuch« 
wn- d.e Entstehung des Ödipuskomplexes von dem St ndp n" 



der Lehre Freuds von den beiden Triebqualitäten. Da wir 
im Laufe dieser Vorlesungen schon öfters veranlaßt waren, 

— zum erstenmal bei der Untersuchung der Zwangsneurose, 

— den Ödipuskomplex von diesem Gesichtspunkte aus zu 
betrachten, genügt jetzt eine zusammenhängende Darstellung. 

Der von dem primären Narzißmus abgespaltene und nach 
außen gewendete Eros beteiligt sich in den geschilderten 
Etappen der Triebentwicklung in dem Oral-Sadismus und in 
den beiden Phasen des Anal-Sadismus in immer zunehmenden 
Mengen, um endlich in den genitalen Bestrebungen, deren 
erstes Objekt die Mutter ist, einen maximalen Beteiligungsgrad 
zu erreichen. Die übrige Außenwelt, also der Vater, die 
Geschwister, sind in dieser Zeit noch hauptsächlich die Objekte 
des ursprünglich nach außen gewendeten Destruktionstriebes. 
In dieser Periode wird der größte Teil des nach außen ver- 
fügbaren Eros von der Mutter in Anspruch genommen. 
Der Vater wird noch gehaßt. Die zur Neutralisierung des 
Vaterbasses notwendige Menge von Erostrieb wird aus den 
sinnlich genitalen Bestrebungen zur Mutter entnommen, indem 
diese desexualisiert, oder anders gesagt, zu einer zärtlichen 
Bindung sublimiert werden. Wie wir schon früher ei-wähnt 
haben, bedeutet die Sublimierung eine Intensitätsabnahme, 
eine Verdünnung der erotischen Komponente, da mit der- 
selben Menge Libido jetzt nicht nur die Mutter allein, sondern 
Vater und Mutter zusammen zärthch gehebt werden. Bei dieser 
Intensitätsabnahme muß aber ein Quantum des Todestriebes, 
welches in der sinnlich-genitalen Beziehung neutralisiert war, 
freiwerden. In der genitalen Sexualbestrebung sind beide 
Triebqualitäten in einer besonders hohen Konzentration vor- 
handen und die Entziehung von Eros aus dieser höchst 
explosiven Mischung führt zum plötzlichen Freiwerden von 



1 



226 Der Ödipuskomplex im Lidite der Trieblehre ' 

nacktem Destruktionstrieb. Die Unterbringung dieses frei- m 
werdenden Quantums des Destruktionstriebes ist das Problem, 
dessen Lösung im Leben des heutigen Kulturmenschen die I 

allerschwierigste Aufgabe bedeutet. Das freigewordene Quan- 
tum des Destruktionstriebes kann schwerlich ohne erotische 
Mischung weiterhin gegen die Außenwelt gewendet bleiben. 
Indem er zunächst zu den ursprünglich nach außen gewendeten , 

Aggressionen hinzukommt, die sich in dieser Zeit hauptsächlich j 

gegen den Vater richten, wird die negative Einstellung zum 
Vater verschärft. Die unlustvollen Erfahrungen, die bei der 
Befriedigung der Haßtendenzen gegen die Objekte der Außen- 
welt, in der Form der Gegenaggression der angegriffenen 
Personen gemacht werden, führen zur Angst und in der Folge 
zur Rückwendung des Destruktionstriebes gegen das eigene 
Selbst. Ein Teil des bei der Sublimierung freiwerdenden 
Destruktionstriebes kann allerdings weiterhin nach außen 
gewendet bleiben und auf andere weniger gefährliche Objekte, 
wie der Vater ist, z. B. auf leblose Gegenstände, abgeführt 
und durch die neuerliche Beimischung von sublimiertem 
Eros wieder neutralisiert werden. So entstehen der sadistisch 
gefärbte Forschungstrieb des Kindes, seine aggressiv gefärbten 
Spiele usw. Aber selbst in der normalen Entwicklung wird ein 
Teil des bei der Desexualisierung der Inzestbestrebungen frei- 
werdenden Destruktionstriebes in der Form morahscher Trieb- 
hemmungen (Über-Ich-Bildung) gegen das Triebleben gerichtet. 
Es scheint, daß die spätere Entwicklung des Kindes haupt- 
sächlich in dieser Zeit der Über-Ich-Bildung entschieden wird. 
Wird der Destruktionstrieb in einer übermäßigen Menge nach 
innen gewendet, verschiebt sich das Verhältnis zwischen den 
weiterhin nach außen gewendeten und den nach ihnen gewen- 
deten destruktiven Tendenzen, sehr zu Ungunsten der ersteren, 



Theorie der Systembildung 



227 



SO ist die Neurosenbildung unausweichbar. Die Folgen der 
übermäßigen Wendung nach innen kennen wir schon als 
übermäßige Trieb ein schränkungen, deren Resultat das neu- 
rotische Symptom ist. Allerdings erfolgt auch in der normalen 
Entwicklung immer eine gewisse Rückwendung des Todes- 
triebes gegen das Es und erscheint als Verdrängungsaufwand. 
Es ist aber klar: ]e melir von dem Destruktionstrieb 
weiterhin nach außen gewendet bleiben kann, indem er durch 
erotische Neutrahsierung zur Aktivität veredelt wird, um so 
mehr wii'd der Bestand des Ichs vor dem Zurückfluten des 
Destruktionstriebes geschützt und um so weniger müssen 
erotische Tendenzen zur Neutrahsierung von der Außenwelt 
eingezogen werden. Das Individuum wird weniger narzißtisch 
und mehr expansiv. - ■ 

Wie dem auch sei, es scheint, daß bei jeder Systembildung 
die Rückwendun§^ des Todestriebes gegen das frühere System, 
welches in eine höhere Einheit aufgenommen werden soll, 
unvermeidbar ist. So erfolgt z. B. auch die Entwicklung 
des Es zum Ich dadurch, daß ein Quantum Todestrieb in der 
Form von Verdrängung als Schutz gegen gewisse Es- 
Tendenzen gewendet wird. So entsteht ein einheitlicher 
Teil der Persönlichkeit — das Ich — auf Kosten der Ab- 
spaltung eines anderen Teils — des Es. Und ebenso wird 
der primäre Narzißmus von dem sekundären dadurch abge- 
löst, daß die Kritik des Ichideals sich gegen die primär- 
narzißtischen Tendenzen wendet und diese verurteilt. Und 
ähnlicherweise wendet sich bei jeder Objektbeziehung ein 
Quantum Todestrieb gegen das Ich in der Form von Ein- 
schränkungen, Opfern, welche das Ich zugunsten des Objektes 
bringt. So erfordert auch die Staatsbildung das Aufgeben 
von privaten und FamiHen-Interessen zugunsten der Allgemein- 

1^* 



228 Der Destruktionstrieb im Dienste der Entwitklung 

heit. Alle diese Einschränkungen der Interessen einer nie- 
drigeren Stufe zugunsten einer höheren können also nur mit 
Mithilfe des Todestriebes erreicht werden. So entsteht der 
Konflikt zwischen Individuum und Rasse, zwischen Famihe 
und Kaste, zwischen Kaste und Staat. Die Überwindung einer 
Tendenz kann anscheinend nur mit Hilfe von Gegenbesetzungen 
erzwungen werden, wie z. B. die koprophilen Tendenzen 
durch Ekel, der Haß durch Mitleid, die Exhibition durch 
Scham, der Narzißmus durch Selbstkritik überwunden werden. 
Und so kann ein durch Eros zusammengehaltenes System, 
wie z. B. der Narzißmus, zugunsten eines höheren S5'Stems 
nur durch die Rückwendung des Todestriebes aufgegeben 
werden. Wird aber jede Systembildung erst dadurch möglich, 
daß die destruktiven Tendenzen nach außen gelenkt werden, 
so kann die Überwindung eines bereits gebildeten, aber schon 
veralteten Systems nur dadurch erfolgen, daß der Vorgang 
der Ablenkung des Todestriebes zum Teil rückgängig 
gemacht wird und dieser sich wieder gegen das auf- 
zugebende System wendet und das letztere teilweise wieder 
zerstört. Etwas Irrationales kommt dadurch in die Ent- 
wicklung herein. Wenn jede Entwicklung tatsächlich nur 
auf der Zerstörung der früheren Etappen beruhen würde, 
könnte nur von einen Hin- und Herpendeln, doch nie von 
einer Progression die Rede sein. Es ist also klar, — die 
Neurosenbildung ist das beste Beispiel dafür: — je weniger 
die Überwindung einer niedrigeren Stufe durch die Rück- 
wendung des Todestriebes und je mehr sie durch ein spontanes 
Herausströmen von Eros erfolgt, um so sicherer werden die 
Grundlagen der neuen Systembildung sein. Die Melancholie ist 
das beste Beispiel dafür, auf welch vulkanischem Boden solche 
Objektbeziehungen aufgebaut sind, die durch die übermäßige 



Geführlidikeit des Todestriebes hei der Systembildung 229 

Wendung des Todestriebes gegen das Selbst erzwungen 
wurden, wie wenig standhaft solche Objektbeziehungen sind, 
die auf starken Schuldgefühlen beruhen. Schon geringe Stö- 
rungen solcher Objektbeziehungen bewirken ein rapides 
Zurückströmen von Eros und der alte narzißtische Zustand 
wird zurückerobert. Die Überwindung des Narzißmus war ja 
gar nicht echt. Sie beruhte auf einem Terror des Über-Ichs. 

Diese Einsichten mögen auch als Antwort an die Verkünder 
der sozialen Revolution und des Klassenkampfes dienen. Die 
diktatorische Überwindung eines primitiven Zustandes enthält 
immer die Gefahren der Regression zu dem früheren Zustand. 
Die Erkenntnis der Dynamik der Triebentwicklung und der 
psychologischen und biologischen Systembildungen wird die 
Grundlage für die künftige Theorie der Gesellschaftsbildung 
werden. Eine Lehre können wir aber schon jetzt aus diesen 
Einsichten ziehen. Je weniger der Todestrieb zur Überwindung 
des bisherigen Systems benützt wird, auf um so sicherer Grund- 
lage wird das neue erweiterte System beruhen. Die Über- 
windung des Klassenstaates zu einem demokratischen soll nicht 
durch Rückwendung des Todestriebes gegen das zu über- 
windende System, sondern hauptsächHch durch Erweiterung 
der vereinigenden Tendenzen des Eros erreicht werden. 

Das Ergebnis dieser Überlegungen ist, daß der Todestrieb 
selbst in seiner Rückwendung gegen bestehende Systeme in 
den Dienst der Entwicklung gestellt wird, indem er die Über- 
windung primitiver zugunsten höherer Systeme fördert. Seine 
Wirkung kann insofern gefährlich werden, als er das zu über- 
windende System — wenn seine Rückwirkung übermäßig stark 
ist — nur zu leicht zerstören kann. Das konservierende Prinzip 
der Entwicklung besteht aber gerade darin, daß die früheren 
Systeme in den späteren aufgehen. Je mehr von dem früheren 



230 Vorziiße des konservativen EntwkWungsprinzips 

System gerettet und in einer modifizierten Form in das neue 
System übernommen werden kann, um so fester sind die 
Grundlagen des neuen Systems. Es scheint also, daß zwar 
eine Ausdehnung von erotischen Bindungen auf neue Objekte 
nur unter dem Druck der Realität — den innerhalb des 
Systems der zurückgewendete Todestrieb vertritt — erzwungen 
werden kann, die optimalen Entwicklungsbedingungen jedoch 
dann gegeben sind, wenn die Rolle des Todestriebes auf ein 
Minimum beschränkt bleibt. Dies kann dann der Fall sein, 
wenn die Trägheit der erotischen Bindungen nicht allzu groß 
ist, oder anders gesagt, wenn die Plastizität, die expansive Kraft 
der erotischen Tendenzen hoch ist. 

Meine Damen und Herren! Sie sehen, daß wenn wir die neu- 
rotischen Erkrankungen von diesem Gesichtspunkte aus betrach- 
ten, wir zum selben Ergebnis gelangen, zu dem uns auch die 
rein dynamischen Betrachtungen geführt haben, nämlich daß 
die Triebentwicklung bei den Neurotischen gerade auf über- 
mäßig drastischen Triebeinschränkungen beruht. Dies bedeutet 
soviel, daß die primitiven Organisationen nicht mit einer konser- 
vierenden Beibehaltung aller brauchbaren Elemente und nur 
mit der nötigen Modifizierung der unbrauchbaren in die 
nachfolgenden Organisationsstufen hinübergeleitet, sondern 
en bloc verdrängt werden. So bleibt die frühere Stufe 
ein ewig drohender Feind für die spätere, deren Existenz 
nur durch die Ausgiebigkeit des Verdrängungsaufwandes 
garantiert wird. Die destruktiven Tendenzen, die in ihrer 
Wendung nach außen dazu dienen sollten, um den Widerstand 
der Reahtät gegen die eigenen Triebansprüche zu überwinden, 
werden hauptsächlich gegen den inneren Feind verbraucht. So 
gleicht die neurotische Psyche einem Staate, in dem die 
gesamten Streiticräfte zur Niederhaltung der inneren revo- 



Das negative Entwitfclungsprinzip in der Neurose 



231 



lutionären Elemente verwendet werden, womit der Staat in 
außenpolitischer Beziehung aktionsunfähig wird. 

Von dem Standpunkte der Trieblehre betrachtet, ist die 
Grundlage der Neurosenbildung die übermäßige Verwendung 
des negativen Entwicklungsprinzips, nämlich 
der Rückwendung des Todestriebes. Die Neurose bricht in 
dem Augenblick aus, in dem diese übermäßigen Triebeinschrün- 
kungen zu Reaktionsbildungen führen, in dem das auf Terror 
aufgebaute System durch eine Revolution erschüttert wird. 
Dieser Durchbruch der eingeschränkten Triebe, den wir in 
dem ersten Teil unserer Untersuchungen bereits gründlich 
studiert haben, ist als ein Heilversuch gegenüber der zerstörenden 
Wirkung des Todestriebes aufzufassen, der nun nicht mehr 
im Dienste der Entwicklung steht, sondern die Existenz des 
gesamten Systems gefährdet. Die verschiedenen Neurosenformen 
sind also verschieden geartete Verzweiflungsakte, — Versuche, 
— um den nach innen gewendeten Todestrieb zu binden. Die 
Verschiedenheit der einzelnen Krankheitsbilder ergibt sich 
erstens aus den zu bindenden Quantitäten des Todestriebes und 
zweitens aus den verschiedenen eingeschränkten Organisations- 
stufen, von denen der Durchbruch der verdrängten Tendenzen 
erfolgt. Bei der Konversionshysterie gelingt eine solche Ncutrali- 
sierung des Todestriebes, wie sie der genitalen Stufe entspricht. 
Dies beweist, daß die frühere Entwicklung bis zu der genitalen 
Stufe relativ normal erfolgt war, nur die Überwindung der 
genital gefärbten Inzestbindung geschah durch übermäßige Ver- 
drängungsleistungen. Der zwangsneurotische Symptomkomplex 
entspricht einer anal-sadistischen Triebmischung, in der der Todes- 
trieb überwiegt. Dem Zwangneurotischen gelang also nicht 
einmal die normale Überwindung der anal-sadistischen Stufe, 
ihre scheinbare Überwindung beruhte nur auf Gewalt. Wenn 



!Z$2 Die einzelnen Neurosen im Liebte der Trieblehre 

die äußere Versagung zu einer neuen Rückwendung vom 
Todestrieb führt, fallen die auf schwachen Füßen stehenden 
Resultate der Entwicklung zusammen, und die reaktive Revo- 
lution bedeutet eine Rückkehr zu dem Punkte, an dem die 
pathologische Entwicklung einsetzte. Dasselbe gilt für die 
manisch-depressive Neurose, nur daß hier die Bindung des 
Todestriebes noch weniger geHngt. Sie entspricht jener früh- 
infantilen oral-sadistischen Stufe, in der die aggressiven 
Tendenzen kaum noch mit erotischen Beimengungen gemischt 
sind. Je tiefer die neurotische Regression ist, um so nackter 
ti-itt der Todestrieb in Erscheinung. Es ist dies nicht anders 
zu erwarten, da die ganze Triebentwicklung in der allmähhch 
immer stärker werdenden Erotisierung des Todestriebes 
besteht. 

Die tiefsten Regressionen, die bei den schizophrenen End- 
zuständen zu beobachten sind, lassen sich heute kaum noch 
mit Hilfe der Trieblehre beschreiben. Es scheint, daß die Trieb- 
mischung, die in den schizophrenen Zuständen entsteht, einer 
ims noch unbekannten pränatalen Organisationsstufe der beiden 
Triebe entspricht. Es mag sich um eine äußerst innige und 
vollständige Triebmischung handeln, in der die beiden Trieb- 
qualitäten ebenbürtig, etwa wie in der genitalen Mischung ent- 
halten sind. Der grundlegende Unterschied dieser Trieborgani- 
sation zu allen übrigen besteht darin, daß in ihr die beiden 
Triebe noch in keinerlei Beziehungen zur Außenwelt stehen. 
Es Hegt die Annahme sehr nahe, daß nach der Geburt eine 
plötzliche Wendung des Todestriebes gegen die Außenwelt 
erfolgt, wodurch der Erostrieb gänzlich ungestört zu inneren 
Aufgaben verwendet wird. Der Sinn der ganzen Entwicklung 
von der Geburt an bestünde dann darin, daß allmählich immer 
mehr bisher narzißtisch verwendeter Eros zur Neutralisierung 



Die psychoanalytische Kur im Lidite der Tiiebiehre 233 

des nach außen gewendeten Todestriebes herangezogen wird. 
In dem pränatalen Zustand scheinen sich beide Trieb quah täten 
in einer vollständigsten Verschränkung, der Todestrieb in einem 
völligen Ruhezustand zu befinden. Aber auch die aufbauenden 
erotischen Kräfte Hefcrt noch zum größten Teil der mütterliche 
Organismus. : 

Nach dieserAuffassung wäre in der schizophrenenRegression die 
Rückwendung des Todestriebes eine so vollständige, daß zu seiner 
Neutralisierung die gesamte verfügbare Objektlibido geopfert 
werden muß, während alle anderen Neurosen eine allerdings oft 
ganz primitive Objektbeziehung autoplastisch darstellen. 

Die Perspektive, die uns Freuds Lehre von den beiden 
Grundtrieben eröffnet, erlaubt ein tieferes Verständnis des 
analytischen Pi*ozesses während der Kur. Wenn die Neurosen 
aus einer übermäßigen Introversion des Todestriebes entstanden 
sind, so muß dieser Vorgang während der Behandlung rück- 
gängig gemacht werden. Die schematische Darstellung des 
anal3'tischen Prozesses kann also zwei Hauptphasen unter- 
scheiden: die nach innen gewendeten Aggressionen müssen 
zunächst wieder gegen die Außenwelt gelenkt werden, um 
dann — dies ist die zweite Phase — durch erotische Trieb- 
quantitäten, die der narzißtischen Verwendung entzogen werden, 
neutralisiert zu werden. In dem Augenblick, wo der Todes- 
trieb sich wieder nach außen wendet, werden die zu seiner 
Bindung bisher narzißtisch verwendeten Erosmengen wieder zu 
Objektbeziehungen frei. Ihre innere Verwendung wird überflüssig. 
Dieser ganze Prozeß spielt sich in der Übertragung ab. Jede 
Kur muß also eine Periode der negativen Übertragung 
durchlaufen. Meistens bedarf es einer langen vorbereitenden 
Arbeit, bis diese Phase erreicht wird. Erst allmählich wird dann 
die negative Übertragung durch langsames Herausströmen von 



334 



Die Triebvorgänge während der Kur 



narzißtischer Libido erotisch übertönt oder wenigstens neu- 
tralisiert. Nicht zu verwechseln ist diese sekundäre positive 
Übertragung, die nach der Überwindung der negativen Phase 
entsteht, mit jener primären positiven Übertragung, die der 
Patient uns am Anfang der Behandlung als Rest seiner frei 
verfügbaren, von der Neurose verschonten Liebesfähigkeit ent- 
gegenbringt. 

Zwei psychologische Faktoren spielen bei diesen Vorgängen 
die Hauptrolle, jene infantilen Einschüchterungen, die die über- 
mäßige Rückwendung des Todestriebes veranlaßt haben, werden 
durch das Vertrauen zum Analytiker ersetzt. Der erste 
Erfolg des Vertrauens ist, daß die neurotische Angst abnimmt 
und der erste Lohn, aber gleichzeitig auch der erste Erfolg 
des Analytikers ist, daß er der Zielpunkt der sich hervor- 
wagenden Aggressionen wird. Erst jetzt setzen die ersten 
starken bewußten Schuldgefühle ein, als der Patient den 
Analytiker, dem er seine ersten Erleichterungen verdankt, zu 
hassen wagt. Gleichzeitig entsteht eine Stauung von narziß- 
tischer Libido, die keine innere Verwendung findet. Unter dem 
Druck der Schuldgefühle und der Libidostauung erfolgt dann 
das Herausströmen von Eros und die Bindung des Todes- 
triebes. 

Der Erfolg einer Analyse ist also erst dann gesichert, wenn 
es gelungen ist, den Todestrieb herauszulocken und gegen uns 
sich wenden zu lassen. Damit ist die Analyse aber noch nicht 
beendigt, wenn auch manche Kuren schon an diesem Punkte 
scheitern. Gelingt die Bindung dieser nach außen gewendeten 
Aggressionen durch Eros nicht, so kann zwar eine an diesem 
Punkt abgebrochene Analyse — der Patient trennt sich mit 
negativen Gefühlen vom Arzt — eine vorübergehende Er- 
leichterung verschaffen, beendigt ist sie jedoch nicht. Die nicht 



Die Gewissensangst wird unabhängig von der Realangst 



235 



erotisierten, nach außen gewendeten Aggressionen können nur 
ein Schicksal haben: früher oder später erfolgt wieder ihre 
Rückwendung gegen das eigene Selbst. Der seelische Apparat 
des Menschen ist kein selbständiges System, er ist der Teil 
eines höheren Systems der Sozietät. Der in der Sozietät 
lebende Mensch kann auf die Dauer nicht auf dem Standpunkt 
des Hassens beharren. Und glauben Sie nicht, daß diese 
Rückwendung des Hasses gegen sich Selbst, die die Grund- 
lage jeder seelischen Erkrankung bildet, nur unter dem Druck 
der Realität erfolgen kann, sie erfolgt auch ohne jede Re- 
pressalie der Außenwelt unter der Last des Gewissens. Das 
Gewissen ist jene Macht in der Persönlichkeit, die den 
Menschen über das Individuelle hinaus in das höhere System, 
in die Gesellschaft hineinzwingt. 

Die Gewissensangst ist aus der Realangst entstanden, sie 
ist aber von ihr unabhängig geworden. Wenn der Kapitän 
eines sinkenden Schiffes zuerst das Leben der Insassen rettet 
und als letzter untergeht, so beweist er, daß sein Gewissen 
eine größere Macht geworden ist, als die Angst vor dem Tode. 



Register 



Abraham 75, 176, 225 

Aichhom, A. 15, 167, 171 

Aggression; in der psa. Kur 254, u. 
Angst 109 

Ambivalenzkonflikt 112 

Analytiker; als Über-Ich 90: Vertrauen 
zum 254 

Anal-Sadismus 231 ; beide Phasen d. 335 

Angst; u, Aggression Tog; Entstehung 
aus Haß eo6; phobische gSff, igaf; 
Projektion d. 154; vor der Realität 
147; u. Regression i48f; u. Selbst- 
bestrafiiag 149; u. Symptombildung 
141; u. Triebabwehr 5, 135; u. 
Zwang-snewrose g/ff, 152 f 

Arbeitshemmimgen, zivangsneui-otische 
104 

Ätiologie der Neurosen isSf, 166, 172, 

.. 175' ISgf: 205, 209f 

Ätiologische Formel von Freud 166, 170 
Automatische Hemmungen e8 
Autosuggestion 60 
Autounglück als Fehlhandlung 5g f 

Dedürfnisspannung; Steigerung d. 142 
Bestechlichkeit des Gewissens 7, 45ff, 

5", 100 
Breuer, J. 39, 55 
Brownsche Molekularbewegung 85 

C^asanova 71 

Darwin 21 

Destruktionstrieb; im Dienst der Ent- 
wicklung 228; u. Eros 109 ff, X95, 
230; Erotisierung d. aoi ff, 252, 254; 



u. Klassenkampf 229; n. Krankheit 
12, ig/f, 205; u. Nem-osenhildung 
200, sgi; u. Objektlibido 199; Rolle 
d. in der Bildung des Ichs 227; 
Rolle d. in der Bildung des Über- 
Ichs 221 ; Rolle im Masochismus 
2i4f; Rolle in d. Melancholie 207!; 
Kückwendung d. 2ooif, 207, aioff, 
2311, 254; u. Triebein schriinkung 
200, 227; u. Triebabwehr 221; u. 
Verdrängung 227 

Deutsch, Felix 11 

Differenzierung des seel. Apparates 175 

Disposition 166 

Dramatische Darstellung d. Neurosen 78 f 

Dynamische Neurosenformel laSf, 151, 
158, 185 

Cjuergie; bewegliche u. tonische sgf, 54 

Entropiegesetz 54f 

Entwicklung der beiden Triebe logf, 

225f 

Entwicklungsprinzip ; konservatives n. 

negatives 350 f 
Entzündung; Beziehung zum Eros 199; 

u. neurotisches Symptom 19g 
Erinnerung u. Wiederholung 7Ö 
Erröten 66 ff 
Eros; u. Destruktionstrieb logff. 235f; 

nach innen gerichtet 197, 215 
Erotisierung; des Destruktionstriebes 

200 ff, 251 f, 254 ; im erkrankten 

Organ 11, 199; des Gewissens iga; 

der Strafe 189; des Strafbedürfnisses 

131, 211 
Einziehung 81; Einschüchterung durch 

iGjf; u. Gewissen 152; u. Ich- 



i 



Register 



237 



Bildung g6; u, Latenzperiode 165; 
milde 168; u. Neurose 5G;5trenge 109, 
166, 168; u. Über-Ich-Bildung g6, 16S 

feminine Beziehung zum Vater 113, 

189, ao2, sioff 
Penichel, O. ig 
Ferenczi 11, 12, 166 
Pixierimgspunkt 142 
Freud 6ff, 10, ig, 17, ig, 2if, 29, ggf, 
62, G4, 78fr, 85, 99, 129, iggf, 
14,2, 160, i75ff, 195 

— Angstproblem 5, 49, 155, 159 ff, 

144' 154 

— Ich u. Über-Icli 6 f , 12, 20, 25 f, 59, 

42. 75, 75ff 81 f, 151, 144, 151, 

183, 221 

— letzte theorelisclie Schriften 5, 10, 

Vf, 49, 64, 129, 158, 172, 181 
■ — ■ manisch-depressive iSeurose 54, 56, 

102 

— Moral 175, 1S4 

— Neurosenätiologie, Symptombildung 

6, gf, 141, 160, 162 ff, i65ff, 170 f, 

175. 175 

— Trieblehre 11, 32, 109, 114, 173, 

185, 195, 2x8, 220 f, 225, 255; 
Todesti-ieb 177, 195, 200, 218, 220, 
25g; Masochismus 11, 129, 151, 

184, 195, 300, 221 

— Zwangsneurose Ssf, I07f, 115, i24f, 

151^5 154; Phobie igif, 154 
Probemus 177 

Geburt; Trauma der 75f, i5gf 
Geburlserlebnis; u. Kastration sangst 141 ; 

Wiederholung d. 76f 
Gegenbeselzung g6, 228 
Geheimbündnis von Über-Ich und Es 

45, 48, soff, 69, 189, 190 
Genitale Stufe 202 f; beide Phase» d. 

224; u. Charakter 176 
Gesamtpersönlichkeit; Aufteilung d, 80; 

Einheit d. 222; Psychoanalyse d. 102 
Gesundheit; Problem d. 174; u. Psychose 

74 
Gesundimgswille 60 

Gewissen; Erotisierung d. 152; Her- 
kunft d. iga; u. Über-Ich g8; unbe- 
wußtes 37; Urgesetz d. 177 

Gewissens- u. Realangst g7f, igg, 2g5 

Gewissen shemmung ig2 

Gewissenstrieb 15a 



Gleichgewichtsbestrebung in der Neu- 
rose igo 

Groddeck 1 1 

Grundmechanismen; drei d. Neurosen- 
bilditng 57, 105fr, igo, 202 

liafi; Riickwendung d. 207; Überwin- 
dung d. 206 

Hemmungen 44f; automatische 28; Ver- 
imierlichimg d. go 

Hollös 12 

Homosexualität; latente 215; u. Maso- 
chismus 2i4ff; passive 214 

Hypochondrie i25f 

Hysterie; Rolle des Ichs bei d. 66 ff; 
Rolle des Über-Ichs bei d. 66 ff; 
Mechanismus d. 57, 66if, 7gf; 105, 
150, 202; Theorie d. 69 

Ich; Anteil an der Neurosenbildung 59 fi"; 
Differenzierung d. 27, 175, 227; dop- 
pelte Abhängigkeit d. 121; Einheit 
d. 222; Entdeckung d. 14; Flucht d. 
vom Trieb 151 ; in der Kindheit 52; 
u. Hysterie 66if; u. Libido 22, 110; 
u. Phobie 151 ff; Schwäche d. 52, 
64; als einheitliches System 197; u. 
Triebleben 44; Triebabwehrrähigkeit 
d. 56; u. Über-Ich bsff, Ssff; unbe- 
wußter Teil d. 22, Sif; u. Verdrän- 
gung 25, 56; u. Zwangsneurose 86ff 
Ichbildimg und Narzißmus 80, 221, 227 
Ichent Wicklung u. Triebentwicklung gi 
Ichideal u. Über-Ich Gfiff, 3i ff 
Iclitheorie ii, Klinik 12; Widersland 

gegen d. 21 ff 
Identiiizienmg mit der Mutler 11g 
Introversion; d. Destruktionstriebes 201, 
207, 210; d. Libido 210; u. Trieb- 
entmischung 308 
Inzestverbot 146 

Jones, E. 15, 14. 140 

K.ampf der Geschlechter 224 

Kant 27 

Kastrationsangst u. Geburtserlebnis 141 ; 

u. Regression 147 f; u. Sublimierimg 

165 
Kastrationserwartung; anale Vorstufe d. 

140; u. Geburtserlebnis 141; orale 

Vorstufe d. 140 



Kategorischer Imperativ 2^ 
Koiiversionshysterie s, Hysterie 
Kopemikiis 21 
Körperbildung 55 
KÖrperiverdung der Psyche 3^ 
Kosmologie u. Psychologie 25 
Kranklieit u. Destruktionstrieb 12, 197; 

Theorie d. 11, 197?, 209 
Krankheitsgewinn ; sekundärer 61 
Krankheitsproaeß ; Entstehung d. 209 
Kriminalität 171 

Latenzperiode 1 64, 1 67, 1 75 ; u. Er- 
ziehung 165 ^ ■ 

Leibniz 156 

Leiden; in der Neurose 9, 4g, 69, 129, 
150; Rolle d. in der Religion 155; 
u. Symptombilduug 49; u. Wunsch- 
befriedigung 150 

Leidenssymptome u, Triebabfuhr xjif, 
150 

Libido; u. Ich 22; Introversion d, 210 

Libido Stauung als Ursache von Neu- 
rose 200 

Logische Gesetze u. Naturgesetze 136 

Lust — -Unlust; Nacheinander von ig8, 
140, 150 

Lustmord 195 

Manisch-depressiver Mechanismus 9 ff, 
54, ggf, 102 f, 150, 202 

Manisch-depressive Neurose ; u, Zwangs- 
neurose 105; u. Destruktionstrieb 2i4,f 

Masochismns; Entstehung d. 192; ein 
Fall von 317; femininer 113; femi- 
nine Rolle im 191; u. Homosexu- 
alität 214!; manifester 215; mora- 
lischer 184; primärer 221; u. Selbst- 
heilungsversuch i92f; als Schutz vor 
Selbstzerstcirung tgaf; u. Üher-Ich 
iigf 

Melancholie; Libidointroversion in d. 
210; Mechanismus d. 20g; Rück- 
wendung des Destruktionstriebes 
(d. Hassesi in d, 207!; Verarmung 
an Objektlibido in d. 20a 

Metapsychologie 18 

Moralische Spannung 183 

Müller-Braimschweig, C. 13 

JNarzißmus 25, 80, 82, logf; u. Ich- 
bildung 80, 221, 227; primärer u. 
sekundärer 82; Überwindimg des 228 



Neurose; Ätiologie d. igSf, 16S, i72f, 

iggf, 20g, 209f; u, Perversion an; 

Grundmechanismen d. 57, 103 ff, 

150, 202 
Neurosenbildung 5; Bedingungen d. 211 ; 

Wesen d. i44f 
Neurosenformel; dynamische 128, 151, 

158, 183 
Neurotische Angst 1511 
Neurotischer Charakter 7, 130 
Neurotische Mechanismen ; Grundschema 

d. i55f; psychologischer Inhalt d. 151 

(Jbiektbeziehung und Sclnüdgefühl 229 

Objektlibido; Vcrarmiuig an — in der 
Krankheit 197; Verarmung an — in 
der Melancholie 206 

Objektverlust;ätiologische Rolle d. 204f; 
u. Triebentmischung 205 

Odier 41 

Oedipuskomplex 111, 146; Kernkumplex 
d. Psjchoneurosen iSgf, 201 ; im 
Lichte der Trieblelire 225 ff; Über- 
windung d. 146, 224; umgekehrter 
ii2f, 199 

Opfer und Zwangszeremoniell 98 

Oral -Sadismus 225 

1 oranoia; u. Hysterie 75f; Mechanis- 
mus d. 75f, i55f; Rolle des Ichs 
bei d. 72 f; Rolle des Über-Ichs bei 
d. 72 f 

Persönlichkeit 6, 65 ff, 80, 82 ff 

Perversion; Genese 211 f; ti. Introver- 
sion 212; masochis tische 192, aigff; 
u. Neiurose 211; sadistische 213 

Philosophie; griechische 25 

Phobie 96 ff; der Erwachsenen u. der 
Kinder 154!; u. Ich gSft', 151 ff, pro- 
gressiver Charakter d. 150; u. Selhst- 
bestrafimg 151 ; u. Über- Ich 96 ff, 
152; u, Zwangsneurose 93 ff, iiif 

Phobische Angst 98 ff, 152? 

Polykrates, Ring des 150 

Prästabilierte Harmonie 136 

Projektion; d. Angst 154; d. Schuld- 
gefiUils 71 f; u. soziale Gesetze 157 

Pro] ektionsmechanismus 72 f 

Psychoanalytische Kur; Beendigung d. 
234, Wiederholung und Erkenntnis 
in d. 76; Ökonomisches Prinzip in 
d. -ji; beide Phasen d. 234; u, TYieb- 
lehre 253 



Register 



239 



Psychose u. Gesundheit 74 
Pylorospasmiis 145 

Rad6, S. 15. 152 

RatJt. O. 75f., 159, iGo, 176 
Realang^st u. Gewissensangst 57, 12S, 

152 f. =55 
Realität; psychische u. faktische 118 
Regression; u. Kastrationsangst 147?; 

Mißglücken d. 111; Tiefe ä. 174: 

zwangsneurotische iiof 
Regressionserscheiniingen wiihrend der 

Kur 75 f 
Regressionstendenz zum Intrauterin- 

zustand i7of 
Reich, W. 13 
Rcik, Th. 9, 13, 92, 159 

Sacher-Masoch 186, 215 

Sachs, H. 6b, 176 

Säiiglingsfiirsorge 172 

Saugliiigsneiu-osen 145 

Schamreaktion 67 ff 

Schiller 150 

Schilder, P. 13, 82 

Schizophrene Demenz 170 

., Endzustände 232 

Schuldgefühl; biologisches 176; Ent- 
lastimg d. diu-ch Leidenssymptome 
4P, 177; Entlastung d. durch soziale 
Handlung i76f; u. Obj ektbeziehiing 
329; Projektion d. 71 f; unbewußtes 
24ff; Verbrecher aus 159, 171 

Schwäche des Ichs 52, 64 

Selbstbestrafimgsmechanismen 6, 4g ff, 
57 ; u. Angst 149!; biologische u. 
soziale Wurzeln d. 134^; ". Phobie 
igif; und Strafe von außen 159; n. 
Zwangsneurose 96 ff 

Selbstmord luid moralischer Masochis- 
mus 184 

Selbstzerstonmgstendenz u, Masochismus 
193 f, 202 

Sexualmoral; überstrenge 164 

Simmel, E. 11 

Sokrates 25 

Spaltung der Persönlichkeit 47, 82 ff, 85, 
87 ff 

Sphinktermorol 166, 169 

Staat n. Ichstruktur 50, S^£ 

Staatsbildimg durch desexualisierte Liebe 
224 

Stärcke 140 



Stoffwechsel; Rolle der Triebe 220 

Strafbedürfnis 24ff, 182; Befriedigimg 
d. 8, is6, 129; Erotisierung d. igi. 
2 1 1 ; u. organische Krankheit 1 98 ; 
u. Symptombildung 156, i82;u.Trieb- 
befiriedigimg 129 

Straf- und Opfersysteme 157 

Strafe; als Absolution 55 ff ; doppelte 
Piuittion d. iiof; Erotisierung d. 
189; als Freibrief für Wunschbe- 
friedigung 158; als Maske fiu: Lust- 
befriedigimgi90;u.Realitätsanpassimg 
^57; Verinnerlichung d. 159 

Strafjustiz; Vergeltung in d. 135 

Strafmechanismen s. Selbstbestrafungsm. 

Straf sy st em ; neiirotisches 182; soziale 
Grundlagen d, 157 

Straßenangst; Üher-Ich bei d. ()6S; u. 
Zwangsgedanken 95 ff 

Strukturlehre u. Triebtheorie 183 

Sublimierung: u. Erziehung 163 ; u. 
Kastrationsangst 1G5; u, Symptom 48, 
162 f, 174; u. Triebentmiscliung 224 

Symptom; neurotisches und Entzün- 
dungsprozeß 199 ; u. Sublimierung 
48, i62f, 174 

S jTnptombildiuig ; Gnmdmechanismus 
d. 8, 55; als Heilungsvorgang 199; 
11. Leiden 49; Theorie d. 156, 
182; u. Strafbedürfnis 156, 182; u. 
Triebeinschränkung 158, 161 

Tannhäuser-Motiv 177 

Tausk 82, 170 

Todestrieb s. Destruktionstrieb 

Trägheitsprinzip, Freud-Breuersches 55 

TraiisvestitisOTUS 186 ff 

Trauma; biologisches 141, 145, 172 ; 
d, Geburt 75 f, i6o; physikalisches 
145; soziales 145, 172 

Traumatische Situation 142 

Traumpaare 7, 55 

Traumzensur 81 

Triebabwehr 32, 56; u. Angst 5, 153; 
u, Destruktions trieb 221; Mechanis- 
men d. 144 

Triebarten: Verhältnis d. beiden 218 

Triebe; Entwicklung d, 225; als Gefahr- 
quelleu 32, 141 

Trjebbefriedigung ; autoplastische 181; 
u. Leiden 4g, 150; u. Strafbedürf- 
nis 129 

Trieb eins ehr änkung 158, 161; 

Triebeinschränkung ; biologische 172; 



240 



R^ister 



l 



^ 



u. Destruktionstrieb 300, 227; Fak- 
toren d. 166; u. Neurose 86, 231; 
normale 165; neurotische 165: phy- 
logenetisch bedingte 1 64 : soziale 
147, 158 f, 172; traumatische Wir- 
kung d. 172; beim Verbrecher 171 

Triebentmischmig 11 ü, 17I1 195' 218; 

■ ■ u, Destruklioiistrieb 208; beim 
Objektverlusl 205 : hei Sublimie- 
rung 224 

Triebentwicklung 109 f; u. Ichentwick- 
hing 51 

Triebmischnng 195, 218; analsadi- 
stische 223 ff, 251; genitale 202, 
225; oralsftdistische 32g ff; u. ver- 
drängende Kraft 1S4 

Triebkonflikt ; doppelte Vcrinner- 
lichung d. 57 f 

Triebleben n. Ich 44. 

Triebrichtungen 1 96 

Triebstauung 55 

Triebtheorie u. Strukturlcbre 185 

Über -Ich 58; Analytiker als 90; Bil- 
dung d. 36, 221; u. Destruktions- 
trieb 221,- Dysfunktion d, 45 ff, 55, 
64; Entwicklung des Begriffes vom 
81; u. Eniehung 36, 168; u. Ge- 
wissen g8; bei der Hysterie 66 ff ; 
11. Ich Gg ff, 8a ff; u. Ichideal 39 ff, 
81 f; bei d. Phobie 152; Sadismus 
d. 385 ff: u. Trieb entmischung 194; 
u. Verdrängung 25, 56, ]6g; Über- 
strenge d. 45 ff, 161, 168 f, 182 ; 
Uberstrenge u. Bestechlichkeit d. 
45 ff, 50, 100; u. Zwangsneurose 152 

Überkompensierung 86 

Übermoralität 44 ff; u. Zwangsneurose 
86 ff, 101 



Übertragung; negative 253; positive 234, 
ürteilsfunktion; unbewußte 26 ff 

Verbrecher aus SchuldgefiUiI 139, 171 

Verdriingende u. verdrängte Kräfte 7, 
88 ff 

Verdriingendes, Widerstand gegen 24., 
5iff 

Verdrängung; Ablauf d. 3Ö; automati- 
scher Charakter d. 28, 35 ; u. Ich 
25,56; Ökonomik d. 27 ff; Topik d. 
25; n. Verurteilung 25 ff; u. Über- 
leb 25, 36, 169; u. Überstrenge d. 
Über-Ichs i6g 

Versagung 147 

VerwohnuHg 165, 16^ 

Wahmehmungsfunktion, innere 8, 156 
Waschzwang KG 

Widerstand gegen Ichlheorie 31 ff 
Wiederholungen u. Erinnerungen 76 
Wiederholnngszwang 53 ff 
Windelband 25 

Zwangsgedanken 86; u. Straßenangst 95 
Zwangshandlungen ii. -gedanken 86 
Zwangsimpulse ; übermoralische u. über- 

ästhetisclie 86 ; nusimiige 86 
Zwangsneurose 85 ff; Antinomiesatz in d. 
122; u. Angstentwicklung 97 ff ; u. 
Ich 86 ff; Ökonomik d. 88 ff; Persön- 
lichkeilsspaltung in d. 87 ff; u. Phobie 
93i 151; Triebgrundlagen d. io8ff; 
u. Über-Icb 86, 152; Widerstand 
bei d. 89 
Zwangsneurotisclier Mechanismus 57, 

86 ff, igo 
Zwangsnenro tische Regression liof 
Zwangsneurotischer Zweifel 114 ff; 

Strukturanalyse d. ii8ff 
Zwangszeremoniell 98, 154 



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